Martin R. Textor

 

Es gibt so viele Spiele für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, dass schon seit langem versucht wird, sie nach bestimmten Kriterien zu klassifizieren. So kann man sie z.B. nach der Zahl der Beteiligten (für eine Person, für zwei, drei, vier... Spieler), nach der Alterseignung (für Babys, unter Dreijährige, Drei- bis Sechsjährige...) oder nach dem verwendeten Spielmaterial ordnen (mit Spielzeug, Puppen, Stofftieren, Bällen, Bauklötzen, Malutensilien, Knete, Alltagsgegenständen, Naturmaterialien...). Oft wird auch von Wahrnehmungs-, Sprach-, Erzähl-, Rate- und Memoryspielen, von Finger-, Handpuppen-, Rollen-, Schatten-, Marionetten- und Märchenspielen, von Gestaltungs-, Konstruktions-, Experimentier- und didaktischen Spielen, von Karten- und Brettspielen, von Tobe-, Tanz-, Sing- und Theaterspiel, von Computer-, Handy- und Konsolenspielen gesprochen.

In diesem Artikel wird eine in Psychologie und Frühpädagogik übliche Klassifikation von Spielformen im Kleinkindalter verwendet. Danach schreitet die Entwicklung des frühkindlichen Spielens vom Funktionsspiel (0 bis 2 Jahre) über das Fantasie- (2 bis 3 Jahre), Gestaltungs- und Konstruktions- (ab 2 Jahren), Bewegungs- (ab 3 Jahren) und Rollenspiel (ab 4 Jahren) bis zum Regelspiel (ab 5 Jahren) fort. Das Spiel in der jeweiligen Spielform wird mit zunehmendem Alter des (Klein-) Kindes immer komplexer.

Funktionsspiele

Das Funktionsspiel dient zunächst der Entdeckung des eigenen Körpers, der eigenen Stimme und der Bewegungsmöglichkeiten von Gliedmaßen, Händen und Füßen. Dabei reagiert das Baby noch nicht auf andere Menschen, selbst wenn diese z.B. summen, singen oder die von ihm erzeugten Töne spiegeln. Ab fünf Monaten werden auch Gegenstände mit den Sinnen erfasst und bewegt: Das Baby nimmt neugierig Dinge in den Mund, dreht Objekte um oder lässt sie fallen, spielt mit dem Mobile über seinem Bettchen. Ab sechs Monaten schaut es auch kurzzeitig anderen Personen zu, z.B. wenn seine Geschwister oder ältere Krippenkinder spielen. Ab neun Monaten werden Gegenstände noch intensiver erkundet, indem sie z.B. gezogen, gestoßen, geschoben, versteckt und gesucht werden. In der Regel spielt das Kind noch für sich alleine, aber gelegentlich versucht es schon, andere Personen einzubeziehen, wenn es z.B. einen Ball in Richtung eines anderen Kindes rollt.

Im zweiten Lebensjahr wird das Spiel noch komplexer, indem z.B. Gegenstände in Verbindung miteinander gebracht werden. Sie werden nun auch oft ihrer Funktion entsprechend verwendet. Eltern, Fachkräfte und andere Kinder werden zunehmend in das Spiel einbezogen, was zu engeren Beziehungen bzw. Bindungen führt und die Sprachentwicklung fördert.

Fantasiespiele

Im zweiten Lebensjahr beginnen Kinder, für sie erreichbare Gegenstände so zu benutzen, als ob sie etwas anderes wären. Bei diesen „als-ob Spielen“ wird z.B. ein flacher Bauklotz so verwendet, als ob er ein Handy wäre. Mit der Zeit werden diese Spiele immer komplexer, wenn z.B. ein Kind seiner Puppe zu essen und zu trinken gibt, sie aus- und anzieht oder sie spazieren fährt – also wie ein Baby behandelt.

