Martin R. Textor

 

Heute sind nahezu alle Adoptionsvermittler und Wissenschaftler der Meinung, dass Adoptivkinder so früh wie möglich über ihren Adoptivstatus aufgeklärt werden sollten. Das Thema sollte dann immer wieder aufgegriffen werden, damit die Kinder ihren Status verarbeiten und zusätzliche Informationen erfragen können. Es wird davon ausgegangen, dass nur eine frühzeitige Aufklärung die Entwicklung einer offenen und vertrauensvollen Beziehung zwischen Eltern und Kindern sicherstellt. Auch kann nur so verhindert werden, dass Adoptivkinder von Dritten über ihre Adoption informiert werden.

Die Aufklärung von Kindern über ihren Adoptivstatus hat zwei Seiten: Zum einen müssen ihnen relevante Informationen übermittelt werden. Zum anderen müssen sie diese Informationen verstehen. Ein vierjähriges Kind kann durchaus so weit gebracht werden, dass es sich als adoptiert bezeichnet, dass es erzählt, es sei "im Bauch einer anderen Frau gewachsen", und dass es in die Familie der Adoptiveltern aufgenommen wurde. Das bedeutet aber nicht, dass es wirklich verstanden hat, was eine Adoption bedeutet. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich Adoptiveltern durch die Verwendung adoptionsspezifischen Vokabulars seitens des Kindes zu der Annahme verleiten lassen, dass dieses versteht, wovon es spricht. Damit werden aber die kognitiven Fähigkeiten kleiner Kinder überschätzt.

Vielmehr muss angenommen werden, dass Adoptivkinder erst nach einem rund zehn Jahre langen Prozess wirklich verstehen, was die ihnen im Alter von zwei oder drei Jahren mitgeteilte Information über ihren Adoptivstatus bedeutet. Diese Annahme entspricht entwicklungspsychologischen Theorien von Piaget und Kelly. Sie wurde im Rahmen des "Rutgers Adoption Project" von Brodzinsky und seinen Kollegen (1986) belegt. Diese Wissenschaftler untersuchten 100 Adoptivkinder und eine Vergleichsgruppe von 100 leiblichen Kindern. Jeweils 20 Kinder gehörten folgenden fünf Altersgruppen an: 4 bis 5 Jahre, 6 bis 7 Jahre, 8 bis 9 Jahre, 10 bis 11 Jahre und 12 bis 13 Jahre. Die Adoptivkinder wurden in den ersten zweieinhalb Lebensjahren in Adoptivfamilien platziert. Ihr Verständnis von der Adoption wurde anhand einer sechsstufigen Skala bewertet.

Obwohl die vier- bis fünfjährigen Adoptivkinder alle über ihre Adoption aufgeklärt worden waren, zeigten die meisten überhaupt kein Verständnis von der Bedeutung der Adoption (Stufe 0). Mit einem Durchschnittsalter von fünf Jahren und sechs Monaten glaubten sie entweder, dass alle Kinder zunächst bei einem Elternpaar geboren werden, um anschließend bei einem anderen Elternpaar zu leben, oder dass Adoption und Geburt dasselbe seien (Stufe 1). Erst mit sieben Jahren und zwei Monaten konnten die Adoptivkinder eindeutig zwischen Adoption und Geburt unterscheiden. Sie sahen darin zwei verschiedene Wege, Mitglied einer Familie zu werden. Die Beziehung zwischen Adoptiveltern und -kindern bezeichneten sie als permanent. Sie konnten aber nicht den Grund für die Dauerhaftigkeit dieser Beziehung nennen, sondern äußerten nur Vermutungen wie "Das Kind gehört nun den Adoptiveltern" (Stufe 2).

Mit einem Durchschnittsalter von acht Jahren und acht Monaten waren sich die Kinder der Dauerhaftigkeit der Eltern-Kind-Beziehung nicht mehr sicher. Sie glaubten entweder, dass die leiblichen Eltern sie eines Tages zurückholen könnten, oder dass sie eines Tages auch von den Adoptiveltern fortgegeben werden könnten (Stufe 3). Mit zehn Jahren und vier Monaten waren sich die Adoptivkinder wieder der Dauerhaftigkeit der Beziehung zwischen Adoptiveltern und -kindern sicher. Sie beriefen sich dabei auf Autoritätspersonen wie Richter, Ärzte oder Rechtsanwälte (Stufe 4). Erst mit durchschnittlich 12 Jahren und fünf Monaten wussten die Adoptivkinder, dass mit der Adoption eine auf der Grundlage von Gesetzesbestimmungen erfolgende Übertragung elterlicher Rechte und Pflichten von den leiblichen Eltern auf die Adoptiveltern verbunden ist (Stufe 5).

Die Adoptivkinder waren sich erst mit einem Durchschnittsalter von acht Jahren und einem Monat bewusst, dass eine Adoptionsvermittlungsstelle an der Adoption beteiligt ist, kannten aber nicht deren Funktion. Durchschnittlich zehn Monate später wussten sie, dass diese Einrichtung eine aktive Rolle bei der Vermittlung spielt. Zumeist wurde angenommen, dass sie die Wünsche der späteren Adoptiveltern erfüllen soll. Erst mit einem Durchschnittsalter von elf Jahren und elf Monaten hatten die Adoptivkinder verstanden, dass die Vermittlungsstelle in erster Linie das Wohl der zur Adoption freigegebenen Kinder wahren soll und dazu die Adoptionsbewerber überprüft.

