Martin R. Textor

 

In diesem Kapitel geht es um pädagogische, sozialarbeiterische und familientherapeutische Ansätze der Arbeit mit Stieffamilien. Wenn dabei Probleme von Zweitfamilien eine zentrale Rolle einnehmen, so wird damit nicht impliziert, dass es sich hier um eine pathogene oder gar pathologische Familienform handelt: Die weitaus meisten Stieffamilien kommen ohne professionelle Hilfe gut zurecht (vgl. Kapitel von L. Wilk). Ansonsten geht es im Folgenden nur um Zweitfamilien nach Scheidung - bei Stieffamilien nach Verwitwung ist eine etwas andere Situation gegeben (siehe z.B. Reich 1994).

Entwicklungsaufgaben, Probleme, Interventionsziele

Stieffamilien werden im Verlauf ihres Familienzyklus mit Entwicklungsaufgaben konfrontiert, die größtenteils denen anderer Familienformen entsprechen, zum Teil aber auch aufgrund ihrer besonderen Entstehungsgeschichte, Strukturen und weiteren Charakteristika (Griebel 1991; Textor 1993a; vgl. Kapitel von L. Wilk) andersartig sind. Werden diese Aufgaben nicht oder nur unzureichend bewältigt, kann es zur Entstehung allgemeiner oder für diesen Familientypus spezifischer Probleme kommen. Tabelle 1 verdeutlicht besondere Entwicklungsaufgaben und Probleme von Stieffamilien.

Tabelle 1: Besondere Entwicklungsaufgaben und spezifische Probleme von Stieffamilien

Entwicklungsaufgaben

Probleme

Anerkennung des Sonderstatus von Stieffamilien: unterschiedliche Vorgeschichte, mehr/ weniger Familien- und Erziehungserfahrung, Nachwirken alter Strukturen und Rollendefinitionen, mehr Subsysteme (zwei Haushalte), offenere Grenzen, fehlende (Rollen-) Leitbilder, überlappende Entwicklungsphasen

Verleugnung des Sonderstatus durch Festhalten am Bild der "Normalfamilie": z.B. Ignorieren der Liebesbeziehung des Kindes zum umgangsberechtigten Elternteil, Erwartung der umgehenden Übernahme der Elternrolle durch Stiefelternteil, Erwartung der sofortigen Akzeptanz von Stiefelternteil (und Stiefgeschwistern), Verleugnen von Verlusterfahrungen

Herausbilden einer engen Ehebeziehung: Intimität, sexuelle Befriedigung, Offenheit und Verständnis, Zusammenhalt, gute Kooperation, akzeptable Verteilung von Aufgaben und Macht etc.

erhöhte Trennungsgefahr

Angst vor Zurückweisung und erneutem Scheitern der Ehebeziehung

sexuelle Probleme (oft aus Erstehe)

Konflikte um Geld (eingehende/ausgehende Unterhaltszahlungen, Geld als Mittel der Machtausübung, mangelndes Vertrauen)

Konflikte aufgrund des Festhaltens an alten Interaktionsmustern, Regeln, Routinen, Rollendefinitionen etc.

Erreichen einer "emotionalen Scheidung" vom früheren Partner

Verarbeitung von Verlusterfahrungen

Entwicklung einer kindeswohlförderlichen Zusammenarbeit auf der Elternebene

emotionale Involviertheit mit früherem Partner: Wut/ Hass, Trauer/ Depression, Zuneigung/ Verantwortungsgefühl, Hoffnung auf Versöhnung

Konflikte wegen Sorge-/ Besuchsrecht, Unterhalt, Kindererziehung usw.

bei Wiederheirat mag früherer Partner negativ reagieren: neue Konflikte, Rückzug etc.

