Martin R. Textor : Die Familie in Gegenwart und Zukunft: Positionen, Provokationen, Prognosen. Norderstedt: Books on Demand 2009 - Online-Buch (auch im ursprünglichen Buchlayout)

 

Inhalt

Vorwort

Familie: Entwicklungstendenzen im Überblick

1. Exkurs: Drei Familienmythen widerlegt

Der Sieg des Sozialismus im Herzen der bürgerlichen Welt

Das bürgerliche Familienbild
Das sozialistische Familienbild

Elternschaft heute: aktuelle Befragungsergebnisse

Mutterschaft heute
2. Exkurs: Mutterbilder
Einstellungen zur Berufsunterbrechung
Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit
Vaterschaft heute
Erziehungsziele und -einstellungen von Eltern
Mutterschaft und Vaterschaft in verschiedenen Milieus
Erziehungsprobleme von Eltern

Familienkindheit heute

Kindheit in pädagogisch besetzten Räumen
Von der Selbsttätigkeit zum Konsum
Familienerziehung

Ehe- und Familienprobleme

3. Exkurs: Mythen als Verursacher von Paarproblemen
Verhaltensauffälligkeiten und ihre innerfamilialen Ursachen
Ursachen außerhalb der Familie
Andere Familienprobleme

Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft

Mutterschaft als Teil der Weiblichkeit ist „out“
Abqualifizierung der Elternschaft
4. Exkurs: Outsourcing Elternschaft: der Weg zu mehr Wirtschaftswachstum und höheren Steuereinnahmen – und zu glücklicheren Arbeitnehmerinnen!
Das Ende der Gemütlichkeit

Die Zukunft der Familie

Auswirkungen von Finanzkrise, Rezession und Bevölkerungsentwicklung
Die Spaltung der Gesellschaft
Familie und Beruf
Die Familienerziehung
Die „neue“ Mutterrolle und die „alte“ Vaterrolle
Die „elternreiche“ Gesellschaft
Die Institutionalisierung der Kindheit
„Normierung“, „Pathologisierung“ und „Therapeutisierung“ von Kindern
Freizeitverhalten in der Familie

Kinder zukunftsfähig machen

1. Beispiel: Klimawandel
2. Beispiel: Bevölkerungsentwicklung
3. Beispiel: Wirtschaft
4. Beispiel: Technik
Die Arbeitswelt
Der Lebensalltag
5. Exkurs: Wie ein Kind von heute als junger Erwachsener leben wird...
In Zukunft benötigte Kompetenzen
Aufgaben der Eltern

Schlusswort

Vorbemerkung zu den Quellen und Literaturangaben

Quellen

Literatur

 

Vorwort

Die Familie gilt als die für den Menschen wichtigste soziale Gruppe und als bedeutende gesellschaftliche Institution. Hier erfolgen die primäre Sozialisation und Enkulturation des Kindes, hier erwirbt es grundlegende Kompetenzen, Orientierungsmuster und emotionale Grundhaltungen. Die Familie beeinflusst die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen und den Verlauf seiner Biografie, seine Alltagsgestaltung und aktuelle Befindlichkeit. In ihrem Interaktionsnetz und Beziehungsraum erfahren die meisten Menschen Geborgenheit und Akzeptanz durch andere.

Allerdings: Die Familie gibt es nicht – und hat es nie gegeben. Wissenschaftliche Untersuchungen haben eine Vielzahl unterschiedlicher Familienformen in Vergangenheit und Gegenwart aufgezeigt. Dementsprechend gibt es auch nicht die Kindheit: Jedes Kind erlebt seine Kindheit, die von Familie zu Familie durch höchst unterschiedliche Strukturen, Rollenerwartungen, Beziehungsqualitäten, Regeln, Verhaltens- und Interaktionsmuster, Erziehungsstile, Persönlichkeiten und Umweltkontakte bestimmt ist. Es wächst in einem sozialen Milieu auf, in dem Eltern ganz individuell auf seine einzigartigen Eigenschaften, Bedürfnisse, Emotionen, Äußerungen und Verhaltensweisen eingehen.

In diesem Buch wird zunächst der Familienwandel skizziert und dann aufgezeigt, dass sich in der westlichen Welt das sozialistische Familienbild weitgehend gegenüber dem bürgerlichen durchgesetzt hat. Anschließend werden anhand von Befragungsergebnissen verschiedene Ausprägungen von Mutterschaft und Vaterschaft beschrieben. Danach werden Familienkindheit und -erziehung behandelt. Ausführlich wird auf die Häufigkeit von Familien- und Erziehungsproblemen eingegangen, wobei auch die Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Problemen bei Kindern benannt werden. Danach wird die Frage diskutiert, ob Elternschaft immer bedeutungsloser und Erziehung zunehmend vergesellschaftet wird. Anschließend wird skizziert, wie sich Familien in den nächsten 10 Jahren verändern werden bzw. welchen Herausforderungen sie sich stellen müssen. Zum Schluss wird der Blick noch weiter in die Zukunft gerichtet und gefragt, was für Kompetenzen die Kinder von heute in 20 Jahren benötigen werden und welchen Beitrag die Eltern zu deren Entwicklung leisten können.

Familie: Entwicklungstendenzen im Überblick

Bedingt durch eine Vielzahl von Faktoren hat sich in den letzten Jahrzehnten ein rasanter Familienwandel vollzogen. Es kam zu einer Pluralisierung der Familienformen, verbunden mit einer Vielzahl unterschiedlicher Familienstrukturen und einer wachsenden Anzahl verschiedener Lebensstile. Zu den wichtigsten Trends gehören u.a.:

  • Der Geburtenrückgang hat zu kleineren Familien geführt. Zumeist leben zwei Kinder in der Familie. Einzelkinder sind eher selten: Mehr als zwei Drittel aller Kinder wohnen mit mindestens einem Geschwisterteil im jeweiligen Familienhaushalt zusammen.
  • Neben Ehepaare mit Kindern sind weitere Familienformen getreten: Teilfamilien (bedingt durch Trennung/Scheidung, die nichteheliche Geburt eines Kindes oder den Tod eines Elternteils), Patchworkfamilien und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern. Immer häufiger ist die Elternschaft (insbesondere die Vaterschaft) temporär bzw. nicht genetisch begründet: Erwachsene übernehmen die soziale Elternschaft für Stief-, Pflege- oder Adoptivkinder.
  • Aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung haben sich die Verwandtennetzwerke in der Vertikalen ausgedehnt (d.h. es leben oft vier Generationen gleichzeitig), während sie wegen der abnehmenden Familiengröße in der Horizontalen geschrumpft sind (d.h. es gibt weniger Onkel/Tanten und Cousins/Cousinen). Freunde und Bekannte haben an Bedeutung gegenüber Verwandten gewonnen.
  • Die weltweit gestiegene Mobilität hat dazu geführt, dass in Deutschland rund 6,7 Mio. Ausländer leben. Einen Migrationshintergrund haben inzwischen 15,1 Mio. Menschen. Nebeneinander stehen somit Familien mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Traditionen, Beziehungsmustern und Lebensstilen.
  • Der Gestaltungsspielraum für Beziehungen ist in den letzten Jahrzehnten viel größer geworden. Diese können von den Partnern (und Kindern) ganz unterschiedlich definiert werden – eine nicht immer leichte Aufgabe. Erschwerend kommt hinzu, dass zwischen verschiedenen Leitbildern bezüglich Partnerschaft, Geschlechtsrollen und Familienstruktur gewählt werden kann. Dementsprechend gibt es unterschiedliche Formen der Gestaltung der Paarbeziehung, der Arbeitsteilung und der Machtverteilung. Tendenziell nehmen Gleichberechtigung der Partner und die Partizipation von Männern an der Hausarbeit und Kindererziehung zu; die Hauptlast der Versorgung von Haushalt und Kindern liegt aber weiterhin überwiegend auf den Schultern der Frauen.
  • Die Ansprüche an Ehe und Familie sind gestiegen – zugleich aber auch die Konfliktpotenziale. So sind Ehen heute weniger stabil als früher; im Jahr 2007 endeten 187.072 Ehen mit der Scheidung. Da die durchschnittliche Ehedauer bei der Scheidung 13,9 Jahre betrug, ist nicht verwunderlich, dass bei 91.700 Ehescheidungen minderjährige Kinder betroffen waren.

1. Exkurs: Drei Familienmythen widerlegt

1. Früher gab es keinen vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr: Inzwischen weiß man, dass im Mittelalter trotz gesellschaftlicher und kirchlicher Normen, trotz vieler Sanktionen und trotz fehlender Verhütungsmittel vor- und außereheliche sexuelle Erfahrungen durchaus üblich waren. Einen Hinweis auf das Ausmaß nicht ehelichen Geschlechtsverkehrs im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt die Zahl nicht ehelicher Geburten. So waren z.B. in Bayern von 1.000 Geburten 196 in den Jahren 1816/20, 208 in den Jahren 1851/55 und immerhin noch 123 in den Jahren 1951/55 nicht ehelich. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden etwa 13%, um die Jahrhundertwende knapp 20% und um 1930 etwa 38% der Kinder nachträglich legitimiert. Zudem ist zu bedenken, dass häufig – auch noch in den 1950er Jahren – während der Schwangerschaft der Frau geheiratet wurde, diese also einer der wichtigsten Heiratsgründe war. Schließlich ist in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, dass in der Vergangenheit ebenfalls viele nicht eheliche Kinder abgetrieben wurden, obwohl dieses mit ganz wenigen Ausnahmen strafbar war: So schätzte zum Beispiel Stoeckel in seinem „Lehrbuch der Geburtshilfe“, das 1945 in achter Auflage in Jena erschien, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche (auf 1.000 Lebend- und Totgeborene) für die Jahre 1890 auf circa 100, für 1912 auf circa 200 bis 250 und für 1930 auf circa 500. Hierbei handelt es sich um eine konservative Schätzung; andere Autoren gehen von höheren Zahlen aus.

2. Früher herrschen Großfamilien vor: Hier wird zum einen nicht bedacht, wie hoch die Mütter- und Kindersterblichkeit damals waren. So starben z.B. in Bayern von 1.000 Lebendgeborenen im ersten Lebensjahr in den Jahren 1832/35 302 Kinder und in den Jahren 1901/05 240 Kinder. Dadurch bedingt waren früher die Familien nicht viel größer als heute. Beispielsweise betrug in Bayern die durchschnittliche Haushaltsgröße in den Jahren 1818, 1852 und 1871 4,6 Personen, stieg 1900 kurz auf 4,7 Personen an und sank dann 1925 auf 4,3 Personen. Zum anderen ist zu bedenken, dass in ländlichen Regionen Bayerns Anfang des 19. Jahrhunderts das Heiratsalter des Bräutigams bei über 28 Jahren und das der Braut bei 27 Jahren lag, sodass aufgrund der niedrigen Lebenserwartung und des früheren Eintretens der Menopause nur etwa 15 Jahre für die Zeugung von Kindern zur Verfügung standen. Das erklärt auch, wieso Mehrgenerationenfamilien relativ selten waren. Schließlich lebten und arbeiteten in vielen Haushalten früher familienfremde Personen, was beim Vergleich von Haushaltsgrößen aus verschiedenen Jahrhunderten zu berücksichtigen ist. So lebten z.B. 1882 im Deutschen Reich 1.282.414 Dienstboten im Haus des Arbeitgebers; 1925 waren es 1.016.022 und 1939 immerhin noch 995.117 Personen. In Bayern wohnte im Jahre 1910 in 20% der Haushalte Gesinde und in knapp 11% Untermieter bzw. Schlafleute. Generell herrschten in der Vergangenheit Kleinfamilien und unvollständige Familien vor. So sind Aussagen über einem Übergang von der Großfamilie zur Kleinfamilie schlichtweg falsch.

3. Früher waren Teil- und Stieffamilien die große Ausnahme: Hier wird nicht berücksichtigt, dass damals etwa gleich viele Ehen durch den vorzeitigen Tod eines Partners (insbesondere aufgrund der hohen Müttersterblichkeit) beendet wurden wie heute durch Scheidungen. Dementsprechend gab es früher ebenfalls eine große Zahl von Alleinerziehenden und Stieffamilien. In diesem Zusammenhang ist noch zu bedenken, dass unaufgelöste Ehen heute mehr als doppelt so lange bestehen wie vor 100 Jahren. Außerdem ist natürlich die geringe Scheidungsrate in der Vergangenheit kein Indiz für eine bessere Qualität der Ehebeziehung. So spielten früher Liebe und Emotionalität eine geringere Rolle, wurden weniger Erwartungen an die Partnerschaft gestellt, waren außereheliche Beziehungen häufig. Und nicht nur die vielen Märchen über die „böse“ Stiefmutter sind ein Indiz dafür, dass es auch viele „problematische“ (Stief-) Eltern-Kind-Beziehungen gab...

  • Die erhöhte berufliche Mobilität, die durch Veränderungen in der Arbeitswelt mit bedingt werden (Ausdehnung multinationaler Unternehmen, Arbeitsplatzwechsel aus Karrieredenken, befristete Stellen, Annahme einer neuen Stelle nach einer Phase der Arbeitslosigkeit, „neue Karriere“ nach Umschulung usw.), führt häufig zu einem Wohnortwechsel – mit vielen Konsequenzen für die Familie. In manchen Fällen arbeitet und wohnt ein Elternteil in einer weiter entfernten Gemeinde („Wochenendehe“).
  • Die Beteiligung der Mütter am Arbeitsleben nimmt weiter zu und umfasst immer häufiger eine Vollerwerbstätigkeit. Viele berufstätige Frauen leiden unter der Mehrfachbelastung durch Beruf, Hausarbeit und Kindererziehung, sind gestresst und gereizt, haben Probleme mit der Sicherstellung einer kontinuierlichen Kinderbetreuung.
  • Mit bedingt durch das zweite Einkommen haben die meisten Familien ein hohes Wohlstandsniveau erreicht und bieten den Kindern gute sozioökonomische Lebensbedingungen. Ehepaare mit Kind (-ern) haben im Durchschnitt ein höheres Einkommen als Teilfamilien. Allerdings hat auch die Kinderarmut zugenommen: Etwa jedes sechste Kind ist betroffen.
  • Mit bedingt durch das gestiegene Einkommen hat in den letzten Jahrzehnten die durchschnittliche Wohnfläche pro Person zugenommen. Immer mehr Kinder wachsen in Ein- oder Zweifamilienhäusern auf. Oft sind aber die Kinderzimmer die kleinsten Räume der Wohnung. Kinder aus größeren Familien, aus Teilfamilien oder zugewanderten Familien leben häufig recht beengt und/oder müssen ihr Zimmer mit Geschwistern teilen. Steht kein eigener Garten zur Verfügung, ist der außerhäusliche Spielbereich vielfach sehr begrenzt – mit negativen Konsequenzen für die motorische Entwicklung.
  • Weiterhin bestehen große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland, beispielsweise hinsichtlich des verfügbaren Haushaltseinkommens, der Wohnsituation, des Betroffenseins durch Arbeitslosigkeit, des Ausmaßes der Erwerbstätigkeit von Müttern und der Dauer der Fremdbetreuung von Kindern.
  • Kinder haben zunehmend an Wert für ihre Eltern gewonnen: Sie sollen deren Leben Sinn und Erfüllung geben, emotionale Bedürfnisse befriedigen, eine Quelle elterlichen Glücks sein. So stehen sie oft im Mittelpunkt des Familienlebens; ihren Ansprüchen wird weitgehend entsprochen. Die Eltern-Kind-Beziehung hat sich in Richtung auf Partnerschaft und Gleichberechtigung entwickelt. Die Kinder haben große Mitspracherechte; ihre Individualität wird geachtet. Oft werden sie als vertraute Gesprächspartner behandelt. Viele Kinder werden aber auch vernachlässigt.
  • Der Wertewandel und die Vielzahl konkurrierender Wertesysteme haben zu ganz unterschiedlichen Erziehungszielen und -stilen geführt. Besonders werden heute Selbstverwirklichung, Individualismus, Mündigkeit, kritische Autonomie und Kooperationsfähigkeit betont. Der Erziehungsstil der meisten Eltern ist liberaler und permissiver geworden. Oft kommt es aber auch zu einer „Überpädagogisierung“ des Eltern-Kind-Verhältnisses, wenn Eltern ihre Kinder besonders intensiv zu fördern versuchen und z.B. viel Zeit auf die Hausaufgabenbetreuung verwenden. Diese Entwicklung wird durch die gestiegenen Erwartungen der Gesellschaft an die Familienerziehung mit bedingt.
  • Die Jugendphase tritt immer früher ein und ist durch viele Probleme geprägt: Jugendliche und Heranwachsende unterliegen einem weiter zunehmenden Bildungs- und Qualifizierungsdruck. Sie müssen längere und anspruchsvollere Schullaufbahnen auf sich nehmen als früher, häufiger am Nachmittag in die Schule kommen und oft Nachhilfeunterricht besuchen, wenn die Eltern als „Hauslehrer“ ausfallen. Trotzdem bleibt die berufliche Zukunft unsicher.
  • Ungleichheit in den materiellen und zeitlichen Ressourcen der Familien, bei Leistungserwartungen und Unterstützungsmöglichkeiten führt zu einer Ungleichheit der Lebenschancen: Kinder nutzen mehr oder weniger Freizeit- und Förderangebote, erhalten mehr oder weniger Hilfe beim Durchlaufen der Schule, erfahren mehr oder weniger kognitive Stimulierung, können mehr oder weniger soziale Kompetenzen für den Umgang mit Menschen verschiedener Altersgruppen erwerben.

Deutlich wird, dass die Enttraditionalisierung und der rasante soziokulturelle Wandel für Familien und ihre Mitglieder zu mehr Optionen bei der Gestaltung des gemeinsamen und des eigenen Lebens, zu mehr Entfaltungsmöglichkeiten und zu mehr Wahlfreiheit geführt haben – aber auch zu mehr Entscheidungsnotwendigkeit und Selbstverantwortung, zu mehr Risiken und Gefahren.

Der Sieg des Sozialismus im Herzen der bürgerlichen Welt

Das Experiment mit dem Sozialismus ist gescheitert. Immer mehr Staaten befreien sich von ihrer sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Sie streben nach einer parlamentarischen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und nach einer kapitalistischen Wirtschaftsstruktur, die sich aber nur mit starken sozialen Elementen bewährt hat („soziale Marktwirtschaft“). Diese Entwicklung wurde von den nordamerikanischen und westeuropäischen Staaten sehr begrüßt und hat bei ihnen zu dem Eindruck geführt, dass die Konkurrenz mit dem Sozialismus nun der Vergangenheit angehört.

Hierbei wird jedoch übersehen, dass der Sozialismus im Herzen der bürgerlichen Welt einen großen Sieg davongetragen hat: Das sozialistische Familienbild hat sich gegenüber dem bürgerlichen durchgesetzt. Bedenkt man, dass die Familie als Keimzelle des Staates, als wichtigste „Sozialisationsinstanz“, als älteste und beständigste Form des menschlichen Zusammenlebens gilt, so wird die Bedeutung dieser Entwicklung deutlich. Erst wenige konservative Politiker sind sich der angedeuteten Veränderung bewusst – obwohl viele sie erspüren, was oft zu einem gewissen undefinierbaren „Unwohlsein“, zur Verherrlichung eines traditionellen Familienbildes und zur Verleugnung des Familienwandels führt. Daraus resultiert dann häufig eine wenig reflektierte Ablehnung gegenüber den Bestrebungen vieler Bürger (insbesondere von Frauen) nach Chancengleichheit für beide Geschlechter, nach Gleichberechtigung und einer gerechten Aufteilung der Familientätigkeit, nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder nach mehr Kinderbetreuungsangeboten. Eine den Bedürfnissen der Bürger entsprechende Gesellschafts- und Familienpolitik ist aber nur möglich, wenn die Entwicklung vom bürgerlichen zum sozialistischen Familienbild sowie die damit verbundenen Veränderungen erfasst, reflektiert und hinsichtlich des politischen Handlungsbedarfs ausgewertet wurden.

Das bürgerliche Familienbild

Das bürgerliche Familienbild entstand im Bürgertum des 19. Jahrhunderts und war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Leitbild für weite Bevölkerungskreise. Es beruht auf einer Aufteilung der Welt in einen außerhäuslichen Bereich des Geldverdienens und der sozialen Kontakte sowie in einen familialen Bereich der Liebe und Kindererziehung. Dem entspricht eine scharfe Trennung zwischen den Geschlechtsrollen: Die Frau ist für die Binnenbeziehungen der Familie, die gemütliche Ausgestaltung des Heims, die Haushaltsführung und die Kindererziehung verantwortlich, während der Mann seine Familie nach außen hin repräsentiert, als einziger im Erwerbsleben steht und somit das Familieneinkommen sichert. Mit der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ist eine ausgeprägte Autoritätsstruktur verbunden: Der Mann bestimmt die Geschicke der Familie und ist der Frau übergeordnet; die Kinder haben ihren Eltern gegenüber gehorsam zu sein.

Da die Freiheit der Partnerwahl gewährleistet ist, heiraten Mann und Frau aus Liebe. So hat ihre Ehe keinen Zweck außer sich selbst. Sie ist eine freie, fortdauernde Liebesgemeinschaft, in der zwischen den Partnern geistige und emotionale Übereinstimmung herrscht. Die Sexualität bleibt auf die Ehebeziehung beschränkt; vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr sind verboten. In der Regel wird über das Geschlechtliche nicht gesprochen.

In Familien, die dem bürgerlichen Leitbild folgen, wird die Privatsphäre gegenüber der Außenwelt abgegrenzt. Dieses fördert die Entstehung enger, gefühlsbetonter Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern und die Ausbildung von Familiensinn und -identität. Die Ehefrau bemüht sich, eine häusliche Idylle zu schaffen und ein positives Familienklima aufrechtzuerhalten. Gemeinsame Familienaktivitäten finden häufig statt. Gäste werden eher formell eingeladen; auf ihre standesgemäße und gesittete Bewirtung wird großer Wert gelegt.

Eine besondere Bedeutung kommt der Kindererziehung zu, die als eine höchst persönliche Verantwortung der Eltern gilt. Obwohl sich die Kinder unterordnen müssen, steht ihr Wohl im Mittelpunkt der Familie. Die Eltern kümmern sich intensiv um sie, erziehen sie bewusst und fördern ihre geistige, emotionale, moralische und soziale Entwicklung. Mit Liebe und Strenge (Körperstrafen werden in der Regel akzeptiert) versuchen sie, ihre Kinder zur Beherrschung der Begierden, zu einem gesitteten Betragen, zu Höflichkeit, Ordnung, Sauberkeit und Lernbereitschaft zu führen. Dem bürgerlichen Familienideal entsprechend ist die Kindererziehung geschlechtsspezifisch. Auch spielt die sexuelle Aufklärung keine Rolle.

Das sozialistische Familienbild

Auch das sozialistische Familienbild entstand im 19. Jahrhundert. Es wurde in der Arbeiterbewegung und später in sozialistischen Staaten vertreten. Da der Mensch nur durch Berufsarbeit sich selbst verwirklichen kann, sollen Jungen und Mädchen eine gleichwertige Schul- und Berufsausbildung erhalten. Männer und Frauen sollen dieselben Chancen in der Arbeitswelt haben. Nur die durch Erwerbstätigkeit gewährleistete ökonomische Unabhängigkeit sichert die Freiheit der Partnerwahl. Zugleich ermöglicht sie die Gleichberechtigung der Ehefrau in der Partnerbeziehung, da sie von ihrem Gatten nicht finanziell abhängig ist. Damit ist die Liebe nicht nur das Motiv für die Partnerwahl, sondern auch die Grundlage der Ehe: Besteht sie nicht mehr, besitzen die Ehegatten die Freiheit, sich voneinander zu trennen, ohne dass einer von ihnen größere materielle Einbußen erlebt.

Generell wird der Ausschließlichkeit, Rechtsverbindlichkeit und Dauerhaftigkeit der Ehebeziehung eine große Bedeutung zugesprochen. Beim Befolgen des sozialistischen Familienideals können sich stabile und harmonische Familienbeziehungen auf der Grundlage eines tiefen Zusammengehörigkeitsgefühls, von gegenseitiger Achtung und Hilfsbereitschaft ausbilden. Da es keine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung gibt und die Ehepartner die gleiche Macht besitzen, fühlt sich keiner von ihnen benachteiligt. Beide übernehmen die Verantwortung für den Haushalt und die Kindererziehung, für das Familienklima und die Außenkontakte.

Das sozialistische Familienbild fordert die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbstätigkeit. Dies bedeutet, dass die Kinderbetreuung vom frühesten Kindesalter an von der Gesellschaft sicherzustellen ist – und zwar so, dass beide Eltern ganztags berufstätig sein können. Somit wird die Kindererziehung vergesellschaftet, wird sie zu einer öffentlichen Angelegenheit. Dies bedeutet aber nicht, dass den Eltern die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder zu allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten genommen wird. Vielmehr werden hohe Erwartungen in sie gesetzt: Sie sollen sich nur bewusst für Kinder entscheiden (Geburtenregelung), ihnen die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit ermöglichen, ihre Individualität achten, ihre Begabungen fördern und sie zur Fortentwicklung des Sozialismus befähigen. Eine geschlechtsspezifische Erziehung wird abgelehnt, die sexuelle Aufklärung gefordert. Bei der Erziehungsaufgabe werden die Eltern nicht alleine gelassen: Sie haben ein Anrecht auf die Unterstützung durch Staat und Gesellschaft.

Sowohl die Familienrealität als auch die Einstellungen der meisten Bundesbürger entsprechen heute nicht mehr dem bürgerlichen Familienbild. Hingegen lassen sich voreheliche Sexualbeziehungen, nichteheliche Lebensgemeinschaften, Berufstätigkeit verheirateter Frauen bzw. Mütter, Gleichberechtigung der Frau in der Ehe, Mitspracherechte der Kinder, partnerschaftlicher Erziehungsstil, wenig geschlechtsspezifische Familienerziehung und die große Rolle von Kindertagesstätten eher mit dem neuen Familienbild vereinbaren. Dieses betont ja z.B. die Bedeutung der Berufsarbeit für Frauen (und Männer), die Gleichberechtigung von Ehefrauen, eine gleichartige Erziehung, Schul- und Berufsausbildung für Mädchen und Jungen sowie den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, bis eine Vollerwerbstätigkeit von Müttern annähernd problemlos möglich ist. Sieht man die neue Familienrealität und den Meinungswandel in der deutschen Bevölkerung, so kann man nicht länger am bürgerlichen Familienbild festhalten. Dies tun inzwischen auch CDU und CSU und die von ihnen gestellten Regierungen nicht mehr.

Elternschaft heute: aktuelle Befragungsergebnisse

Bis vor zwei, drei Jahren gab es so gut wie keine repräsentativen Umfragen zu Mutter- und Vaterschaft in Deutschland. Die Demoskopie bzw. ihre Auftraggeber interessierten sich nicht dafür, wie Elternschaft verstanden, erlebt und gestaltet wird, mit welchen positiven und negativen Seiten sie verbunden ist, welche Unterschiede es in verschiedenen Bevölkerungsgruppen gibt und wie Eltern sich bei Erziehungsproblemen verhalten.

Nun liegen drei repräsentative Umfragen, eine Sinus-Studie und eine nur auf Bayern bezogene Befragung vor:

  • Im Jahr 2006 führte TNS Emnid (o.J.) eine bisher nicht veröffentlichte Befragung „Frauen mit Kindern bis 18 Jahren“ durch. Es wurden 1.000 Personen interviewt.
  • Im Jahr 2007 wurde die „Vorwerk Familienstudie 2007“ publiziert. Das Institut für Demoskopie Allensbach (o.J.) befragte 1.810 repräsentativ ausgewählte Personen zu Aspekten der Familienarbeit und des Familienlebens in Deutschland.
  • Im Jahr 2006 interviewte das Institut für Demoskopie Allensbach (o.J.) im Auftrag des Bundesfamilienministeriums 2.065 Personen ab 16 Jahre zu ihren Erziehungseinstellungen.
  • Im Jahr 2007 wurde von Sinus Sociovision im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung die Studie „Eltern unter Druck: Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten“ durchgeführt (Merkle/Wippermann 2008). Die empirische Grundlage der qualitativen Untersuchung waren 100 Interviews, jeweils 50 mit Müttern und 50 mit Vätern von Kindern im Alter von 0-16 Jahren. Es wurden typische Vertreter von verschiedenen Sinus-Milieus rekrutiert. Begleitend zur qualitativen Untersuchung fand eine quantitativ repräsentative Erhebung mit 502 Eltern von Kindern im Alter von 0-17 Jahren im Haushalt statt.
  • Im Jahr 2007 veröffentlichte das Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg die Untersuchung „Wie informieren sich bayerische Eltern über erziehungs- und familienbezogene Themen?“ (Mühling/Smolka 2007). Dazu wurden 2006 insgesamt 1.287 Eltern mit mindestens einem minderjährigen Kind in Bayern telefonisch befragt.

Es sollen nun einige ausgewählte Befragungsergebnisse vorgestellt werden.

Mutterschaft heute

Bei der TNS Emnid-Studie wurden Frauen mit Kindern bis 18 Jahren gefragt, ob es für sie in der Rolle als Mutter Vorbilder oder Orientierungshilfen gibt. 87% der Frauen antworteten, dass sie vieles ganz intuitiv machen, 66%, dass ihnen der Erfahrungsaustausch mit anderen Müttern hilft, 53%, dass sie sich vieles von ihrer eigenen Mutter abgeschaut haben, und 8%, dass sie Kurse (z.B. in einer Familienbildungsstätte) besucht haben. Ostdeutsche Mütter gaben häufiger als westdeutsche an, dass sie sich vieles von ihrer eigenen Mutter abgeschaut haben (65 vs. 51%).

Laut der Vorwerk Familienstudie 2007 bedeutete Mutterschaft für Mütter vor allem Positives, nämlich Verantwortung zu tragen (92%), gebraucht zu werden (92%), lieben und geliebt zu werden (89%), viel Freude zu haben (85%), ein Leben voller Überraschungen (78%), eigene Erfahrungen, eigenes Wissen weiterzugeben (76%), ein erfüllteres Leben zu führen (72%), dass etwas von einem weiterlebt (69%), interessante neue Erfahrungen zu machen (66%), bewusster zu leben (60%), ein Geschenk Gottes (60%), die Welt mit anderen Augen zu sehen (59%). Nur vier negative Aussagen – Sorgen zu haben (74%), einen „Rund-um-die-Uhr-Job“ zu haben (54%), viel Stress (51%) sowie Streit, Auseinandersetzungen (51%) – wurden von mehr als der Hälfte der Mütter genannt.