Die Studie von Brodzinsky und seinen Kollegen zeigt also, dass sich das Verständnis von Adoptivkindern hinsichtlich der Adoption in voraussagbaren Phasen entwickelt. Zunächst ist das Wissen noch global und diffus, wird dann aber immer differenzierter. Auch wird es zunehmend mit Kenntnissen über soziale Einrichtungen und Gesetzesbestimmungen verknüpft. Dasselbe Ergebnis wurde für die Vergleichsgruppe ermittelt: Bei leiblichen Kindern entwickelte sich das Verständnis von der Adoption ebenfalls in einem lang andauernden, sechsstufigen Prozess. Schließlich ist festzuhalten, dass die untersuchten 200 Kinder zu unterschiedlichen Zeitpunkten eine höhere Stufe im Verständnis von der Adoption erreichten. Beispielsweise wurde in der Altersgruppe der Zehn- bis Elfjährigen der Wissensstand von zwei Kindern der Stufe 2, von fünf Kindern der Stufe 3, von 23 Kindern der Stufe 4 und von 10 Kindern der Stufe 5 zugeordnet.

Die Untersuchung von Brodzinsky und seinen Mitarbeitern lässt erahnen, wie schwer es für ein Kind unter 13 oder 14 Jahren sein dürfte, die Tatsache der doppelten Elternschaft zu verarbeiten. Kleinere Kinder verstehen dieses Faktum überhaupt nicht; etwas ältere können die Charakteristika von Adoptivfamilien nur schwer mit ihrem Familienkonzept in Einklang bringen: Acht- und Neunjährige wissen, dass Eltern und Kinder durch Blutsbande miteinander verbunden sind. So fragen sich Adoptivkinder aus dieser Altersgruppe, zu welcher Familie - der biologischen oder der Adoptivfamilie - sie nun wirklich gehören. Bedenkt man, dass Kinder in diesem Alter die Adoption mit all ihren Implikationen noch nicht begriffen haben, so ist leicht zu verstehen, weshalb sie sich ihrer Position in der Adoptivfamilie unsicher sind und oft viele Fragen bezüglich ihrer Herkunft äußern.

Bei einer weiteren Untersuchung über 156 Adoptierte im Alter von sechs bis 11 Jahren stellten Brodzinsky und seine Mitarbeiter (1986) fest, dass das Verständnis eines Kindes von der Adoption nicht durch die Struktur der Adoptivfamilie (Einzelkind, leibliche Geschwister, adoptierte Geschwister), deren Schichtzugehörigkeit, die Vorgeschichte des Kindes oder dessen Alter bzw. Gesundheitszustand zum Zeitpunkt der Inpflegegabe beeinflusst wird. Dies bedeutet, dass sich das Verständnis in einem intrapsychischen Prozess entwickelt, in dem die erhaltenen Informationen über die Adoption mit anderen relevanten Informationen - über Familienformen, soziale Institutionen, menschliche Motive, Trennung, Verlust usw. - verknüpft werden. Dieser Prozess ist somit in die gesamte kognitive Entwicklung des Kindes eingebettet.

Diese Forschungsergebnisse machen deutlich, dass Eltern und Adoptionsvermittler in der Regel zu früh ein Verständnis von der Adoption bei Adoptivkindern erwarten. So sind sie überrascht, wenn Grundschulkinder viele Fragen hinsichtlich der Adoption, ihrer leiblichen Eltern und ihrer Herkunft stellen, die Gründe für die Freigabe zur Adoption wissen möchten, sich der Liebe der Adoptiveltern nicht ganz sicher sind und manchmal traurig oder bedrückt wirken. Eltern und Fachleute verstehen dieses Verhalten nicht und beurteilen es oft negativ, obwohl es normal, altersgemäß und wahrscheinlich unvermeidbar ist. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Kinder ein besseres Verständnis von der Adoption anstreben. Dazu müssen sie in dieser Altersstufe den Verlust des leiblichen Elternpaars und die daraus resultierenden Gefühle (Trauer) verarbeiten - wobei erschwerend hinzukommt, dass sie nur wenig über ihre ersten Eltern wissen.

Somit ist wichtig, dass sich Adoptiveltern bewusst machen, dass Adoptivkinder erst in ihrem zweiten Lebensjahrzehnt die Adoption mit all ihren Implikationen begreifen. Sie können ihnen am besten helfen, ein positives und umfassendes Verständnis von der Adoption zu erlangen, indem sie offen und ehrlich mit dem Kind über die Adoption sprechen, also dieses Thema nicht tabuisieren. Auch ist wichtig, dass sie sich selbst über die Unterschiede zwischen Adoptivfamilien und biologischen Familien im Klaren sind und den Sonderstatus ihrer Familienform erkannt haben (Textor, 1992). Vor allem dürfen sie das Kind nicht überfordern und mit unrealistischen Erwartungen konfrontieren, sondern sollten ihm Zeit für den jahrelangen kognitiven Entwicklungsprozess lassen, an dessen Ende das volle Verständnis von der Adoption steht.

Quelle

Aus: Zeitschrift für Familienforschung 1993, 5, 63-67

Literatur

Brodzinsky, D.M., Schechter, D. & Brodzinsky, A.B. (1986). Children's knowledge of adoption: Developmental changes and implications for adjustment. In R.D. Ashmore & D.M. Brodzinsky (Hrsg.), Thinking about the family. Views of parents and children (S. 205-232). Hillsdale: Erlbaum.

Textor, M.R. (1992). Der Sonderstatus von Adoptivfamilien. Kindeswohl 6 (3), S. 23-24.