Aufrechterhaltung positiver Beziehungen zwischen Kind und dem außenstehenden leiblichen Elternteil

Aufrechterhaltung positiver Beziehungen zwischen leiblichem Elternteil und in anderer Familie lebenden Kindern

keine Abwertung der Person des außenstehenden Elternteils durch Mitglieder der Stieffamilie

Verarbeitung von Verlusterfahrungen durch Kinder

positive Gestaltung von Besuchen

Beziehungsabbruch bzw. Versuch desselben, auch durch Namensänderung oder Stiefkindadoption

Rückzug eines leiblichen Elternteils (z.B. nach Wiederheirat)

problematische Besuchsregelungen, unangemessenes Verhalten des umgangsberechtigten Elternteils, auffälliges Verhalten des Kindes bei/ nach Besuch, Aushorchen des Kindes usw.

unzureichende Verarbeitung der Trennung bzw. des abnehmenden Kontakts zum außenstehenden Elternteil durch Kind: Versöhnungsphantasien, Trauer, Verlustängste

Wettbewerb um Kind: Loyalitätskonflikte

Stiefelternteil muss eine von allen Familienmitgliedern akzeptierte "Elternrolle" finden: große Bandbreite für Beziehungsgestaltung aufgrund fehlender Normen (Beschränkung auf Partnerrolle, freundschaftliche Beziehung, wenig - viel Erziehungsverantwortung)

Entwicklung einer positiven Beziehung zwischen Stiefelternteil und Stiefkind

Stiefelternteil muss abrupt, unvorbereitet und ohne genügend Erziehungserfahrung Elternfunktionen übernehmen: mag scheitern oder Erziehungsfehler machen, Widerstand der Kinder

Kinder akzeptieren Stiefelternteil nicht (aus Loyalität gegenüber dem außenstehenden leiblichen Elternteil, aus Angst vor Verlust der in Teilfamilie erworbenen Selbständigkeit und Freiheit, aus Eifersucht bei Ersatzpartnerschaft, aus Konkurrenzgefühl bei Parentifizierung): Autoritätskonflikte, Erziehungsschwierigkeiten

Ausgrenzung des Stiefelternteils

Stiefelternteil bleibt "außen vor"

Gefahr von sexuellem Missbrauch

Gleichbehandlung von eigenen, Stief- und gemeinsamen Kindern

Akzeptanz von Stiefgeschwistern, Finden des eigenen Ortes in der Familie

familiale Integration

Parteinahme für das eigene Kind

Herausdrängen von Stiefkindern aus der Familie: frühzeitige Verselbständigung, häufige Fremdplatzierung

gemeinsames Kind als das "eigentliche Kind", als Bindeglied

Ablehnung von Stiefgeschwistern: Konkurrenten, Verlust an eigenem Lebensraum etc.

Eltern müssen sich hinsichtlich der Verteilung von Erziehungsverantwortung, der Erziehungsziele, der Regeln und des Erziehungsstils einigen

Ermöglichung einer allseitigen positiven Entwicklung der Kinder

Konflikte wegen Werte, Normen, Erziehungsverhalten, Disziplin usw.

unterschiedliche Erziehungsstile

Kinder akzeptieren neue Regeln nicht

Verhaltensauffälligkeiten (z.B. Aggressivität bei fehlender Akzeptanz des Stiefelternteils, überangepasstes Verhalten bei Parentifizierung/ Ersatzpartnerschaft) oder emotionale Probleme der Kinder (insbesondere Schuldgefühle, Depressivität, Angst, mangelndes Selbstwertgefühl)

Pädagogische, sozialarbeiterische und familientherapeutische Maßnahmen (zur Abgrenzung vgl. Textor 1987) dienen entweder mehr der Vorbereitung von Stieffamilien auf die Entwicklungsaufgaben und ihrer Unterstützung bei deren Bewältigung oder der Beratung und Hilfe bei Problemen. In den folgenden drei Abschnitten werden nun Ziele und Methoden erprobter Interventionen referiert.

Familienbildung

Pädagogische Maßnahmen für Stieffamilien - sei es an Erwachsenenbildungsstätten oder Familienbildungseinrichtungen - sind noch recht selten. Eine aktuelle Untersuchung von Familienbildungsstätten zeigt, dass nur 11% der Einrichtungen Stieffamilien als besondere Zielgruppe sehen (Schiersmann et al. 1998, 84). Strätling (1994) führt dies auf die schlechte Erreichbarkeit dieser Zielgruppe und die generelle Schwellenangst vor Veranstaltungen zurück, bei denen die Teilnehmer/innen über ihre Ehe und ihr Erziehungsverhalten sprechen sollen - aber auch auf die Stigmatisierung der Wiederheirat seitens der Katholischen Kirche.

