Martin R. Textor

 

In den letzten Jahren haben wir uns intensiv mit 30 bis 35% der Kinder in Grundschulen befasst – den „Kindern mit besonderen Bedürfnissen“. Unter diesen Sammelbegriff fallen erstens Kinder, die unter Verhaltensauffälligkeiten bzw. psychischen Problemen leiden, zweitens behinderte bzw. chronisch kranke Kinder, die aufgrund von Integration und Inklusion zunehmend Regelschulen besuchen, drittens Kinder mit Migrationshintergrund, die nicht ausreichend die deutsche Sprache beherrschen, sowie viertens Kinder aus bildungsfernen Familien, die von ihren Eltern zu wenig gefördert werden.

Während wir uns auf die vorgenannten Kinder konzentrierten, haben wir 15 bis 20% der Schüler vernachlässigt, die im Grunde auch einer intensiven Förderung bedürfen: Kinder mit besonderen Begabungen. Zum einen fallen Schüler mit einer überdurchschnittlich hohen Intelligenz in diese Gruppe. Zum anderen sind damit Kinder mit einer musikalischen, einer sportlichen, einer künstlerischen oder einer eher einseitigen intellektuellen Begabung gemeint, also z.B. für Mathematik oder für Fremdsprachen.

Als „Begabung“ wird ein genetisch angelegtes Potenzial bezeichnet. Ob sich diese Anlage entfalten wird, hängt zum einen von der Umwelt ab, also von der Qualität der erfahrenen Betreuung, Erziehung und Bildung. Wird z.B. eine musikalische Begabung nicht von den Eltern oder anderen Personen entdeckt und gefördert, wird sie bedeutungslos bleiben. Zum anderen spielen individuelle Faktoren eine große Rolle: Nur wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene kontinuierlich ein großes Interesse am jeweiligen Begabungsbereich haben und ein hohes Maß an intrinsischer Motivation, an Einsatz, Fleiß und Selbstdisziplin aufbringen, kann aus der genetischen Anlage ein besonderes Talent werden (Neubauer/Opriessnig 2012).

Natürlich können (ältere) Schulkinder oder Heranwachsende auch selbst eigene Begabungen entdecken und an ihrer Realisierung arbeiten. Sie werden jedoch nur dann hohe oder gar Höchstleistungen in ihrem Begabungsbereich erbringen, wenn sie jahrelang intensiv gelernt, geübt bzw. trainiert haben – im Regelfall mindestens 10 Jahre lang (Ziegler 2008). Die dafür notwendige Selbstdisziplin werden aber nur wenige Menschen aufbringen. So sind Begabte auf die Unterstützung und Förderung durch Dritte angewiesen, die auch extrinsische Motivationen wecken müssen. Die volle Entfaltung eines genetischen Potenzials setzt also ein langjähriges Zusammenspiel zwischen einem hoch motivierten Individuum und einer es intensiv fördernden Umwelt voraus.

Verlässliche Aussagen über die Häufigkeit von Begabungen gibt es nur für den kognitiven Bereich. Als überdurchschnittlich intelligent – mit einem IQ größer als 115 Punkte – gelten 15% der Menschen; intellektuell hoch begabt – mit einem IQ größer als 130 Punkte – sind 2%. Rein statistisch gesehen wird es also nur in jeder vierten Grundschulklasse ein hoch begabtes Kind geben. Aufgrund dieser geringen Zahl geht es im Folgenden in erster Linie um begabte Schüler – also um solche mit einer überdurchschnittlichen allgemeinen Intelligenz, mit einer kognitiven Begabung in einem Teilbereich wie z.B. Mathematik oder mit Begabungen auf musisch-ästhetischem, sportlich-motorischem oder sonstigem Gebiet.

Viele begabte Kinder haben es schwer!

Leider übersehen die meisten Menschen, dass überdurchschnittliche Intelligenz bzw. Begabung nicht mit hohen Leistungen in Schule und Beruf gleichzusetzen ist. Eine intellektuelle, musikalische, künstlerische oder motorische Begabung kann durchaus verkümmern. Bis zu einem Fünftel der (hoch) begabten Menschen werden zu „Underachievern“, das heißt zu Personen mit unterdurchschnittlichen Leistungen in Schule und Beruf (Dippelreiter 2003). Rechnet man noch diejenigen hinzu, die eher durchschnittliche Leistungen erbringen oder die sich für andere (berufliche) Tätigkeiten entschieden haben, als für die sie besonders begabt sind, dann wird deutlich, welch' großes Potenzial hier der Gesellschaft, der Kultur, der Wissenschaft, dem Sport und der Wirtschaft verloren geht.