2. Exkurs: Mutterbilder

das traditionelle Mutterideal

Laut diesem Rollenleitbild sollen alle Frauen Mütter werden, da Mutterschaft als ihre Lebenserfüllung und als „Essenz“ ihrer Weiblichkeit gesehen wird. Aus ihr würden sie eine tiefe Befriedigung gewinnen: Mutterschaft sei eine ganz und gar positive Erfahrung. Mütter sollten verheiratet sein und ihren Beruf zugunsten ihrer Kinder aufgegeben haben, also Hausfrauen sein. Sie sind nahezu ausschließlich für die Erziehung, Versorgung und Betreuung der Kinder zuständig, da sie hierfür am besten geeignet seien: Sie wären von Natur aus liebevoll, selbstlos, fürsorglich, treusorgend, empathisch, zärtlich, emotional, aufopferungsbereit, familienorientiert usw. So wäre es ganz „normal“ und selbstverständlich, wenn sie sich intensiv um ihre Kinder kümmern. Zudem würden Säuglinge und Kleinkinder für eine gesunde Entwicklung die totale Präsenz ihrer Mütter benötigen: Sie könnten sich nur positiv entwickeln, wenn die Mütter ihren Bedürfnissen die höchste Priorität einräumen, sich ihnen anpassen und sich emotional stark für sie engagieren. Vor allem müssten Mütter ihre Entwicklung in allen Bereichen konsequent, kontinuierlich und intensiv fördern.

der Gegenentwurf: die Anti-Mutter

Vor allem im „frühen“ Feminismus der 1970er Jahre wurde ein Frauenbild vertreten, das als Gegenentwurf zum traditionellen Mutterideal verstanden werden kann: Anstatt sich der uneigennützigen Fürsorge für ein Kind zu widmen, soll die moderne Frau der in den weitaus meisten Lebensbereichen vorherrschenden Logik eigennützigen Profitstrebens folgen: Das heißt, die emanzipierte Frau trachtet nach einer guten Schul- und Berufsbildung, ist voll erwerbstätig und karriereorientiert, strebt nach Selbstverwirklichung im Beruf und entspricht somit dem Paradigma des homo oeconomicus. Ein (Ehe-)Mann wird nur akzeptiert, wenn er für eine partnerschaftliche Beziehung und eine gerechte Aufteilung der Hausarbeit ist; auf Kinder wird verzichtet, wenn sie dem eigenen Streben nach beruflichem Erfolg, Macht und Prestige entgegenstehen.

Dieses Idealbild der erwerbstätigen, erfolgreichen, finanziell unabhängigen Frau wird heute vor allem durch Frauenmagazine weiter verbreitet. In ihnen findet man überwiegend Reportagen und Fotos von gut gekleideten, perfekt gestylten Frauen, die sexuell attraktiv und glücklich wirken. Wie auch in den meisten Kino- und Fernsehfilmen spielt Mutterschaft keine Rolle; Kinder tauchen kaum auf den Fotos und in den Filmen auf.

die Supermutter

Dieses Idealbild wird ebenfalls von den Medien verbreitet, aber auch von der Wirtschaft und von Frauenverbänden: Frauen sollen – und könnten – attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Als „Beziehungsexpertinnen“ sichern sie eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung und die Karriere zu kurz kommen. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringen sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder.

Hays (1998) fasst das Leitbild der Supermutter etwas überspitzt zusammen: „Mühelos schafft sie den Spagat zwischen Heim und Arbeit. Diese Mutter kann mit der einen Hand einen Kinderwagen schieben und mit der anderen die Aktentasche tragen. Sie ist immer gut frisiert, ihre Strumpfhosen haben nie Laufmaschen, ihr Kostüm ist stets frei von Knitterfalten, und ihr Heim ist natürlich blitzsauber. Ihre Kinder sind makellos: Sie haben gute Manieren, sind aber nicht passiv, sondern putzmunter und strotzen vor Selbstbewusstsein“ (S. 174f.).

das Drei-Phasen-Modell

Dieses Leitbild ist ein Kompromiss zwischen dem traditionellen Mutterideal und der rasch zunehmenden Frauenerwerbstätigkeit: Junge Frauen sollten nach einer guten Schul- und Berufsausbildung trachten und ihren Beruf so lange ausüben, bis das erste Kind geboren ist (1. Phase). Dann sollten sie sich ausschließlich um Kindererziehung und Haushalt kümmern (2. Phase). Wenn die Kinder sie nicht mehr in hohem Maße gebrauchen würden, könnten die Mütter wieder erwerbstätig werden (3. Phase).

Dank des Ausbaus der Kinderbetreuungsangebote kann der Wiedereintritt in die Arbeitswelt immer früher erfolgen. Damit wird vermieden, dass die beruflichen Qualifikationen aufgrund des raschen wirtschaftlichen und technologischen Wandels veralten. Zudem endet drei Jahre nach Geburt eines Kindes der mit dem Erziehungsurlaub verbundene Kündigungsschutz.

die „neuen“ Mütter

In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass vor allem Frauen aus der Mittelschicht nach der Geburt eines Kindes bewusst auf die Berufsausübung verzichten, ohne jedoch das traditionelle Mutterbild zu übernehmen: „Wenn sich sogar erfolgreiche Berufsfrauen aus dem Erwerbsleben partiell wieder zurückziehen und zugleich in Familienbeziehungen leben, so muss das nicht gemäß der traditionellen Frauenrolle aus Rücksicht für Mann und Kinder geschehen, sondern kann auch erfolgen, um sich selbst einerseits den Belastungen der Konkurrenz, Vereinzelung und Austauschbarkeit im Beruf zu entziehen (...), und andererseits, um die vorrangig in primären Beziehungen mögliche Befriedigung emotionaler Bedürfnisse und Sicherung der eigenen Identität zu gewinnen“ (Herlyn et al. 1993, S. 55).

Diese Mütter folgen in mehr oder minder bewusster Abgrenzung von Feminismus einem Leitbild, nach dem Individualisierung, Selbstverwirklichung und Personalisation in der Ausübung der Hausfrauen- und Mutterrolle realisierbar sind – und zwar eher als in der fremdbestimmten, rational geprägten und wettbewerbsorientierten Arbeitswelt. Nur in der Familie könnten Frauen sie selbst sein und ihre eigenen Vorstellungen vom Leben realisieren. Vor allem in der Mutter-Kind-Beziehung seien Liebe, Fürsorge, Selbstlosigkeit, Uneigennutz u.Ä. lebbar und erlebbar – nur in der Familie kann somit letztlich nach moralischen Prinzipien gelebt werden.

Bei der TNS Emnid-Studie wurden Frauen mit Kindern unter 18 Jahre gefragt, was für sie das Schönste am Muttersein ist und was die größten Schwierigkeiten für Mütter sind. Die häufigsten Antworten werden in folgender Tabelle wiedergegeben:

Schönste Seite

Prozent

Schwierigkeiten

Prozent

Entwicklung der Kinder beobachten

28

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

25

Kinder geben Lebenssinn, sind Bereicherung

20

richtige Erziehung der Kinder

17

eigene Kinder zu haben

17

mangelnde Kinderbetreuung

11

was Mütter durch ihr Kind erfahren (Liebe, Vertrauen, Glück...)

16

schwierige Entwicklungsphasen des Kindes

8

Zusammensein mit Kind erleben

12

Sorge um die Kinder/Probleme der Kinder

8

Freude an Kindernatur

11

Zeitmangel

8

stolz auf Kinder

9

beruflicher Wiedereinstieg

7

Wohlbefinden der Kinder

8

finanzielle Probleme

6

besondere Mutter-Kind-Beziehung

7

Schule, Bildungssystem

6

Alles

6

Zukunftsängste in Bezug auf die Perspektiven der Kinder

6

eigene Entwicklung (man bleibt jung, Perspektivenwechsel, ist gelassener...)

4

mangelnde Unterstützung/Anerkennung

6

Verantwortung/Herausforderung/Aufgabe

4

Organisation des Alltags

5

-

-

Überforderung allgemein

4

Auffallend sind hier einige Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Müttern: 18- bis 29-jährige Frauen fanden es häufiger schön, die Entwicklung der Kinder zu beobachten, erlebten sie aber seltener als Lebenssinn bzw. Bereicherung als ältere Mütter (z.B. im Vergleich zu 50- bis 60-jährigen Frauen mit Kindern bis 18 Jahre: 37 vs. 22% bzw. 13 vs. 25%). Die Vereinbarkeit von Familien und Beruf wurde von ihnen seltener als größte Schwierigkeit erlebt (z.B. im Vergleich zu 30- bis 39-jährigen Frauen: 9 vs. 28%). Dieses Problem trat bei Frauen mit Abitur bzw. Universitätsabschluss viel häufiger auf als bei Frauen mit Volkschulbildung (38 vs. 11%; mittlerer Bildungsabschluss: 27%). Ostdeutsche Frauen erlebten die richtige Erziehung seltener als westdeutsche Frauen als größte Schwierigkeit (9 vs. 19%), hatten aber häufiger Zukunftsängste in Bezug auf die Perspektiven der Kinder (14 vs. 4%).

Auf die Frage „Wofür hätten Sie neben der Tätigkeit als Mutter gerne hauptsächlich mehr Zeit zur Verfügung?“ antworteten 32% der Frauen mit Kindern unter 18 Jahren, beruflich voran zu kommen, 31%, Hobbys zu betreiben, 23%, Freundschaften zu pflegen, und 10%, als Frau attraktiv zu bleiben. 18- bis 29-jährige Frauen wollten häufiger mehr Zeit für ihr berufliches Vorankommen und seltener für Hobbys haben als ältere Mütter (z.B. im Vergleich zu 30- bis 39-jährigen Frauen: 42 vs. 29% bzw. 17 vs. 34%).

Auf die Frage „Was belastet Sie in Ihrem Alltag als Mutter am meisten?“ gaben 30% der Frauen Geldsorgen, 22% den Haushalt, 15% die mangelnde Kinderbetreuung, 13% Ärger mit den Kindern und 5% Ärger mit dem Partner ab. Ostdeutsche Frauen nannten im Vergleich zu westdeutschen häufiger Geldsorgen (53 vs. 26%) und seltener Ärger mit den Kindern (5 vs. 15%). 18- bis 29-jährige Frauen waren stärker als ältere Mütter belastet durch Geldsorgen und mangelnde Kinderbetreuung und schwächer durch Haushalt und Ärger mit den Kindern (z.B. im Vergleich zu 30- bis 39-jährigen Frauen: 45 vs. 31%, 25 vs. 14%, 14 vs. 23%, 6 vs. 15%). Frauen mit Volkschulbildung fühlten sich häufiger als Frauen mit Abitur bzw. Hochschulbildung durch Geldsorgen und Ärger mit Kindern sowie seltener durch den Haushalt belastet (39 vs. 24%, 17 vs. 8%, 14 vs. 28%).

Aufgrund des täglichen Mutter-Stresses sind 25% der Frauen öfter gereizt und geraten schnell aus der Fassung, während sich 25% ziemlich ausgebrannt fühlen und eine längere Auszeit, z.B. eine Mütterkur, gebrauchen könnten. Letzteres wurde mit 36% besonders häufig von 18- bis 29-jährigen Frauen angegeben. 46% der Frauen hatten keinen Stress durch das Muttersein; dies galt mit 63% überdurchschnittlich oft für 50- bis 60-jährige Frauen mit Kindern unter 18 Jahren.

Einstellungen zur Berufsunterbrechung

Laut der TNS Emnid-Studie waren 55% der Frauen mit Kindern bis 18 Jahren der Meinung, Mütter sollten bis zum Kindergartenalter zu Hause bleiben. Diese Haltung wurde häufiger von den jüngeren als von den älteren Frauen (63% der 18- bis 29-Jährigen vs. 52% der 50- bis 60-Jährigen) sowie von weniger gebildeten Frauen vertreten (Volksschulbildung: 68%, mittlerer Bildungsabschluss: 56%, Abitur/Universität: 43%). 27% aller befragten Mütter waren der Meinung, dass beide Elternteile Elternzeit nehmen sollten. Hier war die Tendenz umgekehrt (12% der 18- bis 29-Jährigen vs. 34% der 50- bis 60-Jährigen; Volksschulbildung: 16%, mittlerer Bildungsabschluss: 26%, Abitur/Universität: 38%). 7% aller Frauen meinten, Mütter sollten ihre Berufstätigkeit nicht unterbrechen. Diese Position wurde häufiger von ostdeutschen als von westdeutschen Müttern vertreten (16 vs. 5%). Hingegen waren 6% der Meinung, Mütter sollten nicht berufstätig sein.

Väter waren laut der Vorwerk Familienstudie 2007 hingegen etwas konservativer eingestellt: Die meisten (71%) fühlten sich dafür verantwortlich, für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Während 53% es generell gut fanden, wenn sich eine Frau beruflich engagiert, waren es nur noch 19%, wenn es sich dabei um eine Mutter von kleinen Kindern handelt. 21% fanden es besser, wenn sich eine Frau ganz dem Haushalt und der Familie widmet. 20% hielten sich so weit wie möglich aus der Hausarbeit heraus; 17% überließen die Betreuung und Erziehung der Kinder ihrer Partnerin.

Allerdings werden heute junge Mütter nicht mehr von der Bevölkerung stigmatisiert, wenn sie ihr Kind in eine Kinderkrippe geben – selbst wenn dieses erst zwei Jahre alt ist. Laut der Vorwerk Familienstudie 2007 hielten 90% aller Frauen und 85% aller Männer in diesem Fall den Begriff „Rabenmutter“ für nicht passend. Nur 5% der Frauen und 6% der Männer würden die Mütter so bezeichnen.

Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit

Nur 18% aller Deutschen ab 16 Jahre waren laut der Vorwerk Familienstudie 2007 der Meinung, dass die Arbeit, die Frauen im Haushalt und für die Familie leisten, in Deutschland ausreichend anerkannt wird – 67% waren nicht dieser Meinung. Frauen ab 16 Jahre, die mit einem Partner zusammenleben, vertraten diese Haltung zu 13 bzw. 79% (8% unentschieden). Allerdings waren 58% der Meinung, dass die Arbeit, die sie selbst im Haushalt und für die Familie leisten, von ihrem Partner genügend anerkannt wird. 20% würden dies nicht sagen (22% unentschieden).

Für das Selbstbewusstsein von Frauen waren allerdings andere Dinge wichtiger als die Familien- und Hausarbeit, wie folgende Tabelle verdeutlicht:

Dies ist für mein Selbstbewusstsein

sehr wichtig

auch noch wichtig

weniger wichtig

keine Angabe

ein eigener Beruf, ein eigenes Einkommen

71%

16%

9%

4%

Lebensfreude, Optimismus, mich nicht so leicht unterkriegen lassen

66%

27%

3%

4%

gute Freunde haben

63%

32%

3%

2%

eine stabile Partnerschaft

62%

23%

10%

5%

gute Bildung, Wissen

61%

31%

4%

4%

gutes, gepflegtes Aussehen

54%

39%

5%

2%

Lebenserfahrung

50%

37%

10%

3%

Kinder haben

48%

27%

21%

4%

Erfolg im Beruf haben

46%

34%

14%

6%

keine finanziellen Sorgen haben, mir vieles leisten können

44%

40%

12%

4%

Anerkennung für das, was ich für die Familie leiste

39%

41%

15%

5%

beliebt sein, von anderen geschätzt werden

36%

45%

15%

4%

eine gute Figur haben, mit der ich mich wohl fühle

36%

44%

17%

3%

eine glückliche sexuelle Beziehung

33%

39%

22%

6%

Anerkennung für das, was ich im Haushalt leiste

29%

40%

27%

4%

gut kochen können

21%

35%

39%

5%

mich in der Freizeit für etwas ganz besonders einsetzen, für etwas engagieren

16%

37%

39%

8%

sportlich aktiv sein, im Sport etwas leisten

13%

30%

49%

8%

Deutlich wird hier, dass der Beruf, Freundschaften und die Partnerschaft eine größere Bedeutung für das Selbstbewusstsein von Frauen hatten als Mutterschaft bzw. Haus- und Familienarbeit. Ein anderes Bild ergab sich allerdings, als gefragt wurde, was ein Mann an seiner Partnerin besonders schätzt. Hier entstand eine ganz andere Rangordnung:

  • dass es ihr gelingt, unsere Partnerschaft intakt, stabil zu halten: 75%
  • was sie für die Familie leistet: 72%
  • was sie im Haushalt leistet: 70%
  • dass sie gut kochen kann: 66%
  • ihre Lebensfreude, ihren Optimismus, dass sie sich nicht so leicht unterkriegen lässt: 64%
  • ihr gutes, gepflegtes Aussehen: 63%
  • dass wir eine glückliche sexuelle Beziehung haben: 58%
  • gute Bildung, ihr Wissen: 54%
  • dass es ihr wichtig ist, Kinder zu haben: 53%
  • dass sie beliebt ist, von anderen geschätzt wird: 51%
  • ihre Lebenserfahrung: 50%
  • dass sie einen eigenen Beruf, ein gutes Einkommen hat: 45%
  • ihre gute Figur: 40%
  • dass sie Erfolg im Beruf hat: 29%
  • dass wir keine finanziellen Sorgen haben müssen, uns vieles leisten können: 29%
  • dass sie viele gute Freunde hat: 21%
  • dass sie sich in der Freizeit für etwas ganz besonders einsetzt, für etwas engagiert: 16%
  • dass sie sportlich aktiv ist, sportlich etwas leistet: 13%

Deutlich wird, dass Männer an ihren Frauen eher deren Beziehungs-, Familien- und Hausarbeit schätzten als deren Beruf und sozialen Kontakte. Hier wirkten sicherlich traditionelle Geschlechtsrollenleitbilder nach. Aber das galt auch umgekehrt: Frauen schätzten nämlich an ihren Partnern viel stärker berufsbezogene und auf die gesellschaftliche Position bezogene Faktoren. So ergab sich hier folgende Rangordnung:

  • seine Lebensfreude, sein Optimismus, dass er sich nicht so leicht unterkriegen lässt: 63%
  • dass es ihm gelingt, unsere Partnerschaft intakt, stabil zu halten: 62%
  • was er für die Familie leistet: 61%
  • dass er einen eigenen Beruf, ein gutes Einkommen hat: 59%
  • gute Bildung, sein Wissen: 57%
  • seine Lebenserfahrung: 57%
  • dass es ihm wichtig ist, Kinder zu haben: 53%
  • dass er Erfolg im Beruf hat: 47%
  • dass er beliebt ist, von anderen geschätzt wird: 47%
  • dass wir eine glückliche sexuelle Beziehung haben: 44%
  • dass wir keine finanziellen Sorgen haben müssen, uns vieles leisten können: 43%
  • sein gutes, gepflegtes Aussehen: 39%
  • was er im Haushalt leistet: 31%
  • dass er viele gute Freunde hat: 25%
  • dass er sich in der Freizeit für etwas ganz besonders einsetzt, für etwas engagiert: 21%
  • seine gute Figur: 21%
  • dass er sportlich aktiv ist, sportlich etwas leistet: 19%
  • dass er gut kochen kann: 18%

Sowohl bei der partnerbezogenen Rangordnung der Frauen als auch bei derjenigen der Männer wurde der Beitrag besonders geschätzt, den der andere für die Partnerschaft und die Familie erbringt. Auch die Lebensfreude und der Optimismus des Partners wurden von beiden Seiten gleichermaßen hervorgehoben.

Vaterschaft heute

Laut der Vorwerk Familienstudie 2007 bedeutete Vaterschaft für Väter vor allem Positives, nämlich Verantwortung zu tragen (91%), gebraucht zu werden (84%), eigene Erfahrungen, eigenes Wissen weiterzugeben (80%), lieben und geliebt zu werden (78%), viel Freude zu haben (78%), ein erfüllteres Leben zu führen (72%), ein Leben voller Überraschungen (67%), dass etwas von einem weiterlebt (65%), interessante neue Erfahrungen zu machen (64%), bewusster zu leben (57%) und die Welt mit anderen Augen zu sehen (56%). Nur eine negative Aussage – Sorgen zu haben – wurde mit 69% von mehr als der Hälfte der Väter genannt.

Die meisten Väter mit Kindern unter 14 Jahre gaben an, bei der Betreuung und Erziehung der Kinder nichts bzw. kaum etwas (7%) oder nur den kleineren Teil (67%) beizutragen. 22% sagten, dass sie etwa die Hälfte, und 4%, dass sie das meiste übernehmen würden. Die Mütter nannten ähnliche Prozentangaben bezüglich der Mitwirkung ihrer Partner. Frauen, die Vollzeit berufstätig waren, verwiesen auf eine größere Beteiligung der Väter an der Betreuung und Erziehung der Kinder: 12% würden das meiste und 31% etwa die Hälfte übernehmen. Das Engagement der Väter bei Freizeitaktivitäten schien hingegen relativ groß zu sein: 40% gaben an, in der Freizeit viel mit ihren Kindern zu unternehmen.

Väter, die sich nach eigener Aussage nur wenig an der Betreuung und Erziehung der Kinder beteiligten, nannten hierfür als Gründe, dass sie weniger Zeit dafür als ihre Partnerin haben (87%), dass sie durch Beruf und vieles andere voll ausgelastet sind (59%), dass sie dafür andere Arbeiten im Haushalt, im Garten, Reparaturen usw. machen (48%), dass ihre Partnerin dies besser kann (35%) oder dass sich dies so ergeben hat (24%). Frauen, deren Partner sich nur wenig an der Betreuung und Erziehung der Kinder beteiligten, nannten ähnliche Prozentsätze bei der Angabe dieser Gründe – mit einer Ausnahme: Sogar 72% von ihnen führten das geringe Engagement ihres Partners darauf zurück, dass er durch Beruf und vieles andere voll ausgelastet ist.

Ansonsten schien ein Teil der Bevölkerung nur noch wenig Verständnis für Männer zu haben, die sich kaum um die Betreuung und Erziehung der Kinder kümmern: Sie sind laut 32% der Frauen und 33% der Männer „Rabenväter“. Hingegen hielten 55 bzw. 54% diesen Begriff für nicht passend (jeweils 13% waren unentschieden).

Erziehungsziele und -einstellungen von Eltern

Laut der vom Institut für Demoskopie Allensbach für das Bundesfamilienministerium durchgeführten Umfrage vertraten Eltern bis 44 Jahre in den Jahren 1991 und 2006 folgende Erziehungsziele:

Kinder sollen vor allem im Elternhaus lernen...

1991

2006

sich durchsetzen, sich nicht so leicht unterkriegen lassen

75%

75%

Höflichkeit und gutes Benehmen

68%

89%

ihre Arbeit ordentlich und gewissenhaft tun

67%

80%

hilfsbereit sein, sich für andere einsetzen

-

79%

Andersdenkende achten, tolerant sein

62%

74%

gesunde Lebensweise

61%

65%

Menschenkenntnis, sich die rechten Freunde und Freundinnen aussuchen

60%

64%

Wissensdurst, den Wunsch, seinen Horizont ständig zu erweitern

55%

71%

sparsam mit Geld umgehen

44%

69%

Freude an Büchern haben, gern lesen

-

46%

Interesse für Politik, Verständnis für politische Zusammenhänge

33%

42%

sich in eine Ordnung einfügen, sich anpassen

28%

41%

technisches Verständnis, mit der modernen Technik umgehen können

23%

39%

Interesse, Offenheit für Religion und Glaubensfragen

-

37%

bescheiden und zurückhaltend sein

18%

26%

an Kunst Gefallen finden

13%

15%

festen Glauben, feste religiöse Bindung

13%

25%

Deutlich wird, dass die Eltern sowohl Primär- als auch Sekundär-Werte vertraten. Für sie waren Persönlichkeitseigenschaften ebenso wichtig wie Werte des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Im Gegensatz zu 1991 wurden 2006 stärker gutes Benehmen, Gewissenhaftigkeit, Toleranz, Wissensdurst und Sparsamkeit genannt. Letzteres verdeutlicht das Bemühen, die Kinder auf materiell schlechtere Zeiten vorzubereiten.

Bei der gleichen Umfrage wurde auch ermittelt, in welchen Bereichen Eltern ihre Kinder beeinflussen wollen – und wo nicht:

Eltern sollen ihre Kinder beeinflussen...

ja

nein

in ihrem Benehmen, ihrem Verhalten

96%

3%

wie sie es mit der Wahrheit halten

95%

3%

wie sie mit anderen Menschen umgehen

91%

7%

wie sie sich Schwächeren gegenüber verhalten

90%

8%

was sie im Fernsehen anschauen

89%

9%

wann sie ins Bett gehen

87%

9%

wie sie zur Schule stehen

84%

10%

dass sie Familiensinn entwickeln

78%

19%

wie sie ihre Sachen in Ordnung halten

74%

24%

wie sie ihre Arbeit machen

72%

23%

bei dem, was sie lesen

45%

50%

was sie in ihrer Freizeit machen

45%

46%

in der Wahl der Freunde

40%

54%

welche Vorbilder sie haben

37%

58%

wofür sie ihr Taschengeld ausgeben

30%

65%

bei der Wahl der Kleidung

27%

70%

Einstellung zum Glauben, zur Religion

24%

68%

politische Ansichten

24%

66%

welche Hobbys sie haben

19%

79%

Die meisten Eltern vertraten somit eine handlungsorientierte Pädagogik: Sie wollten in vielen Bereichen das Verhalten und Erleben ihrer Kinder beeinflussen. Dies galt jedoch weniger für religiöse und andere Wertvorstellungen, für politische Einstellungen und das Freizeitverhalten.

Mutterschaft und Vaterschaft in verschiedenen Milieus

Die Sinus-Studie machte deutlich, dass sich Elternschaft in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich gestaltet. Hier wurde zwischen 10 Milieus differenziert, und zwar zum einen nach sozialer Lage (auf der Grundlage von Bildung, Beruf und Einkommen) und zum anderen nach der Grundorientierung (von traditionell bis postmodern). In nachstehender Tabelle wird zusammengefasst, wie laut der Sinus-Studie Mutterschaft und Vaterschaft in den verschiedenen Milieus gestaltet wird.

Milieu

Charakteristika

Mutterschaft

Vaterschaft

Konservative (5%)

altes deutsches Bildungsbürgertum; humanistisch geprägte Pflichtauffassung, gepflegte Umgangsformen; mittleres bis gehobenes Einkommen, zumeist im Ruhestand

erwachsene Kinder: Mütter sind nicht mehr erzieherisch tätig

erwachsene Kinder: Väter sind nicht mehr erzieherisch tätig

Traditionsverwurzelte (14%)

kleinbürgerliche Welt oder traditionelle Arbeiterkultur; sicherheits- und ordnungsliebend, traditionelle Werte; kleine bis mittlere Einkommen, zumeist im Ruhestand

erwachsene Kinder: Mütter sind nicht mehr erzieherisch tätig

erwachsene Kinder: Väter sind nicht mehr erzieherisch tätig

DDR-Nostalgische (5%)

Verlierer der Wende, Verklärung der Vergangenheit, sozialistische Werte; kleine bis mittlere Einkommen, zumeist im Ruhestand

erwachsene Kinder: Mütter sind nicht mehr erzieherisch tätig

erwachsene Kinder: Väter sind nicht mehr erzieherisch tätig

Etablierte (10%)

gebildete Elite; beruflicher Erfolg; pragmatische Lebensphilosophie; hohe und höchste Einkommensklassen

Erziehungs-Managerin: intensive Förderung des Kindes, Kind für den Wettbewerb fit machen, Nutzung professioneller Angebote; Mutter braucht Freiräume für kulturelle und gesellschaftspolitische Aufgaben

Familienvorstand, stellt Weichen für Zukunft des Kindes: Kind als Stammhalter und Erbe; perfektes und zugleich menschliches Vorbild, sanfte Strenge und Verständnis, hohe Leistungserwartungen, betont Sekundärtugenden; letzte Wort bei Entscheidungen

bürgerliche Mitte (15%)

gut gesicherte Verhältnisse; modern-repräsentative Wohnung; leistungsorientiert; mittlere Einkommensklassen

Full-Service-Kraft und Universal-Coach: mit Leib und Seele Mutter; ganzheitliche Erziehung, hoher Zeitaufwand für Kind, große Leistungserwartungen, organisiert Förderangebote/Freundeskreis; begrenzte Berufstätigkeit; intensives Familienleben (Gäste einladen, kochen)

Haupternährer, Feierabend-Vater (Spiele): hilft bei Hausaufgaben (oft bestimmte Fächer); eher weich und verständnisvoll; leidet unter Mangel an Zeit für Kind (zumal berufliche Anforderungen steigen)

Konsum-Materialisten (12%)

Leben im Hier und Jetzt, spontaner und prestigeträchtiger Konsum, Action und Spaß, moderne Unterhaltungselektronik; untere Einkommensklassen, finanzielle Probleme, oft arbeitslos

Versorgungs- und Kuschel-Mutter sowie Hausfrau: übernimmt konkrete Erziehung und praktische Organisation, gibt emotionale Wärme durch Körperkontakt, materielle Verwöhnung, Kind als Statussymbol; beansprucht Zeit für sich (dann Zurückweisung des Kindes); oft Konflikt zwischen Mutter- und Partnerrolle; oft Stimmungsschwankungen: Glück – Perspektivlosigkeit

Geldverdiener und Chef: von Erziehung freigestellt, aber höchste Autorität und letzte Instanz (traditionelle Rollenteilung, hierarchisches Paarverhältnis); vertritt gelegentlich hohe Leistungserwartungen der Gesellschaft (man muss „kämpfen“ können, darf aber nicht negativ auffallen); fühlt sich eher zuständig für Sohn; oft Stiefvater

Postmaterielle (10%)

hoch gebildet, intellektuelle Interessen, kosmopolitisch, 68er-Werte; Lebensqualität wichtig, umwelt- und gesundheitsbewusster Lebensstil; hohes Einkommen

Lebensabschnittsbegleiterin des Kindes: Kind als eigenes Wesen soll auf seinem individuellen Weg begleitet werden, Kind soll Persönlichkeit entfalten und glücklich werden, Schulerfolg weniger wichtig; Muttersein als begrenzte Zeit; Mutter will ganz Mensch sein

gleichberechtigter und gleichgestellter Erzieher: soll wie Frau männliche und weibliche Verhaltensweisen und Eigenschaften zeigen; auch beruflich keine klassische Rollenteilung

Hedonisten (11%)

Spaßorientierte untere Mittelschicht/moderne Unterschicht; Leben im Hier und Jetzt, viel Konsum, Suche nach Fun und Action; beruflich angepasst; untere Einkommensklassen, oft noch in Ausbildung (unter 30 Jahre)

die große Schwester und gute Freundin des Kindes: Abgrenzung vom (spieß-) bürgerlichen Mainstream, viel Freiheit und Verständnis für das Kind; leidet unter dem Verlust der eigenen Freiheit (lustvolles Leben mit Freunden „on the road“); oft allein erziehend, Sehnsucht nach Partner, Gefühl der Überforderung und des Allein-Seins

großer Bruder des Kindes: spielt viel mit ihm und wird dabei wieder zum Kind, hat viel Spaß; geht seine eigene Wege, wenn keine „Lust“ auf das Kind

moderne Performer (10%)

junge, unkonventionelle Leistungselite, ausgeprägter Ehrgeiz; intensives Leben (beruflich, sportlich, privat), experimentierfreudig, Multimedia-Fans; gehobenes Einkommen (zumeist unter 30 Jahre)

Profi-Mutter: Muttersein professionell gelebt, eher intuitive Erziehung (sich selbst kompetent fühlend, lösungsorientiert), Streben nach Erziehungserfolg, Suche nach optimalen Betreuungs- und Bildungsangeboten

engagierter Wochenend-Vater (Freizeit, Events): Erziehung als Projekt von besonderer Bedeutung; Beruf hat Vorrang (oft für Kind nur telefonisch erreichbar)

Experimentalisten (8%)

individualistische neue Bohème, avantgardistisch, Musik/Kunst/Kultur/Szene wichtig, lebenslustig; Karriere/Erfolg weniger wichtig, Patchwork-Karrieren; mittleres Einkommen, oft noch in Ausbildung (unter 30 Jahre)

die begeisterte Mutter entdeckt sich selbst: Mutterschaft als spannende Herausforderung, ermöglicht Selbsterfahrung; nimmt Perspektive des Kindes ernst; oft chaotisch wirkende Erziehung, da rein intuitiv

der Entdecker fremder Welten: gibt Kind viel Freiraum für Selbstentfaltung (eigene Ideen, Sichtweisen, Fragen); wenig Regeln und moralische Vorgaben; Kind als Freund

