Martin R. Textor

 

Da stehen sie im Regal unseres Büros: Die neuen Bücher zur mathematischen, naturwissenschaftlichen, technischen, religiösen, musischen, (inter-) kulturellen und sprachlichen Bildung, zur Medien- und Bewegungserziehung. Sie sind voller Experimente, Übungen und anderer Aktivitäten. Zunächst wird aufgelistet, welche Materialien wir zusammenstellen müssen. Dann wird beschrieben, wie die jeweilige Beschäftigung ablaufen soll (und was die Kinder dabei lernen). Und dann gibt es noch ein Symbol oder einen Hinweis: "Diese Aktivität ist für Kinder von zwei bis drei Jahren geeignet".

Zwei bis drei Jahre? Vier bis fünf Jahre? Nur für Schulanfänger? Wissen die Autorinnen und Autoren nicht, dass wir in unserer Kita-Gruppe Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren haben, zunehmend Einjährige und vereinzelt noch Sechsjährige? Ah so, wir sollen mit innerer Differenzierung arbeiten: "Liebe Zweitkraft, beschäftige in der nächsten halben Stunde die Ein- bis Vierjährigen! Ich gehe mit den Fünfjährigen in den Nebenraum und zeige ihnen ein chemisches Experiment. Wenn ich zurückkomme, übernimmst Du wieder die Fünfjährigen, und ich ziehe mich mit den Zwei- bis Dreijährigen zur Literacy-Erziehung zurück – ich habe ein neues Bilderbuch für diese Altersgruppe besorgt. Und natürlich weist Du schon, dass anschließend die Schulanfänger mit dem Würzburger Trainingsprogramm dran sind. Aus unserer Kita werden keine Legastheniker kommen, das sind wir den Eltern schuldig! Und denke bitte daran, dass um 13.00 Uhr Lehrerin X kommt und ich mit ihr zusammen den Sprachkurs für unsere Migrantenkinder durchführen muss!"

In vielen Kindertageseinrichtungen sieht der Alltag inzwischen so ähnlich aus: Die Fachkraft bereitet Bildungsangebote für Kinder ähnlichen Alters vor und führt sie mit ihnen durch; die Zweitkraft beschäftigt irgendwie den größeren Teil der Gruppe. Es kann natürlich auch mit offenen Gruppen gearbeitet werden; bei der Wahlfreiheit der Kinder ist es aber schwerer zu steuern, dass nur Kinder ähnlichen Alters in diejenige Kleingruppe gehen, in der z.B. das Hebelprinzip verdeutlicht werden soll. Und was machen wir mit der Einjährigen, die hinter ihrer Bezugserzieherin herrobbt und unbedingt bei ihr bleiben möchte – obwohl die Fachkraft jetzt mit älteren Kindern über Tod und Trauen philosophieren möchte?

Es ist schon sonderbar: Erstklasslehrer/innen klagen, dass es schwieriger geworden sei zu unterrichten, da neben den Sechsjährigen immer mehr Fünfjährige eingeschult würden. Erzieher/innen hingegen klagen nicht, obwohl sie nun den in ihrem Land geltenden Bildungsplan in Gruppen umsetzen sollen, die bis zu sieben Jahrgänge umfassen...

Dennoch: Wir müssen deutlich machen, dass wir seit Verabschiedung der Bildungspläne immer mehr bildende Aktivitäten nur mit einigen wenigen Kindern durchführen, weil die übrigen Kinder sonst entweder unterfordert bzw. überfordert würden und dann stören könnten. Und wir müssen offen sagen, dass die übrigen Kinder – oft der größere Teil der Gruppe – dann nur "beschäftigt" werden. Die Bildungszeit pro Kind ist also mit Einführung der Bildungspläne kürzer geworden, selbst wenn das jeweilige Angebot intensiver wirkt.

Aber wieso führen wir nicht Jahrgangsgruppen in unseren Kindertageseinrichtungen ein? Wir müssten uns dabei nicht genau an das Geburtsjahr halten, sondern könnten uns an dem Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes orientieren. So könnte ein hoch begabtes Vierjähriges durchaus in der Gruppe der Fünfjährigen sein.