Die Ursache liegt oft darin, dass Eltern, Erzieher/innen und Grundschullehrer/innen die besondere Begabung des jeweiligen Kindes nicht erkannt haben. So werden Lehrkräften im Studium und in der Fortbildung in der Regel keine Kenntnisse über Begabungen vermittelt. Deshalb achten sie nicht auf deren Anzeichen oder – wenn sie diese wahrnehmen –wissen sie nicht, welche Konsequenzen sie aus den Beobachtungen ziehen sollten. Und dann sind da noch die Kinder mit besonderen Bedürfnissen, die Grundschullehrer/innen sowieso schon im Übermaße beanspruchen...

So müssen die nicht identifizierten begabten Kinder an dem ganz normalen Grundschulunterricht teilnehmen. Manche sind unzufrieden, weil sie den Drang verspüren, ihre musikalische, künstlerische, motorische oder sportliche Begabung zum Ausdruck zu bringen, dies aber mangels Gelegenheit nicht können. Andere langweilen sich, weil sie in ihrer kognitiven Entwicklung weiter als Gleichaltrige sind und diese bei vielen Aktivitäten nicht mehr als adäquate Lernpartner erleben. Dies kann zu einer generellen Demotivierung und zu Lernunlust führen.

Wird eine überdurchschnittliche Intelligenz nicht erkannt, ist die Gefahr recht groß, dass Verhaltensweisen begabter Kinder falsch interpretiert werden:

  • Wenn sie Lehrer/innen mit Fragen löchern, gelten sie schnell als „Quälgeister“ und werden nur noch selten aufgerufen.
  • Wenn sie immer wieder als erste auf die Fragen der Lehrkräfte antworten, gelten sie schnell als vorlaut und „neunmalklug“.
  • Wenn sie aufgrund ihrer großen Kreativität originelle und unkonventionelle Vorschläge machen, bringen sie oft das „Programm“ der Erwachsenen durcheinander.
  • Wenn sie andere Kinder immer wieder „vor den Kopf stoßen“, weil sie alles besser wissen, werden sie häufig von den anderen „geschnitten“.
  • Wenn sie außergewöhnliche Interessen haben und sich auf irgendwelchen Gebieten schon ein „Spezialwissen“ angeeignet haben, werden sie oft von anderen Menschen geneckt.

Manche Begabte haben in ihren ersten Lebensjahren Anfeindungen, Spott, Ausgrenzung, Mobbing und andere negative Reaktionen in ihrer Familie, in der Peergroup oder in ihrer Schulklasse erlebt und haben sich deshalb in ihren Leistungen „angepasst“. Außerdem wurden ihre hohe Kreativität und unkonventionelle Art zu lernen häufig von Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen als „störend“ erlebt und unterdrückt.

Mädchen „verstecken“ oft ihre Begabung, wenn diese geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen widerspricht, also z.B. auf dem mathematisch-naturwissenschaftlichen oder dem technischen Gebiet liegt. Auch haben sie – vor allem in solchen Bereichen – weniger Selbstvertrauen als Jungen und führen überdurchschnittliche Leistungen eher auf Anstrengung als auf Begabung zurück. Zudem haben sie oft ein breiter gefächertes Interessenspektrum, sodass ein besonderes Talent weniger auffällt, da sich das Kind nicht voll auf diesen Bereich konzentriert.

Bei begabten Kindern aus sozial schwachen Familien ist das Risiko zur Minderleistung deutlich erhöht, „wenn sie in einem geringen häuslichen Anregungsmilieu mit ihren vielen Fragen und Ideen auf Unverständnis und Befremdung stoßen oder gar das Gefühl entwickeln, als lästig empfunden zu werden“ (Niedersächsisches Kultusministerium 2004, S. 7). Vielfach können sich Begabungen auch nicht manifestieren, weil Kinder mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache zu wenig beherrschen.

