Martin R. Textor

 

Am 03.01.2013 legte die Bundesregierung ihren "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012" dem Bundestag vor (BT-Drucksache 17/12051). Dieser enthält auf den Seiten 5 und 55-88 eine Risikoanalyse "Pandemie durch Virus Modi-SARS", die unter fachlicher Federführung des Robert Koch-Instituts und unter Mitwirkung des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung, des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, des Technischen Hilfswerks, der Bundesnetzagentur, des Paul-Ehrlich-Instituts und des Streitkräfteunterstützungskommandos der Bundeswehr erstellt wurde. Das Szenario beschreibt eine von Asien ausgehende, weltweite Verbreitung des hypothetischen Modi-SARS-Virus. Es soll dem SARS-Coronavirus (CoV) ähneln, das in den Jahren 2002/2003 in 29 Ländern Erkrankungen auslöste (vgl. Hufert/ Spiegel 2020). Ferner wird als damals aktuelles Beispiel ein weiterer Coronavirus angeführt, der 2012 bei sechs Patienten nachgewiesen wurde, von denen zwei verstarben. Das Szenario ist hinsichtlich der Zahl der Toten (7,5 Millionen in drei Jahren) schlimmer als die gerade von uns erlebte Realität, während die Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Staat so ähnlich beschrieben werden, wie sie derzeit auftreten.

Im Bericht der Bundesregierung wird noch auf bereits bestehende Pandemiepläne verwiesen: "Auf nationaler Ebene gibt es insbesondere seit dem vermehrten Auftreten von humanen Fällen von aviärer Influenza ('Vogelgrippe') des Typs H5N1 Bestrebungen, Influenzapandemiepläne zu entwickeln. Es gibt einen nationalen Influenzapandemieplan (RKI, 2007), der aus drei Teilen besteht: 1. Überblick über die Maßnahmen, 2. Phasenorientierte Aufgaben und Handlungsempfehlungen, 3. Wissenschaftliche Zusammenhänge. Auf Länder- und kommunaler Ebene wurden auf dieser Basis eigene Pandemiepläne erstellt (...). Daneben haben viele Großunternehmen und Institute eigene Pläne entwickelt, um krankheitsbedingte Ausfälle zu reduzieren und Arbeitsfähigkeit, z.B. durch Telearbeitsplätze, sicher zu stellen" (S. 66).

Nun stellt sich die Frage: Wieso waren Bund, Länder und Gemeinden trotz dieser Studien und Pläne materiell so schlecht auf die derzeitige Pandemie vorbereitet? Oder konkret: Wieso wurden keine Schutzmasken und Schutzanzüge eingelagert? Warum wurden nicht für zusätzliche Intensivbetten benötigte Geräte vorgehalten? Wieso wurde nicht darauf geachtet, dass lebenswichtige Medikamente auch im Falle von Grenzschließungen und Ausfuhrbeschränkungen bei Drittländern vorrätig sind? So entsteht der Eindruck, als wenn die von der Bundesregierung, von Bundesbehörden, Ländern und Kommunen erstellten Pandemiepläne nichts weiter als bedrucktes Papier waren.

Ferner muss vor dem Hintergrund früherer Epidemien (SARS-CoV, H5N1-Influenzavirus, Chikungunya-Virus, HIV, Ebola, Lassa-Fieber usw.) gefragt werden, wieso laut Statistischem Bundesamt (2020a) die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland zwischen 1991 und 2017 von 667.565 auf 497.182 Betten sank – also um ein Viertel. Und dies geschah vor dem Hintergrund, dass die Bevölkerung im gleichen Zeitraum von 80,3 auf 82,8 Millionen Menschen wuchs und gleichzeitig alterte. So ist es letztlich die Schuld der Politiker, die für die Schließung von Krankenhäusern, die Privatisierung vieler Hospitäler und das vorherrschende Streben nach Effizienz verantwortlich waren, dass zu Beginn der Corona-Pandemie nicht genügend Krankenhausbetten zur Verfügung standen und dass Wirtschaft und Gesellschaft "heruntergefahren" werden mussten, um den rasanten Anstieg der Zahl von mit dem Coronavirus infizierten Personen abzubremsen. Und die Politiker, die keine Vorsorge für eine Pandemie getroffen, Krankenhäuser geschlossen und Bettenkapazitäten abgebaut haben, werden nun für ihr "beherztes Durchgreifen" gelobt...

Die Zahl der in den letzten Jahrzehnten abgebauten Krankenhausbetten (170.383) ist fast so hoch wie die Gesamtzahl der Menschen, die bis Anfang Juni am Coronavirus erkrankten (182.764 laborbestätigte COVID-19-Fälle am 04.06.2020, von denen bereits 167.800 wieder gesundet sind). 8.581 Deutsche sind seit Beginn der Pandemie am Coronavirus (oder an ihren Vorerkrankungen) gestorben (alle Zahlen laut Robert Koch-Institut 2020).