In den Kursen, an denen üblicherweise nur ein Elternteil teilnimmt (manchmal auch beide), werden wissenschaftliche Erkenntnisse über Stieffamilien und die Erfahrungen der Teilnehmer/innen mit dieser Familienform diskutiert. Zentrale Themenkomplexe sind laut Engelmann (1993), Friedl (1994) und Strätling (1994):

  • die Vorgeschichte: Erlebnisse, Erfahrungen usw., die in der Erstfamilie, im Trennungsprozess bzw. nach der Scheidung gemacht wurden und jetzt noch nachwirken;
  • die Entstehung der Stieffamilie: Partnerwahl, Erwartungen und Hoffnungen, Probleme in der Anfangsphase usw.;
  • die Beziehung der Kinder zum außenstehenden leiblichen Elternteil und dessen Verwandten,
  • die Beziehung zwischen Stiefelternteil und Stiefkindern sowie
  • die Gestaltung des Familienlebens und der Erziehung.

Während der Gruppentreffen wird versucht, die Teilnehmer/innen zum Erkennen der Spezifika von Stieffamilien und zum Abschied vom Lebenstraum "Kernfamilie" zu führen. Ferner sollen sie zum Gesprächsaustausch angeregt, zum Durchschauen komplexer Beziehungsgeflechte befähigt, bei der Bewältigung von Verlusterfahrungen, von Problemen und Konflikten unterstützt sowie auf neue Herausforderungen vorbereitet werden.

Ähnliche Ziele werden auch in Selbsthilfegruppen verfolgt, in denen Erfahrungsaustausch und wechselseitige Unterstützung bei Problemen im Mittelpunkt stehen. Die wenigen in Deutschland vorhandenen Gruppen, die sich zumeist nur in Großstädten befinden, haben sich zur Bundesarbeitsgemeinschaft Stief-Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen.

Von Wissenschaftlern entwickelte und evaluierte Familienbildungsprogramme sind noch seltener. Mir ist nur das von Duncan und Brown (1992) an der Auburn University entwickelte Programm RENEW bekannt. Es verfolgt vor allem das Ziel, Stieffamilien auf ihre Stärken aufmerksam zu machen (anstatt auf ihre Problembereiche) und zu deren verstärkten Nutzung zu motivieren. Jede interessierte Familie kann zu Hause, für sich und wann immer sie will das Programm durchführen. Duncan und Brown (1992, S. 153) schreiben: "RENEW consists of six booklets: an introductory booklet and a separate booklet for each strength area - family caring, family communication, family pride, family unity, and community and family ties. Each booklet contains a discussion of the specific strength being presented, potential challenges remarried families may have in developing that strength, potential strength of their situation usually seen as challenging, followed by 8 to 10 strength-building activities" ("family caring": gegenseitige Wertschätzung, Ausdruck von Liebe und Zuneigung, Komplimente; "family communication": Fähigkeit, für alle befriedigende Übereinkommen hinsichtlich Rollen, Konfliktlösung, Freizeitgestaltung, Umgang mit Geld usw. zu erreichen; "family pride": Vertrauen in Familie, Optimismus, Loyalität; "family unity": gemeinsam verbrachte, qualitativ hochwertig verwendete Zeit, gemeinsame Werte und Ziele; "community and family ties": unterstützende Netzwerkbeziehungen). Während der Durchführung des Programms können Stieffamilien auf die Unterstützung Freiwilliger oder Professioneller zurückgreifen. Dabei können sie Art, Zeitpunkt und Umfang der Hilfe selbst bestimmen.

In deutschsprachigen Ländern liegen nur im Bereich der rein medialen Familienbildung (zu den verschiedenen Formen siehe Textor 1996) ausreichend viele Angebote für Stieffamilien vor. Inzwischen gibt es Bücher und Broschüren für Eltern über Scheidung und den Übergang zur Stieffamilie (z.B. Balscheit et al. 1993; Fthenakis 1991; LBS-Initiative Junge Familie 1996) und über das Leben in Zweitfamilien (z.B. von Keyserlingk 1994). Beispielsweise beschreiben in dem von Dusolt (1995) herausgegebenen Buch Fachleute wie Mala Burt, das Ehepaar Visher und Patricia Papernow, was Stieffamilien sind, wie sich ihre Mitglieder fühlen, mit welchen Mythen sie konfrontiert werden, welche Anforderungen - insbesondere vom Stiefelternteil - zu bewältigen sind und wie man in acht Stufen die eigene Familiensituation verbessern kann. Schließlich gibt es noch vergleichbare Bücher speziell für Kinder und Jugendliche (z.B. Gasser/ Habegger/ Rey-Bellet 1993).