Einige Begabte werden aber auch wegen Teilleistungsschwächen wie Legasthenie zu Underachievern oder sind von individuellen Problemen (z.B. Behinderung, chronische Krankheit, negatives Selbstbild, Misserfolgsorientierung, fehlendes Selbstvertrauen, Angst) oder familialen Belastungen (z.B. Trennung/Scheidung der Eltern, Arbeitslosigkeit, Armut) betroffen. Sie erbringen aufgrund dieser Beeinträchtigungen und Schwierigkeiten nur unterdurchschnittliche Leistungen. Da die Behinderung bzw. Teilleistungsschwäche im Vordergrund steht, werden ihre besonderen Talente leicht übersehen.

Begabte Kinder, die konstant unterfordert sind und sich in der Grundschule langweilen, entwickeln leicht Verhaltensauffälligkeiten: Die Buben werden eher aggressiv und stören, die Mädchen ziehen sich häufiger zurück, passen sich an und/oder entwickeln psychosomatische Beschwerden. Jedoch treten Verhaltensauffälligkeiten oder psychische Probleme seltener bei überdurchschnittlich intelligenten Personen als im Durchschnitt der Bevölkerung auf: Nach vielen wissenschaftlichen Untersuchungen kommen sie in der Regel besser im Leben zurecht als andere Menschen (Stern/Neubauer 2013).

Begabte Kinder frühzeitig identifizieren!

Im Kleinkindalter sind besondere Begabungen nur schwer zu ermitteln, da die Entwicklung noch sehr ungleichmäßig verläuft und ein (scheinbarer) Entwicklungsvorsprung nach kurzer Zeit schon wieder verschwunden sein kann. Hinzu kommt, dass sich manche Talente erst später manifestieren – nicht nur bei Spätentwicklern – und dass oft schwer abzuschätzen ist, was Begabung und was besonders intensive Förderung seitens der Eltern ist. So lernen häufig auch durchschnittlich intelligente Fünfjährige zu lesen, zu schreiben und zu rechnen, weil ihre Eltern diese Kompetenzen schulen. Außerdem gehören zu den Begabten – wie bereits erwähnt – ganz unterschiedliche Teilgruppen.

Im Grundschulalter sind ungleichmäßige Entwicklungen in verschiedenen Entwicklungsbereichen weniger ausgeprägt, sodass eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz und besondere Begabungen zuverlässiger identifiziert werden können. Lehrer/innen sollten vor allem auf folgende Anzeichen achten:

  • Das jeweilige Kind „hat neuen Lernstoff meist beim ersten Mal verstanden und verabscheut Wiederholungen.
  • Es ‚versagt‘ anscheinend bei RoutineAufgaben, wird aber munter bei schwierigen Aufgabenstellungen.
  • Es schlampt Hausaufgaben, die zu einfach sind, wie z.B. Ausmalen, Päckchen-Rechnen, oder weigert sich, bereits Verstandenes in kleinen Variationen zu wiederholen. Es arbeitet aber sauber und ausführlich, wenn das Thema interessant und fordernd ist.
  • Es macht in Klassenarbeiten läppische Fehler bei einfachen Aufgaben, schwierigere Aufgaben werden aber fehlerfrei gelöst.
  • Es bekommt bei Tests schlechte Noten, obwohl der Lehrer subjektiv den Eindruck hat, es müsse alles verstanden haben.
  • Es langweilt sich im Unterricht und zeigt – manchmal auch demonstrativ – Desinteresse.
  • Es träumt anscheinend während des Unterrichts, weiß auf Anfragen aber die richtige Antwort.
  • Es spielt in Pausen nicht mit Gleichaltrigen und wird manchmal von anderen Kindern geschnitten, ausgegrenzt, gemobbt oder auch geschlagen. ...
  • Es ist ausgesprochen kritisch gegenüber sich selbst und gegenüber anderen – auch gegenüber Lehrern“ (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind o.J.).