Aber was bedeutet dies im Kontext aller Sterbefälle? Im Jahr 2019 verstarben in Deutschland insgesamt 936.591 Menschen (Statistisches Bundesamt 2020b, aus Rohdaten). Muss man wegen 8.581 zusätzlichen Toten in ca. drei Monaten die ganze Wirtschaft und Gesellschaft herunterfahren? Sind es überhaupt zusätzliche Tote? Wie viele von den Gestorbenen im Seniorenalter wären einige Monate später eines "natürlichen Todes" gestorben? Laut Robert Koch-Institut (2020) waren 86% der in Zusammenhang mit COVID-19-Erkrankungen Verstorbenen 70 Jahre und älter...

Interessant ist folgende Mitteilung des Statistischen Bundesamtes (2020c), nach der bei einer Grippewelle an einem Tag bei weitem mehr Senioren in Deutschland zusätzlich sterben, wie Menschen (jeden Alters!) in mehreren Wochen am Corona-Virus starben. "Beispielsweise starben am 28. Februar 2016 insgesamt 2.100 Personen im Alter von 65 Jahren oder älter. Am 28. Februar 2018, also in einem Jahr, in dem die Grippewelle besonders heftig ausfiel, waren es 3.136 und damit am gleichen Kalendertag über 1.000 Personen mehr in dieser Altersgruppe." Auch bei einer Hitzewelle gibt es unter Senioren pro Tag mehr Todesfälle, als es durch COVID-19 in mehreren Wochen gab: "Ein Beispiel ist die vermutlich hitzebedingt erhöhte Sterbefallzahl im Sommer 2018. Am 4. August 2018 starben insgesamt 2 694 Personen, die 65 Jahre oder älter waren, und damit über 700 Personen mehr als am gleichen Kalendertag der Jahre 2016 oder 2017." Die Politik könnte also bei weitem mehr Menschenleben als durch die bis Anfang Juni 2020 terminierten Einschränkungen retten, wenn sie eine verpflichtende Grippeimpfung vorschreiben und den Einbau von Klimaanlagen in Senioren- und Pflegeheimen, in Krankenhäusern und Privatwohnungen älterer Menschen bezuschussen würde. Und das wäre mit vergleichsweise wenig Geld möglich!

Weil die Politik das Gesundheitssystem nicht fit für eine Epidemie gemacht hatte, musste sie zu Beginn der Corona-Pandemie Wirtschaft und Gesellschaft "herunterfahren". Und dafür wurde in Kauf genommen, dass das Bruttoinlandsprodukt stärker sinkt als jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, dass Millionen von Kurzarbeitern nur noch mit 60% ihres Lohns auskommen müssen, dass es Hunderttausende von neuen Arbeitslosen gibt, dass die Zahl von Konkursen und Privatinsolvenzen bis Ende 2020 rasant ansteigen wird und dass die Staatsverschuldung in die Höhe schnellt. Noch nie in der Geschichte Deutschlands wurde die Wirtschaft so brutal gegen die Wand gefahren – die Folgen werden die kommenden Jahre prägen...

Nachtrag

Interessant ist, dass die vorgenannte Mitteilung des Statistischen Bundesamtes (2020c) am 23.05.2020 nicht mehr im Pressearchiv bzw. auf der Website der Bundesbehörde vorzufinden war. War der Vergleich zwischen den (wenigen) am Coronavirus Verstorbenen und den (vielen) Grippe- bzw. Hitzetoten politisch nicht korrekt?

Die nachstehende Tabelle verdeutlicht, wie stark die Zahl der Sterbefälle pro Monat in den Jahren 2016 bis 2020 schwankte. Im Februar und März 2018 lag sie (grippebedingt) weit über der Zahl für Februar und März 2020 (um 5.900 bzw. 19.753 Verstorbene, d.h. um 6,9 bzw. 18,4%), und auch im Januar und Februar 2017 gab es mehr Tote als im Januar und Februar 2020 (10.718 bzw. 10.750 Verstorbene mehr, d.h. plus 11,2 bzw. 11,9%). Wie schon oben erwähnt, eine verpflichtende Grippeimpfung könnte viele, viele Leben retten...