Fantasiespiele ergeben sich zunächst aus der Beobachtung anderer (älterer) Kinder und von Erwachsenen bzw. werden von diesen initiiert. Dann bringen sich die Kinder immer stärker in das Spiel ein und bestimmen seinen Verlauf mit – sofern sich die Erwachsenen nun zurückhalten und den Kindern mehr Raum für eigene Ideen lassen. Mit zunehmendem Alter bekommen bzw. nutzen die Kinder auch immer mehr Spielsachen, die Fantasiespiele stimulieren. Werden Spielthemen häufig wiederholt, wird das jeweilige Spiel fantasievoller und abwechslungsreicher.

Das Fantasiespiel ist eine soziale Aktivität. Beim Spielen mit Gleichaltrigen beginnen die Kinder oft mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und Auffassungen, die häufig noch nicht in Worte gefasst werden können. Sie müssen also ihr Verhalten abstimmen, sich einander anpassen und zu einem gemeinsamen Spiel finden. Das geht mit zunehmendem Alter und mehr Spielerfahrung immer besser, und so wird schneller in die jeweilige Spielhandlung eingestiegen, sie weiter ausgestaltet und länger beibehalten. Meinungsverschiedenheiten werden seltener und Konflikte rascher gelöst – zumeist ohne Interventionen Erwachsener. Die Kinder entwickeln also soziale Kompetenzen.

Die besondere Bedeutung des Fantasiespiels ergibt sich daraus, dass hier aus einem Objekt (z.B. einer Puppe) bzw. einer Handlung (z.B. auf einem Holzstück herumdrücken) das Symbol für etwas anderes wird (ein Baby bzw. das Eingeben einer Telefonnummer auf einem Handy). Das Kind hat etwas begriffen (was ein Baby ist, wie es sich verhält bzw. womit und wie man telefoniert) und lernt mit der Zeit auch die entsprechenden Wörter. Das Fantasiespiel fördert somit die kognitive Entwicklung, da Symbole, Begriffe bzw. Wörter Voraussetzungen für (abstrakte) Denkprozesse sind. Zugleich wird das Sprachvermögen weiter ausdifferenziert, da das Kind mit anderen kommuniziert, von ihnen neue Begriffe lernt und fehlerhafte Äußerungen korrigiert werden.

Schließlich ermöglichen Fantasiespiele auch das Verarbeiten angsterzeugender Erfahrungen (z.B. wenn ein Kind nach einem Arztbesuch in einer Spielsituation die Rolle eines Arztes übernimmt). Zudem kann sich das Kind in Fantasiesituationen Bedürfnisse und Wünsche erfüllen, die es im realen Leben nicht befriedigen kann (z.B. wenn es sich als besonders stark und mächtig präsentiert). Häufige Fantasiespiele fördern Vorstellungskraft und Kreativität und erleichtern es Kindern, (später) längere Geschichten zu verstehen, sich an sie zu erinnern und sie nachzuerzählen.

Gestaltungs- und Konstruktionsspiele

Beim Konstruktionsspiel wird Material aufeinander und aneinander gefügt, verändert und gestaltet. Es umfasst Aktivitäten wie z.B. Bauen, Werken, Malen, Formen, Flechten und Weben. Zweijährige probieren zunächst Materialien wie Bauklötze, Sand, Wasser, Holz usw. aus und erkennen erste Verwendungsmöglichkeiten. Je älter sie werden, umso gezielter benutzen sie das Material, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen, die oft anderen Menschen gezeigt, aufbewahrt oder für weitere Spiele genutzt werden. Ihre Bauwerke, Bastelarbeiten, Spiellandschaften und Kunstwerke werden größer, komplexer und vielfältiger. Da der Schwierigkeitsgrad immer weiter erhöht werden kann, neue Mal- und Werktechniken eingeführt werden können und später auch mit mechanischen Bauteilen, (elektrischen) Motoren, elektronischen Komponenten usw. gearbeitet werden kann, sind Gestaltungs- und Konstruktionsspiele auch noch für Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene von Interesse.