Lehrer/innen sollten vor allem auf Mädchen, Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien achten, weil bei ihnen eine (kognitive) Begabung leicht übersehen wird. Ferner ist wichtig, dass sie bei Vermutung einer besonderen Begabung so früh wie möglich das Gespräch mit den Eltern suchen – zum einen, da diese die eigentlichen Experten für ihr Kind sind und somit ihren Beobachtungen eine besondere Bedeutung zukommt, und zum anderen, weil Eltern ihr Kind in Erziehungsberatungsstellen und Schulpsychologischen Diensten untersuchen lassen können. Inzwischen gibt es auch mehr als 70 Beratungsstellen für Hochbegabung, deren Adressen z.B. auf der Website der Karg-Stiftung zu finden sind.

Nur ein spezialisierter Fachdienst kann letztlich eine besondere Begabung diagnostizieren. Dabei werden Intelligenz- und Entwicklungstests verwendet. Insbesondere bei schon etwas älteren Grundschulkindern sind die Testergebnisse recht verlässlich. Allerdings sollten Tests nur ein Teil der Begabungsdiagnostik sein – neben relevanten Wahrnehmungen der Eltern, dokumentierten Beobachtungen der Lehrer/innen sowie Beobachtungen der Psycholog/innen bei der Vorstellung des Kindes und in der Testsituation.

Im ländlichen und kleinstädtischen Raum ist es oft schwer, einen auf Hochbegabung spezialisierten Fachdienst zu finden, sodass lange Wege bis zu einer Großstadt in Kauf genommen werden müssen. Eltern mit Migrationshintergrund und Familien aus unteren sozialen Schichten benötigen hier eine besonders intensive Motivierung und Unterstützung seitens der Grundschule, damit sie mit ihren Kindern eine Beratungsstelle aufsuchen.

Wichtig ist, dass auf die Diagnose einer Begabung ein Beratungsgespräch der Psycholog/innen mit den Eltern folgt. So benötigen diese Informationen, wie sie ihr Kind am besten fördern können und welche Gefahren zu vermeiden sind. Beispielsweise sollten begabte Kinder nicht überfordert werden. Sie dürfen auch als „Wunderkinder“ herausgestellt werden, da sie dann hochmütig und arrogant werden könnten.

Begabte Kinder in der Grundschule fördern!

Die an Grundschulen üblichen Formen der Förderung begabter Kinder werden als Enrichment und als Akzeleration bezeichnet. Beim Enrichment werden für sie zusätzliche Angebote gemacht, wobei beim vertikalen Enrichment die Themen des Lehrplans erweitert und beim horizontalen Enrichment neue Lerninhalte eingebracht werden, die im normalen Unterrichtsprogramm nicht vorgesehen sind. Dies kann entweder in der jeweiligen Schulklasse durch Binnendifferenzierung oder klassen- bzw. jahrgangsübergreifend geschehen.

Eine Binnendifferenzierung kann z.B. folgendermaßen realisiert werden (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung 2004):

  • Bei der Differenzierung im Unterrichtsgespräch wird ein Thema zunächst mit den leistungsschwächeren und dann mit den leistungsstärkeren Schülern erarbeitet (oder umgekehrt), während sich die anderen Kinder mit vorgegebenen Aufgaben befassen.
  • Bei der Kleingruppenarbeit übernehmen unterschiedlich begabte Schüler verschiedene Aufgaben. Ferner können überdurchschnittlich intelligente Kinder phasenweise in einer Kleingruppe arbeiten, während die Lehrkraft die übrigen Kinder unterrichtet.
  • Beim Tages- oder Wochenplan – Letzterer eignet sich nur für ältere Grundschüler – können die Kinder frei wählen, wann und wie lange sie sich mit den vorgegebenen Pflichtaufgaben befassen wollen. Für begabtere und schneller lernende Kinder gibt es anspruchsvollere Zusatzaufgaben.
  • Während der Freien Arbeit kann jeder Schüler eigenen Interessen und Neigungen nachgehen, entweder alleine, zusammen mit einem Partner oder in einer Kleingruppe. Insbesondere bei jüngeren Kindern ist es jedoch sinnvoll, sie dabei nur zwischen vorgegebenen Angeboten wählen zu lassen. Freiarbeit setzt voraus, dass Schüler Zugang zu vielen unterschiedlichen Arbeitsmitteln und -materialien haben – wie Kindergartenkinder während des Freispiels. In anregungsreichen Lernumgebungen finden auch begabte Kinder anspruchsvolle Herausforderungen.
  • Beim Stationenlernen durchlaufen leistungsschwächere und leistungsstärkere Kinder unterschiedlich viele Stationen.
  • Bei der Projektarbeit können begabte Kinder entweder schwierigere Projekte übernehmen oder komplizierte Aufgaben innerhalb des jeweiligen Vorhabens.