Deutlich wird, dass es in den Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Leitbilder für die Kindererziehung bzw. für die Elternrollen gibt. Dies gilt auch für Migrantenfamilien. Hier unterscheidet die Sinus-Studie weitere acht Milieus:

Milieu

Charakteristika

Familie

Erziehung

religiös-verwurzeltes Milieu

Traditionelle Werte, religiöser Dogmatismus; kulturelle Enklave, keine Integrationsbereitschaft; meist aus Türkei

Idealisierung der (Groß-) Familie, Aufopfern für die eigene Familie, hoher Wert des „guten Rufes“; in der Regel arrangierte Ehen, strenge Sexualmoral, kein Sex vor der Ehe

strenge und autoritäre Erziehung, religiöse und moralische Gebote sehr wichtig; stark geschlechtsspezifische Erziehung, insbesondere Söhne sollen eine gute Ausbildung bekommen; Jugendliche und Heranwachsende entziehen sich oft der Familie

traditionelles Gastarbeitermilieu

Arbeitsmigranten, Rückkehr oft aber keine Option mehr; Streben nach bescheidenem Wohlstand; niedriges Integrationsniveau, aber Respektieren der deutschen Kultur; meist aus Südeuropa und Türkei

Familie als Solidar- und Versorgungsgemeinschaft und als Ort der Harmonie und Geborgenheit, Abschottungstendenzen; traditionelles Familienbild (Hierarchie, Nur-Hausfrau), aber emanzipatorische Impulse bei Frauen (notfalls Scheidung); hoher Anteil arrangierter Ehen, jedoch Bröckeln der strengen Sexualmoral

Große Bedeutung von Sekundärtugenden; Betonung einer guten Ausbildung; autoritäre Erziehungsleitbilder der (in der Erziehung kaum aktiven) Väter versus warmherzige Erziehungspraxis der Mütter; weniger strenge geschlechtsspezifische Erziehung (aber mehr Kontrolle bei Mädchen); Tolerierung einer freieren Einstellung zu Sexualität und Partnerschaft

statusorientiertes Milieu

Streben nach sozialem Aufstieg, großer Einsatz im Beruf; materielle Ersatzwerte, Streben nach Besitz; angepasst; meist aus Ex-Sowjetunion und Kurdistan

Familie und Partnerschaft als Schonraum gegenüber hartem Berufsalltag; Ehe als Zugewinngemeinschaft (Frau arbeitet), deshalb oft Unzufriedenheit bei Müttern, wenn sie die eigene berufliche Selbstverwirklichung zurückstellen sollen; Fokus auf Kernfamilie, soll vorzeigbar sein; in 2. Generation moderne Einstellungen zu vorehelichen Sexualkontakten und zur Partnerwahl

Betonung von Bildung: Leistungsdruck, eventuell Nachhilfe; Erziehungsziele: Zielstrebigkeit, Denkvermögen, Selbstbewusstsein, gutes Auftreten, soft skills usw.; autoritativer Erziehungsstil; auch Vater beteiligt sich an Erziehung trotz tendenziell traditioneller Rollenteilung – wichtige Entscheidungen fällen aber beide Eltern; keine geschlechtsspezifische Erziehung bis Pubertät

entwurzeltes Flüchtlingsmilieu

Traumatisiert; materialistisch geprägt; keine Integrationsperspektive; meist aus Ex-Jugoslawien

Kleinfamilie als Notgemeinschaft, nostalgisches Ideal der Großfamilie; traditionelle Rollenleitbilder (bei Männern häufig chauvinistische Züge und Pascha-Allüren, dennoch oft stärkere Position der Frauen), Teilzeitjobs der Frauen; keine arrangierten Ehen, keine archaische Sexualmoral

Betonung ethnischer und religiöser Werte und traditioneller Rollenleitbilder, Ablehnung deutscher Sitten und Gebräuche; strenge Erziehung, aber auch materielle Verwöhnung der Kinder; Erziehung weitgehend durch Mutter (Väter entziehen sich oft ihrer familiären Pflichten); feste Beziehungen auch vor der Ehe erlaubt

intellektuell-kosmopolitisches Milieu

Hohe Bildung, intellektuelle Interessen, nach Selbstverwirklichung strebend, weltoffen, emanzipiert; meist aus Ex-Sowjetunion und Türkei

Gleichberechtigung, Selbständigkeit und große Freiheit der Ehepartner (beide berufstätig, mit eigenen Bekannten); partnerschaftliche Rollenteilung angestrebt – aber nicht immer erreicht; Mütter manchmal frustriert, wenn Vereinbarkeit von Familie und Beruf Probleme macht; Familienleben soll funktionieren, muss aber nicht immer harmonisch sein; moderne Sexualmoral; weil auch die Frau sich beruflich verwirklichen will, wird die Familiengründung oft hinausgeschoben oder auf Kinder verzichtet

Betonung einer guten Bildung, vielseitige Förderung der Kinder, oft Überforderung; Kinder sollen aber auch glücklich sein und unbeschwert aufwachsen; moderne Erziehungsziele (Selbständigkeit, soziale Kompetenz, Gerechtigkeitssinn, Selbstbewusstsein, Mehrsprachigkeit); beide Eltern wollen erziehen – gelingt aber oft nicht; liebevolle (eher Laissez-faire) Erziehung; keine geschlechtsspezifischen Unterschiede

adaptives Integrationsmilieu

Pragmatisch, modern; Streben nach gesicherten Verhältnissen und sozialer Integration, bikulturelle Orientierung; meist aus Polen und Kurdistan oder Türken und Südeuropäer der 2. Generation

Familie als Glücksgemeinschaft und Lebensmittelpunkt, intensives Familienleben; gleichberechtigte Partnerschaft, Mitwirkung des Mannes im Haushalt, erwerbstätige Frauen (Mütter zumeist halbtags); bei älteren Paaren arrangierte Ehen, bei jüngeren freie Partnerwahl

Betonung einer guten Bildung, intensive Förderung der Kinder, eventuell zusätzlicher Unterricht; soziale Werte; liebevolle Erziehung, Kinder dürfen mitbestimmen; viel Zeit wird mit Kindern verbracht; Vater beteiligt sich an Erziehung; keine geschlechtspezifische Erziehung; voreheliche Beziehungen werden zunehmend akzeptiert

multikulturelles Performermilieu

Leistungsorientiert, Streben nach Erfolg, Wunsch nach intensivem Leben, Werte-Patchwork; meist junge Menschen, insbesondere Polen oder Ex-Jugoslawen der 2. Generation

Zumeist noch kinderlos (wollen in Partnerschaft zunächst das Leben genießen und erst später Familie gründen; oft Bindungsängste; Leitbild der autarken Persönlichkeit; Ausbildung und Karriere noch vorrangig; Sexualität wichtig; Erwartung einer partnerschaftlichen Aufgabenteilung)

Zumeist noch kinderlos (Partner wollen gemeinsam erziehen, viel Zeit mit Kindern verbringen; wollen Kindern viel Freiraum lassen; legen viel Wert auf Bildung; Erziehungsziele: Selbstentfaltung, Leistungsbereitschaft, Ehrlichkeit)

hedonistisch-subkulturelles Milieu

Unangepasst, verweigert sich den Erwartungen der Gesellschaft; wenig Perspektive, will Spaß haben; meist junge Menschen, vor allem Kurden oder Türken und Südeuropäer der 2. Generation

Zumeist noch ohne Ehepartner, oft bei Eltern wohnend (Ambivalenz gegenüber festen Beziehungen, häufiger Partnerwechsel, zugleich romantische Verklärung von Ehe und Familie; Frauen streben Emanzipation an, Männer schwanken zwischen traditionellen und modernen Rollenleitbildern)

Zumeist noch kinderlos (unterschiedliche Erziehungsvorstellungen und Rollenleitbilder bei Männern und Frauen, oft noch unausgereift)

Bedingt durch Prozesse der Pluralisierung und Individualisierung haben aber nicht nur die verschiedenen Milieus eigene soziokulturelle Orientierungsmuster herausgebildet. Vielmehr ist auch die einzelne Mutter bzw. der einzelne Vater „gezwungen“, für sich selbst das Elternsein zu „erfinden“ und aktiv zu gestalten.

Erziehungsprobleme von Eltern

In diesem Artikel wurde bereits mehrfach auf die Belastungen von Eltern hingewiesen. Abschließend soll speziell auf Erziehungsschwierigkeiten und die Reaktionen darauf eingegangen werden. So ergab die Befragung des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg, dass 2006 mehr Menschen als 2002 häufig bzw. immer eine Unsicherheit in Erziehungsfragen verspürten (11,8 vs. 5,0%). 11,6% der Mütter und 12,1% der Väter waren in Erziehungsfragen häufig oder immer sowie 48,6 bzw. 37,7% manchmal unsicher. Laut der Sinus-Studie fühlten sich 7% der Eltern mit Kindern unter 18 Jahren fast täglich durch ihren Erziehungsalltag gestresst, weitere 25% oft (aber nicht täglich) und 50% gelegentlich (18% selten, eigentlich nie).

Laut der vom Institut für Demoskopie Allensbach für das Bundesfamilienministerium durchgeführten Umfrage beobachteten die Befragten viele Erziehungsfehler von Eltern. Diese

  • nehmen sich zu wenig Zeit für ihre Kinder: 81%
  • lassen die Kinder zu viel fernsehen und mit dem Computer spielen: 78%
  • sind zu nachgiebig gegenüber ihren Kindern, erfüllen ihnen zu viele Wünsche: 68%
  • kaufen den Kindern zu viele Dinge, geben ihnen zu viel Geld: 64%
  • lassen den Kindern zu viele Freiräume, setzen ihnen zu wenig Grenzen: 64%
  • legen nicht genug Wert auf gutes Benehmen, bringen ihren Kindern zu wenig Manieren bei: 63%
  • verhindern nicht, dass die Kinder Gewaltvideos, gewaltverherrlichende Computerspiele oder Fernsehsendungen schauen: 62%
  • machen den Kindern nicht genügend klar, was richtig und was falsch ist: 62%
  • verhindern nicht, dass die Kinder schon früh rauchen oder Alkohol trinken: 55%
  • erziehen die Kinder zu wenig zur Eigenverantwortung: 52%
  • erziehen die Kinder nicht zur Rücksichtnahme auf andere: 51%
  • leben den Kindern die eigenen Werte und Grundüberzeugungen nicht glaubhaft vor: 50%
  • achten zu wenig auf eine gesunde Ernährung ihrer Kinder: 49%
  • achten zu wenig darauf, dass ihre Kinder ausreichend Bewegung bekommen: 47%
  • verhindern nicht, dass die Kinder Drogen ausprobieren: 42%
  • vernachlässigen ihre Kinder zu sehr, die Kinder sind ihnen eher gleichgültig: 32%
  • erziehen die Kinder zu streng, zu autoritär: 9%

Deutlich wird hier, dass die früher weit verbreitete autoritäre Erziehung heute nur noch als eine Ausnahmeerscheinung kritisiert wurde – als Defizit wurde eher das Gegenteil beschrieben: der Mangel an positiver Autorität und an Beschäftigung mit dem Kind. Auch die materielle Verwöhnung, die zu geringe Verhaltenskontrolle und die laxe Werteerziehung wurden problematisiert.

Allerdings wurden hier nicht die von Eltern genannten Erziehungsfehler aufgelistet, sondern die von der Bevölkerung wahrgenommenen. Allerdings wurden sie auch von vielen Eltern beklagt: Beispielsweise waren auch 59% der Eltern der Meinung, dass zu wenig Wert auf gutes Benehmen und auf die Manieren gelegt würde – 4% weniger als bei der Gesamtstichprobe (63%).

Aufgrund der weit verbreiteten Erziehungsunsicherheit und der häufigen Erziehungsschwierigkeiten ist es wenig verwunderlich, dass sich 43% der bei der Umfrage des Staatsinstituts für Familienforschung befragten Eltern eine Beratung oder Hilfestellung wünschten, und zwar vor allem für folgende Themenbereiche:

  • Schule: 35,7%
  • konkrete Erziehungsfragen/Erziehungsziele: 20,9%
  • Jugendliche/Pubertät: 16,4%
  • Ausbildung/berufliche Zukunft: 8,0%
  • allgemein mehr Infos/Beratung zu Familie: 7,3%
  • Sucht/Drogen: 5,8%
  • Förderung: 5,3%

Erziehungsprobleme wurden vor allem mit dem Partner (67,3%), Freunden/Bekannten (57,0%), Verwandten (54,9%), Lehrkräften/Erzieherinnen (45,8%) und (Kinder-) Ärzten (24,3%) besprochen. Eher selten wurden Beratungsstellen (16,2%), (Kinder-) Therapeuten (13,7%), das Jugendamt (8,8%), Arbeitskollegen (5,9%) oder Mütter-/Familienzentren (5,7%) konsultiert. Die befragten Eltern nutzten aber auch Elternzeitschriften mindestens einmal pro Monat (27,2%) oder mehrmals im Jahr (20,2%), Eltern- und Erziehungsratgeber (25,2 bzw. 20,3%), Elternbriefe (14,8 bzw. 17,0%) und Broschüren von Einrichtungen bzw. Behörden (11,0 bzw. 25,8%). Von den Eltern, die selbst das Internet nutzen (n=990), suchten 22% häufig und 38% gelegentlich gezielt Internetseiten zu Familienthemen auf; 81 bzw. 13% benutzten Suchmaschinen, um benötigte Informationen zu erhalten. Institutionelle familienbildende Angebote wurden von 15,7% der Befragten regelmäßig und von 33,2% gelegentlich genutzt – allerdings vor allem für die Geburtsvor- und -nachbereitung (65,5%) und für Mutter-Kind-Gruppen (37,5%); nur 15,4% befassten sich dort mit Erziehungsthemen und 11,4% mit schulbezogenen Fragen.

Familienkindheit heute

Ein Charakteristikum der heutigen Kindheit ist die Pluralität der Lebensformen, in deren Kontext Kinder aufwachsen: Nebeneinander bestehen Dreigenerationen-, Mehrkinder-, Einkind-, Teil-, Patchwork-, Adoptiv- und Pflegefamilien, nichteheliche Lebens- und Wohngemeinschaften. Während noch vor wenigen Jahren beispielsweise Teil- und Stieffamilien, aber auch Einkindfamilien und nichteheliche Lebensgemeinschaften, negativ gesehen wurden und von schlechten Entwicklungsbedingungen für Kinder gesprochen wurde, die unter diesen Umständen aufwachsen, setzt sich heute immer mehr eine andere Auffassung durch: Alle familialen und familienähnlichen Lebensformen werden als eigenständige Varianten mit spezifischen Strukturen und Bewältigungsmechanismen betrachtet, die in ihrer Sozialisationskompetenz zumeist nicht defizitär sind.

Entscheidend sind letztlich immer das Verhalten, die Persönlichkeit und der Erziehungsstil der Eltern sowie die von ihnen bestimmten Familienstrukturen und -prozesse. So bietet eine Teilfamilie Kindern gute Entwicklungsbedingungen, wenn der alleinerziehende Elternteil z.B. seine Rolle positiv definiert, ein gut funktionierendes soziales Netzwerk aufbauen konnte, die Betreuung der Kinder sichergestellt hat, diese weder überbehütet noch vernachlässigt und ihnen intensive Kontakte zu gegengeschlechtlichen Erwachsenen (Rollenmodelle, Identifikationsfiguren) ermöglicht. Zweitfamilien bieten einen die kindliche Entwicklung fördernden Kontext, wenn sie beispielsweise den Kontakt der Kinder zum außenstehenden (nichtsorgeberechtigten) Elternteil ermöglichen und eine Identität als Stieffamilie annehmen (also nicht eine Kernfamilie zu imitieren versuchen).

Es wird immer deutlicher, dass jede familiale und familienähnliche Lebensform besondere Stärken und Schwächen hat. Somit ist letztlich für die Entwicklung von Kindern entscheidend, ob es den (erwachsenen) Familienmitgliedern gelingt, die für ihre Lebensform typischen Stärken zu nutzen und die Schwächen auszugleichen.

Ein Merkmal für die heutige Kindheit ist auch die Labilität der Familienverhältnisse, unter denen Kinder aufwachsen. Zum einen erleben Kinder hautnah die Konflikte ihrer Eltern mit, die sich früher eher hinter geschlossenen Türen abspielten. Vor allem aber wissen sie um Trennung und Scheidung, erleben diese in den Familien ihrer Freunde und Spielkameraden. So haben sie bei Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern Angst um den Fortbestand ihrer Familie und entwickeln eventuell weniger Grundvertrauen. Zum anderen erfahren immer mehr Kinder selbst, was Trennung und Scheidung bedeuten. Sie leben in einer Abfolge von Erstfamilie, Scheidungsfamilie, Teilfamilie und Zweitfamilie, leiden in den Übergangsphasen unter Gefühlen wie Schmerz, Trauer, Angst, Wut, Verwirrung, Depression oder Wertlosigkeit. Oft dauert es mehrere Jahre, bis sie die Scheidung als endgültig ansehen und ihre Folgen größtenteils verarbeitet haben.

Für manche Kinder heißt Kindheit heute, das einzige Kind seiner Eltern zu sein. Das bedeutet: „Einzelkinder wachsen ohne die Erfahrungen der Mehrkinderfamilie auf. Sie haben weitaus weniger Möglichkeiten, sich dem dauernden Zugriff der Erwachsenen zu entziehen, sich in der Altersgruppe zu entlasten, im Umgang mit Gleichaltrigen und Älteren kognitive und soziale Erfahrungen zu machen. Eltern mit nur einem Kind sind leichter in Gefahr, sich zu einseitig auf dieses Kind zu konzentrieren, es zu stark an sich zu binden, ihre Wünsche auf das Kind zu projizieren“ (Süssmuth 1985, S. 98). Einzelkinder sind aber auch auf ihre Eltern fixiert und verlangen von ihnen ein hohes Maß an Zeit und Energie. Während Geschwister sich miteinander beschäftigen können, benötigen Einzelkinder immer wieder ihre Eltern als Spielkameraden oder Gesprächspartner. Oft fühlen sie sich einsam und gelangweilt, wenn diese keine Zeit haben.

Kindheit in pädagogisch besetzten Räumen

Um (Einzel-) Kindern soziale Erfahrungen zu ermöglichen, um sie bestmöglich zu fördern oder auch aus der durch Alleinerzieherschaft oder Berufstätigkeit beider Eltern bedingten Notwendigkeit heraus, werden Kinder schon frühzeitig in Krippen, Kindergärten, Spielgruppen, Musikschulen, Horten oder Sportvereinen angemeldet: Kindheit spielt sich heute zu einem großen Teil in pädagogisch besetzten Räumen ab.

So machen Kinder die Erfahrung einer nahezu durchgängigen Überwachung. Da sie aufgrund der fortschreitenden Verstädterung und Verkehrsgefährdung nur noch wenige Möglichkeiten zum unbeaufsichtigten Spiel haben, wird ihre Entwicklung zu einem großen Teil durch geplante Aktivitäten und Programme bestimmt. Wie bei Erwachsenen ist der Tagesablauf vorgeplant und wird durch die Öffnungszeiten der Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, die terminlich gebundenen Angebote, die Medienzeit und die durch Erwerbstätigkeit und Hausarbeit begrenzten Spielzeiten mit den Eltern geprägt. Spontane Kontakte mit Gleichaltrigen sind nur noch selten möglich; in der Regel werden feste Verabredungen getroffen.

So tritt die Familie schon in der frühen Kindheit immer mehr als ein Erfahrungen vermittelndes Umfeld zurück. Die Eltern organisieren bei jüngeren Kindern das außerfamiliale Programm, überwachen deren Zeitplan, chauffieren sie zu Freizeit- und Bildungseinrichtungen und übernehmen zunehmend eine den Einfluss von Institutionen, Gleichaltrigen und anderen Miterziehern ergänzende und kontrollierende Funktion.

Ist der Zeitplan durch besonders viele terminlich gebundene Aktivitäten in verschiedenen Einrichtungen geprägt, so erleben Kinder den Tagesablauf oft als zerstückelt und ihre Lebensräume als unzusammenhängend. Sie müssen sich immer wieder unterschiedlichen Regeln, Erwartungen und Anforderungen unterwerfen, sich also fortwährend umorientieren. Vor allem bei entgegengesetzten Einflüssen kann es leicht zu Anpassungsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten kommen.

Die Kinder verbringen immer mehr Zeit in unterschiedlichen außerfamilialen Lebensfeldern, in denen sie mit verschiedenen Bezugspersonen konfrontiert werden. Diese können aber Eltern nicht ersetzen: So müssen sich Lehrer, Erzieherinnen, Jugendpfleger, Sozialpädagoginnen, Trainer u.a. um eine große Zahl von Kindern kümmern, begleiten sie nur für eine kurze Zeit ihres Lebens, sind bloß an Teilbereichen ihrer Existenz (z.B. Schulleistungen, soziale Entwicklung, Beherrschung einer bestimmten Sportart oder Erlernen des Umgangs mit einem Musikinstrument) interessiert und begegnen ihnen zumeist mit einer Unterweisungs- und Bildungsabsicht.

Hingegen sind Eltern dauerhafte Bezugspersonen, die eine intensivere Beziehung und umfassendere Erziehung bieten, mehr Anteil am Leben ihrer Kinder nehmen, ihre Individualität stärker achten, mehr Seiten ihres Selbst zeigen und mehr Liebe, Zuneigung und persönliche Verantwortung für sie empfinden. Aber auch Eltern konzentrieren sich häufig nur auf bestimmte Aspekte der kindlichen Existenz, insbesondere auf die Schulleistungen. Beim Erzeugen von Schulstress arbeiten Lehrer und Eltern zumeist unbewusst zusammen.

Von der Selbsttätigkeit zum Konsum

Früher eigneten sich Kinder ihre Umwelt durch Eigentätigkeit an. Sie spielten und arbeiteten mit denselben Werkstoffen wie Erwachsene, ahmten Arbeitsvorgänge ihrer Eltern nach, stellten viele Gegenstände selbst her und mussten Verantwortung für bestimmte Aufgaben wie die Versorgung von Kleinvieh übernehmen. Spiel- und Arbeitstätigkeit gingen ineinander über. Heute haben Kinder nur selten die Möglichkeit, bei der planvollen Produktion von Dingen Fertigkeiten und Kompetenzen auszubilden, kreative Fähigkeiten zu schulen oder zu experimentieren. Selbsttätigkeit und die verantwortliche Erfüllung bestimmter Aufgaben spielen keine nennenswerte Rolle mehr. So sammeln Kinder weniger Erfolgserlebnisse und wissen nicht, was sie können. Dementsprechend verspüren sie weniger Selbstsicherheit und bilden manchmal ein negatives Selbstbild aus. Auch ist es für sie schwieriger geworden, Verantwortungsbereitschaft zu entwickeln.

Eigentätigkeit und das Erlernen von Körperbeherrschung werden ferner dadurch erschwert, dass Kinder immer weniger Möglichkeiten haben, unbeobachtet draußen zu spielen und die freie Natur zu erkunden. Stadtkinder finden immer seltener Spielflächen und verwilderte Grundstücke in der Wohnumgebung, werden immer mehr durch den Verkehr gefährdet. Aber auch auf dem Land werden Außenaktivitäten von Kindern z.B. aus Angst vor Unfällen oder sexueller Belästigung eingeschränkt. Es ist offensichtlich, dass die zunehmende „Institutionalisierung“ von Kindheit auch zu einem Verlust an Heimat führt: Eine Identifikation mit der Region erfolgt nicht, wenn sich das Leben von Kindern nahezu ausschließlich in Einrichtungen abspielt.

Kindliche Aktivität zeigt sich heute vor allem im Konsum. Kinder sind von einem Überangebot an Spielsachen umgeben, die aber immer häufiger vorprogrammiert sind: Das Spiel beschränkt sich nur noch auf die Bedienung. Im Kindergarten, in Freizeiteinrichtungen und in Vereinen konsumieren Kinder von Fachleuten entwickelte Spielprogramme, in der Schule nehmen sie mehr oder minder passiv Wissen auf. Auch in der Jugend spielt Konsum eine große Rolle, ist der Markt allgegenwärtig: Das Freizeitverhalten umfasst in erster Linie den Kauf und Gebrauch von Waren und Dienstleistungen.

Aufgrund der Konsumorientierung sind Kindheit und Jugend sehr teuer geworden: Schwimmkurs und Musikschule, Spielsachen und Computer, modische Kleidung und Teenagerzeitschriften, Diskothekenbesuch und Jugendtourismus kosten viel. So kommt es in Familien immer häufiger zu Konflikten um Geld, das vielfach von Kindern und Jugendlichen als Rechtsanspruch, Liebesbeweis oder Wiedergutmachung für Benachteiligungen (wie fehlende Zeit der Eltern) gesehen wird. Aufgrund der langen Schul- und Ausbildungszeit, aber auch von Jugend- und Akademikerarbeitslosigkeit, kann sich die finanzielle Belastung der Familie durch Kinder bis nach deren 30. Lebensjahr hinziehen.

Kinder und Jugendliche sind heute einerseits aus Zentren des Alltagslebens wie der Arbeitswelt ausgegliedert, so dass viele Lebensvollzüge Erwachsener undurchschaubar geworden sind und das Begreifen der Welt schwieriger geworden ist. Andererseits werden Erwachsenen- und Kinderweit aber auch einander immer ähnlicher: So sind sowohl Erwachsene als auch Kinder Konsumenten und werden als solche angesprochen. Aufgrund der erwähnten Verlagerung der Kindheit in Institutionen wird das Leben beider Altersgruppen vor allem durch Zeitpläne, Rationalität, Entpersönlichung, Entsinnlichung und Aufsplitterung geprägt. Da die rasante technische und wissenschaftliche Entwicklung Erwachsene zu Fortbildung, zum Erwerb von Zusatzqualifikationen und eventuell sogar zur Umschulung zwingt, lassen sich auch Lernen und Wissensaneignung nicht mehr als allein für die Kindheit typisch bezeichnen. Ferner ist bei Erwachsenen vermehrt ein adoleszenter Lebensstil festzustellen, wie er sich z.B. in einem häufigen Partnerwechsel, einer zunehmenden Bedeutung der Freizeit und ähnlichen Erfahrungen, Interessen und Hobbies zeigt. Schließlich heben die Medien die Trennung zwischen den Lebensbereichen von Erwachsenen und Kindern auf. Letztere werden über Sexualität, Gewalt. Tod usw. informiert. Kinder „wissen“ schon alles, bevor sie es als Jugendliche oder Erwachsene selbst erfahren können. „Ein heutiges Kind kennt durch das Fernsehen bereits die ganze Welt, ehe es alleine eine Straße überqueren kann“ (Barthelmes/Sander 1988, S. 383).

Kindheit ist zunehmend zu einer „Medienkindheit“ geworden. Das Ausmaß der Mediennutzung ist von der Schicht, dem Bildungsstand der Eltern. der vom Kind besuchten Schulform und dem elterlichen Erziehungsverhalten abhängig. Dadurch wird auch bedingt, ob das Fernsehen mehr zur Unterhaltung oder zur Wissenserweiterung benutzt wird und inwieweit über Medieninhalte in der Familie diskutiert wird. Kinder, die mangels attraktiver Freizeitalternativen, aus Gewohnheit oder aufgrund des Verhaltens der Eltern („Ruhigstellung“ von Kleinkindern durch Einschalten des Fernsehgerätes) viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, haben weniger Gelegenheit, sich im Spiel oder durch andere Formen der Eigentätigkeit weiterzuentwickeln. Auch werden ihre Artikulationsfähigkeit, ihre Erfindungsgabe und ihr Sozialverhalten weniger gefördert. Zudem sprechen Filme im Gegensatz zu Büchern weniger den Intellekt an, verlangen weniger kognitive Fähigkeiten und Phantasie. Allerdings vermitteln Medien aber auch zeitgenössische Jugendbilder als Orientierungsmaßstäbe und bieten Stoff zur Bearbeitung von Lebensthemen und Alltagsproblemen (z.B. von Ängsten, Sexualität oder Autonomie).

Das Fernsehen suggeriert, dass die Wirklichkeit besonders echt wiedergegeben wird: Vor allem für kleine Kinder ist wahr, was auf dem Bildschirm abläuft. Kinder merken nicht, dass sie „Wirklichkeit aus zweiter Hand“ erfahren. Problematisch ist ferner, dass die Kinder mit Bildern von Gewalt, Umweltverschmutzung, Krieg usw. überschüttet und damit oft verängstigt und verunsichert werden. Die Erwachsenenwelt scheint voller Probleme zu sein, da das Fernsehen fast ausschließlich negative Formen der Kommunikation, der Beziehungsgestaltung und Konfliktbewältigung zeigt. Die meisten Hauptpersonen in Filmen wirken eher als negative Vorbilder, da sie nicht diejenigen Eigenschaften haben, die sich Kinder aneignen sollen.

Besonders problematisch ist, wenn Kinder viele Videofilme sehen, da in ihnen Gewalt und Sexualität besonders stark thematisiert werden. Aber auch die Werbung wirkt Erziehungszielen entgegen, wenn sie z.B. ein Bild der Frau als gefügiges und unterwürfiges Sexualobjekt vermittelt oder fortwährend neue Wünsche weckt. Schließlich kann das Fernsehen für Eltern zur Interpretationskonkurrenz werden und ihre Autorität untergraben, wenn es Kindern die Schwächen der Erwachsenen zeigt und sie mit anderen Werten, Normen und Meinungen konfrontiert. So überrascht nicht, dass die Eltern immer weniger Bedeutung für das kindliche Rollenspiel haben.

Als ein weiteres Charakteristikum von Kindheit heute muss die Kinderfeindlichkeit unserer Gesellschaft bezeichnet werden. Zum einen sind viele Erwachsene nicht mehr an den Geräuschpegel, die Aktivitätsbedürfnisse und die Neugier von Kindern gewöhnt, da Familien mit Kindern zur Minderheit geworden sind. Zum anderen werden die kindlichen Entwicklungsbedürfnisse trotz einer Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse bei der Raum- und Wohnungsplanung, im Bildungswesen und hinsichtlich der Vereinbarkeit von Arbeitsleben und Familie missachtet: Vor allem die städtische Umgebung ist verplant, anregungsarm und gefährlich; Kinderzimmer sind bei weitem zu klein; die Schule entzieht sich ihrer erzieherischen Verantwortung; Alleinerziehende und Eltern, die beide erwerbstätig sind, können oft eine angemessene Betreuung ihrer Kinder nicht sicherstellen. Der Familienleistungsausgleich gilt – trotz Verbesserungen in den letzten Jahren – nach Expertenmeinung noch immer als unzureichend. Auch erfahren Kinder zu wenig Hilfe, wenn sich ihre Eltern in bedrängten Lebenslagen (z.B. Scheidung, Arbeitslosigkeit, Versorgung pflegebedürftiger Großeltern) befinden.