Sozialarbeit

Im Bereich der Sozialarbeit wurde die Stieffamilie bisher kaum in Fachveröffentlichungen thematisiert. So stellen Blüml, Gudat und Schattner (1993a, S. 24) berechtigt fest: "Erweiterte Familiensysteme finden auch im Zusammenhang mit der sozialen Arbeit selten jene Beachtung, die ihnen aufgrund ihrer besonderen Vorgeschichte, Strukturen, Möglichkeiten und spezifischen Problemstellungen zukommen müsste". So ist es nicht verwunderlich, dass Stieffamilien unzureichend unterstützt und manchmal sogar falsch behandelt werden: "Ein großer Teil der Fachkräfte in der Jugend- und Sozialhilfe orientiert sich bei der Arbeit mit erweiterten Familien weiterhin am Bild der 'Normalfamilie'. Diese Ausrichtung hat u.a. jedoch zur Folge, dass die Sozialarbeit bislang nur bedingt den spezifischen Bedürfnissen dieser Familien gerecht werden kann" (Blüml/ Gudat/ Schattner 1993a, S. 24). So müssten Sozialpädagogen zunächst einmal ihre verinnerlichten Familienidealbilder und Vorstellungen über die "Normalfamilie" aufarbeiten (Blüml 1991).

Der wichtigste - und vielleicht einzig bedeutende - Versuch, dieser Situation durch eine Buchveröffentlichung abzuhelfen, war die Herausgabe des Sammelbandes "Beratung von Stieffamilien. Von der Selbsthilfe bis zur sozialen Arbeit" durch das Deutsche Jugendinstitut (1993). Konstatiert wird, dass Grundlagen für eine eventuelle künftige Arbeit mit Stieffamilien schon im Rahmen der Familiengerichtshilfe gelegt werden. So könnten viele spätere Probleme vermieden werden, wenn es gelänge, schon zu diesem Zeitpunkt die Klienten an eine Trennung zwischen Partner- und Elternebene heranzuführen und sie zu bewegen, weiterhin gemeinsam die Elternverantwortung zu übernehmen und in Zukunft möglichst konfliktarm auf diesem Gebiet zusammenzuarbeiten (Barth 1993). Da Alleinerziehende überdurchschnittlich häufig Kontakt mit Jugendämtern und anderen psychosozialen Diensten haben, ist auch zu beachten, dass die in dieser Familienphase gesammelten Erfahrungen die Bereitschaft, als Stieffamilie um Unterstützung nachzusuchen, entweder vergrößern oder mindern. Werden Teilfamilien noch betreut, so bricht nach einer Wiederheirat der Kontakt zu ihnen in der Regel ab. Psychosoziale Dienste werden erst in folgenden (Problem-) Situationen (wieder) aufgesucht:

1. Beantragung neuer Regelungen zum Sorge- bzw. Umgangsrecht, einer Namensänderung von Kindern oder einer Stiefkindadoption: Hier sind die Sozialpädagogen des Jugendamtes bzw. Allgemeinen Sozialdienstes (ASD) vor allem als Gutachter gefragt. Sie müssen prüfen, ob die Neuregelungen dem Kindeswohl entsprechen (vgl. Kapitel von B. Hasselmann). Dabei ist beispielsweise von Bedeutung,

  • ob der Antrag nur die jetzige Lebenssituation des Kindes widerspiegelt, also kein/ kaum Kontakt zum nichtsorgeberechtigten Elternteil besteht und der Stiefelternteil an dessen Stelle getreten ist;
  • ob der Antrag ein Versuch ist, den nichtsorgeberechtigten Elternteil aus dem Leben der Kinder - und der Stieffamilie - herauszudrängen und eine "Normalfamilie" zu imitieren, bzw. inwieweit er Machtkämpfe zwischen den leiblichen Eltern und eine unzureichende "emotionale Scheidung" symbolisiert;
  • ob der nichtsorgeberechtigte Elternteil dem Antrag zustimmt, sowie
  • ob die Kinder mit der Neuregelung einverstanden sind, also z.B. nicht in neue Loyalitätskonflikte gestürzt werden, und inwieweit sie die Beziehung zum Stiefelternteil positiv erleben.