Begabten Kindern können auch anspruchsvollere Hausaufgaben gestellt werden. Ferner können sie gelegentlich als Tutoren schwächere Klassenkameraden unterstützen – mit Betonung auf „gelegentlich“, weil sie sich sonst ausgebeutet fühlen oder von Mitschülern ausgegrenzt werden könnten.

Auch bei der klassen- bzw. jahrgangsübergreifenden Differenzierung gibt es verschiedene Formen:

  • Besonders begabten Kindern wird die Möglichkeit geboten, den Unterricht im Fach ihrer Begabungsstärke bzw. in mehreren Fächern in einer höheren Klasse zu besuchen. Sie bleiben rechtlich Schüler ihrer Jahrgangsstufe und erhalten auch ein entsprechendes Zwischen- oder Jahreszeugnis.
  • Begabte Kinder können freiwillig an Arbeitsgemeinschaften oder Schach-, Philosophie-, Musik-, Sport-, Computer-, Experimentier-, Technik- und sonstigem Kursen teilnehmen. Mancherorts haben sich Grundschulen zusammengeschlossen, damit genügend begabte Kinder für solche Angebote zusammenkommen.
  • Einige Grundschulen haben Lernwerkstätten eingerichtet, die wohl grundsätzlich allen Schülern zur Verfügung stehen, aber auch von begabten Schülern als Forschungslabore oder Ateliers genutzt werden können.

Eine andere Form der Förderung begabter Kinder ist die Akzeleration, das beschleunigte Lernen. Damit ist erstens die vorzeitige Einschulung, zweitens das schneller Durchlaufen einer jahrgangsgemischten Eingangsstufe und drittens das Überspringen einer Klassenstufe gemeint.

Wenn überdurchschnittlich intelligente Kinder im letzten Kindergartenjahr nicht mehr angemessen gefördert werden können, sollte bei ihnen eine vorzeitige Einschulung in Betracht gezogen werden. Häufig gibt es jedoch Widerstände bei Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen, die das jeweilige Kind noch für „zu klein“ bzw. zu zierlich halten oder es in Bereichen wie der sozialen und motorischen Entwicklung als zu wenig „reif“ beurteilen. Bei Argumenten wie „Ein so kleines Kind braucht noch einen Schonraum, der Ernst des Lebens beginnt früh genug!“ oder „Wollen Sie wirklich dem Kind seine Kindheit rauben?“ sollte aber berücksichtigt werden, dass überdurchschnittlich intelligente Kinder durch den Verbleib im Kindergarten geschädigt werden könnten: So langweilen sich manche hoch begabte Kinder im letzten Kindergartenjahr, stören oder werden verhaltensauffällig. Andere eignen sich bereits das Lesen, Schreiben und Rechnen an und sind dann in der ersten Grundschulklasse unterfordert, entwickeln sich zu „Problemkindern“ oder werden Underachiever.

In vielen Fällen ist somit die vorzeitige Einschulung die beste Lösung; sie hat zumeist nur positive Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung und die Leistungen hoch begabter Kinder (Stapf 2003). Natürlich muss sie von der Gesamtentwicklung des Kindes abhängig gemacht werden. Insbesondere wenn Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen hier unterschiedlicher Meinung sind, sollte der Entwicklungsstand von Psycholog/innen an Hochbegabten- und Erziehungsberatungsstellen oder von schulpsychologischen Diensten beurteilt werden.

An manchen Grundschulen wurden die Klassen 1 und 2 zu einer jahrgangsgemischten Eingangsstufe zusammengefasst. Diese kann von überdurchschnittlich intelligenten bzw. leistungsstarken Kindern innerhalb von einem Jahr durchlaufen werden. Da sie sich dabei auch den Lernstoff der zweiten Klasse angeeignet haben, fällt ihnen der Übergang in die dritte Klasse in der Regel leicht.

Etwas schwerer ist die Transition, wenn begabte Kinder eine Schulklasse überspringen, weil sie dann die Unterrichtsinhalte einer ganzen Jahrgangsstufe verpassen.