Sterbefälle 2016 – 2020 nach Monaten1

Monat

2016

2017

2018

2019

20202

Januar

81.742

96.033

84.973

85.105

85.315

Februar

76.619

90.649

85.799

81.009

79.899

März

83.669

82.934

107.104

86.739

87.351

April

75.315

73.204

79.539

77.410

83.721

Mai

74.525

75.683

74.648

75.669

75.641

Juni

69.186

69.644

69.328

73.483

71.939

Juli

72.122

71.411

75.605

76.926

73.471

August

71.295

71.488

78.370

73.444

78.041

1) Quelle: Statistisches Bundesamt (2020b)
2) aus Rohdaten

In einer neuen Pressemitteilung hat das Statistische Bundesamt (2020d) das Thema "Hitzetote" erneut aufgegriffen: "Im August 2020 sind nach vorläufigen Ergebnissen mindestens 77.886 Menschen in Deutschland gestorben. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, sind das 6% beziehungsweise 4.237 Fälle mehr als im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Die erhöhten Sterbefallzahlen im August stehen in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Hitzewelle in diesem Monat: Laut dem Deutschen Wetterdienst war der August 2020 extrem warm. Die Zahl der Gestorbenen lag insbesondere in der 33. Kalenderwoche (10. bis 16. August) mit 19.499 Fällen deutlich (+20% oder +3.192 Fälle) über dem Durchschnitt der vier Vorjahre. In den Jahren 2018 und 2019 zeigten sich deutliche Auswirkungen der Hitzewellen etwas früher im Jahresverlauf als dieses Jahr. 2016 und 2017 gab es keinen so deutlich ausgeprägten Höchstwert der Sterbefallzahlen in den Sommermonaten wie in den Jahren 2018 bis 2020.
Die Daten zu bestätigten COVID-19-Todesfällen, die beim Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet werden, können die überdurchschnittlichen Sterbefallzahlen im August hingegen nicht erklären. Im August starben nach Angaben des RKI 135 Personen, die zuvor laborbestätigt an COVID-19 erkrankt waren. Im April 2020, als die gesamten Sterbefallzahlen 10% (+7.342 Fälle) über dem Durchschnitt der Vorjahre lagen, gab es 6.034 COVID-19-Todesfälle, sodass ein Zusammenhang mit der Erhöhung naheliegend war. Die gesamten Sterbefallzahlen der Monate Mai bis Juli bewegten sich im Bereich des Durchschnitts der Vorjahre" (Zitat ohne Abbildung und ohne Zwischenüberschriften).

Laut der Tabelle starben im August 2018 und im August 2020 aufgrund der Hitze über 4.500 Menschen mehr als im August 2019 und über 6.500 Menschen mehr als im August 2016 und im August 2017. Aber auch im Juli 2018 und im Juli 2019 lag die Zahl der Sterbefälle – hitzebedingt – über der Zahl für Juli 2020. So bleibt die Frage im Raum stehen, wieso die Bundesregierung und die Bundesländer extreme und höchst kostspielige Maßnahmen treffen, um einen vorzeitigen Tod bedingt durch Coronaviren zu verhindern, aber überhaupt nichts gegen einen vorzeitigen Tod bedingt durch Hitzewellen unternehmen...

Literatur

Bundesregierung (2013): Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012. Deutscher Bundestag: Drucksache 17/12051. https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf?fbclid=IwAR2Kzko2Wl-2YP0t7COqLz46KO39gfMWjkKX6UKaRZit8IE2_fySAYKKTO0 (17.04.2020)

Hufert, F./Spiegel, M. (2020): Coronaviren: von der banalen Erkältung zum schweren Lungenversagen. Chronologie einer Pandemie. Monatsschrift Kinderheilkunde 2020, S. 1-11. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7110433/ (17.04.2020)

Robert Koch-Institut (2020): Täglicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19). 04.06.2020 – Aktualisierter Stand für Deutschland. https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/2020-06-04-de.pdf?__blob=publicationFile (05.06.2020)

Statistisches Bundesamt (2020a): Krankenhäuser. Einrichtungen, Betten und Patientenbewegung. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Krankenhaeuser/Tabellen/gd-krankenhaeuser-jahre.html (17.04.2020)

Statistisches Bundesamt (2020b): Sterbefälle. Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen und Bundesländern für Deutschland. 2016 – 2020. Erschienen am 16. Oktober 2020. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/Tabellen/sonderauswertung-sterbefaelle-pdf.pdf?__blob=publicationFile (18.10.2020)

Statistisches Bundesamt (2020c): Sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie in der Sterbefallstatistik erkennbar? Mitteilung vom 26. März 2020. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen-grippezeit.html (17.04.2020)

Statistisches Bundesamt (2020d): Sterbefallzahlen im August 2020: 6% über dem Durchschnitt der Vorjahre. Pressemitteilung Nr. 399 vom 9. Oktober 2020. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/10/PD20_399_12621.html (18.10.2020)