Familienerziehung

Seit dem 19. Jahrhundert und verstärkt seit den 1960er Jahren rückt das Kind immer mehr in den Mittelpunkt der Familie – ja viele Ehen werden erst geschlossen, wenn sich die Partner für die Zeugung eines Kindes entschieden haben. So sind heute die meisten Kinder Wunschkinder. Die Eltern orientieren sich an ihren Bedürfnissen und Wünschen, legen großen Wert auf ihre Erziehung. Diese Entwicklung beruht auf der wachsenden Bedeutung des Kindes im psychischen Haushalt seiner Eltern: Es soll ihrem Leben Sinn geben, der in der Arbeitswelt und der Religion immer weniger gefunden wird. Auch soll es emotionale und psychische Bedürfnisse der Eltern befriedigen, z.B. Zärtlichkeit geben und ein Liebesobjekt oder Gesprächspartner sein. Zudem betrachten viele Eltern die Erziehung als eine Möglichkeit der Selbstentfaltung und eigenen Weiterentwicklung. Diese Haltung, aber auch der Wunsch, das Kind solle es besser haben als man selbst, führt leicht zur materiellen und sozialen Verwöhnung. So muss das Kind in Haushalt und Garten nicht helfen, werden die meisten seiner Wünsche erfüllt. Oft wird es überbehütet, wird seine Ablösung erschwert, muss es lebenslang dankbar sein.

Kinder werden vielfach aber auch als Hindernis im Individuationsprozess gesehen. Vor allem Kleinkinder zwingen Eltern ihren Lebensrhythmus auf und verhindern eine sofortige Wunscherfüllung. Ältere Kinder stehen ebenfalls ihren Eltern häufig bei Freizeitaktivitäten, Entspannung und Selbstverwirklichung im Wege. Häufig erscheinen sie als finanzielle, zeitliche und psychische Belastung. So kommt es manchmal zur Vernachlässigung von Kindern. Oft erleben diese aber auch einen fortwährenden Wechsel zwischen hoher Aufmerksamkeit und Spielbereitschaft auf der einen oder plötzlicher Zurückweisung und Bestrafung auf der anderen Seite – je nachdem, ob sich der Elternteil gerade durch das Kind in seiner Selbstentfaltung eingeschränkt fühlt oder es zur Befriedigung emotionaler Bedürfnisse benötigt. Bei einem derartig wechselhaften Erziehungsstil oder bei Vernachlässigung reagieren manche Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten.

Hinsichtlich der Vater-Kind-Beziehung ist festzuhalten, dass Väter laut einer Vielzahl wissenschaftlicher Forschungsergebnisse ein der Mutter-Kind-Beziehung gleichwertiges Verhältnis zu Kindern aufbauen und genauso gut deren physische, psychische und soziale Bedürfnisse befriedigen können. So beschäftigen sich manche jüngeren Väter intensiv mit Erziehungsfragen, widmen ihren Kindern viel Zeit und übernehmen einen Teil der Hausarbeit. Sie wollen von ihnen aus Liebe akzeptiert werden und pochen nicht auf ihre Autorität. In einigen dieser Fälle entsteht eine gewisse Rivalität zwischen den Eltern, die gegeneinander um die Zuneigung ihrer Kinder wetteifern. Viele Väter sind aber weiterhin nur wenig an der Erziehung beteiligt, da für sie die Vaterrolle eine Nebenrolle ist oder weil sie beruflich überlastet sind und ihnen die Energie zum Spielen oder zum Gespräch mit ihren Kindern fehlt. In vielen Teilfamilien besteht kaum Kontakt zum nichtsorgeberechtigten Vater, so dass es an einem männlichen Rollenmodell mangelt. Bei Mädchen können daraus Schwierigkeiten im Umgang mit dem anderen Geschlecht und bei Jungen Probleme bei der Entwicklung einer Geschlechtsrollenidentität resultieren, sofern nicht andere männliche Bezugspersonen ausgleichend wirken.

In der Mutter-Kind-Beziehung lassen sich häufig negative Auswirkungen der Emanzipationsbewegung feststellen. So fühlen sich viele Hausfrauen abgestellt, minderwertig und benachteiligt, vermissen ihren Beruf und leiden unter Isolierung, Unausgefülltsein und einer Abwertung ihrer Tätigkeit. Ihre Unzufriedenheit und negative Gestimmtheit führen leicht zu einem unangemessenen Verhalten gegenüber dem Kind, das als Fessel erlebt wird. Manche Frauen versuchen auch, ein positives Selbstbild zu entwickeln, indem sie eine „perfekte“ Hausfrau und Mutter sein wollen. In diesen Fällen kommt es leicht zu einer Überbehütung und Verwöhnung der Kinder, die nahezu jeden Wunsch gegenüber der Mutter durchsetzen können und diese somit beherrschen.

Erwerbstätige Mütter und Alleinerziehende sind hingegen vielfach überlastet. Sie haben häufig Probleme mit der Kinderbetreuung und erleben Trennungsschmerz und Schuldgefühle, wenn sie morgens Kleinkinder in der Krippe, bei der Tagesmutter und in der Kindertagesstätte abgeben. Sie sind leicht gereizt und ungeduldig, leiden unter ihrer zersplitterten Existenz und der fortwährenden Hetze.

Im Vergleich zu früher ist der Erziehungsstil von Eltern partnerschaftlicher geworden, werden Kindern größere Freiheiten und Mitbestimmungsrechte zugestanden. In vielen Familien herrscht ein kameradschaftlicher Umgangston vor. Eltern sind zunehmend bereit, mit Kindern über alles zu sprechen und ihr erzieherisches Verhalten zu begründen. Sie versuchen, die heute geltenden Erziehungsziele wie Selbständigkeit, Mündigkeit, Reife und Selbstaktualisierung zu erreichen. Kindererziehung ist aber auch schwieriger geworden: Zum einen ist der Selbstanspruch der Eltern gestiegen; sie wollen dem Kind eine optimale Entwicklung gewährleisten. Zum anderen sind sie im Vergleich zu früher verunsichert: Sie haben zumeist mit der Erziehungstradition ihrer Eltern gebrochen, können sich aufgrund der geänderten Verhältnisse nicht mehr an der eigenen Erziehung orientieren. Oft fühlen sie sich durch Experten wie Lehrer und Psychologen als Erzieher dequalifiziert oder geraten mit anderen Betreuungspersonen ihrer Kinder, mit deren Anforderungen und Erwartungen in Konflikt. Durch die Medien werden sie mit einer Vielzahl unterschiedlicher Vorbilder sowie mit widersprüchlichen pädagogischen Theorien, Normen und Erziehungsratschlägen konfrontiert.

Zudem widersprechen innerfamiliale Werte wie Vertrauen, Offenheit, Rücksichtnahme und Solidarität außerfamilialen Erwartungen wie Wettbewerbsdenken und Leistungsdruck: Kinder müssen für zwei Welten erzogen werden, zwischen denen immer wieder vermittelt werden muss. Festzuhalten ist: „Eltern sind in der Erziehung weitaus stärker als früher durch persönliche Autorität und überzeugende Argumente gefordert. Die erziehende Umwelt fällt weitgehend aus. Viele Eltern fühlen sich mit der Erziehungsaufgabe allein gelassen“ (Süssmuth 1987, S. 3).

Manchmal ist bei Eltern auch ein pädagogischer Machbarkeitswahn festzustellen: Sie wollen ein perfektes Kind, wollen es bis zum Studium bringen. So wird im Namen der Zukunft die Gegenwart übersehen. Das Kind steht fortwährend unter Druck; seine Grenzen werden nicht gesehen. Immer wieder wird in sein Leben eingegriffen.

Eine andere problematische Entwicklung in der Familienerziehung zeigt sich in der Korrumpierung von Liebe und Zuneigung: Da Körperstrafen generell abgelehnt werden, wird das Kind durch Liebeszufuhr und Liebesentzug gelenkt. So macht es die Erfahrung, dass es nicht um seiner selbst willen geliebt wird, sondern nur um seiner Taten. Ähnliches gilt für den Fall, dass positives Verhalten mit Geld, Schleckereien und Geschenken belohnt wird. Ferner ist problematisch, wenn materielle Dinge als Liebesbeweise eingesetzt oder gesehen werden. So geht nicht nur der Charakter von Liebe und Geschenken verloren, sondern das Kind entwickelt sich auch zu einem Materialisten.

Manche Eltern versuchen schließlich, für Problemkinder entwickelte psychologische Techniken direkt in die Erziehung umzusetzen. Sie möchten, dass das Kind tut, was die Eltern wollen, und dabei glaubt, es wolle das selbst (Verhaltenstherapie). Oder sie suchen fortwährend nach Motiven hinter dem Verhalten des Kindes, unterwerfen es diesbezüglichen Interpretationen und versuchen die Beweggründe zu beeinflussen (Psychoanalyse).

Ehe- und Familienprobleme

Vielen Familien gelingt es nicht, ihre Funktionen wie die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse, Haushaltsführung, Sozialisation, Freizeitgestaltung und emotionaler Spannungsausgleich angemessen zu erfüllen sowie entwicklungsfördernde Formen und Strukturen des Zusammenlebens aufzubauen. Besonders oft ist die Ehebeziehung gefährdet, wofür es eine Vielzahl von Gründen geben kann: zu hohe Erwartungen, irrationale Einstellungen, Kommunikationsstörungen, mangelnde Konfliktlösungskompetenz, Machtkämpfe, ungerechte Arbeitsteilung, neurotische Verhaltensweisen, psychische Erkrankung oder Suchtmittelmissbrauch eines Partners, Behinderung der Selbstentfaltung durch den Ehegatten, Einmischung von Verwandten, berufliche Belastung u.v.a.m. In diesen Fällen nehmen Ehequalität und Ehezufriedenheit allmählich ab, lassen positive Gefühle wie Liebe und Zuneigung nach, schwindet die sexuelle Befriedigung, treten negative Aspekte der Paarbeziehung immer mehr in den Vordergrund.

3. Exkurs: Mythen als Verursacher von Paarproblemen

Insbesondere in unserer stressigen und hektischen Leistungsgesellschaft können die folgenden Mythen leicht zum Ende einer Ehebeziehung führen:

1. Die Liebe soll immer im Mittelpunkt der Ehe stehen. Wer liebt, weiß, was der Partner will, mag, fühlt und denkt. Er versucht immer, alle Wünsche des anderen zu erfüllen und ihn glücklich zu machen. Auch ist er selbstlos und hält die Bedürfnisse des anderen für wichtiger als die eigenen. Wer liebt, tut alles mit dem Partner gemeinsam und sucht immer dessen Nähe.

2. In der Ehe finden wir all die Zuwendung und Liebe und sogar die guten Ratschläge, die uns unsere Eltern vorenthielten. Sie nützt beiden Partnern, bietet Sicherheit und stärkt die eigenen Selbstwertgefühle.

3. In einer guten Ehe gibt es keine Meinungsverschiedenheiten. Die Partner sind immer offen und ehrlich, haben dieselben Auffassungen, Einstellungen, Ideale und Ziele. Beide wissen von Anfang all, wie sich ein Ehemann bzw. eine Ehefrau verhalten soll. Auch verstehen sie sofort nonverbale Botschaften.

4. Eine gute Ehe „geschieht einfach“, ohne dass sich die Partner anstrengen und an ihrer Beziehung arbeiten müssen. Sie wandelt sich nicht im Verlauf der Zeit.

5. In einer guten Ehe gibt es keine sexuellen Probleme. Man weiß instinktiv, was der andere Partner im Bett erleben will.

6. Der Partner kann verändert und in die gewünschte Form gebracht werden. Zu diesem Zweck eignet sich Kritik besser als positives Feedback.

7. Auseinandersetzungen kennzeichnen eine schlechte Ehe. Die angeborenen Unterschiede zwischen Mann und Frau verursachen die meisten Konflikte.

8. Wenn etwas misslingt, ist immer eine Person dafür verantwortlich. Bei Auseinandersetzungen hat immer ein Partner Recht und der andere Unrecht. Viele Ursachen von Konflikten liegen in der Vergangenheit – so sollte man alte Probleme und Streitfragen immer wieder diskutieren, damit sie endlich gelöst werden.

9. Eine schlechte Ehe kann gerettet werden, indem die Partner ein Kind zeugen. Eltern müssen um der Kinder willen zusammenbleiben und sollten sich nie scheiden lassen.

10. Die Eltern sind allein für die Entwicklung ihrer Kinder verantwortlich. Sie sollen niemandem erlauben, sich in die Erziehung oder in andere Familienangelegenheiten einzumischen.

In einigen Ehen nimmt die Konflikthaftigkeit zu, eskalieren Auseinandersetzungen immer häufiger und münden in verbalen Verletzungen oder sogar in Gewalttätigkeiten. Manche Ehegatten unterbrechen diesen Teufelskreis, indem sie einander aus dem Weg gehen und Konflikte zu vermeiden suchen. In anderen Ehen kommt es zu einer langsamen Entfremdung, weil sich die Partner auseinander entwickeln und unterschiedliche Lebensstile ausbilden. Zu einer abrupten Verschlechterung der Paarbeziehung kann es kommen, wenn z.B. ein außereheliches Verhältnis entdeckt wurde oder Krisen wie Arbeitslosigkeit, eine schwere Erkrankung, die Geburt eines behinderten Kindes oder die Aufnahme eines pflegebedürftigen Verwandten auftreten. Die skizzierten Entwicklungen können zu ganz unterschiedlichen problematischen Beziehungsmustern führen: dauerhafte konfliktreiche Ehen, distanzierte Beziehungen (Abkapselung der Partner), Spaltung der Familie (z.B. verbündet sich ein Ehegatte mit den Kindern, der andere wird isoliert), stabile unbefriedigende Ehe etc. – oder zu Trennung und Scheidung.

Verhaltensauffälligkeiten und ihre innerfamilialen Ursachen

Unabhängig davon, ob die Eltern in einer konflikthaften Paarbeziehung bleiben oder sich trennen, werden zumeist die Kinder in Mitleidenschaft gezogen. Sie leiden unter den Auseinandersetzungen und der Unzufriedenheit ihrer Eltern, eventuell auch unter deren Suchtmittelmissbrauch und Gewalttätigkeit. Oft werden sie vernachlässigt, da die Eltern mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. In manchen Fällen werden sie zu Vermittlern, Schiedsrichtern bzw. Verbündeten gemacht.

Bei häufigen Ehekonflikten und zunehmender Entfremdung der Gatten wird Kindern vielfach auch die Rolle eines Ersatzpartners zugeschrieben, der die emotionalen Bedürfnisse eines Elternteils befriedigen, ihm Trost spenden und als verständnisvoller Gesprächspartner dienen soll. Manchmal wird diese Beziehung so eng, dass sie zum Inzest führt, oder die Angst vor demselben wird so groß, dass körperliche Berührungen nicht mehr zugelassen werden und die Kinder starke sexuelle Hemmungen entwickeln. In diesen Fällen werden die Kinder an einen Elternteil gekettet und verlieren den anderen. Es kann sich negativ auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität auswirken, wenn der verbündete Elternteil gegengeschlechtlich ist und die Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen unmöglich macht.

Wenn die Ehepartner aufgrund ihrer Konflikte oder aus anderen Gründen nicht mehr ihren familialen Aufgaben nachkommen, kann auch ein Kind parentifiziert werden: Es verzichtet auf altersgemäße Aktivitäten und Entwicklungsbedingungen, um die Führung der Familie und die Erziehung seiner Geschwister zu übernehmen.

In anderen Fällen werden Kinder für die Familienprobleme verantwortlich gemacht und zum Sündenbock erklärt. Dazu kann es aber auch kommen, wenn die Eltern Spannungen aus ihrem Arbeitsverhältnis abreagieren wollen, sich durch individuelle Charakteristika oder Ablösungsbestrebungen der Kinder bedroht fühlen oder in sie verpönte Bestrebungen, Gefühle und Gedanken hineinprojizieren und sie deswegen stellvertretend bestrafen. Sie benutzen den Sündenbock als Ventil für Aggressionen, vermeiden durch die Rollenzuschreibung die Auseinandersetzung mit ihren Problemen und stabilisieren auf diese Weise ihre Persönlichkeit und ihre Beziehungen. Der Sündenbock entwickelt hingegen negative Gefühle, wird in seiner Individuation behindert und wird oft verhaltensauffällig.

Manche Kinder entwickeln auch Symptome, um die Ehe ihrer Eltern zu retten. So setzen sie diese ein, um die Aufmerksamkeit der Eltern während einer heftigen Auseinandersetzung auf sich zu ziehen und sie von dem Ehekonflikt abzulenken. Ähnlich wie verhaltensgestörte Sündenböcke zwingen sie ihre Eltern, sich mit ihren Symptomen und ihrer Behandlung zu beschäftigen. Beide werden zur Zusammenarbeit gezwungen, da sie nur so das Verhalten ihrer Kinder kontrollieren und die von ihnen außerhalb der Familie erzeugten Schwierigkeiten bewältigen können. In all diesen Fällen gewinnen die Kinder eine große Macht, da sie im Mittelpunkt des Familienlebens stehen, Schuldgefühle und Ängste hervorrufen und auf diese Weise die Eltern zu bestimmten Reaktionen zwingen können. Zudem erfahren sie einen sekundären Krankheitsgewinn, da die Eltern sich immer mehr um sie bemühen, sich für sie aufopfern oder sie von bestimmten Pflichten entbinden.

Viele Kinder erlernen auffällige Verhaltensweisen in ihren Familien, indem sie andere Mitglieder unbewusst nachahmen. Häufig versuchen sie auch, durch derartige Reaktionen die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu ziehen – insbesondere wenn ihnen dieses durch ein sozial akzeptiertes Verhalten nicht gelingt, wenn sie also z.B. vernachlässigt werden oder aufgrund von extrem hohen Erwartungen nur selten ein Lob erhalten. Die Reaktionen der anderen Familienmitglieder, egal ob es sich dabei um Strafen, Verärgerung, Angst oder Sorge handelt, werden dann als Selbstbestätigung und Zeichen von Anteilnahme und Interesse gedeutet. Sie wirken also als positive Verstärker, erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens dieser Verhaltensauffälligkeiten und führen zu ihrer Verfestigung. Schließlich verhalten sich die Kinder auch außerhalb der Familie auffällig – insbesondere wenn dort ihr Verhalten ebenfalls positiv verstärkt wird, sie sich also z.B. aufgrund ihrer Aggressivität eine führende Position in der Schulklasse erkämpfen können und von ihren Mitschülern bewundert werden.

Häufig sind in Familien, in denen Kinder verhaltensauffällig werden, auch andere Personen mehr oder minder stark gestört – sie leiden ebenfalls unter pathogenen Familienprozessen und -strukturen. So werden in diesen Fällen oft Kommunikationsstörungen und ungewöhnliche Interaktionsmuster festgestellt. Unter diesen Umständen lernen Kinder nicht, sich klar und deutlich auszudrücken, Gedanken und Gefühle auf angemessene Weise zu äußern, richtig zuzuhören oder den Sinn unverstandener Botschaften mit Hilfe von Rückfragen zu ermitteln. Häufig erleben sie, dass ihre Mitteilungen ignoriert oder disqualifiziert werden.

In anderen Fällen kommt es zu Konflikten mit den Eltern, die durch ihr Bestreben nach Individuation und Selbständigkeit, die Ablösungsproblematik, verschiedene Wertsysteme, unterschiedliche Vorbilder und viele andere Gründe hervorgerufen werden. Diese können sich negativ auswirken, wenn die Kinder hart bestraft oder ausgestoßen werden, wenn sie sich ungeliebt fühlen und ein negatives Selbstbild entwickeln. Manchmal ziehen sie sich zurück, kapseln sich ab und distanzieren sich von ihren Eltern. In anderen Fällen werden sie aggressiv und feindselig. Sie können aber auch die Konflikte verinnerlichen, die sich dann in Symptomen äußern.

Manchen Kindern werden pathogen wirkende Rollen zugewiesen: So wird z.B. schon bei ihrer Geburt erwartet, dass sie später Arzt, Priester, Künstler oder Filmstar werden. Viele werden in Rollen wie die des Genies oder Dummkopfes, des „hässlichen Entleins“ oder der berauschenden Schönheit, des „schwarzen Schafes“ oder des Helden hineingedrängt. Richter (1969) verweist noch auf folgende Rollenzuschreibungen: „Unter Anlehnung an die von S. Freud angegebene Einteilung menschlicher Partnerbeziehungen (‚Objektwahlen‘) lassen sich beschreiben: die Rollen des Kindes als Substitut für eine Elternfigur, für einen Gatten oder eine Geschwisterfigur, als Abbild des elterlichen Selbst, als Substitut des idealen oder des negativen Aspekts des elterlichen Selbst und als umstrittener Bundesgenosse. In jeder dieser Rollen stecken zugleich Merkmale der normalen Eltern-Kind-Beziehung. Aber je einseitiger und enger die Eltern dem Kind die jeweilige Rolle in ihrer teils bewussten, teils unbewussten Einstellung vorschreiben, umso mehr erhöht sich die Belastung für das Kind, umso eher gerät es in die Gefahr einer neurotischen Erkrankung“ (S. 17). In all diesen Fällen stehen die Kinder unter dem Druck, die zumeist unbewussten Erwartungen ihrer Eltern erfüllen zu müssen. Sie erleben, dass ihre Eigenarten, Bedürfnisse und Wünsche ignoriert werden, dass sie bei ihren Bestrebungen nach Individuation und Selbstverwirklichung sehr schnell an Grenzen stoßen.

Ferner wirken sich oft „Delegationen“ (Stierlin 1976) negativ aus. So werden Kinder häufig mit der Mission betraut, für ihre Eltern bestimmte Aufgaben auf der Es-Ebene (z.B. Ersatzbefriedigung unterdrückter Triebimpulse), Ich-Ebene (Bewältigung von Schwierigkeiten, an denen die Eltern scheiterten) oder Überich-Ebene (z.B. Sühnung „böser“ Taten) zu erfüllen. Diese Aufträge werden zumeist schon recht früh übermittelt – lange bevor dann die Kinder als Delegierte fortgeschickt werden, aber über ein Loyalitätsband mit ihren Eltern verknüpft bleiben. Problematisch ist, wenn die Aufträge die Kinder überfordern, im Widerspruch zueinander stehen oder gegen ein Elternteil gerichtet sind. Wie bei der Rollenzuschreibung werden auch hier die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder eingeschränkt, werden sie mit bestimmten Aufgaben belastet.

Viele Kinder entwickeln Symptome, weil sie in symbiotischen Beziehungen mit ihren Eltern „gefangen“ sind. Derartige Beziehungen entstehen vor allem dann, wenn zwischen den Eltern eine „emotionale Scheidung“ stattgefunden hat und sie sich nun ihren Kindern zuwenden, sie zu Ersatzpartnern machen und von ihnen die Zuneigung, das Verständnis und die Aufmerksamkeit verlangen, die ihnen ihr Ehegatte vorenthält. Oft spielen aber auch Abhängigkeitsbedürfnisse, das Gefühl der eigenen Unvollständigkeit oder Angst vor der Leere nach der Ablösung der Kinder eine Rolle. Ähnliche unbewusste Bestrebungen liegen „Bindungen“ (Stierlin) zugrunde, die auf der Es- (z.B. Verwöhnung), Ich- (Mystifikation) und Überich-Ebene (Gefühl der Verschuldung gegenüber den Eltern) erfolgen können. Eine andere Situation entsteht bei Projektionen, bei denen ein Elternteil Persönlichkeitssegmente, Triebimpulse oder Aspekte intrapsychischer Konflikte unbewusst in ein Kind verschiebt. So mag z.B. ein Vater seine aggressiven Impulse in seinen Sohn hineinprojizieren, der dann diese ausagiert und bestraft wird. Auf diese Weise werden sowohl die aggressiven Bestrebungen des Vaters als auch sein Strafbedürfnis befriedigt.

Ferner kommt es vielfach zur Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten, wenn die Eltern fortwährend zwischen Phasen der Verwicklung und Symbiose auf der einen und Phasen der Distanziertheit auf der anderen Seite wechseln. Dann sind die Kinder verwirrt und entwickeln keine Verhaltensmaßstäbe. Ähnliches gilt für den Fall, dass sich die Eltern nicht auf Regeln für das Verhalten ihrer Kinder einigen können. Ferner wirkt sich negativ aus, wenn Regeln unklar sind, dem Alter der Kinder nicht angemessen sind, nicht an deren Entwicklung angepasst werden oder nicht durchgesetzt werden. Extreme Regeln, übertriebene Familienwerte und Mythen können zum Problem werden, wenn sie das Verhalten der Kinder übermäßig einschränken und in großem Gegensatz zu den Normen des sozialen Umfeldes stehen.

Selbstverständlich wird auch die Entwicklung von Kindern geschädigt, wenn die Eltern ihrer erzieherischen Funktion nicht nachkommen. So erfüllen manche Männer ihre väterlichen Pflichten nicht, weil sie zu sehr durch den Beruf beansprucht werden oder Pflege und Erziehung entsprechend dem traditionellen Geschlechtsrollenleitbild ihren Partnerinnen als Aufgabe zuweisen. Einige Frauen lehnen den Lebensstil einer jungen Mutter ab, bleiben vollerwerbstätig und überlassen die Versorgung ihrer Kinder einer wechselnden Zahl von Betreuungspersonen – was unter Umständen sogar zu Deprivationserscheinungen führen kann. Geben sie hingegen ihren Beruf auf, so machen manche ihre Kinder für den Verlust an Kontakten und Befriedigungen verantwortlich und lehnen sie ab.

Manchmal fehlen Eltern auch die für die Pflege und Erziehung ihrer Kinder notwendigen Fertigkeiten, da sie zuvor keine Erfahrungen im Umgang mit kleinen Kindern sammeln konnten. So mögen sie ihre Kinder vorzeitig entwöhnen, zu früh mit den Anforderungen der Reinlichkeitserziehung konfrontieren, dabei zu streng und ungeduldig vorgehen, den Willen der Kinder in der Trotzphase zu brechen versuchen oder ihnen dann keine Grenzen setzen. Manche erschweren die Ablösung der Kinder, indem sie sie z.B. nicht mit anderen Kindern in Kontakt bringen und zu wenig an die Betreuung durch Dritte gewöhnen. Dann können der Eintritt in den Kindergarten oder die Einschulung zu Krisen werden. Die Ablösungsproblematik wird später wieder in der Pubertät aktuell und kann mit Machtkämpfen und Konflikten verbunden sein, wenn die Kinder von ihren Eltern nicht „losgelassen“ werden.

Häufig kommt es auch zur Ausbildung von Verhaltensauffälligkeiten, wenn die Eltern einen der folgenden Erziehungsstile praktizieren:

  • Vernachlässigung: Die Eltern kümmern sich kaum um ihre Kinder, zeigen wenig Interesse an ihren Gedanken und Gefühlen, befriedigen nicht ihre Bedürfnisse und bieten ihnen nur wenig Zuwendung, Wärme und Selbstbestätigung. Oft sind sie durch berufliche, gesellschaftliche und sportliche Aktivitäten so ausgelastet, dass kaum Zeit für die Kinder bleibt. In anderen Fällen betrachten sie sie als Hindernisse für die eigene Selbstverwirklichung oder als Konkurrenten um die Liebe ihres Ehepartners.
  • Verwöhnung: Die Eltern erfüllen ihren Kindern jeden Wunsch, verweichlichen und unterfordern sie. Sie versuchen, ihnen alle Versagungen zu ersparen, und überhäufen sie mit exklusiver Kleidung und teurem Spielzeug. Manchmal sehen sie auch in diesen Dingen Statussymbole, wollen durch sie ihr schlechtes Gewissen beruhigen (weil sie z.B. selten mit den Kindern zusammen sind) oder möchten, dass es den Kindern besser geht als ihnen selbst während ihrer Kindheit.
  • Überbehütung: Die Eltern ergreifen Besitz von ihren Kindern, binden sie an sich und beaufsichtigen sie fortwährend. Sie sind sehr fürsorglich, opfern sich für sie auf und erdrücken sie mit ihrer Liebe. Oft sehen sie in den Kindern den Sinn ihrer Existenz oder gehen in der Erziehung auf, weil sie in anderen Lebensbereichen keine Erfüllung finden.
  • Autoritäre Erziehung: Die Eltern lenken das Verhalten ihrer Kinder fortwährend durch Anweisungen, Befehle und Verbote, prägen sie nach bestimmten Leitbildern und erzwingen ihren Gehorsam durch Strenge und (oft harte) Strafen. Zumeist haben sie wenig Verständnis für die kindliche Wesensart, sind sehr konformistisch oder fühlen sich durch die Selbstdifferenzierungsbestrebungen ihrer Kinder bedroht.
  • Antiautoritäre Erziehung: Die Eltern verzichten entweder bewusst auf Regeln für das Verhalten ihrer Kinder, setzen sich ihnen gegenüber nicht durch oder können sich nicht auf bestimmte Normen einigen (z.B. wegen starker Ehekonflikte). Sie wollen ihren Kindern entweder unbeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten bieten, besitzen keine Techniken zur Verhaltenskontrolle oder stacheln die Kinder auf, um auf diese Weise die Erziehungsbemühungen ihrer Partner zu sabotieren und sie zu „strafen“.
  • Inkonsistente Erziehung: Die Eltern haben unterschiedliche Erziehungsstile (wobei also jeder einen bestimmten praktiziert) oder wechseln fortwährend zwischen zwei Erziehungsstilen.

In all diesen Fällen werden den Kindern keine optimalen Entwicklungsbedingungen geboten. Sie fühlen sich abgelehnt und ungeliebt (bei Vernachlässigung), entwickeln keine Leistungsbereitschaft und kein Selbstvertrauen (bei Verwöhnung), bleiben von ihren Eltern abhängig (bei Überbehütung), werden in ihrer Individuation behindert (autoritäre Erziehung), lernen keine Selbstkontrolle (antiautoritäre Erziehung) oder sind orientierungslos (inkonsistente Erziehung).

Oft machen Eltern auch bei der Geschlechtserziehung Fehler. So mögen sie die Neugierde ihrer Kinder hinsichtlich der Geschlechtsunterschiede unterdrücken und sie bei Masturbation streng bestrafen. Manchmal lehnen sie körperliche Zärtlichkeit und Liebkosungen ab. In anderen Fällen überschütten sie ihre Kinder mit Informationen über Sexualität. Vielfach haben Kinder aber auch Schwierigkeiten bei der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität, wenn ein Rollenmodell (z.B. wegen mangelndem Kontakt) ausfällt, die (Geschlechts-) Beziehung ihrer Eltern gestört ist oder extreme Geschlechtsrollenleitbilder vertreten werden.

Sind Kinder den beschriebenen Einflüssen ausgesetzt, werden sie oft psychisch krank und verhaltensauffällig. Ihre Symptome sind dann verständliche und sinnvolle Reaktionen auf eine gestörte Umwelt. Sie sind eine Funktion zwischenmenschlicher Beziehungen und können nur im Kontext des Familienlebens verstanden werden. Zudem gewinnen die Kinder durch ihre Symptome eine gewisse Machtposition, werden diese von ihren Eltern (und anderen Personen) durch Aufmerksamkeit, Fürsorge, Unterstützung usw. verstärkt. Zugleich signalisieren die Kinder aber auch durch ihre Symptome, dass sie leiden, dass ihre Familienverhältnisse gestört sind und dass sowohl sie als auch andere Familienmitglieder hilfsbedürftig sind.