Eine andere Form der Förderung begabter Kinder ist ihre Zusammenführung in Hochbegabungsklassen oder Spezialschulen, die es auch z.B. für Schüler mit einer musikalischen oder sportlichen Begabung gibt. Da der Einzugsbereich solcher Schulen sehr groß ist, sind sie oft mit einem Internat verbunden.

Neben Enrichment und Akzeleration benötigen begabte Kinder letztlich dasselbe wie alle anderen Kinder auch: eine positive Beziehung zu den Lehrkräften, Verständnis und Unterstützung, Anerkennung und Bestätigung, Motivierung und Feedback. Laut dem Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung des Landes Rheinland-Pfalz (o.J.) entwickeln sich begabte Kinder meist dann positiv, wenn:

  • sie „zeigen dürfen, was sie bereits können und dabei echte Wertschätzung erfahren
  • sie erleben, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat und haben darf, sowohl weniger begabte Klassenkameraden als auch Hochbegabte selbst
  • für sie individuelle Lernziele und Anforderungen festgelegt werden
  • ihre oft originellen Ideen aufgegriffen werden
  • sie selbst Entscheidungen treffen können oder in Entscheidungsprozesse eingebunden werden
  • sie verzichten dürfen auf Routineaufgaben und häufige Wiederholungen, wenn sie zum Thema schon alles wissen
  • sie dort Unterstützung bekommen, wo sie sie brauchen (Struktur, Ordnung, Lern- und Arbeitstechniken)
  • sie zusammen mit gleich oder ähnlich befähigten Kindern gefördert werden, d.h. nicht alleine in einer Klasse eine Sonderrolle einnehmen
  • sie Projekte/Aufgaben für andere entwickeln/erstellen dürfen
  • sie sich selbst anspruchsvolle Hausaufgaben aussuchen und machen dürfen
  • sie anregende Materialien (Bücher, Zeitschriften, PC) zur Verfügung haben, um selbstständig arbeiten zu können
  • klare Leistungsanforderungen, ihrem Potenzial entsprechend an sie gestellt werden (fördern durch fordern)
  • ...
  • sie gelegentlich ihr Wissen und Können an schwächere Schüler weitergeben dürfen
  • sie einen persönlichen Ansprechpartner (Pate, Coach) in der Schule haben“ (S. 4 f.).

So erleben die Kinder, dass ihre Begabung von den Lehrer/innen erkannt wurde und positiv gesehen wird, dass ihre besonderen Interessen aufgegriffen und gesteigert werden, dass sie entsprechende Leistungen erbringen können und diese eine Wertschätzung erfahren. Intrinsische und extrinsische Motivationen werden gestärkt.

Begabte Mädchen, Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien benötigen häufig eine zusätzliche Unterstützung. So müssen Lehrer/innen ihnen helfen, besondere Interessen und Fähigkeiten auch gegen Widerstände seitens ihrer Familie oder sozialen Kontexts zu verfolgen. Liegt bei Mädchen die Begabung in sogenannten „männlichen“ Domänen, muss oft ihr Selbstvertrauen gestärkt werden, damit sie sich in ihrer Peergroup behaupten können. An sie sind die gleichen (intellektuellen) Ansprüche wie an begabte Jungen zu stellen.

Externe Maßnahmen erschließen!

Eine große Bedeutung hinsichtlich der Förderung begabter Kinder kommt ihren Eltern zu. Beispielsweise tragen eine intellektuell geprägte Familienatmosphäre, eine intensive Kommunikation miteinander und eine anspruchsvolle Freizeitgestaltung dazu bei, dass Kinder besondere Begabungen entfalten können. Viele Eltern spielen mit ihren Kindern kognitiv anregende Spiele, schauen mit ihnen lehrreiche Filme an oder besuchen gemeinsam Museen, Planetarien, Konzerte oder Theateraufführungen. Aber auch Geschenke wie gute Bücher, Experimentier- und Konstruktionskästen oder Musikinstrumente können sich positiv auswirken.