Wenn Kleinkinder mit Wasser, Sand, Ton, Holz, Magneten, Kieseln, Bausteinen, Brettern, Kartons, Eisenteilen und anderen Materialien spielen, basteln, werken und experimentieren, lernen sie automatisch deren Beschaffenheit, Eigenschaften, „Verhaltensweisen“ (z.B. beim Eintauchen in Wasser) und Verwendungsmöglichkeiten kennen – sie erwerben somit naturwissenschaftliche, technische und feinmotorische Kompetenzen. Malen und andere künstlerische Tätigkeiten wirken sich auch positiv auf Wahrnehmung, Fantasie, Kreativität und den Sinn für Ästhetik aus. Da Kinder bei den meisten Konstruktionsspielen mit anderen Kindern zusammenarbeiten, sich mit ihnen über ihre Beobachtungen austauschen, miteinander diskutieren sowie Probleme und Konflikte lösen, werden zudem Sprach- und Sozialentwicklung gefördert.

Gestaltungs- und Konstruktionsspiele können sowohl freie als auch von Erwachsenen angeleitete Tätigkeiten umfassen. Letztere sind sinnvoll, wenn Erwachsene den Kindern neue Techniken vermitteln wollen oder einen Arbeitsauftrag haben (also z.B. Osterschmuck gebastelt oder eine Kulisse für ein Märchenspiel hergestellt werden soll). Insbesondere in Anwesenheit anderer Kinder – wie in einer Kita – wollen Kleinkinder aber zumeist ungestört miteinander spielen und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Dann beschränkt sich die Aufgabe der Fachkraft auf das Bereitstellen von Konstruktions-, Mal- und Bastelmaterialien, auf den Schutz der sich in einer Kleingruppe zusammengefundenen Kinder vor Gefahren und vor Störungen durch Dritte sowie auf das Eingreifen bei Konflikten, die von den Kindern nicht selbst gelöst werden können.

Selbst gemalte Bilder, Bastelarbeiten und andere Produkte von Gestaltungsspielen sollten von Erwachsenen möglichst nicht bewertet werden, da insbesondere kritische Äußerungen Kinder entmutigen und sie oft sogar ähnliche Aktivitäten meiden lassen. Das schließt aber nicht aus, dass dem Arbeitseinsatz des jeweiligen Kindes Anerkennung gezollt oder es gefragt wird, wie ihm selbst sein eigenes Produkt gefällt. Wertschätzung wird auch gezeigt, wenn das Konstruktionsspiel nicht abrupt abgebrochen wird, sondern das Ende der Spielzeit frühzeitig angekündigt wird. Wenn Kinder ihre Spielprodukte beim Aufräumen vernichten müssen, wirken sie manchmal traurig und haben wenig Lust auf andere Aktivitäten.

Bewegungsspiele

Bewegungsspiele bauen auf den Funktionsspielen der allerersten Lebensjahre auf. Sie umfassen z.B. Kreis-, Fang-, Sport- und Tanzspiele. Die jeweilige Aktivität erfolgt mit oder ohne Gegenstände (wie Bällen, Luftballons, Tüchern, Schnüren usw.) und ist mehr oder weniger stark geregelt. Viele Spiele sind nicht auf das Kleinkindalter beschränkt, sondern können auch von Schulkindern, Jugendlichen und Erwachsenen gespielt werden.

Im Vordergrund der Bewegungsspiele stehen grobmotorische Aktivitäten, die zu mehr Muskelkraft, Gelenkigkeit und Körperbeherrschung führen. Die Kinder können ihre (überschüssige) Energie auf gesellschaftlich akzeptable Weise ausagieren. Zudem bessert sich ihre Stimmung, da bei intensiver Betätigung der Muskulatur Neurotransmitter wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin im Gehirn ausgeschüttet werden. Das Zusammenspiel mit anderen Kindern fördert die Sozialentwicklung. Die zunehmende Kompetenz bei häufiger Wiederholung des jeweiligen Spiels führt zu mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein.