Ursachen außerhalb der Familie

Viele Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen liegen außerhalb der Familie. So ist für Kinder sehr belastend, wenn sie keine gleichaltrigen Freunde haben oder in Gruppen keine Beachtung finden. Dann fühlen sie sich einsam, ziehen sich immer mehr zurück und entwickeln ein negatives Selbstbild. In anderen Fällen versuchen sie, durch auffällige Verhaltensweisen (Gewalt, Drogenkonsum, Mobbing usw.) die Aufmerksamkeit der Gleichaltrigen auf sich zu ziehen und ihre Position in der Gruppe zu verbessern. Jedoch kann es sich auch negativ auswirken, wenn Jugendliche zu enge Beziehungen zu Gleichaltrigen eingehen, sich deren Einfluss unterwerfen und dadurch in ihrem Prozess der Selbstdifferenzierung gehemmt werden. Bestimmte Subkulturen wie Jugendsekten oder extreme politische Gruppierungen können sie zudem ihrer Familie und der Gesellschaft entfremden.

Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten können auch in den Bildungseinrichtungen liegen: In Kindertagesstätten werden manche Kinder über- oder unterfordert, sind sie isoliert oder an bestimmte Rollen (z.B. Gruppenclown, Sündenbock) gebunden, werden sie von Fachkräften pädagogisch falsch behandelt.

Ältere Kinder und Jugendliche leiden unter Schulstress, Über- oder Unterforderung, Schulversagen und Schulangst. Sie werden in ihrem Selbstverwirklichungsstreben gehemmt und erfahren, dass nur ihre kognitiven Leistungen von Bedeutung sind. Manche Schüler sind von Erziehungsfehlern der Lehrkräfte betroffen, erleben diese negativ und langweilen sich bei deren Unterricht. Andere werden von Klassenkameraden gehänselt, verspottet, bedroht oder ignoriert. Diese Probleme wirken sich auch auf das Familienleben aus und können die Eltern-Kind-Beziehung stark belasten, insbesondere wenn die Eltern ihre Kinder für Schulschwierigkeiten verantwortlich machen, sie nicht verstehen und ihnen nicht helfen. Sie können ferner dadurch verschärft werden, dass Eltern und Lehrer nicht miteinander reden, einander wechselseitig für die Probleme verantwortlich machen und gegeneinander arbeiten.

Vielfach wirkt sich auch negativ aus, dass das Bildungssystem Kinder und Jugendliche aus der Gesellschaft ausgrenzt und ihnen ein in vielerlei Hinsicht problematisches Bild von ihr vermittelt. Viele junge Menschen haben Angst vor der Welt der Erwachsenen, die sie als inhuman, fremd und abschreckend sowie durch Klimawandel und Umweltverschmutzung bedroht erleben. Dementsprechend nehmen sie eine kritische Haltung gegenüber dem Staat und seinen Institutionen ein. Oft leiden sie unter Konflikten zwischen ihren hohen Ansprüchen an sich selbst und ihren mangelnden Fähigkeiten, zwischen gesellschaftlich dominanten Werten und ihren individuellen Bedürfnissen, zwischen ihren Idealen und der Realität. Manche integrieren sich nicht in die Gesellschaft. Andere fürchten den Eintritt in das Berufsleben und die Welt der Erwachsenen so sehr, dass sie ihn immer weiter aufschieben.

Aber auch manche Eltern erleben die Arbeitswelt als belastend und tragen Probleme aus ihr in die Familie hinein. Manchmal benutzen sie dann ihre Kinder als Sündenböcke und reagieren die im Beruf angesammelten Spannungen an ihnen ab. Viele Eltern kommen erschöpft, gestresst oder frustriert nach Hause und wollen daheim in erster Linie entspannen und sich regenerieren. So wollen sie von ihren Kindern nicht gestört werden, kümmern sich nur wenig um sie und reagieren oft überreizt und vorschnell. Auch erfolgsorientierte Eltern, die oft Überstunden machen oder Arbeit mit nach Hause nehmen, haben häufig nur wenig Zeit für ihre Kinder. Sie stellen zudem vielfach zu hohe Anforderungen an sie.

Andere Familienprobleme

Neben den bereits genannten gibt es noch Familienprobleme, die aus mangelnden Problem- und Konfliktlösungskompetenzen oder Kommunikationsstörungen resultieren. Manche Erwachsene scheitern an Familienfunktionen wie der Haushaltsführung (Hausarbeit, Umgang mit Geld, gesunde Ernährung) oder der Freizeitgestaltung (kaum gemeinsame Aktivitäten, keine Hobbys).

Viele Familien haben Schwierigkeiten, die Übergänge (Transitionen) im Familienzyklus zu durchlaufen – relativ kurze Zeiträume, in denen vom Einzelnen und vom Familiensystem eine große Zahl einschneidender Veränderungen erwartet werden bzw. zu bewältigen sind.

Andere Familien müssen mit unerwarteten Schicksalsschlägen wie einer schweren (chronischen) Erkrankung, einem Unfall, einem Todesfall, der Geburt eines behinderten Kindes, der Versorgung eines pflegebedürftigen Verwandten oder Arbeitslosigkeit fertig werden – wobei die daraus resultierenden Belastungen oft jahrelang andauern.

Viele Familien sind von „relativer Armut“ betroffen, verfügen also nur über 60% und weniger des Durchschnittseinkommens. Hier werden die Kinder oft ungesünder ernährt und bewegen sich weniger. Sie können mit Kindern aus anderen Familien nicht mithalten und bleiben deshalb in isolierten Wohnvierteln unter sich. Häufig besuchen sie schlechtere Kindertagesstätten und Schulen, erfahren keine Unterstützung beim Lernen und beenden so die Schule ohne Abschluss oder nur mit einem Hauptschulabschluss. Da sie dementsprechend schlechtere Ausbildungs- und Berufschancen haben, entwickeln sich häufig „Armutskarrieren“.

Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft

Immer weniger Menschen in unserer Gesellschaft können sich noch vorstellen, dass man als junge Mutter glücklich sein kann. Frauen, die mit sechs Stunden Schlaf auskommen, weil sie nach der Arbeit oft Filme im Kino anschauen, Freunde besuchen, in Discos gehen oder lange fernsehen, beklagen den „Schlafentzug“ durch ihr Baby – obwohl ein Säugling rund 16 bis 19 Stunden schläft und so auch die junge Mutter immer wieder die Gelegenheit zu einem „Nickerchen“ hat. Menschen, die wissen, dass die meisten Berufe stressig oder langweilig und eintönig sind, die sich wie viele Berufstätige kaum noch mit ihrer Arbeit identifizieren und nur „ihren Job“ machen, bejammern, dass sich die junge Mutter nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz „selbst verwirklichen“ kann. Menschen, die den zunehmenden Materialismus in unserer Gesellschaft und die sich immer weiter ausbreitende „Haben-Mentalität“ beklagen, unterstellen jungen Eltern, dass sie wegen ihres Kindes und der Berufsunterbrechung der Frau nun an der Armutsgrenze „dahinvegetieren“ und sich nichts mehr „leisten“ können.

Kaum jemand in unserer Gesellschaft kann sich noch vorstellen, dass ein junges Paar, das sich bewusst für ein Kind entschieden hat, damit auch freiwillig die damit verbundenen Einschränkungen in Kauf nimmt. Es scheint fast unvorstellbar zu sein, dass die Freude am Baby und an seiner Entwicklung, die intensiven Gefühle der Liebe und Zuneigung, die engen Bindungserfahrungen reichlich für Schlafentzug, Berufsverzicht und materielle Einschränkungen entschädigen können. Eine junge Mutter macht sich fast schon lächerlich, wenn sie behauptet, sie könne sich in der Erziehung ihres Kleinkindes besser selbst verwirklichen als in ihrem Beruf, da ganz tiefe Schichten ihres Wesens angesprochen würden und sie nur hier intensive Glücksgefühle empfinden würde.

Mutterschaft als Teil der Weiblichkeit ist „out“

Der Beitrag von Mutterschaft zur Selbstaktualisierung der Frau, zu ihrem gesellschaftlichen Ansehen und zu ihrer potenziellen Zufriedenheit wird nur noch als gering eingeschätzt. Der Beruf zählt viel, viel mehr, zumal er mit materiellen Gratifikationen verbunden ist. Es gilt nur noch als akzeptabel, ein oder zwei Jahre mit dem Baby zu verbringen. Spätestens nach drei Jahren sollte die Mutter aber an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Dann – so wird unterstellt – kann sie sowieso nicht mehr die Entwicklung ihres Kindes angemessen fördern: Im Kindergarten könnten gut ausgebildete Professionelle die Erziehung und Bildung von Kleinkindern viel besser leisten als sie.

Genauso wie es ein Mythos ist, dass junge, nicht erwerbstätige Mütter sich nicht zu Hause selbst verwirklichen und zufrieden bzw. glücklich sein können, ist es auch ein Mythos, dass Fremdbetreuung generell besser als Familienerziehung sei:

  • Nach den wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen ist die Qualität der Kindertagesbetreuung zumeist mittelmäßig. Genauso wie es „schlechte“ Familien gibt, gibt es auch „schlechte“ Kindergärten – nach drei Jahren in einer solchen Einrichtung hinken Kinder um ein Jahr hinter der Entwicklung Gleichaltriger her, die einen „guten“ Kindergarten besucht haben (z.B. Tietze 1998).
  • Selbstverständlich haben Kindertagesstätten und Schulen einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern – aber laut einer Unmenge von Studien ist der Einfluss der Familie noch viel größer – etwa doppelt so hoch (z.B. Fraser et al. 1987, Krumm 1995). Obwohl Akademikerkinder zumeist dieselben Kindergärten und Grundschulen besuchen wie Facharbeiterkinder, haben sie eine viermal größere Abiturchance (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 2004). Sie sind schon zu Beginn der Grundschulzeit weiter entwickelt, und trotz derselben Grundschulbildung öffnet sich die „Leistungsschere“ am Ende der vier Jahre noch weiter. Kinder aus höheren sozialen Schichten werden von ihren Eltern intensiver gefördert.
  • Eltern sind sogar in der Lage, die Schule zu ersetzen. In den USA besuchen laut dem National Home Education Research Institute (2007) schätzungsweise 1,7 bis 2,1 Mio. Kinder keine Schule, sondern werden von ihren Eltern gebildet. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen erhalten diese Kinder später genauso häufig eine universitäre bzw. höhere (Berufs-) Bildung wie Kinder, die eine Schule besuchten (Burns 1999, ERIC Development Team 2001, 2003). Auch ihre soziale und emotionale Entwicklung verläuft normal.

Es ist schon verwunderlich, dass inzwischen selbst höher gebildete Eltern glauben, dass Kleinkinder in einer Kindergartengruppe mit rund 25 Kindern durch eine Erzieherin mit mittlerem Bildungsabschluss und zweijährigem Besuch einer Fachschule für Sozialpädagogik und durch eine Zweitkraft mit Hauptschulabschluss und zweijährigem Besuch einer Berufsfachschule intensiver gefördert werden könnten als durch ihre Eltern. Wie viele Minuten pro Tag wird sich die Fachkraft wohl jedem einzelnen Kind widmen können? Zudem muss sie während der Betreuungszeit Eltern beim Bringen und Abholen ihrer Kinder (was sich durchaus über eine Stunde und länger hinziehen kann) begrüßen, die Brotzeit richten, das (Ab-) Decken des Tisches anleiten, das Mittagessen ausgeben, das Geschirr waschen, Kinder zum Aufräumen anhalten, Bildungsangebote vorbereiten, Telefonanrufe beantworten, Gespräche mit psychosozialen Diensten führen und oft auch Verwaltungsarbeiten erledigen. Eine Mutter, die sich eine halbe Stunde am Tag intensiv mit ihrem Kind beschäftigt – mit ihm längere Gespräche führt, seine Fragen beantwortet, mit ihm ein Bilderbuch betrachtet, mit ihm die Natur im Garten, im Wald oder im Park erkundet, mit ihm ein Lernspiel macht – widmet ihm mehr qualitativ wertvolle Zeit und bildet es intensiver, als eine Erzieherin dies kann.

Damit soll die Kindertagesbetreuung keinesfalls abqualifiziert werden: Für jedes Kind ist der Besuch einer Kindertagesstätte empfehlenswert, weil es hier viele neue (Lern-) Erfahrungen macht, gruppenfähig wird, kommunikative und Konfliktlösungsfertigkeiten entwickelt usw., sich also in der Regel positiv weiterentwickelt. Für Kinder aus unteren sozialen Schichten und aus Migrantenfamilien ist ein möglichst frühzeitig beginnender und langer Besuch besonders wichtig, da sie oft in ihren Familien nicht genügend sprachlich und intellektuell gefördert werden und insbesondere Migrantenkinder von den in nahezu allen Kindergärten angebotenen Sprachkursen profitieren können.

Abqualifizierung der Elternschaft

Hier geht es um etwas anderes: die Abqualifizierung der familialen Erziehungs- und Bildungsfunktion. Müttern (und natürlich auch Vätern) wird seitens der Gesellschaft und Politik immer offensiver vermittelt, dass Kleinkinder in Kindertageseinrichtungen besser aufgehoben wären als in der Familie und so früh wie möglich dort angemeldet werden sollten. In der Bildungseinrichtung „Kita“ würde ihre Entwicklung allseitig gefördert.

4. Exkurs: Outsourcing Elternschaft: der Weg zu mehr Wirtschaftswachstum und höheren Steuereinnahmen – und zu glücklicheren Arbeitnehmerinnen!

Liebe Frauen-, Familien- und Bildungspolitiker, liebe Arbeitgeber und Gewerkschaftler,

warum haben Sie nicht Ihre Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf radikal zu Ende gedacht? Arbeitnehmerinnen mit Kindern könnten noch viel produktiver und mit ihrer Lebenssituation zufriedener sein; Familien könnten dank der Vollerwerbstätigkeit der Mütter finanziell besser dastehen; die Bildung der Kinder könnte durch eine Ausweitung der Bildungszeit verbessert werden; durch den Verbleib der Mütter am Arbeitsplatz nach Geburt eines Kindes könnte ihre Produktivität weiter gesteigert werden und der Arbeitgeber Geld für die Suche und Einarbeitung von Ersatzkräften sparen; durch die kontinuierliche Vollerwerbstätigkeit von Arbeitnehmerinnen wäre endlich Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern gegeben, könnten erstere im gleichen Maße fortgebildet werden und Karriere machen; durch die Ausweitung der Bildungszeit könnte die Schulzeit reduziert werden und junge Menschen früher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. All dies zusammen würde zu mehr Wirtschaftswachstum und höheren Steuereinnahmen führen, durch die die durch das Outsourcen der Elternschaft entstehenden Kosten mit Leichtigkeit gedeckt werden könnten. Und das Schönste: Nur drei oder vier Maßnahmen sind nötig!

1. Kaiserschnitt-Geburt als Regel während der 30. bis 36. Schwangerschaftswoche: Der Säugling kann dann außerhalb des Mutterleibs leben, muss oft aber noch längere Zeit im Krankenhaus betreut werden. Der Mutter werden die großen körperlichen Belastungen der letzten Schwangerschaftswochen und die Schmerzen der Geburt erspart. Sie kann sich vom Kaiserschnitt in Ruhe erholen, da ihr Kind noch im Krankenhaus ist. So kann sie schon einige Wochen nach der Entbindung wieder arbeiten, sofern die Familie von der auf ein Jahr zu reduzierenden Elternzeit und dem Elterngeld keinen Gebrauch machen will.

2. Einführung mobiler Tagesmütter: Möchte eine Mutter kurze Zeit nach der Entbindung wieder (Vollzeit) arbeiten, hat sie für ein Jahr Anspruch auf eine mobile Tagesmutter. Diese begleitet sie an ihren Arbeitsplatz; der Arbeitgeber hat ihr einen bedarfsgerecht ausgestatteten Raum zur Verfügung zu stellen. Die Mutter kann jederzeit ihr Kind besuchen und es stillen. Die Muttermilch fördert am besten die Entwicklung des Kindes und schützt es vor Krankheiten.
Da die Mütter erwerbstätig bleiben (können), entfallen die mit dem bisherigen Berufsverzicht verbundenen Frustrationen: Sie müssen nicht mehr unzufrieden zu Hause herumsitzen, sondern können sich weiterhin im Beruf selbst verwirklichen und die damit verbundenen (auch materiellen) Gratifikationen genießen. Dies beugt dem bisher häufig zu beobachtenden starken Rückgang der Partnerschafts- bzw. Ehequalität nach der Geburt des ersten Kindes und dem gleichzeitig zu beobachtenden Rückzug des Mannes aus dem Haushalt vor. Die Partner teilen sich wie bisher die Haushaltspflichten; die Paarbeziehung bleibt befriedigend; die Scheidungswahrscheinlichkeit dürfte sinken.

3. Einführung eines Rechtsanspruchs auf zehnstündige Kindertagesbetreuung ab dem ersten Lebensjahr: Vollerwerbstätige Mütter können ihre Kinder ab einer Stunde vor Arbeitsbeginn für insgesamt 10 Stunden in einer Tagesstätte in der Nähe ihres Arbeitsplatzes betreuen lassen. Die Hetze zur Kindertageseinrichtung entfällt; auf dem Weg können sogar noch Einkäufe erledigt werden. Da Tagesstätten aufgrund der unterschiedlichen Arbeitszeiten von Müttern bei Bedarf von 07.00 Uhr bis 21.00 Uhr geöffnet haben, können Mütter ihre Kinder nach Vorankündigung auch erst nach 11 oder 12 Stunden abholen, sodass sie z.B. noch in Ruhe zum Friseur oder ins Fitnessstudio gehen oder notwendig gewordene Überstunden ableisten können.
Zumindest in Städten und Ballungsräumen sind bei Bedarf Kinderhotels zu schaffen, in denen Kinder bei Erkrankung oder nach dem Schließen von Kindertagesstätten sowie an Wochenenden betreut werden, falls ihre Mütter nachts, samstags oder sonntags arbeiten müssen, sich auf einer mehrtägigen Dienstreise befinden, eine berufliche Fortbildung an einem anderen Ort besuchen oder im Krankenhaus sind (und der Vater das Kind nicht versorgen können). Die Eltern wissen ihre Kinder dann gut betreut und können sich entspannt ihren beruflichen Aufgaben widmen.
Da Kindertagesstätten Bildungseinrichtungen sind, in denen professionelle Fachkräfte die kindliche Entwicklung allseitig und ganzheitlich fördern, wissen die Eltern auch, dass ihre Kinder die bestmögliche Bildung und Erziehung erhalten. Dadurch, dass nahezu alle Kinder den ganzen Tag in den Einrichtungen verbringen, ist Chancengleichheit ab dem ersten Lebensjahr gegeben. Kinder aus sozial schwachen und Migrantenfamilien erfahren dieselbe Bildung und Erziehung wie Kinder aus Mittelschicht- und Oberschichtfamilien.

4. Verlängerung der Schulzeit auf 10 Zeitstunden am Tag und auf 48 Wochen im Jahr: Auf diese Weise wird die Bildung der Kinder intensiviert. Der Lernstoff kann schneller „durchgezogen“ werden; zudem wird weniger vergessen, da die langen Ferien wegfallen. Zugleich werden an den Schulen anspruchsvolle Freizeitangebote (Sport, Schwimmen, Musik-, Tanz-, Theater-, Mal-, Werk- oder Technikkurse) in den Tagesablauf integriert, sodass z.B. das derzeit bestehende Defizit an körperlicher Tüchtigkeit abgebaut wird sowie kreative, motorische, musikalische, personale und andere Fähigkeiten gefördert werden, die derzeit von der Schule vernachlässigt werden. Ein gesundes Mittagessen in der Schulkantine wirkt der Tendenz zur Fettleibigkeit und Mangelernährung entgegen.
Durch die intensivierte Bildung kann die Schulzeit auf 8 Jahre (Hauptschule) bis 11 Jahre (Gymnasium) reduziert werden, sodass junge Menschen etwa zwei Jahre früher als bisher ihre Ausbildung abschließen und berufstätig werden können. Durch diese Verlängerung der Lebensarbeitszeit steigen Produktivität, Steueraufkommen und Rentenanwartschaften. Da durch den Wegfall von bis zu zwei Schuljahren Lehrerkapazitäten frei werden, kann das Stundendeputat von Lehrern – die dann wie alle anderen Arbeitnehmer einen „normalen“ Urlaubsanspruch haben – reduziert werden, was dem in dieser Berufsgruppe besonders häufigen Burn-out vorbeugen würde.
Dank der zehnstündigen Öffnungszeit der Schulen können Eltern viel problemloser als bisher Familie und Vollerwerbstätigkeit miteinander vereinbaren. Bei Kindern von sechs bis zehn Jahren ist bei Bedarf eine kurzzeitige Kinderbetreuung vor Unterrichtsbeginn anzubieten. Nach der Schule und an Wochenenden können sie in Kinderhotels mit betreut werden, falls die Eltern arbeiten müssen oder sich nicht am Wohnort befinden.
Jede Schule legt zu Jahresbeginn fest, wann die dreiwöchigen Sommerferien stattfinden. Dabei haben sie sich mit den Schulen im Umkreis so abzustimmen, dass die Ferien zu unterschiedlichen Zeiten zwischen dem 1.7. und 10.9. beginnen. Das stellt sicher, dass in einem Betrieb nicht alle Eltern mit Schulkindern zum gleichen Zeitpunkt ihren Sommerurlaub beanspruchen. Zudem wird der Reiseverkehr in den Sommermonaten entzerrt.

Indem die mit der Elternschaft verbundenen Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsfunktionen weitgehend an Kindertagesstätten und Ganztagsschulen outgesourct werden, wo sie von speziell (zumeist akademisch) ausgebildeten Professionellen übernommen werden, können sich Arbeitnehmerinnen mit Kindern Vollzeit und mit all ihren Kräften ihrer Erwerbsarbeit widmen. Berufsunterbrechungen, eine zeitweilige Reduzierung der Arbeitszeiten oder ein Fernbleiben bei Erkrankung eines Kindes entfallen weitestgehend. Für Arbeitgeber lohnt es sich mehr denn je, in die Aus- und Fortbildung von Frauen zu investieren. Dies wird zu mehr Produktivität und in der Kombination mit der kontinuierlichen Vollerwerbstätigkeit zu mehr Wirtschaftswachstum und höheren Steuereinnahmen führen. Die Quadratur des Kreises ist gelungen!

Und so ist es immer häufiger (und „normaler“), dass Eltern ihre Erziehungs- und Bildungsfunktion an die Kindertagesstätte delegieren. Dementsprechend verbringen sie auch immer weniger Zeit mit ihren Kindern: Laut Hochschild (2002) hatten amerikanische Eltern 1996 durchschnittlich 22 Stunden pro Woche weniger Zeit für ihre Kinder als 1969. Inzwischen wird die „Familienzeit“ vermutlich noch weiter abgenommen haben. Ähnliches gilt auch für Deutschland.

Viele Eltern beschränken sich heute auf Betreuungsaufgaben (Ernährung der Kinder, Waschen, An-/Auskleiden, Schlaf) und Freizeitangebote (Fernsehen, Ausflüge, Versorgen mit Spielen, CDs, Spielsachen usw.). Die Mutter- und Vaterrolle wird somit auf Teilaspekte reduziert. Dazu trägt auch die weit verbreitete Erziehungsunsicherheit – oft in Verbindung mit mangelnden Erziehungskompetenzen – und die abnehmende Bereitschaft bei, sich auf die eigene Intuition im Umgang mit dem Kind zu verlassen. Es ist dann leichter, Erziehung an „Fachleute“ zu delegieren...

Das Ende der Gemütlichkeit

Noch ein anderer wichtiger Bestandteil der Frauenrolle neben der Mutterschaft wird immer unwichtiger: die Haushaltsführung. Zum einen ist diese Familienfunktion noch stärker von der Gesellschaft abgewertet worden wie die Elternschaft: Eine Hausfrau ohne Kinder zu sein heißt inzwischen, ganz am Ende der gesellschaftlichen Rangskala zu stehen. Wer mehrere Kinder hat, sollte die Hausfrauenrolle spätestens dann abstoßen, wenn das jüngste Kind eingeschult wird. Zum anderen fehlt Frauen aufgrund der zunehmenden Erwerbstätigkeit einfach die Zeit für die Haushaltsführung. Fertiggerichte aus dem Tiefkühlfach oder aus der Dose, der Besuch eines Fastfoodrestaurants bzw. einer Imbissbude, eine Breze aus der Hand oder Süßigkeiten bzw. Snacks ersetzen selbst gekochte Gerichte und tragen damit zu der sich in Deutschland immer mehr ausbreitenden Mangelernährung und Fettleibigkeit bei. Gut kochen zu können wird immer weniger zu einem Teil der Frauenrolle.

Die mangelnde Wertschätzung und die geringe Zeit für die Haushaltsführung bedingen aber auch die in immer mehr Familien fehlende „Gemütlichkeit“. Viele Wohnungen sind heute rationell ausgestattet, wirken kühl und unwohnlich. Oft sind sie nur noch Durchgangsstationen von der Arbeit zur Arbeit oder von der einen außerhäuslichen Freizeitaktivität zur nächsten. Selbst wenn Kinder im Haushalt leben, sehen sich die Familienmitglieder nur selten, da sich das Leben des Einzelnen in „seinem“ oder „ihrem“ Raum bzw. außerhalb der Wohnung abspielt und gemeinsame Aktivitäten – selbst das Fernsehen miteinander – die Ausnahme sind.

Die mangelnde Gemütlichkeit, für die traditionell die Ehefrauen zuständig waren, trägt zu der schon erwähnten frühzeitigen Lockerung der Mutter-(Eltern-)Kind-Beziehung bei: Es ist einfach nicht mehr schön, zu Hause zu sein. Die Wohnung ist nicht mehr das „traute Heim“, der „ruhige Pol“ oder der „Hort der Geborgenheit“. Es hält einen nichts mehr zu Hause – und dieser eine ist oft auch der (Ehe-) Partner, dem das Ausziehen nicht schwer fällt, wenn ein neuer Partner lockt oder die Beziehung zu problematisch geworden ist. Wenn zwei vollerwerbstätige Menschen mit separaten Berufsverläufen und eigenen sozialen Netzwerken zusammenleben und sich dieses Zusammenleben auf gelegentliche Freizeitaktivitäten beschränkt, ist eine Entfremdung oft vorprogrammiert...

Die Zukunft der Familie

Bis Mitte des Jahres 2008 sah die Zukunft noch positiv aus. Es wurde mit einem relativ hohen Wirtschaftswachstum, weiter zurückgehenden Arbeitslosenzahlen und einem steigenden Steueraufkommen gerechnet. Der Bund sowie einzelne Länder und Gemeinden strebten ausgeglichene Haushalte an oder überlegten, wie sie den „Geldsegen“ zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger verwenden könnten. Als die Immobilienkrise virulent wurde, hielt man sie für ein rein amerikanisches Phänomen. Dann kam die Bankenkrise, und auf einmal stellte man fest, dass auch deutsche Banken betroffen waren. Aber noch immer glaubte man, dass sich Europa von der sich in den USA anbahnenden Rezession abkoppeln könne – so wie auch Asien und Lateinamerika. Auch dies erwies sich als Illusion: Inzwischen sind die Aktienmärkte in allen Staaten dieser Erde in einem kaum vorstellbaren Maße eingebrochen, stehen Konzerne wie General Motors und Ford vor dem Konkurs, beklagt die Wirtschaft einen starken Rückgang der Aufträge, werden immer mehr Leiharbeiter freigesetzt. Eine Weltwirtschaftskrise wird immer wahrscheinlicher...

Auswirkungen von Finanzkrise, Rezession und Bevölkerungsentwicklung

Selbst die meisten Kritiker des Kapitalismus haben nicht vorhergesehen, dass raffgierige Investmentbanker mit dubiosen Finanzprodukten fast den Finanzmarkt zum Kollabieren bringen konnten. Nach Schätzung der Bank von England haben die Finanzinstitute der Welt in der zweiten Jahreshälfte 2008 rund 2,8 Billionen $ verloren (DIE ZEIT vom 27.11.2008). Auch wurden – und werden! – die tiefer liegenden Ursachen der Finanzkrise nicht wahrgenommen: die massive Überschuldung. Diese wurde von den beiden größten Zentralbanken der Welt ermöglicht, die über viele Jahre hinweg Zinsen zwischen gerade einmal 0,1 und 2% verlangten und so die Finanzmärkte mit „billigem Geld“ überschwemmten. Sie tun dies immer noch – inzwischen aber auch die Europäische und andere Zentralbanken.

So stieg die Verschuldungsquote der Privathaushalte in den USA von 50% des Bruttosozialprodukts im Jahr 1980 auf 100% im Jahr 2006 sowie die Verschuldungsquote der Banken und anderer Finanzinstitutionen von 21% auf 116% (Cicero, November-Heft 2008). Die Schulden sind somit mehr als doppelt so hoch wie die volkswirtschaftliche Gesamtjahresleistung der USA. Und hierzu kommen noch die öffentlichen Schulden. Sie betragen laut USA TODAY vom 29.05.2007 rund 59 Billionen $, wenn man die eingegangenen Verpflichtungen bei Social Security, Medicare und Pensionen mitberücksichtigen würde.

Die öffentlichen Schulden belaufen sich in den USA somit auf 516.348 $ pro Haushalt; die privaten Schulden „nur“ auf 112.043 $. Hier wird deutlich, dass die USA inzwischen in einem fast unglaublichen Maße überschuldet sind. Derzeit werden ihnen noch Kredite gewährt, weil Anleger in Asien, Europa und Amerika glauben, ein Staat könne keinen Bankrott erklären. Aber wie wollen die USA Schulden in Höhe von rund 630.000 $ pro Haushalt zurückzahlen? Wenn Anlegern bewusst wird, dass dies nahezu unmöglich ist, werden sie ihr Geld schlagartig aus den USA abzuziehen versuchen. Dann wird der Dollarkurs ins Bodenlose stürzen – und dann stehen wir vor einer Weltwirtschaftskrise größten Ausmaßes!

In Deutschland betragen die Schulden der öffentlichen Haushalte laut dem Bund der Steuerzahler derzeit mehr als 1,6 Billionen Euro – knapp 65% des Bruttoinlandprodukts. Dazu kommt die sogenannte „implizite“ Staatsverschuldung, die in Deutschland vor allem aus zwei Quellen stammt: den Pensionszusagen für Beamte und den erworbenen Leistungsansprüchen an die Sozialversicherungen. Aufgrund von Bevölkerungsrückgang und -alterung können diese Ansprüche in Zukunft immer weniger durch das Umlageverfahren bestritten werden; die Zuschüsse aus öffentlichen Kassen müssen also immer größer werden. Die implizite Staatsverschuldung beträgt schätzungsweise 5 Billionen Euro (E-Mail von Matthias Warneke, Abteilungsleiter beim Bund der Steuerzahler, vom 02.12.2008).

Die deutschen Privathaushalte haben Schulden in Höhe von 1,5 Billionen Euro. Die öffentlichen und privaten Schulden in der Bundesrepublik betragen somit rund 8,1 Billionen Euro, also mehr als 200.000 Euro je Haushalt (das ist allerdings weit weniger als die Hälfte der 498.644 Euro Schulden, die auf amerikanische Haushalte entfallen). Besonders bedenklich ist, dass die öffentlichen Schulden auch steigen, weil fällige Schulden nicht zurückgezahlt werden. So hat die Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur 2007 rund 220 Mrd. Euro an Kredit für Deutschland aufgenommen, von denen aber nur 14 Mrd. neue Schulden waren (DIE ZEIT vom 27.11.2008).