Prinzipiell bietet diese Situation eine gute Gelegenheit, mit den Klienten die Entwicklung zur Stieffamilie zu reflektieren, ihren Sonderstatus zu betonen und eventuelle Probleme anzusprechen - im Falle von (b) ist dies sogar ein Muss. Da die Klienten in der Regel eine Zustimmung zu ihrem Antrag erwarten, ist es oft jedoch schwierig, einen beraterischen Zugang zu finden (Blüml/ Gudat/ Schattner 1993a, b).

2. Beratung von Zweitfamilien mit Problemen aus ihrem Stieffamilien-Sein heraus: In der Entstehungsphase werden Sozialarbeiter/innen oft mit Schwierigkeiten konfrontiert, die aus der Nachscheidungssituation resultieren - also z.B. Konflikte mit dem Expartner, auch wegen Sorge- und Umgangsrecht - oder aus einem konflikthaften Verhältnis zwischen Stiefelternteil und Stiefkindern, verbunden mit Erziehungsschwierigkeiten. Letzteres ist auch ein zentraler Beratungsanlass bei bereits länger bestehenden Zweitfamilien, wobei hier die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder schon häufig so stark ausgeprägt sind, dass über eine Fremdplatzierung nachgedacht werden muss. Andere Probleme können aus einer noch immer nicht erfolgten Konsolidierung der Stieffamilie resultieren. In diesen Fällen geht es in der Beratung um die Verdeutlichung der besonderen Charakteristika von Zweitfamilien, die Klärung von Beziehungen, Erwartungen und Vorstellungen über das Zusammenleben, die konfliktärmere Gestaltung der Beziehung zum außenstehenden Elternteil, die Stärkung der Ehedyade, die Verbesserung der Beziehung zwischen Stiefelternteil und Stiefkindern, die Entlastung der Kinder von Loyalitätskonflikten, die Abwendung einer Fremdplatzierung etc. (Blüml/ Gudat/ Schattner 1993b; Kron-Klees 1993).

3. Unterstützung von Stieffamilien mit multiplen Problemen: Neben Schwierigkeiten, die aus der Stieffamiliensituation resultieren, geht es hier auch um Probleme mit der Haushaltsführung, mit dem Umgang mit Geld, wegen Mietschulden, wegen Arbeitslosigkeit, mit Schulen und anderen Institutionen, wegen starker Verhaltensauffälligkeiten, wegen Suchtmittelmissbrauch usw. Dementsprechend gibt es neben den gerade erwähnten Interventionen auch solche, die auf eine Verbesserung der Rollenausübung, die Bewältigung von Alltagsaufgaben, die Intensivierung sozialer Kontakte, die Eröffnung des Zugangs zu materiellen und therapeutischen Hilfen u.v.a.m. abzielen (Blüml/ Gudat/ Schattner 1993b; Uhl 1993).

Je nach Klientengruppe und -problematik können Sozialpädagogen zwischen verschiedenen, unterschiedlich komplexen Arbeitsansätzen wählen: Bezirkssozialarbeit, Erziehungsberatung oder -beistandschaft, sozialpädagogische Einzelbetreuung oder Gruppenarbeit, Hausaufgabenhilfe, Sozialpädagogische Familienhilfe usw. Die Mitarbeiter/innen am Sammelband des Deutschen Jugendinstituts (1993) betonen aber immer wieder, dass der Arbeitsansatz der Komplexität erweiterter Familiensysteme Rechnung tragen muss. Oft müssten verschiedene Maßnahmen vor dem Hintergrund einer systemischen Sichtweise miteinander kombiniert werden.