In Kitas werden Bewegungsspiele häufig von den sozialpädagogischen Fachkräften initiiert. Dabei sollten sie kooperative Spiele gegenüber wettkampforientierten bevorzugen. Alle Kinder sollten sich an dem Spiel beteiligen können, ohne negativ aufzufallen.

Rollenspiele

Rollenspiele bauen auf den Fantasiespielen der ersten Lebensjahre auf. Zu ihnen gehören auch das Spiel mit Handpuppen, Marionetten, Tier-, Menschen- und Fantasiefiguren, die Pantomime und das Kindertheater. Der letzte Begriff deutet schon an, dass Rollenspiele auch von älteren Kindern und Erwachsenen praktiziert werden.

Kleinkinder spielen z.B. gerne Vater, Mutter und Kind, Polizist und Räuber, Verkäufer und Kunde, Ritter und Prinzessin, Arzt und Patient, Lehrer und Schüler. Wenn sie mit anderen Kindern spielen, übernehmen sie entweder selbst eine Rolle oder führen eine entsprechende Spielfigur. Sind sie hingegen alleine (oder nur zu zweit), üben sie mehrere Rollen aus (z.B. die des Zoowärters und der wilden Tiere).

Mit zunehmendem Alter gelingt es Kindern immer besser, die jeweiligen Rollen und Interaktionen realitätsnah auszugestalten. Dazu müssen sie sich mit den entsprechenden Rollenbildern, Verhaltenserwartungen und sozialen Normen auseinander setzen. Sie verstehen, wieso sich Menschen immer wieder auf eine bestimmte Weise verhalten, übernehmen deren Perspektive und erkennen die bei ihnen vorherrschenden Gefühle. Zugleich erleben sie, wie verschiedene Rollen ineinander greifen und sich ergänzen, dass sie also Teil einer Beziehungskonstellation sind (z.B. einer Familie). Rollenspiele fördern somit das Verständnis von der Welt der Erwachsenen und tragen dadurch zur Sozialisation des Kindes bei.

Wenn Rollenspiele in einer Kleingruppe erfolgen, müssen die Kinder zunächst aushandeln, wer welche Rolle übernimmt. Dann müssen sie ihre Kommunikation und ihr Verhalten entsprechend ihrer Rolle gestalten und aufeinander abstimmen. Während des Spiels bringen sie neue Themen und Handlungsabläufe ein, diskutieren miteinander und lösen auftretende Konflikte. Hier wird deutlich, dass Rollenspiele auch Sprachentwicklung und soziale Kompetenzen fördern.

Erwachsene können Rollenspiele fördern, indem sie diese wertschätzen, Ideen der Kinder unterstützen oder selbst Anregungen machen. Sie können auch selbst eine (für die Kinder neue) Rolle übernehmen und das Spiel durch weitere Inhalte bereichern. Ferner sollten sie Kindern die zu den von ihnen ausgeübten Rollen passenden Kleidungsstücke und Gegenstände zur Verfügung stellen. Durch Besuche in einem Büro, einer Arztpraxis, einer Polizeistation, einem Geschäft oder einem Zoo können Erwachsene weitere Spielthemen anregen und es den Kindern ermöglichen, das Rollenverhalten der dort tätigen Personen zu beobachten und besser zu verstehen. Ferner können sie durch das Vorstellen eines Bilderbuchs, das Erzählen eines Märchens oder das Vorlesen einer Geschichte neue Rollenspiele initiieren.

Ausblick

Gegen Ende des Kleinkindalters werden auch schon Regelspiele ansatzweise beherrscht. Hier müssen sich Kinder genau an bestimmte Vorgaben halten und oft in hohem Maße miteinander kooperieren, was ein bereits gut entwickeltes Sozialverhalten voraussetzt. Ferner sollten sie schon akzeptieren können, dass sie bei vielen dieser Spiele manchmal Gewinner, aber häufig auch Verlierer sind.