1. These: Wenn Bund, Länder und Kommunen in den letzten Jahren trotz Geburtenrückgang, zunehmender Armut – gerade von Kindern –, negativer OECD-Berichte über das System der Kindertagesbetreuung und schlechter Ergebnisse bei den PISA-Studien nicht bereit waren, die Mittel für den Familienleistungsausgleich, für finanzielle Hilfen an sozial schwache Familien oder zur Verbesserung der Qualität von Kindertagesstätten und Schulen nennenswert anzuheben, werden sie dies in den kommenden Jahren – einer Zeit der Rezession und wachsender öffentlicher Schulden – erst recht nicht tun.

Im Gegensatz zu den USA, die eine positive Bevölkerungsentwicklung haben und jedes Jahr bis zu 1 Mio. legale Einwanderer aufnehmen – zu denen noch etwa 300.000 Illegale kommen –, wird es in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten immer weniger Menschen geben, die öffentliche Schulden zurückzahlen können. Zugleich wird es mehr alte Menschen geben, die das dem Staat geliehene Geld zurück haben möchten, weil ihre Rente nicht ausreicht. So werden immer weniger Erwerbstätige immer höhere Steuern zahlen müssen, weil keine neuen Schulden aufgenommen werden können, alte abzubauen und Zinsen auszuzahlen sind.

Im Gegensatz zu den USA werden aufgrund von Bevölkerungsrückgang und -alterung auch immer weniger Erwerbstätige immer höhere Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen. Einerseits wird die Bevölkerungszahl laut der 11. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (Statistisches Bundesamt Deutschland 2006) unter der Annahme einer fast konstanten Geburtenhäufigkeit, eines moderaten Anstiegs der Lebenserwartung und eines Wanderungssaldos von 100.000 Personen von 82,4 Mio. Menschen Ende 2005 auf 68,7 Mio. im Jahr 2050 zurückgehen. Andererseits wird der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung immer weiter steigen, wie die folgende Tabelle verdeutlicht.

Altersaufbau laut der 11. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung

Jahr

0- bis unter 20-Jährige

20- bis unter 65-Jährige

65-Jährige und Ältere

2005

19%

61%

20%

2030

16%

55%

29%

2050

15%

52%

33%

Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland 2006, S. 37

Je größer der Anteil der Senioren an der Bevölkerung wird, umso höher werden die Ausgaben von Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung sein. Die Erwerbstätigen müssen dann nicht nur die öffentlichen Schulden zurückzahlen, sondern auch immer höhere Sozialversicherungsbeiträge entrichten. Selbst wenn es durch Leistungskürzungen gelingen sollte, den Anstieg der Beiträge bis 2050 zu bremsen, werden diese in den kommenden Jahrzehnten zu einer immer größeren Belastung der Arbeitnehmer werden. Dies wird erst recht dann der Fall sein, wenn in Zeiten einer Rezession viele Menschen arbeitslos sind, also weniger an die Sozialversicherungen zahlen und zugleich der Arbeitslosenversicherung hohe Kosten verursachen.

2. These: Eltern, die einen sicheren Arbeitsplatz haben, werden weniger Geld zur Verfügung haben. So werden aufgrund der vielen Arbeitslosen die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung steigen – aber auch die Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung, da weniger Erwerbstätige in sie „einzahlen“.

In Zeiten einer hohen Staatsverschuldung besteht zudem die Gefahr einer zunehmenden Geldentwertung. Die Inflation dürfte gegen Ende der Rezession aber auch durch die dann wieder höher werdenden Rohstoffpreise „angeheizt“ werden.

Der Bevölkerungsrückgang wird in den meisten Regionen Deutschlands jedoch auch dazu führen, dass immer mehr Häuser und Wohnungen leer stehen – diese Entwicklung kann z.B. schon in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet beobachtet werden.

3. These: In den meisten Regionen Deutschlands werden Familien niedrigere Mieten zahlen bzw. preisgünstiger Wohneigentum erwerben können.

Dadurch werden die höheren Steuern und Sozialversicherungsbeiträge ein wenig ausgeglichen. Die Nebenkosten für Heizung, Strom usw. werden aber weiterhin steigen.

Aufgrund der Alterung der Bevölkerung könnten in den kommenden Jahren auch neue Wohnkonzepte erprobt werden. Denkbar sind z.B. Mehr-Generationen-Wohngemeinschaften, Communities (Leben unter Gleichgesinnten) oder Wohnen in Wahlfamilien (zusammen mit Freunden).

Die Spaltung der Gesellschaft

Die Wirtschaftskrise wird die Mittelschicht weiter dezimieren. Nachdem in diesem Jahr bereits viele Leiharbeiter ihre Stellen einbüßten und aufgrund ihres sowieso schon niedrigen Einkommens auf das Hartz 4-Niveau „abstürzten“, werden Anfang 2009 viele Facharbeiter und Angestellte folgen. Aber auch hoch qualifizierte Fachleute – insbesondere im Bankenwesen – werden betroffen sein.

So wird in den kommenden Jahren die Zahl der Langzeitarbeitslosen, Kurzarbeiter, Hartz4-Empfänger, Leiharbeiter, befristet Beschäftigten, „Langzeit- und Mehrfach“-Praktikanten, Teilzeit Tätigen, geringfügig Beschäftigten, Scheinselbständigen usw. weiter zunehmen. Dazu wird auch beitragen, dass in der sich anbahnenden Wissensgesellschaft Menschen mit niedrigen Qualifikationen immer seltener Arbeitsplätze finden werden. Und das deutsche Bildungswesen „produziert“ weiterhin weniger Abiturienten und Hochschulabsolventen als andere Bildungssysteme...

4. These: Während der Rezession und auch einige Zeit darüber hinaus werden viele Eltern ihren Arbeitsplatz verlieren, eine schlechter bezahlte Stelle annehmen, sich beruflich neu orientieren oder arbeitslos werden. Der mehrmalige Berufswechsel wird zur Regel werden. Immer mehr Eltern werden selbständig tätig sein, oft mit einem geringeren Einkommen als zuvor und häufig ohne die finanziellen Ressourcen für den Aufbau einer adäquaten Alterssicherung. Der in den letzten Jahren schon deutliche Trend, dass die Mittelschicht kleiner wird und die Zahl der in prekären Verhältnissen lebenden Familien zunimmt, wird sich verstärken.

Schon heute zahlt laut Bundesministerium der Finanzen (2008) rund die Hälfte aller Haushalte keine Einkommensteuer: 11,2 Mio. Haushalte sind steuerlich nicht erfasst und 11,4 Mio. Haushalte sind wohl erfasst, zahlen aber keine Steuern. „Von insgesamt 46,7 Millionen steuerpflichtigen Haushalten zahlen letztendlich 24,1 Millionen Einkommensteuer. Dabei gilt der Grundsatz, dass starke Schultern mehr tragen: Ein Viertel der Steuerpflichtigen trägt ca. Dreiviertel des Gesamtaufkommens“. In den kommenden Jahren werden vermutlich noch mehr Haushalte keine Steuern zahlen können...

Da hochqualifizierte und gut verdienende Arbeitnehmer weniger Kinder haben, werden mit den Geringqualifizierten auch immer mehr Kinder sozial „abstürzen“.

5. These: In den kommenden Jahren wird die Kinderarmut weiter zunehmen.

Aber auch immer mehr Senioren werden finanzielle Probleme haben, da die Renten in den kommenden Jahren kontinuierlich abgesenkt werden. Viele Rentner, die nicht zusätzlich eine Betriebs- oder Privatrente erhalten bzw. die kein Vermögen besitzen, werden von Altersarmut bedroht sein. Sie werden sich viele Dienstleistungen nicht mehr erlauben können – außer die deutsche Gesellschaft wird solidarischer: So könnten in den kommenden Jahren vermehrt Tauschringe, Seniorengenossenschaften und selbst organisierte Nachbarschaftshilfen entstehen, könnten informelle und ehrenamtliche Hilfen eine größere Bedeutung erlangen.

Diejenigen Menschen, die hohe Qualifikationen besitzen oder Spezialisten sind, werden hingegen immer besser verdienen. Für sie werden neue Konsumwelten und Erlebnisindustrien geschaffen werden. Allerdings werden Leistungsdruck und dadurch bedingter Stress weiter zunehmen. Aber auch diese Arbeitnehmer werden sich nicht sicher fühlen: Zum einen werden in Unternehmen immer mehr Managementebenen und damit auch Managerstellen abgebaut. Zum anderen werden auch Forschung und Entwicklung in den kommenden Jahren zunehmend nach Asien verlagert werden, da dort immer mehr hochqualifizierte Spezialisten zur Verfügung stehen. So verlassen in Indien jedes Jahr rund 700.000 neu ausgebildete Ingenieure und Naturwissenschaftler die Universitäten, in China sind es 550.000. Damit hat sich die Zahl der Abgänger in beiden Ländern innerhalb von zehn Jahren verdreifacht und liegt heute dreimal so hoch wie die Zahl der entsprechenden Abgänger in den Vereinigten Staaten. Im Jahr 2025 wird China mehr Studenten haben als Europa und die USA zusammen – trotz abnehmender Bevölkerung.

Aufgrund der in Deutschland immer mehr auseinander driftenden Einkommensverhältnisse – aber auch wegen des wachsenden Anteils von Menschen aus anderen Erdteilen an der Bevölkerung, die ihre Kultur leben wollen – werden sich in den einzelnen Soziotopen, Subkulturen, Milieus und Randgruppen Lebensstile ausbilden, die immer andersartiger werden und nicht mehr mit den „klassischen“ Schichtunterschieden erklärt werden können. Einen ersten Eindruck vermittelte schon die SINUS-Studie „Eltern unter Druck“, bei der ganz unterschiedliche Lebensstile von Deutschen und Migrantengruppen beschrieben wurden (s.o.). In Zukunft werden die Mitglieder eines Milieus immer weniger über die anderen Milieus wissen, da die Segregation zunimmt: So ballen sich in den größeren Städten immer mehr Mitglieder einer Bevölkerungsgruppe in einem bestimmten Quartier. Vor kurzem erst verdeutlichte das Buch von Margalith Kleijwegt (2008) für die Niederlande, wie in von Migranten bewohnten Stadtteilen Parallelwelten entstehen, die nahezu allen Holländern unbekannt sind.

6. These: In den kommenden Jahren werden die Unterschiede zwischen den Milieus größer werden. In den jeweiligen Familien werden ganz verschiedene Lebensstile ausgeprägt sein. Insbesondere wenn die Mitglieder eines Milieus sich benachteiligt oder diskriminiert fühlen, könnten große soziale Spannungen entstehen.

Diese Spannungen müssen nicht unbedingt zwischen Deutschen und Migranten zustande kommen, sondern könnten auch durchaus zwischen verschiedenen Migrantengruppen ausgetragen werden. Insbesondere wenn wegen des Fachkräftemangels viele Asiaten zuwandern oder wenn zahlreiche („Klima“-) Flüchtlinge aus Afrika nach Deutschland kommen würden, könnten im 20. Jahrhundert eingewanderte Migrantengruppen diese als unerwünschte „Konkurrenz“ erleben.

Familie und Beruf

Während generell der Arbeitsmarkt für Arbeitnehmer problematischer wird, dürfte sich hingegen die Position von Frauen relativ zu Männern leicht verbessern. Inzwischen erhalten mehr Mädchen als Jungen das Abitur – und mit besseren Noten. Immer mehr Frauen studieren und immer mehr Frauen bekleiden wichtige Positionen, können also andere Frauen auf der Karriereleiter „nachziehen“.

7. These: Da die Aufstiegschancen für gebildete Frauen besser werden, wird die Karriereorientierung weiter zunehmen: Frauen werden den Eindruck haben, Leistung lohne sich. Spaß an der Arbeit und Freude am eigenen Erfolg werden zur Sinnerfüllung beitragen.

Hier wird der schon vor einigen Jahren von Hochschild (2002) aufgezeigte Bedeutungsverlust von Familienwerten und die zunehmende Relevanz des Berufs deutlich: Das Unternehmen wird zum „Zuhause“, in dem Frauen (und Männer) sich selbstverwirklichen, Erfolge erfahren, die meisten sozialen Kontakte haben und Zufriedenheit erleben. Berufsarbeit wird damit als sinnvoller, befriedigender und „lohnender“ erfahren als Kochen, Putzen und Kindererziehung. Hier spielt natürlich auch eine Rolle, dass Erwerbstätigkeit bezahlt wird und Hausarbeit in den letzten Jahren immer mehr abqualifiziert wurde: „Je mehr Frauen und Männer das, was sie tun, im Austausch gegen Geld tun und je höher ihre Arbeit im öffentlichen Bereich geschätzt und anerkannt wird, desto mehr wird, fast schon zwangsläufig, das Privatleben entwertet und desto mehr schrumpft sein Einflussbereich. Für Frauen wie für Männer ist die marktvermittelte Erwerbsarbeit weniger eine schlichte ökonomische Tatsache als ein komplexer kultureller Wert. Galt es zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch als Unglück, wenn eine Frau arbeiten gehen musste, ist man heute überrascht, wenn sie es nicht tut“ (a.a.O., S. 212)

8. These: Die Erwerbstätigkeit wird für Frauen einen immer höheren Stellenwert im Vergleich zur Familienarbeit bekommen. Aufgrund der Ausweitung der Kinderbetreuungsangebote werden immer mehr Mütter nach der Geburt ihrer Kinder immer früher und von der Stundenzahl her länger erwerbstätig sein.

Die Unsicherheit aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und die Angst um den eigenen Arbeitsplatz wird vermutlich viele junge Menschen die Realisierung ihres Kinderwunsches (weiter) herausschieben lassen. Aber auch die Schwierigkeit, am gleichen Ort zwei Arbeitsplätze zu finden, wird zum immer häufiger werdenden „Living apart together“ beitragen und damit eine Familiengründung verhindern. Erwachsene werden wahrscheinlich noch später als heute heiraten bzw. in einem noch höheren Lebensalter Kinder bekommen. Viele Paare werden ihren Kinderwunsch nicht (vollständig) realisieren, weil sie sich schließlich „zu alt für ein Kind“ fühlen oder infertil geworden sind. Mehr Kinder werden aber auch mit Hilfe der Reproduktionsmedizin „gezeugt“ werden.

Ferner wird die „gefühlte“ Bedrohung durch Klimawandel, Terrorismus und internationale Konfliktherde zunehmen. So werden Zukunftsängste bei Erwachsenen, Jugendlichen und Heranwachsenden größer werden. Diese könnten sich ebenfalls negativ auf die Zeugungsbereitschaft auswirken.

9. These: In den kommenden Jahren ist eher mit einer weiter sinkenden Geburtenrate zu rechnen. Die Zahl der mit Hilfe der Reproduktionsmedizin gezeugten Kinder wird hingegen zunehmen.

Je weniger Kinder in der Gesellschaft leben, umso „kinderentwöhnter“ sind die Menschen. So mögen sie sich durch Kinder in ihrer Umgebung zunehmend gestört fühlen. In den letzten Jahren kann schon beobachtet werden, dass z.B. immer häufiger der Bau von Kindertageseinrichtungen in Wohngebieten verhindert wird.

10. These: Die Kinderfeindlichkeit wird noch größer werden.

Allerdings zeigen Befragungen eine zunehmende Familienorientierung bei Jugendlichen und Heranwachsenden (z.B. Opaschowski 2008). Der immanente Wert von Ehe und Familie wird wieder stärker betont; der Wunsch nach eigenen (mehreren) Kindern ist größer geworden. So könnte es in den kommenden Jahren auch zum entgegengesetzten Trend kommen: Trotz der sich verschlechternden Rahmenbedingungen werden eventuell wieder mehr Familien mit zwei oder weiteren Kindern gegründet werden. So sind die Geburtenraten leicht angestiegen: 2007 wurden 12.000 Kinder mehr geboren als 2006, und 2008 habe sich diese Tendenz sogar noch verstärkt (Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 29.10.2008). Dieser Trend könnte noch dadurch intensiviert werden, dass immer mehr Erwachsene Geborgenheit und Schutz vor einer als feindselig erlebten Welt in Ehe und Familie suchen.

In den kommenden Jahren werden Eltern immer seltener „Normalarbeitszeit“-Stellen haben; sie werden immer häufiger am Abend, am Wochenende oder in Schicht arbeiten müssen. Aus Angst um ihren Arbeitsplatz werden sie mehr (unbezahlte) Überstunden machen. Immer mehr Eltern werden auch bereit sein, eine Stelle an einem weiter entfernten Ort anzutreten. So werden die Wegezeiten länger werden; aber auch die Zahl der Wochenendehen wird steigen.

Auf der Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2006) befindet sich die Aussage, dass in den 1960er Jahren ein Mann – der damals noch Alleinverdiener war – 48 Stunden in der Woche arbeitete, während heute Mann und Frau zusammen durchschnittlich mehr als 70 Stunden im Beruf verbringen . In den letzten 50 Jahren ist also die Zeit, die Eltern zur Erfüllung ihrer Familienpflichten haben, um 22 Stunden pro Woche gesunken. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren weiter fortsetzen.

11. These: Erwerbstätige Eltern werden immer weniger Zeit für die Pflege der Paarbeziehung, den Haushalt, die Kindererziehung und (gemeinsame) Freizeitaktivitäten haben. So werden einerseits Entfremdung, Stress und Konflikte die Ehen noch labiler machen; wird es häufiger zu Trennung, Scheidung und Alleinerzieherschaft kommen. Andererseits werden die Bedürfnisse von immer mehr Kindern mangels Zeit vernachlässigt werden – auch dann, wenn diese in relativem Wohlstand aufwachsen. So könnte die Zahl von Kindern mit psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten weiter zunehmen.

Die Familienerziehung

Je weniger Zeit Eltern für ihre Kinder haben, umso unbefriedigender wird Elternschaft werden: Die enge Bindungsbeziehung zum Säugling wird schnell locker oder entsteht erst gar nicht, Konflikte werden häufiger, Eltern und Kind leben sich rasch auseinander. Laut der ersten PISA-Studie sprechen in Deutschland Jugendliche viel weniger mit ihren Eltern als in anderen Ländern, und kaum über Themen, die sie wirklich interessieren.

12. These: Die Eltern-Kind-Beziehung wird lockerer. So müssen Kinder frühzeitig selbständig werden und für sich selbst sorgen.

In den letzten Jahren ist festzustellen, dass für Eltern die Erziehung ihrer Kinder zur Selbständigkeit eine immer größer werdende Bedeutung erhält (z.B. Opaschowski 2008). Sie wollen ihren Kindern sowohl Selbstkompetenzen (Charakterstärke, Selbstvertrauen, Unabhängigkeit usw.) als auch Sozialkompetenzen vermitteln (z.B. Verantwortungsbewusstsein, Kommunikationsfertigkeiten, Teamfähigkeit). Zugleich werden die Pflichtwerte im Vergleich zu den Selbstentfaltungswerten wieder stärker betont. So werden zunehmend Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft, ein gutes Benehmen und Ähnliches als wichtige Erziehungsziele genannt.

Aber auch die Erwartungen an die kognitiven bzw. Schulleistungen der Kinder werden weiter steigen. Zum einen wirkt sich hier die zunehmende Angst vor Arbeitsplatzverlust bzw. einem sozialen Abstieg aus: Eltern wollen ihren Kindern die besten Entwicklungschancen bieten, damit diese später den immer größer werdenden Leistungserwartungen der globalen Wissensgesellschaft entsprechen und ein gutes Einkommen erzielen können. Zum anderen greifen sie die durch die Medien weit verbreiteten Erkenntnisse der Hirnforschung, der Lern- und der Entwicklungspsychologie auf: Beispielsweise wird dem frühkindlichen Lernen eine größere Bedeutung als früher beigemessen, wird die bilinguale Erziehung gewürdigt, werden positive Auswirkungen des Musizierens oder des Sporttreibens auf kognitive Kompetenzen konstatiert, wird „deliberate practice“ – das zielgerichtete Üben unter Anleitung eines Mentors oder Trainers – inzwischen als wichtiger für den Erfolg gesehen als die Begabung (Ziegler 2008). Dementsprechend werden Kinder frühzeitig in Kindertageseinrichtungen, Sportvereinen, Musik- und Sprachschulen angemeldet.

13. These: Der Leistungsdruck auf Kinder wird eher noch zunehmen. Sie werden gleichzeitig dafür verantwortlich gemacht, dass sie den Anforderungen entsprechen. So werden von ihnen eine hohe Lernmotivation, ein großer Arbeitseinsatz, viel Selbsttätigkeit und Durchhaltevermögen verlangt.

Allerdings werden auch in den kommenden Jahren viele Eltern Probleme damit haben, wie sie ihre Erziehungsziele umsetzen können. So ist weiterhin mit einer großen Erziehungsunsicherheit zu rechnen, da junge Erwachsene vor der Geburt eigener Kinder nur selten Erfahrungen mit anderen Babys und (Klein-) Kindern sammeln können (wegen deren zurückgehenden Zahl) und da sie auch in Zukunft seitens der Medien mit widersprüchlichen Erziehungskonzepten und -ratschlägen konfrontiert werden. Die Gefahr, dass Eltern Erziehungsschwierigkeiten erleben oder problematische Erziehungsstile entwickeln, wird groß bleiben.

Die „neue“ Mutterrolle und die „alte“ Vaterrolle

Die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen wird sich vor allem auf die Mutterrolle auswirken. So werden immer mehr Mütter Erziehungsaufgaben delegieren: Viele Kleinkinder werden das Krabbeln, Laufen und Sprechen nicht mehr zu Hause, sondern bei Tagesmüttern und in Kinderkrippen lernen. Erzieherinnen werden immer häufiger die Sauberkeitserziehung übernehmen und Kleinkindern beibringen, wie man sich an- bzw. auszieht und wie man ordentlich isst. Auch das Lernen für die Schule wird zunehmend von Dritten angeleitet und überwacht: Laut der ARD-Sendung Plusminus vom 04.11.2008 lernen inzwischen 1,2 Mio. Schüler an den ca. 4.000 Nachhilfe-Einrichtungen – das ist etwa jedes dritte Kind. Und darunter fallen immer mehr Grundschüler: So bekommt z.B. in Bayern schon jeder fünfte Dritt- und Viertklässler Nachhilfe (STERN, Heft 39/2007).

14. These: Die „neue“ Mutterrolle ähnelt immer mehr der „alten“ Vaterrolle. So wie Männer (früher) die Erziehung der Kinder ihren Frauen überließen, delegieren Mütter die Erziehung zunehmend an „Fachleute“ wie Erzieherinnen und Lehrer. Wie bei den Männern steht immer mehr die Berufsrolle im Vordergrund: Die emanzipierte Frau definiert sich vor allem über ihre Erwerbstätigkeit – und dies unabhängig davon, ob sie aus finanziellen Zwängen, aus Freude an ihrem Job oder zwecks Selbstverwirklichung arbeitet.

Die Vaterrolle wird sich vermutlich weniger verändern. Schon in den letzten Jahren zeigte sich, dass die Zahl der „neuen“ Väter kaum zunimmt. Seit Einführung des Elterngeldes ist die Zahl der Elternzeit beanspruchenden Väter wohl von 3,5% auf 16% (1. Quartal 2007) angestiegen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2008) – allerdings werden in der Regel nur die so genannten „Partnermonate“ genommen. Ob sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen wird, ist eher fraglich: Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz wird ein den Erwartungen der Arbeitgeber konformes Verhalten begünstigen...

15. These: An der Vaterrolle wird sich wenig ändern: Die Zahl der „neuen“ Väter wird vermutlich klein bleiben; die anderen Väter werden aufgrund der zunehmenden Belastung durch den Beruf und längere Arbeitszeiten eher weniger Zeit als heute für ihre Kinder haben. Aufgrund der großen Labilität von Paarbeziehungen werden viele Väter getrennt von ihren Kindern wohnen.

Aufgrund der längeren Arbeitszeiten werden sich viele Mütter immer weniger um den Haushalt kümmern. Schon jetzt bestehen Mahlzeiten häufig aus Tiefkühlkost und Junkfood, werden sie vom Pizzaservice oder anderen Lieferdiensten gebracht. Außerdem essen die Eltern an fünf Tagen der Woche an ihrem Arbeitsplatz bzw. in dessen Nähe. Die Kinder werden ihre Mahlzeiten immer häufiger in der Kindertageseinrichtung bzw. Schule einnehmen. Wenn Mütter (Vollzeit) erwerbstätig sind, reicht das Geld oft für eine Putzfrau. So können Frauen auch das Reinigen der Wohnung delegieren.

16. These: Es wird nicht nur immer weniger Hausfrauen geben, sondern auch immer weniger Haushaltstätigkeiten werden noch in den Familien ausgeübt werden.

Nachdem schon jetzt Staubsaugen und Rasenmähen von Robotern übernommen werden können, werden in den kommenden Jahren immer mehr Haushaltsaufgaben Robotern übertragen werden. Die Regierungen von Japan und Südkorea verfolgen das Ziel, dass 2015 bzw. 2020 jeder Privathaushalt über einen Roboter verfügen kann.

Je weniger Wertschätzung die Hausarbeit erfährt und je weniger Zeit für sie zur Verfügung steht, desto weniger ansprechend und gemütlich werden die Wohnungen gestaltet sein. Eine eher kühle, zweckmäßige und pflegeleichte Ausstattung wird sich durchsetzen. Das Haus wird weniger ein Heim als ein (weiterer) Aufenthaltsort bzw. eine Schlafstätte sein. Die Familienmitglieder werden zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause kommen und sich nach der „Selbstversorgung“ in ihre Zimmer zwecks Mediennutzung, Erledigen von Hausaufgaben oder Gesprächen mit Freunden zurückziehen. Mahlzeiten im Familienkreis oder gemeinsame Haushaltsaktivitäten werden immer seltener werden.

Allerdings wird es auch viele Familie geben, die aufgrund der Belastung der Nahrungsmittel mit Pestiziden und Herbiziden sowie wegen der zunehmenden Weiterverarbeitung von Lebensmitteln und ihrer „Anreicherung“ mit künstlichen Substanzen auf ökologisch erzeugte und naturbelassene Produkte zurückgreifen werden. Hier wird der Haushaltsführung, dem Kochen und den gemeinsamen Mahlzeiten noch eine große Bedeutung zukommen.

Die „elternreiche“ Gesellschaft

Die in der Gesellschaft immer weniger werdenden Kinder werden aber mehr Eltern und Großeltern – bedingt durch Trennung, Scheidung, Wiederheirat, Spendersamen, Leihmütter, die höhere Scheidungsquote bei Patchwork-Familien usw. – sowie Urgroßeltern – bedingt durch steigende Lebenserwartung – haben. So könnte es sein, dass diese die mangelnde Zeit der Eltern zumindest teilweise kompensieren und auch Erziehungsaufgaben übernehmen werden. Allerdings werden immer mehr Großmütter und Großväter noch erwerbstätig sein oder wegen der weiter zunehmenden Mobilität an entfernten Orten leben.

17. These: Kinder werden immer mehr Eltern und Großeltern haben. Vertikale Beziehungen innerhalb von Vier- und Fünfgenerationenfamilien werden an Bedeutung gewinnen. Ausmaß und Qualität der Beziehungen werden immer mehr von räumlichen und emotionalen Faktoren abhängen („Wahlverwandtschaft“). In manchen Fällen wird die „Sandwich“-Generation drei weitere Generationen unterstützen müssen (z.B. bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit).

Auf der einen Seite wird es viele alte Menschen geben, die relativ große Vermögen vererben, auf der anderen Seite wird es Senioren geben, die aufgrund niedriger Renten finanzieller Hilfe seitens ihrer Kinder bedürfen

Die Institutionalisierung der Kindheit

Die Betreuung, Erziehung und Bildung von 1- bis 5-Jährigen werden in den kommenden Jahren zunehmend von Erzieherinnen und Tagesmüttern übernommen werden. Aufgrund des Drucks seitens Eltern und Politik werden die Öffnungszeiten von Kindertageseinrichtungen weit flexibilisiert werden. Derzeit wird noch weitgehend ignoriert, dass immer mehr Eltern – insbesondere junge Mütter – auch am Abend oder am Wochenende arbeiten müssen. Laut dem zweiten Kita-Check des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, in den die Antworten von mehr als 6.700 Kindertagesstätten eingeflossen sind, hatten 96% der Kindertageseinrichtungen während der Woche nach 18 Uhr nicht mehr geöffnet; 99% waren am Samstag geschlossen, und die meisten gaben lange Schließzeiten während der Ferien an (Pressemitteilung des DIHK vom 06.11.2008). So fordert der DIHK unter anderem, generelle Schließzeiten am Samstag und in den Ferien ohne Ersatzangebot abzuschaffen. Auch müssten Elternwünsche nach individuellen Betreuungszeiten mehr Berücksichtigung finden.

Derzeit würden nur einige wenige Kindertagesstätten in Unternehmen bzw. mit einem privatgewerblichen Träger den Bedürfnissen erwerbstätiger Eltern entsprechen. Da das Kinderförderungsgesetz (KiföG) der Bundesregierung die Gleichstellung dieser Einrichtungen mit solchen in kommunaler oder freier Trägerschaft hinsichtlich der öffentlichen Förderung vorsieht, wird ihre Zahl in den kommenden Jahren ansteigen. Erzieherinnen werden somit zunehmend Schicht arbeiten müssen und immer häufiger alleine in ihren Gruppen sein, wenn dort nur wenige Kinder anwesend sind und sich deshalb eine Zweitkraft nicht finanzieren lässt.

18. These: Kleinkinder werden immer früher und länger Kindertageseinrichtungen besuchen. Sie werden während ihrer – flexibel gestalteten – Betreuungszeit nicht mehr nur von zwei, sondern in der Regel von mehreren Personen betreut werden. Dies dürfte das Entstehen von Bindungen bzw. von engen Beziehungen erschweren, aber auch das Erfassen, Beurteilen und Fördern der individuellen Entwicklung.

Ferner werden die Kinder nicht so leicht Freundschaften pflegen können, da sich die Zusammensetzung ihrer Gruppe während der Woche immer wieder ändert.

Die meisten Eltern, die solche Kindertagesstätten nutzen, werden besonders hohe Erwartungen an das Bildungsangebot und die individuelle Förderung ihrer Kinder haben. Dasselbe gilt aber ebenfalls – mit weiter zunehmenden Intensität – für viele andere Eltern, deren Kinder in Regeleinrichtungen sind. So ist die Bedeutung der frühen Kindheit für den späteren Schulerfolg inzwischen allgemein bekannt – und damit wächst der Druck auf Kindertageseinrichtungen, eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung zu leisten. Bildungspläne, aber auch Medienberichte über besondere Modelleinrichtungen oder über „ausgefallene Angebote“ einzelner Kindertagesstätten, zeigen Eltern, was sie ihres Erachtens auch von ihrer Einrichtung erwarten können.

19. These: Kindertagesstätten werden zunehmend zu (verschulten) Bildungseinrichtungen: Im Verlauf der Woche wechseln Angebote in den Bereichen Sprache, Naturwissenschaften, Religion, sozial-emotionale Entwicklung, Mathematik, Literacy, Medienbildung, Technik, interkulturelle Erziehung, Umweltbildung, geschlechtsbewusste Erziehung, Kunst, Musik, Bewegung und Sport. Auf diese Weise werden die in den Bildungsplänen aufgelisteten Bildungsbereiche „abgearbeitet“.

Damit bei Kleinkindern wirklich nichts verpasst wird, werden sie von ihren Eltern zusätzlich bei Einrichtungen wie z.B. Computer-, Musik- und Ballettschulen oder Sportvereinen angemeldet. Die Kinder haben oft einen Wochenplan, der nur wenig Raum für „Freizeit“ lässt.