Viele Erwachsene, die später durch besondere musikalische, sportliche oder wissenschaftlichen Leistungen bekannt geworden sind, wurden bereits in ihrer (frühen) Kindheit von ihren Eltern intensiv gefördert. Zumeist hatten diese bei der Beobachtung ihres spielenden Kleinkindes festgestellt, dass ihm bestimmte Aktivitäten besonders viel Freude machen. Dann haben sie relevante Lernprozesse im Verlauf der Zeit immer stärker organisiert. In vielen Fällen kannten sich die Eltern auch gut auf dem Spezialgebiet ihres Kindes aus. So hatten herausragende Sportler oft einen Elternteil, der ebenfalls ein guter Sportler war, hatten viele berühmte Musiker musikbegeisterte Eltern, hatten renommierte Wissenschaftler häufig akademisch gebildete Eltern, die ihre besonderen Interessen erkannten und förderten.

In anderen Fällen haben Eltern, die bereits die Begabung ihres Kindes erkannt hatten, es von sich aus z.B. in einer Musikschule (musikalische Begabung), in einem Sportverein oder in einer Ballettschule angemeldet (motorische Begabung). Dort nehmen sich Trainer, Musiklehrer oder andere Fachleute des Kindes an und systematisieren seine Lernprozesse.

Falls Eltern die Begabung ihres Kindes noch nicht bewusst wahrgenommen haben oder nicht wissen, wie sie diese angemessen fördern können, ist es Pflicht der Lehrer/innen, sie auf relevante Betätigungen in der Familie bzw. auf externe Angebote aufmerksam zu machen.

Alle Eltern von begabten Kindern sollten darauf hingewiesen werden, dass es Verbände gibt, die an zentralen Orten Wochenendveranstaltungen, Kinderakademien oder Ferienseminare speziell für hoch begabte Kinder durchführen. Dort treffen diese auf „Ihresgleichen“ und beschäftigen sich gemeinsam mit anspruchsvollen Aufgaben, Experimenten und Spielen.

Schlusswort

Eine den Bedürfnissen hoch begabter Kinder entsprechende Bildung und Erziehung setzen eine genaue Beobachtung ihrer Entwicklung voraus. Nur dann können adäquate Förderangebote gemacht werden. Dabei kommt es darauf an, dem jeweiligen Kind möglichst viele Freiräume für ein selbstbestimmtes und selbsttätiges Lernen zu geben. Auch die Entwicklungsbereiche, in denen es keine besonderen Talente aufweist, sollten angemessen berücksichtigt werden. Eine intensive Kooperation mit seinen Eltern und anderen Fachleuten wie z.B. Psychologen ist unabdingbar.

Quelle

Aus: Grundschulzeitschrift Nr. 267, S. 12-16

© 2013 Friedrich Verlag GmbH, Hannover

Literatur

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Dippelreiter, M. (Red.): (Hoch)Begabung im Vorschulalter erkennen und fördern? Annäherung an ein Thema. Wien: bm:bwk 2003

Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung des Landes Rheinland-Pfalz: Erste Empfehlungen für Pädagoginnen und Pädagogen zum Umgang mit hochbegabten Kindern und Jugendlichen (o.J.). http://foerderung.bildung-rp.de/fileadmin/user_upload/foerderung.bildung-rp.de/Empfehlungen_fuer_Lehrkraefte.pdf

Niedersächsisches Kultusministerium (Hrsg.): Hochbegabung erkennen und fördern. Hannover: Selbstverlag 2004

Neubauer, A.C./Opriessnig, S.: Begabung, Talent und Leistungsstreben. Wirtschaftspolitische Blätter 2012, Heft 2, S. 237-252

Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.): Besondere Begabungen an bayerischen Grundschulen finden und fördern. München: Selbstverlag 2004 (http://www.isb.bayern.de/schulartspezifisches/materialien/besondere-begabungen-an-bayerischen-grundschulen-f/)

Stapf, A.: Hochbegabte Kinder. Persönlichkeit, Entwicklung, Förderung. München: Beck 2003

Stern, E./Neubauer, A.: Wir brauchen die Schlauen. Wie die Schule begabte Kinder fördern muss, damit ihre Intelligenz nicht verkümmert. Eine Erklärung in zehn Thesen. ZEIT ONLINE vom 30.03.2013. http://www.zeit.de/2013/13/Elsbeth-Stern-Aljoscha-Neubauer-Intelligenz

Ziegler, A.: Hochbegabung. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2008