Wenn wir die Liste der in den Bildungsplänen genannten Bildungsbereiche einmal systematisch durchgehen, werden wir feststellen, dass sich in Jahrgangsgruppen Aktivitäten zur

  • mathematischen,
  • naturwissenschaftlichen,
  • technischen,
  • Umwelt-,
  • sprachlichen,
  • Literacy-,
  • Medien-,
  • kulturellen,
  • religiösen,
  • gesundheitlichen,
  • motorischen,
  • musischen und
  • ästhetischen

Bildung besser durchführen ließen. Wenn wir z.B. nur Vierjährige in unserer Gruppe hätten, könnten wir sie bei der Bewegungserziehung ganz anders fordern, als wenn wir noch auf Zwei- und Dreijährige Rücksicht nehmen müssten. Wenn wir mit Dreijährigen ein Bilderbuch betrachten, könnten wir uns voll auf das Benennen der Gegenstände auf den Bildern konzentrieren – in einer Gruppe mit Fünfjährigen könnten wir diese hingegen eine Geschichte zu den Bildern erfinden oder die Thematik des Buches (z.B. "Freundschaft") auf der persönlichen Ebene diskutieren lassen. In der Gruppe der Zweijährigen könnten im Rahmen der ästhetischen Bildung Experimente mit dem Mischen von Farben gemacht werden, während die Fünfjährigen Häuser im Hundertwasser-Stil bauen und bemalen könnten.

Höchstens im Bereich der sozialen und emotionalen Bildung können altersgemischte Gruppen mit Jahrgangsgruppen mithalten oder diesen vielleicht sogar überlegen sein. Aber die Einführung von Jahrgangsgruppen schließt ja die Begegnung von unterschiedlich alten Kindern auf dem Außengelände oder bei gelegentlicher Gruppenöffnung nicht aus. So könnte ein Kind durchaus weiter (Lern-) Erfahrungen in der Interaktion mit älteren bzw. jüngeren Kindern machen. Aber es würde in der Jahrgangsgruppe die seinem Alter bzw. Entwicklungsstand entsprechenden Bildungsangebote erhalten.

In Jahrgangsgruppen ließen sich die Bildungspläne nicht nur besser umsetzen, sondern die Bildungszeit pro Kind würde auch auf die gesamte Anwesenheitszeit in der Gruppe ausgedehnt werden (sieht man einmal von Rand- und Essenszeiten ab). Selbst in der Freispielzeit würden die Kinder von dem Spiel mit Kindern auf einem ähnlichen Entwicklungsstand profitieren – und seien wir einmal ehrlich: Wie oft spielt ein Fünfjähriges in unserer Gruppe mit einem Zweijährigen?

Sonderbarerweise ist das Thema "Jahrgangsgruppen" in Deutschland tabuisiert. Mir scheint hier noch ein romantisch verklärtes Bild von der "Großfamilie" im Hintergrund zu wirken: Ach wie schön war es doch früher, als in der Familie sechs Kinder unterschiedlichen Alters lebten, einander liebten, miteinander spielten und aufeinander achteten! Abgesehen davon, dass die historische und soziologische Forschung längst nachgewiesen hat, dass es solche Großfamilien in der gesamten europäischen Geschichte nur während einiger Jahrzehnte um 1900 herum gegeben hat – glauben Sie den wirklich, dass sich damals ein Zehnjähriges intensiv mit einem dreijährigen Geschwisterchen beschäftigt hat? Nein, entwicklungspsychologische Erkenntnisse belegen eindeutig, dass zumeist gleichaltrige Spielkameraden sehr viel jüngeren bzw. sehr viel älteren Kindern vorgezogen werden. Und über das idyllische Bild, das von Vertreter/innen der weiten Altersmischung immer wieder hochgehalten wird – von den fünfjährigen Mädchen (!), das bei einem Baby die Windeln wechselt -, kann ich nur noch lachen: Wie oft wird dieses Mädchen das wohl im Verlauf des Kita-Jahres gemacht haben? Und selbst beim Mutter-Kind-Rollenspiel ist eine Puppe oft besser geeignet als ein Zweijähriges, das seinen eigenen Willen hat...

Übrigens sind Jahrgangsgruppen in vielen anderen Ländern die Regel, z.B. in den USA, in Kanada und in Frankreich. Also können Jahrgangsgruppen nicht prinzipiell schlecht sein. Auch steht in den Kita-Gesetzen vieler Bundesländer nichts davon, dass Gruppen altersgemischt sein müssen. Also sollten wir endlich das Tabu brechen und Jahrgangsgruppen in den Kindertageseinrichtungen einführen – zumindest dort, wo Fachkräfte dies befürworten.

Quelle

Aus: klein & groß 2009, 62 (1), S. 42-43. Mit freundlicher Genehmigung des Oldenbourg Verlages