20. These: Kleinkindheit spielt sich immer mehr in Institutionen und an anderen pädagogisch besetzten Orten ab. Aber auch für ältere Kinder sind Abenteuer in der freien Natur, Treffen mit Freunden auf der Straße, Herumtollen und unbeaufsichtigtes Spielen selten geworden.

Kinder aus armen Familien, mit seit langem arbeitslosen Eltern oder aus sozialen Brennpunkten werden sich immer häufiger in einzelnen Regeleinrichtungen ballen. So werden ihre Eltern nicht die vermutlich höheren Beiträge für Kindertagesstätten mit privatgewerblichen Trägern, mit einem besonderen Bildungsangebot oder mit hohen Qualitätsstandards bezahlen wollen, können sie mangels Arbeitsplatz betriebliche Einrichtungen nicht nutzen. Auch werden Mittelschichtfamilien zunehmend Tagesstätten mit Kindern aus problematischen Verhältnissen meiden.

Bei Migrantenkindern wird ebenfalls die Tendenz zunehmen, dass sie sich in bestimmten Einrichtungen ballen: Bundesweit gesehen (ohne Berlin) hatten 2006 in 9,2% aller Kindertagesstätten schon mehr als die Hälfte und in 3,4% der Einrichtungen sogar mehr als drei Viertel aller Kinder einen Migrationshintergrund (Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Universität Dortmund 2008).

Der Druck auf Erzieherinnen seitens der Sozial- und Bildungspolitik wird weiter zunehmen, diese Kinder besonders zu fördern. Hier spielen wieder die Erkenntnisse von Hirnforschung, Lern- und Entwicklungspsychologie eine Rolle, nach denen die frühe Kindheit für die Sprachentwicklung – und diese später für den Schulerfolg – entscheidend sei. Somit dürften in den kommenden Jahren die Anforderungen an die Sprachförderung weiter erhöht werden. Und dasselbe gilt erst recht für die kompensatorische Erziehung, die im Vergleich zu den 1970er Jahren heute nur eine geringe Rolle spielt: Kindertageseinrichtungen sollen Kinder aus sozial schwachen Familien bzw. mit Migrationshintergrund ganz früh in allen Entwicklungsbereichen fördern, Lern- und Leistungsmotivation ausbilden und lernmethodische Kompetenzen vermitteln, sodass sie bei der Einschulung gleiche Bildungschancen haben wie Kinder aus der Mittelschicht.

21. These: Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien werden zunehmend besonderen Sprachförder- und kompensatorischen Programmen unterzogen. Dadurch werden ihre Bildungschancen allmählich besser werden.

Der Vergleich der Ergebnisse der PISA-Studien zeigt, dass sich schon jetzt die Chancen bisher benachteiligter Kinder im Vergleich zu Kindern aus Akademikerfamilien verbessert haben: Sie besuchen häufiger eine weiterführende Schule und erreichen öfter das Abitur. Das dürfte an der intensiveren frühkindlichen Bildung inklusive kompensatorischer Maßnahmen und an den in den letzten Jahren eingeleiteten Schulreformen liegen. Dennoch dürften Kinder gebildeter Eltern auch in den kommenden Jahren an weiterführenden Schulen überrepräsentiert sein. Diese bemühen sich mehr als andere Eltern, ihren Kindern die besten Bildungschancen zu bieten, und investieren deshalb mehr Geld in deren Förderung. Zudem wird sich auch in Zukunft das stärker intellektuell geprägte Familienklima positiv auf die Sprachentwicklung, das Lernen, die Interessensbildung und die Leistungsmotivation auswirken.

In den kommenden Jahren ist damit zu rechnen, dass die Aufenthaltsdauer von Kindern in Grund- und weiterführenden Schulen ausgeweitet wird. Jüngere Schulkinder werden am Nachmittag betreut werden, sodass ihre Eltern einer (Vollzeit-) Erwerbstätigkeit nachgehen können. Ältere Schulkinder werden zunehmend am Nachmittag Unterricht haben – auch um eine Verkürzung der Schulzeit wie beim G8 zu rechtfertigen. Insbesondere in denjenigen Bundesländern, die bei den PISA-Studien immer noch schlecht abschneiden, wird der Leistungsdruck weiter erhöht werden.

Obwohl der Bildung in unserem rohstoffarmen Land eine große Bedeutung zukommt, wird aber dieser Sektor unterfinanziert bleiben, da die Politik andere Schwerpunkte setzt: So konnte die Bundesrepublik innerhalb weniger Monate maroden Banken 500 Mrd. Euro zur Verfügung stellen – der Anteil der Ausgaben für Bildung am Bruttosozialprodukt sank jedoch von 4,1% im Jahr 1995 auf 3,9% im Jahr 2005; im Jahr 2008 werden laut der Süddeutschen Zeitung vom 02.12.2008 voraussichtlich nur 92,6 Mrd. Euro ausgegeben.

Allerdings wird die Wirtschaft zunehmend Druck auf die Bildungspolitik ausüben: Zum einen verlangt sie schon jetzt, dass die Zahl der Abiturienten und Hochschulabsolventen – insbesondere mit Studienabschlüssen in den Wirtschafts-, Natur- und Ingenieurswissenschaften – erhöht werde. Zum anderen erwartet sie, dass weniger Jugendliche die Schule ohne Schulabschluss verlassen und alle Hauptschüler eine Grundbildung erhalten, auf der Unternehmen aufbauen können.

22. These: Da die Anforderungen an (zukünftige) Arbeitnehmer immer weiter ansteigen, wird der Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche in Kindertageseinrichtung und Schule zunehmen.

„Normierung“, „Pathologisierung“ und „Therapeutisierung“ von Kindern

Schon im Kleinkindalter achten Eltern und Erzieherinnen darauf, ob sich ein Kind „normal“ entwickelt. Um schon kleine Abweichungen zu erfassen, werden Kinder in Kindertageseinrichtungen immer häufiger anhand von Beobachtungsbögen und Tests genau untersucht. Entsprechen sie nicht mindestens zu 70% oder 80% den Vorstellungen und Erwartungen ihrer Eltern, Erzieherinnen bzw. Lehrer, werden sie sofort „pathologisiert“, also z.B. als „verhaltensauffällig“, „sprachgestört“, „seelisch behindert“ oder „entwicklungsverzögert“ klassifiziert. Dann wird umgehend nach professioneller Unterstützung gerufen. So erhalten bereits 30% der Kinder eines Geburtsjahrgangs im Vorschulalter professionelle Förder- und Therapiemaßnahmen, wie die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin berichtete (Pressemitteilung vom 05.12.2006). Jedes vierte Kind hat bereits mit acht Jahren eine (Ergo-, Logo-, Psycho-) Therapie hinter sich (STERN, Heft 39/2007).

23. These: Kinder werden hinsichtlich ihrer Entwicklung zunehmend „normiert“ sowie bei einer Abweichung von der Norm „pathologisiert“ und „therapiert“.

Freizeitverhalten in der Familie

In allen Soziotopen wird das Familienleben zunehmend multimedial geprägt. Hier ist mit eher geringen Unterschieden zwischen den verschiedenen Milieus zu rechnen, da die neuen Medien in allen Schichten nur selten privat zur Wissensaneignung genutzt werden. Vielmehr stehen zumeist Entertainment und Kommunikation im Vordergrund. Durch immer mehr Fernsehkanäle, durch Fernsehen über das Internet mit der Möglichkeit des Timeshifting, durch Online-Videotheken usw. wird der Medienkonsum eher noch zunehmen.

Immer mehr Zeit wird mit Computer- und Konsolenspielen sowie mit Online-Rollenspielen verbracht werden. In wenigen Jahren wird auch das vollständige Eintauchen in virtuelle Welten Realität werden. Immer mehr Menschen werden dort Rollen übernehmen und weitere Identitäten ausbilden. Reisen in künstlich geschaffene vergangene oder zukünftige Welten werden „lebensecht“ wirken. Ferner werden die Familienmitglieder zunehmend mit anderen Menschen auf sozialen Websites, in Chatrooms, per Instant Messenger, Internet-Telefonie oder Handy kommunizieren.

24. These: Das Freizeitverhalten der Familienmitglieder wird in den kommenden Jahren immer mehr durch Fernsehen, Internet, Konsolen- und Computerspiele oder Rollenspiele in virtuellen Welten geprägt werden.

Abgesehen von der bereits erwähnten Institutionalisierung und pädagogischen Besetzung der Kindheit ist schon jetzt der Medienkonsum bei Kindern so groß, dass kaum noch Zeit für das Treffen mit Freunden, das Spielen oder das Sporttreiben übrig bleiben dürfte. Laut ihrem Haupterzieher sahen 6- bis 13-Jährige am Tag durchschnittlich 91 Minuten fern, nutzten jeweils 41 Minuten Radio und Computer, lasen 22 Minuten lang und beschäftigten sich 18 Minuten mit dem Internet (KIM-Studie 2006, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2007). 12- bis 19-Jährige verbrachten laut der JIM-Studie 2008 im Durchschnitt an Werktagen 122 Minuten mit dem Fernsehen, 120 Minuten im Internet und 58 Minuten mit Konsolen- bzw. Computerspielen – pro Tag (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2008). An Wochenenden wurde sogar 74 Minuten lang gespielt; Jungen spielten etwa doppelt so lang wie Mädchen. Je älter die Jugendlichen waren, umso mehr Zeit verbrachten sie im Internet.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden neben der Mediennutzung aber auch weiterhin persönliche Kontakte zu Freunden pflegen, Sport treiben und weitere Freizeitaktivitäten praktizieren. Wohl ist damit zu rechnen, dass in den kommenden Jahren das Engagement in Sportvereinen weiter nachlassen wird – der nicht organisierte Sport und die Nutzung von Fitnesscentern wird aber zunehmen. Erwachsene werden eher noch mehr Wert auf eine gesunde Lebensführung legen und viel Geld für Anti-Aging-, Entspannungs- und Wellness-Angebote ausgeben. Aber auch Besuche von besonderen Events wie Festivals, Open-Air-Konzerten, Festen, Sportveranstaltungen, Erlebniswelten, besonderen Ausstellungen, Kabaretts usw. werden wichtige Freizeitaktivitäten sein.

Kinder zukunftsfähig machen

Nur wenige Eltern befassen sich damit, wie sie ihre Kinder für die Welt von morgen erziehen sollen. Vielmehr denken sie eher rückwärts: Wie wurde ich als Kind erzogen? Will ich meine Kinder genauso erziehen – oder was will ich ändern?

Eltern müssen aber ihre Kinder für ein Leben in der Zukunft bilden und erziehen. Deshalb sollten sie überlegen, wie sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiterentwickeln werden, welche Qualifikationen die Kinder von heute dann benötigen und wie jetzt die Grundlagen dazu gelegt werden können.

Für viele Lebensbereiche gibt es bereits relativ verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse über Entwicklungstendenzen bis zum Jahr 2050. Einige der bekanntesten sollen nun für die Bereiche Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik zusammengefasst werden (Belege für die folgenden Aussagen befinden sich auf der Website www.zukunftsentwicklungen.de).

1. Beispiel: Klimawandel

In den letzten Jahren wird die Zunahme der Welt-Durchschnittstemperatur immer mehr problematisiert, die vor allem durch den wachsenden Ausstoß von Kohlendioxid durch Energieversorgung, Industrie, Verkehr, Gebäude sowie Land- und Fortwirtschaft verursacht wird. Falls keine Gegenmaßnahmen getroffen werden, würde die Temperatur bis 2100 weltweit um 4 bis 6 Grad steigen. Dem UN-Klimabericht zufolge könnten Überschwemmungen bzw. Dürren und Wassermangel in vielen afrikanischen, zentralasiatischen und südostasiatischen Ländern zu staatlichem Zerfall und millionenfacher Flucht führen; 20 bis 30% aller Pflanzen- und Tierarten seien vom Aussterben bedroht.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf Deutschland dürften aber relativ gering sein: So werden die Sommer trockener und die Winter feuchter werden. Beispielsweise wird sich in Bayern bis 2050 die Zahl der Tage mit Dauerfrost halbieren; dafür werden im Sommer Tage mit Werten über 30 Grad doppelt so zahlreich auftreten wie heute. Wie bereits im Mittelalter werden Weinreben auch in Norddeutschland angebaut werden. Allerdings wird auch mit schweren Stürmen und sintflutartigen Regenfällen im Winter gerechnet, verbunden mit Hochwasser und Murenabgängen in den Bergen. Heiße und trockene Sommer könnten zu hohen Produktionswertverlusten für die Bauern und einem Fichtensterben in den Wäldern führen. Wärme- und trockenheitstolerante Baumarten wie Buche, Eiche oder Ahorn werden immer mehr Nadelbäume ersetzen.

Es gibt allerdings auch ein negativeres Szenario für Europa: So könnte ein durch die Erwärmung der Atmosphäre bedingtes Zusammenbrechen des Golfstroms zu einer neuen Eiszeit führen. Diese könnte innerhalb von drei Jahren einsetzen und z.B. Skandinavien in eine Eiswüste verwandeln. Schließlich liegt Europa auf den gleichen Breitengraden wie Mittelsibirien, Südgrönland und Nordkanada...

2. Beispiel: Bevölkerungsentwicklung

Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von 6,7 auf ca. 9,3 Mrd. Menschen ansteigen. Dann kämen 69 Menschen auf einen Quadratkilometer Landfläche (ohne Antarktis) – in Deutschland sind es derzeit 230 Menschen. Allerdings findet das Bevölkerungswachstum vor allem in Regionen statt, die schon jetzt Probleme mit Wassermangel, unzureichender landwirtschaftlicher Produktion und Armut haben. Hier ist in Zukunft mit Wanderungsbewegungen und ethnischen Spannungen zu rechnen.

In Europa werden hingegen Bevölkerungsabnahme und Überalterung zu Problemen führen. So leben in Deutschland derzeit 82,4 Mio. Menschen; 2050 werden es nur noch 69 bis 74 Mio. sein. Es wird – wie bereits erwähnt – immer weniger Kinder und immer mehr ältere Menschen geben, die zudem noch länger leben werden. So wird für 2050 eine Lebenserwartung bei Geburt von 83,5 Jahren für Jungen und 88,0 Jahren für Mädchen prognostiziert. Während heute 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter für 33 Kinder und 32 Senioren aufkommen müssen, werden es 2050 nur noch 29 Kinder sein, dafür aber 60 bis 64 Senioren. Für Letztere müssen nicht nur die Renten erwirtschaftet werden, sondern auch die Kosten für medizinische Versorgung und Pflege. Alleine bis 2020 wird die Zahl der Pflegebedürftigen um 50% auf 2,7 Mio. wachsen – und bis 2050 auf 4,7 Mio.

Schon in den letzten Jahren standen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung immer wieder unter Druck – obwohl die Wirtschaft boomte und die geburtenstarken Jahrgänge noch erwerbstätig sind. In Zukunft werden die Arbeitnehmer höhere Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen und weniger Geld für den Konsum haben; die innerdeutsche Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen dürfte sinken. Die Unternehmen werden die steigenden Sozialversicherungsbeiträge in die Preise hinein rechnen müssen, was den Export in außereuropäische Länder erschweren dürfte. Die zurückgehende Nachfrage, sinkende Investitionen sowie die mangels junger, kreativer Arbeitskräfte geringere Innovationsfähigkeit und kaum noch wachsende Produktivität könnten dazu führen, dass die Wirtschaft stagniert oder sogar schrumpft.

Irgendwann wird der Punkt kommen, wenn Steuern und Sozialabgaben als ungerecht und unzumutbar erlebt werden. Dann steht die Gesellschaft beispielsweise vor der Frage, ob noch allen Menschen eine gute medizinische Versorgung garantiert werden kann, bis zu welchem Alter bestimmte Operationen sinnvoll sind und wie lange das Leben eines Hochbetagten verlängert werden darf. Allerdings werden Menschen ab 55 Jahren schon ca. 2030 die Hälfte der Wählerschaft bilden. Auch dürften sie viele Spitzenpositionen in Wirtschaft, Kultur und Politik besetzen. Wird es dann eine „aufgeklärte Gerontokratie“ geben, die von sich aus die Leistungen für Senioren zurückfährt, oder wird es zu einem „Krieg zwischen den Generationen“ kommen?

Falls Deutschland versuchen sollte, den Rückgang an erwerbsfähigen Menschen durch verstärkte Zuwanderung zu kompensieren, könnte die Integrationsfähigkeit des Landes überfordert werden: Auf Seiten der Einheimischen könnte es zu einem Rechtsruck kommen, auf Seiten der Einwanderer zur verstärkten Bildung von Subkulturen und Ghettos.

Ein positiveres Szenario wäre, dass in Deutschland die Wirtschaft boomt, weil sich altersgemischte Produktionsteams, in denen junge innovative Hochschulabsolventen mit erfahrenen Managern zusammenarbeiten, zu einem Erfolgsrezept entwickelt haben. Die Einwanderung von jungen Menschen aus außereuropäischen Ländern könnte dank wechselseitiger Bereicherung zu mehr Kreativität und Innovation in Wirtschaft, Technik und Kultur führen.

3. Beispiel: Wirtschaft

Die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland wird natürlich nicht nur durch den demographischen Wandel bestimmt werden, sondern auch durch viele andere Faktoren. Dazu gehören vor allem die Globalisierung und die zunehmende Konkurrenz auf den Weltmärkten. Nach verschiedenen Prognosen wird China 2050 die größte und Indien die zweitgrößte Wirtschaftsmacht sein; die Wachstumsraten lagen in den letzten Jahren bei bis zu 10%. Während Indien das Backoffice der Welt ist, ist China die Fabrikhalle: In Indien bestreiten die Dienstleister mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung; in China erwirtschaften dagegen die Fabriken mehr als die Hälfte des Sozialprodukts. Hier werden derzeit 109 Mio. Fabrikarbeiter gezählt – mehr als doppelt so viele wie die insgesamt 53 Mio. Fabrikarbeiter aller G7-Länder. Während China im vergangenen Jahr mit einem Verkaufswert von 180 Mrd. $ erstmals mehr High-Tech-Ware exportierte als jedes andere Land der Welt, besetzen die Inder knapp die Hälfte des globalen Marktes für IT-Dienstleistungen und für das Outsourcing von Geschäftsprozessen allgemein.

Ein großer Anteil der globalen Industriekonzerne und sogar viele Mittelständler lassen mittlerweile in China produzieren und in Indien forschen und entwickeln. Aufgrund des Exportbooms hat China mittlerweile mit rund 850 Mrd. $ die höchsten Währungsreserven der Welt angesammelt; in Indien sind es 244 Mrd. $. So ist damit zu rechnen, dass China und Indien immer mehr in anderen Ländern investieren werden. Schon in den letzten Jahren kaufte beispielsweise Lenovo IBM das PC-Geschäft ab, der Elektronikhersteller TCL erwarb die Fernsehsparte von Thompson aus Frankreich, der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal übernahm die paneuropäische Arcelor-Gruppe.

Aber auch Brasilien und Russland entwickeln sich zu immer größeren Konkurrenten Deutschlands auf den Weltmärkten. Dazu kommen die „Next-11“: Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan, die Philippinen, Südkorea, die Türkei und Vietnam. Beispielsweise verzeichnet Vietnam die höchsten Wachstumsraten nach China.

Problematischer dürfte für die deutsche Wirtschaft aber sein, dass die Rohstoffvorkommen immer schneller schwinden: Beispielsweise werden die Ölreserven noch etwa 40 Jahre, die Gasvorkommen 60 Jahre und die Kohlereserven – bei heutigem Verbrauch – 155 Jahre ausreichen. Berücksichtigt man das Potenzial an vermuteten Reserven, die stetigen Fortschritte in der Fördertechnologie und die großen Teersand- und Schweröl-Ressourcen, könnten Öl und Gas bis zum Ende des Jahrhunderts reichen. Hingegen dürften die Kohlereserven schneller schwinden, da die Nachfrage rasant anwächst und Kohle bald auch zunehmend anstelle von Erdöl und Erdgas verwendet werden dürfte.

Heute werden weltweit 86 Mio. Fass Rohöl pro Tag verbraucht; in 30 Jahren wird es doppelt so viel sein. Die Hälfte der steigenden Nachfrage kommt aus Indien und China. Seit 2004 ist China mit 10% des Weltverbrauchs zweitgrößter Konsument nach den USA. Bei der Kohle haben China und Indien bereits einen Anteil von 45% an der weltweiten Nachfrage. Aber auch andere Rohstoffreserven gehen zurück. So ist mit stark ansteigenden Preisen zu rechnen – eine große Belastung für die deutsche Wirtschaft.

Agrarrohstoffe dürften ebenfalls immer teurer werden, da die Weltbevölkerung bis 2050 von derzeit 6,7 Mrd. auf über 9 Mrd. Menschen anwachsen wird, weil in Schwellenländern bei zunehmendem Wohlstand mehr qualitativ hochwertige Nahrungsmittel, mehr Milchprodukte und mehr Fleisch gekauft werden und da immer mehr Land für die Erzeugung von Biosprit genutzt werden wird. Schon bis Ende 2009 könnte z.B. der Preis für Mais um 100% steigen und der von Weizen um 80%.

Neben der zunehmenden Konkurrenz und den steigenden Rohstoffpreisen dürfte die deutsche Wirtschaft auch unter einem wachsenden Fachkräftemangel leiden – nicht nur aufgrund der Bevölkerungsentwicklung. Bundesweit blieben 2006 nach einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 48.000 Ingenieurstellen unbesetzt. Ferner sinkt die Qualität der Bewerber um Ausbildungsplätze: Einer Erhebung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zufolge verfügt ein Viertel aller Schulabgänger nicht über ausreichende Kenntnisse im Rechnen und Schreiben.

Der hochqualifizierte Nachwuchs wird auch in den kommenden Jahren fehlen: Beim OECD-Bildungsbericht von 2007 rutschte Deutschland im weltweiten Vergleich von Rang 10 auf Rang 22 ab. Nur 32 Ingenieure kommen hierzulande auf 1.000 Menschen eines typischen Abschlussjahrgangs – in vielen OECD-Ländern sind es dagegen 44. Aber nicht nur bei naturwissenschaftlich-technischen Fächern ist die deutsche Absolventenquote im OECD-Vergleich gering, sondern auch bei allen anderen akademischen Qualifikationen: Deutschland konnte wohl in den letzten zehn Jahren die Zahl der Studenten um 5% steigern – aber die 29 anderen wichtigsten Industrienationen taten dies im Schnitt um 41%. Problematisiert wurden in der OECD-Studie ferner die niedrige Abiturientenquote und der hohe Anteil der Studienabbrecher in Deutschland.

In Asien wächst hingegen das Angebot an Hochschulabsolventen in allen für die Wirtschaft relevanten Fächern nahezu explosionsartig an: Alle Fächer eingerechnet, erhielten 5,7 Mio. Inder und Chinesen 2005 einen Universitätsabschluss. Darüber hinaus hat sich der Anteil Chinas an den weltweiten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung auf knapp 11% (2004) erhöht.

Auf welchen Gebieten wird sich die deutsche Wirtschaft auf dem Weltmarkt behaupten können? Beispielsweise wird laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger die Umweltbranche im Jahr 2020 mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie. Im Bereich Umwelttechnik arbeiten in Deutschland schon eine Million Arbeitnehmer. Die Zahl wird parallel zu den schnell wachsenden Umsätzen steigen.

Bei Technologiegütern, beim Maschinenbau und bei chemischen Produkten – derzeit wichtige exportorientierte Industriezweige – könnte Deutschland hingegen zurückfallen, zumal hier viel weniger als in anderen Industrieländern in Forschung, Entwicklung und Humankapital investiert wird. Generell liegen derzeit sowohl die Ausgaben der deutschen Wirtschaft als auch die des Staates für Forschung und Entwicklung unter den Aufwendungen anderer Länder, nimmt der deutsche Anteil an den weltweiten wissenschaftlichen Publikationen ab, werden immer weniger Patente von den Hochschulen angemeldet.

Andere Zukunftsbranchen sind Biotechnologie, Pharmazie, Kosmetik und Nahrungsergänzung. Hier werden zunächst die Forschung und später die Produktion zulegen. In Deutschland selbst werden sich Unternehmen zunehmend auf die wachsende Konsumentengruppe der Senioren einstellen und ihre Produkte an deren Bedürfnisse anpassen. Ältere Menschen dürften in Zukunft mehr Geld für Unterhaltung, Wellness, Bildung, Reisen sowie Gesundheits-, Finanz- und Versicherungsleistungen ausgeben und voraussichtlich mehr in Hightech investieren – sofern sich die Geräte leicht bedienen lassen. Auch die Automobilindustrie wird zunehmend Funktionen in Fahrzeuge einbauen, mit denen Ältere bequemer fahren: rückenfreundliche Sitze, Fahrerassistenzsysteme usw. Die Versicherungsbranche wird immer mehr spezielle Senioren-Policen verkaufen, über die bei einem Unfall oder einem sonstigen Unterstützungsbedarf bestimmte Dienstleistungen wie z.B. Kochen, Einkäufe und Wohnungsreinigung finanziert werden. Schließlich dürfte der Pflegesektor aufgrund der zunehmenden Zahl Pflegebedürftiger wachsen, werden mehr Seniorenheime, ambulante Dienste sowie geriatrische und gerontopsychiatrische Abteilungen in Krankenhäusern benötigt. Mehr soziale Dienstleistungen als heute werden privat (z.B. auf Gegenseitigkeit) oder privatwirtschaftlich organisiert sein.

In der Freizeitindustrie gelten z.B. Fitnessangebote für junge Erwachsene und Singles, Kurzurlaube für kinderlose Paare, Tagesausflüge für Familien und Kulturaktivitäten für Rentner als Wachstumsbereiche. Schon heute investieren die Deutschen jährlich 250 Mrd. Euro in ihre Freizeitgestaltung – zwischen 10 und 20% ihres Haushaltseinkommens. Aber auch für die individuelle Gesundheitsprävention dürfte mehr ausgegeben werden: Hier wächst z.B. die Nachfrage nach Angeboten der Nachsorge, nach fürsorgeorientierten Angeboten sowie nach Entspannungstechniken und Stressmanagement. Die Ausgaben für Gesundheitsleistungen werden bis zum Jahr 2020 voraussichtlich um 74% wachsen.

4. Beispiel: Technik

Neben den schon erwähnten technischen Entwicklungen dürfte in Zukunft die Robotik eine immer größere Rolle spielen; sie könnte sich zu einer Großindustrie entwickeln. In Fabriken werden immer mehr Arbeitsgänge von Robotern übernommen werden. So werden weniger Menschen als Arbeiter tätig sein. Spätestens bis 2030 sollen Roboter Menschen im Alltag unterstützen können. Dann soll ein Roboterteam sogar den menschlichen Fußballweltmeister schlagen können, so die International RoboCup Federation.

In den kommenden Jahren bahnt sich ein regelrechter Wettflug zum Mond an. Den Anfang machte 2007 Japan mit der ersten Mondmission in der Geschichte des Landes. Ein Jahr lang soll „Selene“ über dem Mond kreisen und dessen Oberfläche untersuchen. Im Jahr 2025 soll dann eine bemannte Raumstation auf dem Mond errichtet werden. China und Indien planen für 2008 eigene Missionen zum Mond. Im Jahr 2012 möchte China einen Rover zum Erdbegleiter schicken. Die russische Raumfahrt will bis 2015 den Bau des russischen Teils der Internationalen Raumstation beenden und eine wieder verwendbare Raumfähre mit einem eigenen Weltraumbahnhof entwickeln. Für die folgenden zehn Jahren ist eine bemannte Plattform im Orbit vorgesehen und ab 2028 eine permanent in Betrieb befindliche Station auf dem Mond. Spätestens bis 2040 sollen Flüge zum Mars stattfinden.

Im Bereich Energietechnik werden zum einen die Verfahren zur Nutzung von erneuerbaren Energien wie z.B. Wind, Sonnenlicht, Erdwärme und Bioabfälle weiterentwickelt werden. Aber auch die Atomenergie hat wieder Zukunft: In mehreren Ländern (z.B. China, USA, Großbritannien) sind neue AKWs geplant. In Japan soll ein neuer schneller Brüter inklusive Wiederaufbereitungsanlage konventionelle Atomreaktoren bis zum Jahr 2050 ablösen. Auch Indien und China bereiten den Bau von Brutreaktoren vor. Zum anderen werden Technologien weiterentwickelt werden, die zu mehr Effizienz bei der Energienutzung führen – also z.B. Energiesparlampen, Kraft-Wärme-Kopplung oder Niedrigenergie-Gebäude.

Ferner dürfte in den kommenden Jahrzehnten die Nanotechnologie weiterentwickelt werden, mit deren Hilfe schon jetzt z.B. außerordentlich zugfeste, leitfähige, verformbare und leichte Materialien und winzige Elektromotoren hergestellt werden können. In Zukunft wird es eventuell kleine Roboter geben, die im Blutkreislauf mit schwimmen können, Nanoassembler, die aus einzelnen Atomen nahezu alles produzieren oder jegliche Art von „Müll“ in wieder verwertbare Atome zerlegen können, Oberflächen, die so glatt sind, dass kein Schmutz auf ihnen haften kann, oder Nano-Chips, mit denen sich Computer weiter verkleinern lassen.

Die Gentechnik dürfte vor allem mit Blick auf eine effizientere Landwirtschaft, eine gesündere Ernährung und nachwachsende Rohstoffe weiterentwickelt werden. Schon jetzt werden gentechnisch veränderte Pflanzen weltweit auf einer Fläche von mehr als 100 Mio. Hektar angebaut – das ist etwa so viel wie Europa an Agrarfläche hat. Es handelt sich hier um Produkte der Generation 1, die hinsichtlich ihrer Resistenz gegenüber Insektiziden und Herbiziden manipuliert wurden. Nun werden Generation 2-Pflanzen entwickelt, die z.B. gegenüber der weltweit zunehmenden Trockenheit widerstandsfähiger sind oder verbesserte Inhaltsstoffe enthalten. Beispielsweise wird gerade versucht, den Stoffwechsel von Ölpflanzen mit Hilfe von aus Algen stammenden Genen zu optimieren, um Omega-3 Fettsäuren herzustellen. Und die Genkartoffel „Amflora“ soll als Rohstoff für Papier-, Textil- und Klebstofffirmen dienen, die in großem Maß die Stärke Amylopektin benötigen. Für 2025 rechnet man weltweit mit einem Markt für Pflanzenbiotechnologie von rund 50 Mrd. $; derzeit sind es 2,5 Mrd. Dem Klonen von Menschen oder der Gentherapie wird hingegen wenig Zukunft beigemessen – im Gegensatz zu genetischen Tests, „Reparaturen“ an befruchteten Eizellen und künstlichen Genen.

Die Arbeitswelt

Wie werden die Deutschen in Zukunft arbeiten? Auch in den nächsten 40 Jahren werden die meisten Menschen in Büros und Geschäften tätig sein; Telearbeit wird eine Randerscheinung bleiben. Der Dienstleistungssektor wird weiterhin an Bedeutung zunehmen. Die von Arbeitnehmern verlangte Flexibilität bei den Arbeitszeiten wird in Zukunft noch größer werden. Allerdings werden vermutlich immer weniger Menschen fest angestellt sein – mit Kündigungsschutz, Tarifgehalt und Extraleistungen wie Betriebsrente. So könnte laut dem Wirtschaftspublizisten Günter Ogger (2007) der Anteil der Festangestellten an allen Beschäftigten bis 2050 von jetzt 77% auf bis zu 30% sinken. Die Zukunft wird also risikoreicher sein: Immer mehr Menschen müssen Teilzeitjobs oder befristete Stellen annehmen, zeitweise selbständig werden bzw. zwischen verschiedenen Beschäftigungsformen wechseln.