Familientherapie

Im Gegensatz zu Familienbildung und Sozialarbeit gibt es auf dem Gebiet der Familienberatung bereits eine ganze Reihe mehr oder minder etablierter Therapieansätze (z.B. Burt/ Burt 1996; Krähenbühl et al. 1987; Martin/ Martin 1992; Papernow 1993; Sager et al. 1993; Visher/ Visher 1987). Wohl haben sich die "Pioniere" der Familientherapie - mit Ausnahme von Virginia Satir - kaum mit Stieffamilien befasst (Browning 1994). Seit Ende der 70er Jahre wurden dann aber in den USA und seit Mitte der 80er Jahre auch in der Bundesrepublik immer mehr Therapieansätze entwickelt, die den Besonderheiten von Zweitfamilien gerecht werden sollten. Ob sie dies auch tun bzw. inwieweit ihre Anwendung erfolgversprechend ist, konnte bisher aber noch nicht durch Evaluationsstudien (verlässlich) nachgewiesen werden (Heekerens 1991). Ferner ist unbekannt, inwieweit ihre Erkenntnisse von Berater/innen an Institutionen oder freipraktizierenden Psychotherapeut/innen berücksichtigt werden. Anhand einer Fragebogenerhebung des Deutschen Jugendinstituts lässt sich aber zumindest festhalten, dass Stieffamilien an Erziehungsberatungsstellen mit einem Anteil von 6 % unterrepräsentiert sind (Blüml/ Gudat/ Schattner 1993a, 22). Zentrale Vorstellungsgründe sind Erziehungsschwierigkeiten, Aggressivität, Leistungsverweigerung bzw. Schulversagen eines Kindes, gestörte Stiefelternteil-Stiefkind-Beziehung und Eheprobleme (a.a.O.; Heekerens 1991).

Wie im gesamten Bereich der Familientherapie (Textor 1985) gibt es auch im Teilbereich der Therapie von Zweitfamilien große Unterschiede zwischen den Behandlungsansätzen. So findet man beispielsweise Kurztherapien (z.B. Burt/ Burt 1996) und eher längerfristig angelegte Ansätze vor (z.B. Martin/ Martin 1992; Papernow 1993; Sager et al. 1983; Visher/ Visher 1987), problemorientierte (z.B. Burt/ Burt 1996), psychodynamische (z.B. Papernow 1993) und systemische Ansätze (z.B. Martin/ Martin 1992; Sager et al. 1983). Manche Therapeuten konzentrieren sich auf die Ehedyade (z.B. Burt/ Burt 1996) oder die gesamte Stieffamilie (z.B. Keyserlingk 1993; Papernow 1993), andere gehen vom erweiterten Familiensystem aus und arbeiten mit ganz unterschiedlichen Subsystemen (z.B. Browning 1994; Martin/ Martin 1992). Einige wollen die Ehedyade und die Macht der Eltern stärken (z.B. Papernow 1993; Sager et al. 1983), andere akzeptieren die besonders enge Beziehung zwischen leiblichem Elternteil und Kind sowie die Freiheit des Stiefelternteils, seine Rolle gegenüber dem Stiefkind auch als "Freund" oder "Onkel" bzw. "Freundin" oder "Tante" zu definieren, mit entsprechend wenig Erziehungsverantwortung (z.B. Browning 1994).

Die meisten Berater/innen verfolgen bei der Behandlung von Zweitfamilien aber folgende Ziele:

  • Die Familienmitglieder sollen den Sonderstatus der Stieffamilie erkennen und die Besonderheiten des Zusammenlebens im erweiterten Familiensystem als "normal" erleben. Sie sollen die unterschiedlichen Perspektiven und Realitäten der anderen Familienmitglieder wahrnehmen und akzeptieren.
  • Die Ehepartner sollen ihre Beziehungsprobleme (auch im sexuellen Bereich) lösen, gemeinsam die Führung der Familie und die Erziehungsverantwortung übernehmen, ihr erzieherisches Verhalten abstimmen und für das Einhalten von Regeln sorgen. Die Grenzen zwischen Ehesubsystem und anderen Familiensubsystemen sollen verstärkt, die Kommunikation und Kooperation zwischen den Partnern verbessert und anfallende Aufgaben gerecht verteilt werden.
  • Dem Stiefelternteil soll geholfen werden, eine allseits akzeptierte Position und Rolle in der Zweitfamilie zu finden. Seine Ausgrenzung oder sein Rückzug sollen unterbunden bzw. rückgängig gemacht werden. Insbesondere soll die Beziehung zwischen Stiefelternteil und Stiefkindern gestärkt werden (z.B. mehr Gesprächsaustausch, weniger Konflikte und Machtkämpfe). Die Stiefkinder müssen den Eindruck gewinnen, dass ihr leiblicher Elternteil die Bemühungen des Stiefelternteils unterstützt.
  • Eine positive Beziehung zwischen den Kindern und dem nichtsorgeberechtigten Elternteil soll gefördert werden. Das bedeutet beispielsweise, dass der Stiefelternteil mit diesem nicht konkurrieren sollte, dass Konflikte zwischen den geschiedenen Eltern reduziert werden (z.B. Trennung von Paar- und Elternebene, Akzeptanz unterschiedlicher Erziehungsstile, Ziehen von Grenzen) und dass mit dem Besuchsrecht verbundene Probleme gelöst werden. Manchmal muss aber auch eine negative Einflussnahme des außenstehenden Elternteils unterbunden werden.
  • Die Kinder benötigen in vielerlei Hinsicht Unterstützung. Papernow (1993, S. 329) schreibt: "... the issues that children may require help articulating include: losses (of friends, of the original family, of time with custodial parent, of access to noncustodial parent, of familiar routines), loyalty conflicts (mom complains about dad to the child, child feels worried about caring for a new stepfather for fear of loosing her dad); for insider children, feeling invaded and displaced; for outsider children, not having a place, functioning under unfamiliar rules and foreign rituals". Die Kinder sollen die neue Partnerbeziehung ihres leiblichen Elternteils akzeptieren und ein überangepasstes Verhalten oder eine Ersatzpartnerrolle aufgeben.
  • Wurden zwei Teilfamilien miteinander verbunden, so soll den Kindern geholfen werden, ihre neue Position in der Geschwisterreihe zu akzeptieren. Geschwisterrivalität und Eifersucht auf die Beziehung zwischen Stiefgeschwistern und leiblichem Elternteil sollen reduziert werden. Die Geschwister sollen lernen, Konflikte untereinander möglichst selbst zu lösen.

Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Beratungsziele, die aber allgemeiner Art sind - z.B. Verbesserung der Kommunikation, Lehren von Problemlösungstechniken, besseres Erfüllen der Familienfunktionen, Überprüfen von Erwartungen an der Realität, Förderung der Ablösung und Individuation älterer Kinder, Klären von Schwierigkeiten mit der Herkunftsfamilie usw. Die zum Erreichen der genannten allgemeinen und spezifischen Beratungsziele eingesetzten Therapietechniken und -methoden unterscheiden sich in der Regel nicht von denjenigen, die auch bei anderen Familienformen verwendet werden (vgl. Textor 1985, 1993b).

Schlussbemerkung

Stieffamilien werden zunehmend als eine besondere Klientengruppe seitens der Familienbildung, der Sozialarbeit und der Familientherapie erkannt. Pädagogische, sozialpädagogische und therapeutische Ansätze, die den spezifischen Charakteristika dieser Familienform gerecht werden, befinden sich aber noch in der Entwicklung oder sind wenig bekannt bzw. wenig verbreitet. Hinzu kommt, dass nahezu alle Ansätze noch nicht evaluiert wurden, dass die Effektivität von speziell für diese Klientengruppe entwickelten Methoden noch nicht überprüft wurde.

Es ist somit L. Wilk (in diesem Band) zuzustimmen, die mehr Beratungsangebote und Selbsthilfegruppen für Stieffamilien fordert. Auch sollten Sozialpädagog/innen, Psycholog/innen und Therapeut/innen besser über die Entwicklungsaufgaben und Probleme von Zweitfamilien sowie besondere Behandlungsmethoden informiert werden. Besonders wichtig ist aber, dass die Neu- und Weiterentwicklung von pädagogischen, sozialpädagogischen und therapeutischen Ansätzen wissenschaftlich begleitet wird, so dass Effektivität und Effizienz der Maßnahmen überprüft werden. Aufgrund der immer knapper werdenden öffentlichen Mittel für soziale Aufgaben (vgl. Textor 1997) werden Anbieter solcher Maßnahmen zunehmend mit der Frage nach deren "Erfolgswahrscheinlichkeit" konfrontiert werden.

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