Da Innovationszyklen einander immer schneller folgen – derzeit innerhalb von fünf bis sieben Jahren –, wird der Beschleunigung der Arbeit weiter zunehmen. Kenntnisse und Fertigkeiten werden immer rascher veralten: Ohne lebenslanges Lernen geht es nicht mehr; viele Menschen werden zwei oder mehr Berufe während ihres Lebens erlernen müssen.

Während der derzeitigen Übergangsphase von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft nimmt die Bedeutung der Produktivkräfte Arbeit und Kapital ab, während Wissen immer wichtiger wird – es ist das „kulturelle Kapital“ unserer Gesellschaft. Durch die schon jetzt mehr als 6.000 Einzeldisziplinen umfassenden Wissenschaften wird immer schneller immer mehr Wissen produziert werden. Die Menschen müssen sich somit stärker spezialisieren, da sie nur noch in ganz kleinen Bereichen auf dem Laufenden sein können. Die Arbeitnehmer werden sich immer intensiver mit Informationen befassen; der Zugang zu ihnen wird durch neue Technologien weiter erleichtert werden. Aufgrund der zunehmenden Informationsüberflutung werden an vielen Arbeitsplätzen weitaus größere Anforderungen als heute an das Wissensmanagement gestellt.

Niedriger qualifizierte Stellen werden seltener werden. So werden selbst für einfache Arbeiten in Zukunft sehr gute IT-Kenntnisse erforderlich sein. Beispielsweise müssen Automechaniker schon jetzt mit Computern und Elektronik umgehen können. Auch benötigen sie ein Grundvokabular in Englisch, da viele Programme in dieser Sprache abgefasst sind.

Wer in der Wissensgesellschaft den Anschluss verpasst, wird nur noch geringe berufliche Chancen haben: So wird voraussichtlich die Kluft zwischen „wissensnahen“ und „wissensfernen“ Gruppen immer größer werden. Menschen, die mangels verwertbarer Qualifikationen arbeitslos sind, werden es noch schwerer als heute haben, eine neue Beschäftigung zu finden. Da der Staat aufgrund der hohen Ausgaben für Senioren und Kranke nur noch sehr begrenzte Leistungen für Langzeitarbeitslose erbringen kann, wird deren Lebensstandard sehr niedrig sein. Der existentielle Druck wird noch größer als heute, das Vertrauen in die Politik noch kleiner sein. Manche wenig qualifizierte Menschen werden aber in Selbsthilfenetzwerken und in der Schattenwirtschaft ein Auskommen finden – allerdings auf niedrigem Niveau.

Die meisten Tätigkeiten werden sich nur noch in der Kooperation mit anderen erledigen lassen. Die Menschen werden vermehrt in zeitlich begrenzten Projekten arbeiten, wobei sich mit jedem Projekt auch die Zusammensetzung des Teams ändern wird. Deren Mitglieder werden immer seltener denselben Arbeitgeber haben – im jeweiligen Projekt werden Mitarbeiter von mehreren Unternehmen mit Kunden und Wissenschaftlern aus Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Nur so können noch auf effiziente Weise neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden – die Produktlebenszyklen werden sich weiter verkürzen, die Entwicklung neuer Produkte wird immer mehr Spezialkenntnisse aus verschiedenen Technologie- bzw. Wissensfeldern verlangen, deren Vermarktung wird immer sorgfältiger geplant werden müssen. Zudem werden in der Projektwirtschaft die Kosten und Risiken von mehreren Unternehmen bzw. Institutionen geteilt. Im Jahr 2007 lieferte die Projektwirtschaft nur etwa 2% der Wertschöpfung in Deutschland – 2020 könnten es laut der Deutschen Bank Research schon 15% sein.

Die Projektarbeit wird den Arbeitnehmern zum einen mehr Flexibilität und geistige Wendigkeit abverlangen: Sie werden immer wieder an anderen Orten und mit anderen Menschen zusammenarbeiten müssen. Allerdings wird auch häufiger von Videokonferenzen Gebrauch gemacht werden – schon jetzt werden spezielle Büros mit mehreren Bildschirmen und Kameras ausgestattet, können Powerpoint-Präsentationen oder Statistiken gleichzeitig an verschiedenen Orten betrachtet und diskutiert werden. Zum anderen wird von den Arbeitnehmern immer mehr Kreativität verlangt werden – aus „made in Germany“ wird „created in Germany“, da die Produktion der Güter weitgehend in anderen Ländern erfolgen wird. Hier kann sich positiv auswirken, wenn möglichst unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten – Unterschiede mit dem größten Potenzial sind jene zwischen Jung und Alt sowie solche zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturräumen. Gut gebildete ältere Menschen werden somit noch voll in das Arbeitsleben eingebunden sein.

Der Lebensalltag

Der Trend zur Urbanisierung wird weiter zunehmen; immer mehr Menschen werden in Städten und Ballungsräumen wohnen. Außerhalb Europas werden sie zunehmend in Wolkenkratzern leben und arbeiten: Alleine in Peking werden in den nächsten Jahren 300 Hochhäuser gebaut. Ein ähnlicher Bauboom findet in Schanghai, Dubai, Seoul und vielen anderen Großstädten des Nahen und Fernen Ostens statt. Dabei geht es immer höher hinaus: Der Burj Dubai ist inzwischen das größte Gebäude der Welt, obwohl er sich noch im Bau befindet: Er hat das Taipeh 101 mit 509 Metern Höhe überholt und soll 810 Meter groß werden. Aber ganz in der Nähe soll Al Burj entstehen; hier werden 1.000 Meter als Zielmarke genannt. Kleine Parks, öffentliche Plätze und sogar Biosphären sollen in die Wolkenkratzer eingebaut werden.

Die Wohnungen werden „intelligenter“ werden; Heizung, Klimaanlage und viele andere Geräte werden von einem Computer gesteuert werden. Das Internet wird noch intensiver genutzt werden: Schon in den nächsten Jahren wird der Fernseher dank Settop-Gerät zu einem Multimediagerät werden; die Programme können dann auch zeitversetzt angesehen werden. Dank Breitbandanschluss, Highspeed-Netz VDSL und FTTH-Technik (Glasfaser bis nach Hause) können immer größere Datenmengen immer schneller übertragen werden. Das Angebot an Videos und komplexen Computerspielen wird weiter wachsen; immer mehr Orte und Institutionen können via Internet aufgesucht werden. Bereits jetzt besucht mehr als die Hälfte der Menschen eher virtuelle als physische Museen. Auch das soziale Leben wird zunehmend durch das Internet bestimmt werden. Es wird weniger persönliche Kontakte vor Ort und mehr virtuelle geben. Weitere Nutzungsmöglichkeiten des Internets werden Telearbeit und E-Learning sein – z.B. Videokonferenzen an der Universität.

Die Menschen werden mehr Lebensmittel mit gesundheitsfördernden Bestandteilen essen – Curry mit Power-Algen, Hamburger mit mikroverkapselten Vitaminen, Tomatensalat mit Krebsprophylaxe. Sie werden weiterhin in Supermärkten einkaufen, allerdings immer öfters bargeldlos – und dank RFID (Radio Frequency Identification) ohne Personal an den Kassen. Die Kleidung wird immer häufiger aus neuartigen Materialien sein, die besonders leicht, feuchtigkeitsabweisend, atmungsaktiv oder schmutzresistent sind. Als Kunden werden die Menschen immer souveräner agieren, da sie über interaktive Foren vernetzt sowie über Preise und Qualität der sie interessierenden Produkte und Dienstleistungen gut informiert sind.

Hinsichtlich der eigenen Lebensgestaltung wird das Individuum eher noch größere Freiräume als heute haben; tradierte Lebensformen und Kulturkreise oder in der Jugend übernommene Denk- und Orientierungsmuster werden schnell veralten. So werden Menschen vermehrt durch eigene Anstrengung soziale Strukturen aufbauen bzw. individuelle Wertvorstellungen und Denkweisen entwickeln müssen. Dies kann durchaus auch zu Ängsten und Orientierungslosigkeit führen. Manche Menschen werden sich vermutlich Sekten, extremen islamischen Gruppierungen oder radikalen politischen Bewegungen anschließen.

5. Exkurs: Wie ein Kind von heute als junger Erwachsener leben wird...

Morgens weckte ihn leise Musik, die der Radiosender nach seinen Vorlieben speziell für ihn zusammengestellt hatte. Die Jalousie ging in die Höhe, und das erste Sonnenlicht schien in das Zimmer. Er blieb noch einige Minuten liegen und hörte, wie sich die Kaffeemaschine einschaltete. Köstlicher Kaffeeduft kam aus der Küche. Er stand auf und ging in das Badezimmer. Als er Wasser ließ, meldete die Toilette: „Urin in Ordnung; keine Keime“. Nachdem er den Schlafanzug ausgezogen hatte, trat er in die Körperwaschmaschine und schloss sie hinter sich. Warmes Wasser, zuerst mit Schaum versetzt, glitt an seinem Körper herunter. Dann trocknete ihn warme Luft, die aus vielen kleinen Düsen kam. „Schade, dass das Gerät mich noch nicht rasieren kann“, dachte er, als er erfrischt aus der Körperwaschmaschine trat.

Im Bademantel betrat er die Küche, wo Hausi, sein Haushaltsroboter, schon den Tisch gedeckt und das Frühstück vorbereitet hatte. Er setzte sich und schaltete mit der Fernbedienung den großen flachen Bildschirm an der Wand ein. „Heute hätte ich Lust auf die Süddeutsche“, dachte er und wählte sie aus der Liste aus. Titelseite und Seite 2 erschienen auf dem Bildschirm. Während er frühstückte, „blätterte“ er gelangweilt die Zeitung durch. Dann ließ er sich noch die E-Mails zeigen, die in der Nacht eingetroffen waren.

Es schellte. An der Tür stand ein Bote mit einem Pappkarton voller Lebensmitteln und sagte nach dem Gruß: „Ihr Kühlschrank hat durchgegeben, welche Lebensmittel ausgegangen sind und dass Sie jetzt zu Hause angetroffen werden können“. Er nahm den Karton, brachte ihn in die Küche und kehrte mit seiner Geldkarte zurück. Der Betrag für die Lebensmittel wurde sofort abgezogen.

Nachdem er sich angezogen und Hausi beauftragt hatte, Schlafzimmer, Bad und Küche zu putzen, fuhr er mit dem Lift in die Tiefgarage. Die Tür seines Autos öffnete sich, nachdem sein Fingerabdruck überprüft worden war. Er ließ sich auf den Sitz fallen und gab in den Bordcomputer „Arbeit“ ein. Der Wasserstoffmotor sprang leise an, und das Auto fuhr los. Der Sitz begann, leicht zu vibrieren und seinen Rücken zu massieren. Der Bordcomputer kannte den Weg, und die Sensoren sorgten dafür, dass er sicher ankommen würde. So hatte er Zeit, in seinem Organizer die Termine für den heutigen Arbeitstag aufzurufen und gedanklich durchzugehen.

In der Tiefgarage seiner Firma angekommen, stieg er aus seinem Auto aus, dessen Tür sich automatisch schloss und verriegelte. „Mein Schreibtisch müsste noch in 7A stehen“, dachte er und fuhr mit dem Lift bis in den siebten Stock. Im Großraumbüro ließ er sich auf einem Stuhl fallen, der sich automatisch seiner Sitzhaltung anpasste. Er roch den Frühlingsduft, der über die Klimaanlage in den Raum strömte. Der Computer schaltete sich erst ein, nachdem sein Fingerabdruck überprüft wurde. Die Zeit reichte gerade, um die eingegangenen E-Mails zu lesen.

Dann traf er sich mit zwei Kollegen in Besprechungsraum 7F; ein anderer Mitarbeiter war per Videokonferenz zugeschaltet. Sie riefen auf dem die halbe Wand verdeckenden Bildschirm die Arbeitsergebnisse vom Vortag auf – die Pläne für eine neue Fabrikhalle. Zunächst wurde die Position der Pfeiler überprüft. Einige Tastendrucke genügten, um das Innere der Halle dreidimensional auf der einen Hälfte des Bildschirms abzubilden. Auf der anderen erschienen die Roboter und Fertigungsbänder. Mit dem Finger wurden die Objekte verschoben und in der Halle platziert. Bald wurde deutlich, dass der Abstand zwischen den Pfeilern vergrößert werden musste. Dem Computer wurden die neuen Vorgaben diktiert, und er veränderte die Pläne in Sekunden...

Nach fünf Stunden verließ er ausgelaugt seinen Arbeitsplatz. „Nur gut, dass die 25-Stunden-Woche eingeführt wurde, länger hätte ich diesen Stress nicht ausgehalten“, dachte er. Sein Auto brachte ihn zu den Skilanglaufhallen auf dem alten Fabrikgelände. Hier war eine künstliche Skipiste von fünf Kilometer Länge entstanden. Bildschirme entlang der Wände zeigten immer wieder neue Berglandschaften, und so war die Strecke nie langweilig. „Ob ich am Wochenende nach Katmandu jetten soll?“, dachte er. In vier Stunden wäre er mit dem Überschallflugzeug dort und könnte schon am Samstagmittag mit der Treckingtour beginnen...

In Zukunft benötigte Kompetenzen

Dies ist das Leben, auf das Familie, Kindertageseinrichtung und Schule vorbereiten müssen. Aber nur wenige Eltern haben schon einmal darüber nachgedacht, inwieweit ihre erzieherische und bildende Tätigkeit Kinder „zukunftsfähig“ macht. Welche Kenntnisse und Kompetenzen sollten Eltern den ihnen anvertrauten Kinder vermitteln? Diese Frage ist relativ leicht mit Hilfe nachstehender Tabelle zu beantworten:

Zukunftsfähigkeit: benötigte Kompetenzen und Kenntnisse

instrumentelle Kompetenzen

Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen usw.)

Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen, Logik, Problemlösefähigkeit, geistige Wendigkeit und Flexibilität

lerntechnische/lernmethodische Kompetenz: das Lernen lernen; Fähigkeit zum sinnvollen Umgang mit Informationen

Technikverständnis, IT-Kenntnisse, Beherrschung von Programmen

Fremdsprachenkompetenz

Kreativität, Kreativtechniken, Medienkompetenz

Handlungskompetenz, motorische Fertigkeiten, Körperbeherrschung

personale Kompetenzen

Persönlichkeitseigenschaften: Selbstbewusstsein, positives Selbstbild, Mut, Optimismus, Durchhaltevermögen, Belastbarkeit usw.

Selbstmanagement, positiver Umgang mit Gefühlen, Selbstdisziplin

Resilienz, Fähigkeit zur Bewältigung von Transitionen

Einstellungen: Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, Neugier, Offenheit; kritische Haltung; Interesse an Naturwissenschaft, Technik, Wirtschaft; Freude am Forschen, Experimentieren und Ausprobieren; Leistungsbereitschaft usw.

Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein, positive Lebenseinstellung

Werte: ethische/religiöse Verortung, Moralvorstellungen, Verantwortungsbereitschaft

Lernen, sich zu bescheiden, sich von Werbung und „Konsumterror“ zu distanzieren; Bereitschaft zum Verzicht

soziale Kompetenzen

Kommunikative Kompetenzen: sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Selbstdarstellung, Empathie, Zuhören-Können, Moderation

soziale Fertigkeiten: Kompetenz im Umgang mit Partner, Kindern und Freunden; Teamfähigkeit; Konfliktlösungsfertigkeiten; Kompetenz im Umgang mit unterschiedlich alten Menschen

prosoziales Verhalten, Toleranz, Rücksicht, Solidarität, Verständnis für alte und behinderte Menschen

interkulturelle Kompetenz

inhaltliches Basiswissen

Allgemeinwissen: Naturwissenschaften, Technik, Mathematik, Wirtschaft, Literatur, Kunst, Musik, Architektur, Geschichte, Geographie, Soziologie, Politik, Pädagogik, Psychologie, Recht, Philosophie, Religion, Medizin usw.

Wissen über aktuelle Probleme: Klimawandel, Umweltschutz, Bevölkerungsentwicklung, Globalisierung, europäische Integration u.a.

spezifische Fachkompetenzen

berufliches Fachwissen

berufliches Können

Es ist wahrlich ein sehr anspruchsvolles Unterfangen, wenn Kindern und Jugendlichen derartige Kompetenzen und Kenntnisse vermittelt werden sollen! Egal, ob es sich um Eltern, Erzieherinnen oder Lehrer handelt – alleine können sie dieses Ziel nicht erreichen. Nur gemeinsam können sie Kinder und Jugendliche zukunftsfähig machen: in einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft!

Aufgaben der Eltern

Zunächst einmal müssen sich Eltern bewusst machen, dass sie ein Kind nur außerordentlich selten bewusst erziehen und bilden. Vielmehr wirken sie vor allem indirekt: Ihre Persönlichkeit, ihre Beziehung und ihr Verhalten sind für ihre Kinder vorbildlich und prägen deren Entwicklung – im positiven wie im negativen Sinne. So werden Kinder eher zukunftsfähig, wenn

  • ihre Eltern psychisch gesund sind: Die Kinder lernen von ihnen, wie man rational denkt, wie man klar urteilt, wie man Probleme löst und wie man mit Emotionen angemessen umgeht. Sie können Selbstvertrauen und ein positives Selbstbild entwickeln, da ihre Eltern einerseits als entsprechende Vorbilder wirken und andererseits zulassen können, dass ihre Kinder stark und selbstbewusst werden.
  • die Paarbeziehung gut ist: Dann lernen Kinder, wie man positiv miteinander kommuniziert, wie man empathisch zuhört, wie man Gefühle ausdrückt und sensibel reagiert, wie man Eigenheiten des anderen toleriert, wie man andere Menschen unterstützt und wie man Konflikte bewältigt. Sie erkennen den Zusammenhang zwischen Beziehungsarbeit und Selbsterziehung.

Hinzu kommt, dass Kinder sichere Bindungen ausbilden können und sich geborgen fühlen, wenn ihre Eltern psychisch gesund sind und in einer guten Paarbeziehung leben. Sie können somit das für das aktive Erforschen ihrer Umwelt notwendige Grundvertrauen entwickeln. Akzeptieren Eltern die Individualität und Einzigartigkeit ihres Partners, so werden sie dieselbe Haltung gegenüber ihren Kindern einnehmen. Diese können sich somit frei entfalten und sich selbst verwirklichen.

Deutlich wird, wie groß die erzieherische Wirkung des Vorbilds der Eltern und ihrer Beziehung ist, dass der Qualität des Zusammenlebens und dem Familienklima eine große Bedeutung zukommt. Eltern sollten somit nicht zuerst an ihre Kinder, sondern an sich selbst und ihre Paarbeziehung denken. Dieser Grundsatz wird heute weitgehend missachtet...

Ferner benötigt ein Kind eindeutige Grenzen. Es muss lernen, auf die Absichten, Wünsche und Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder Rücksicht zu nehmen. Diese sollten deshalb nicht verheimlicht werden. Auch sollten die Eltern ihm immer mehr Aufgaben im Haushalt, für die Pflege seines Zimmers usw. übertragen, da dieses zu seiner Eigenständigkeit beiträgt, zu Verantwortungsbereitschaft führt und die Entfaltung seiner Fähigkeiten fördert.

Wenn sich Väter intensiv an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen, hat dies viele positive Auswirkungen: So wurde z.B. bei Kindern aktiver Väter mehr Einfühlsamkeit, eine geringere Geschlechtsrollenfixiertheit, eine höhere soziale Kompetenz und eine größere Stressresistenz festgestellt. Für Jungen sind Väter vor allem als männliche Rollenmodelle wichtig, da sie in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen nahezu ausschließlich von Frauen erzogen werden. Gemeinsame sportliche Aktivitäten, (Heim-) Werken und „Herumbasteln“ oder Aktivitäten in der freien Natur ermöglichen das Erlernen von Körperbeherrschung und leisten auf diese Weise einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung von Selbstvertrauen. Die Jungen können ihre Kräfte einsetzen und sich körperlich bewähren.

Insbesondere durch Aktivitäten in Wald und Flur kann auch der Naturentfremdung begegnet werden, können Kinder Umweltbewusstsein entwickeln, werden alle ihre Sinne geschult. Durch das spielerische Verwenden von Naturmaterialien, durch das gemeinsame Experimentieren, das Herstellen von Spielsachen, das Kochen, die Gartenarbeit usw. werden zugleich die Selbsttätigkeit und Kreativität der Kinder gefördert. Entdeckendes Lernen, Handlungsorientierung und Erfahrungslernen werden Teil der Kindheit.

Kinder, die häufig solche Aktivitäten machen, die mit der Zeit Hobbys entwickeln oder die in Vereinen aktiv werden, dürften wenig Freizeit vor dem Fernseher oder im Internet verbringen. Ansonsten sollten Eltern ihren Kindern möglichst früh den richtigen Umgang mit Medien nahe bringen. Keinesfalls sollten sie Kleinkinder durch das Anschalten des Fernsehers „ruhigstellen“. Jedoch können ausgewählte Computerspiele Kindern helfen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben. So können Kinder das Funktionieren einer Stadt (z.B. „Sim City“), die Entstehung von Zivilisationen (z.B. „Civilization“), den Aufbau eines Zoos (z.B. „Wildlife Park“) u.v.a.m. kennen lernen. Noch eine Randbemerkung: Inzwischen wurde nachgewiesen, dass Jugendliche auch in nicht pädagogischen Computerspielen (z.B. „World of Warcraft“) Managements- und Führungsfähigkeiten entwickelt können, wenn sie dort die Leitung einer Gruppe oder die Planung und Vorbereitung einer Aktion übernehmen. Allerdings sollten Computerspiele Freizeitaktivitäten bleiben, dürfen sie nicht zur Sucht werden.

Weitere bildungsrelevante Merkmale von Familien sind:

  • „eine qualitativ gute Kommunikation zwischen Eltern und Kindern (also auch bezogen auf Wortschatz, Begriffsverständnis, Komplexität von Sätzen usw.),
  • Unterstützung des (Klein-) Kindes bei der Erkundung der Welt und bei der Aufnahme sozialer Beziehungen,
  • bildende Aktivitäten in der Familie, z.B. Beschäftigung mit Lernspielen, Vorlesen, Experimentieren, Gespräche über Fernsehfilme, Bücher, naturwissenschaftliche Themen oder politische Ereignisse,
  • eine positive Einstellung zu Lernen und Leistung, zu Kindertageseinrichtung, Schule und Berufsausbildung bzw. Studium,
  • positive Interaktionen über das, was in der Schule und im Unterricht passiert, Unterstützung bei den Hausaufgaben, ein hohes Anspruchsniveau hinsichtlich Schulleistung und -abschluss,
  • ein enger Kontakt zwischen Eltern und Erzieher/innen bzw. Lehrer/innen, damit erstere wissen, wie sie außerfamilale Bildungs- und Erziehungsbemühungen zu Hause unterstützen können“ (Textor 2005, S. 156).

Hier wird erneut die große Bedeutung der Umweltgestaltung durch die Eltern und der von ihnen geschaffenen Lebensordnung deutlich. Eltern erziehen und bilden durch die von ihnen gelebten Werte, ihre Weltanschauung, ihre Interessen, ihre Einstellungen, ihre Gespräche über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur etc. Positiv wirkt sich vor allem ein dialoghaftes Eltern-Kind-Verhältnis aus, in dem es eine große Kommunikationsdichte gibt. Ferner erziehen und bilden Eltern dadurch, mit welchen Menschen sie ihre Kinder in Kontakt bringen, welche Aktivitäten sie mit ihnen durchführen oder fördern, welche Fernsehprogramme und Bücher sie für sie auswählen.

Jedoch sollten Kindern nicht durch zu viele Aktivitäten und Angebote – z.B. von Einrichtungen wie Ballett- oder Musikschulen – überfordert werden. Zudem sollten sie lernen, wie sie mit Hilfe von Mandalas, Yogaübungen oder Spielen (z.B. Memory) zur Ruhe kommen können. Kinder benötigen Freiräume, sodass sie sich oft unbeobachtet und selbstbestimmt erleben können.

Schlusswort

In den kommenden Jahren werden Familien intensiven Einflüssen durch Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Medien unterliegen, die große Veränderungen hinsichtlich der finanziellen Situation, der Kindererziehung und der Gestaltung des Familienlebens mit sich bringen werden. Insbesondere die Eltern sind gefordert, sich mit diesen Einwirkungen bewusst auseinanderzusetzen und Konsequenzen daraus für ihr Verhalten in der Paarbeziehung und gegenüber ihren Kindern zu ziehen. Aber auch die Politik muss sich mit diesen Einflüssen befassen, positive fördern und negative zurückdrängen. Die Entwicklung in Deutschland geht nicht in Richtung Familien- und Kinderfreundlichkeit – dies zu ändern, bleibt eine große Herausforderung für Politik und Gesellschaft!

Vorbemerkung zu den Quellen und Literaturangaben

Bei den meisten der folgenden Quellen und Literaturangaben aus dem Internet stimmen die URLs nicht mehr. Deshalb sind die Links inaktiv.

Quellen

Dieses Buch beruht u.a. auf folgenden Internetveröffentlichungen, die zum Teil gekürzt oder aktualisiert wurden:

  • Zur Einführung: Familienleben, Familienprobleme, Familienpolitik. http://freenet-homepage.de/Textor/Familienleben.htm
  • Drei Familien-Mythen. http://www.familienhandbuch.de/cmain/s_257
  • Elternschaft heute: aktuelle Befragungsergebnisse. http://www.familienhandbuch.de/cms/Elternschaft_Befragungsergebnisse.pdf
  • Ein neues Familienbild setzt sich durch. http://freenet-homepage.de/Textor/Familienbild.html
  • Was wird aus unseren Migrantenkindern? Familiensituation und Lebensweg. http://www.kindergartenpaedagogik.de/1738.html
  • Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft – die verlorene Hälfte der Weiblichkeit. http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Elternschaft/s_2611.html
  • http://www.familienhandbuch.de/cmain/s_112
  • Kindheit in der Familie. http://www.kindergartenpaedagogik.de/486.html
  • Mythen als Verursacher von Eheproblemen. http://www.familienhandbuch.de/cmain/s_287
  • Familien mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. http://www.kindergartenpaedagogik.de/37.html
  • Die Zukunft der Familie. http://www.familienhandbuch.de/cms/Familienforschung_Textor-Zukunft_Familie.pdf
  • In welcher Welt werden unsere Kinder leben? Konsequenzen aus der Zukunftsforschung für Bildung und Erziehung. http://www.kindergartenpaedagogik.de/1958.html
  • Erziehen und Bilden für die Zukunft. http://www.kindergartenpaedagogik.de/200.html

Literatur

Barthelmes, J./Sander, E.: Familie trotz Fernsehen? Medien im Familienalltag. In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.). Wie geht's der Familie? Ein Handbuch zur Situation der Familie heute. München 1988, S. 381-394

Bundesministerium der Finanzen: Rund die Hälfte aller privaten Haushalte zahlt keine Einkommensteuer (09.12.2008). http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_54/DE/Buergerinnen__und__Buerger/Arbeit__und__Steuererklaerung/Einkommensteuer/003__Einkommensteuer__Bsp.html?__nnn=true

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familien und Familienpolitik im europäischen Vergleich (25.04.2006). http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/BMFSFJ/familie,did=75122.html

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Elterngeldbericht bestätigt Kurs der Familienpolitik (29.10.2008). http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/BMFSFJ/familie,did=113900.html

Burns, J.: The Correlational Relationship between Homeschooling Demographics and High Test Scores. Manuskript, 1999, http://searcheric.org/ericdc/ED439141.htm

Eric Development Team: Homeschooling. ERIC Digest ED457539, 2001, http://searcheric.org/ericdc/ED457539.htm

Eric Development Team: Homeschooling and Higher Education. ERIC Digest ED480468, 2003

Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Universität Dortmund: Zahlenspiegel 2007. Kindertagesbetreuung im Spiegel der Statistik. München 2008

Fraser, B.J. et al.: Syntheses of Educational Productivity Research. International Journal of Educational Research 1987, 11, S. 147-251

Hays, S.: Die Identität der Mütter. Zwischen Selbstlosigkeit und Eigennutz. Stuttgart 1998

Herlyn, I./Vogel, U./Kistner, A./Langer, H./Mangels-Voegt, B./Wolde, A.: Begrenzte Freiheit – Familienfrauen nach ihrer aktiven Mutterschaft. Eine Untersuchung von Individualisierungschancen in biographischer Perspektive. Bielefeld 1993

Hochschild, A.R.: Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet. Opladen 2002

Institut für Demoskopie Allensbach: Einstellungen zur Erziehung. Kurzbericht zu einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage im Frühjahr 2006. Berlin, ohne Jahr

Institut für Demoskopie Allensbach: Vorwerk Familienstudie 2007. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage zur Familienarbeit in Deutschland. Wuppertal, ohne Jahr

Kleijwegt, M.: "Schaut endlich hin!" Wie Gewalt entsteht – Bericht aus der Welt junger Immigranten. Freiburg 2008

Krumm, V.: Schulleistung – auch eine Leistung der Eltern. Die heimliche und die offene Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern und wie sie verbessert werden kann. In: Specht, W./Thonhauser, J. (Hrsg.): Schulqualität. Innsbruck 1995, S. 256-290

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Programme for International Student Assessment. http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa (05.07.2004)

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2007): KIM 2006. http://www.mpfs.de/index.php?id=95

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2008): JIM 2008. http://www.mpfs.de/index.php?id=117

Merkle, T./Wippermann, C.: Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten. Stuttgart 2008

Mühling, T./Smolka, A.: Wie informieren sich bayerische Eltern über erziehungs- und familienbezogene Themen? Ergebnisse der ifb-Elternbefragung zur Familienbildung 2006. Bamberg 2007

Ogger, G.: Die Abgestellten: Ein Nachruf auf den festen Arbeitsplatz. Gütersloh 2007

Opaschowski, H.W.: Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben. Gütersloh 2008

National Home Education Research Institute, http://www.hslda.org/research/faq.asp#1 (04.10.2007)

Richter, H. E.: Eltern, Kind und Neurose. Psychoanalyse der kindlichen Rolle. Reinbek 1969

Statistisches Bundesamt Deutschland: 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Annahmen und Ergebnisse. Wiesbaden 2006

Stierlin, H.: „Rolle“ und „Auftrag“ in der Familientheorie und -therapie. Familiendynamik 1976, 1, S. 36-59

Süssmuth, R.: Wahrnehmung des Erziehungsauftrages in der Familie. Erziehungsfähigkeit, Erziehungsbereitschaft, Erziehungsfolgen. In: Weigelt, K. (Hrsg.): Familie und Familienpolitik. Zur Situation in der Bundesrepublik Deutschland. Melle 1985, S. 95-104

Süssmuth, R.: Für Kinder bleibt noch viel zu tun. Frau & Politik 1987, 33 (8), S. 3

Textor, M.R.: Die Bildungsfunktion der Familie stärken: Neue Aufgabe der Familienbildung, Kindergärten und Schulen? Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge 2005, 85 (5), S. 155-159

Tietze, W. (Hrsg.): Wie gut sind unsere Kindergärten? Eine Untersuchung zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten. Neuwied 1998

TNS Emnid: Frauen mit Kindern bis 18 Jahren. Ohne Ort, ohne Jahr

Ziegler, A.: Hochbegabung. München 2008