Martin R. Textor

 

In den 1960er und 1970er Jahren wurde die Auflösung der letzten Dorfschulen als großer bildungspolitischer Erfolg gefeiert. Mangels Kinder wurden in diesen Zwergschulen zwei oder mehr Klassen zusammengelegt und von einer Lehrkraft unterrichtet. Aufgrund der großen Altersunterschiede zwischen den Kindern und wegen unterschiedlicher Lehrpläne für die einzelnen Jahrgänge spielte die innere Differenzierung eine große Rolle: Zumeist wurde nur ein Teil der Schüler/innen unterrichtet, während die übrigen mit Stillarbeit beschäftigt wurden.

Offensichtlich ist, dass die Unterrichtszeit für die jeweilige Altersstufe viel geringer als in Jahrgangsklassen war – und dass sie umso geringer wurde, je mehr Altersstufen in der Dorfschulklasse vertreten waren. Selbstverständlich haben die Kinder auch gelernt, wenn sie die für die Stillarbeit erhaltenen Aufträge erledigten. Aber im Großen und Ganzen blieben die Schüler/innen aus Zwergschulen in ihrer kognitiven Entwicklung und in ihren Schulleistungen weit hinter Kindern aus Jahrgangsklassen zurück. Und so wurden im Sinne der Chancengleichheit die Dorfschulen aufgelöst...

Lehrer/innen und Schulpädagog/innen haben also schon vor 50 Jahren erkannt, dass es ineffizient und ineffektiv ist, Kinder aus zwei oder mehr Altersstufen in einer Klasse zu unterrichten. Erzieher/innen stellte sich bis vor wenigen Jahren dieses Problem nicht: Wegen des Mangels an Kindergartenplätzen in Westdeutschland hatten sie zumeist nur Vier- und Fünfjährige in ihren Gruppen. Diese "kleine" Altersmischung machte keine Probleme. Zudem basierte die pädagogische Praxis auf dem Situationsansatz, dem Freispiel oder den "klassischen" Beschäftigungen (Malen, Basteln, Singen...) – Bildungsangebote spielten keine große Rolle.

Inzwischen hat sich die Situation gravierend geändert: Zum einen haben zurückgehende Kinderzahlen in Kombination mit einem rasanten Ausbau der Kindertagesbetreuung dazu geführt, dass immer mehr Kindergärten Dreijährige und dann auch Ein- bis Zweijährige aufnahmen bzw. aufnehmen mussten, um die eigene Existenz zu sichern. So entstanden Kindertageseinrichtungen mit einer "großen" Altersmischung. Zum anderen führte die Bildungsdiskussion im Anschluss an der ersten PISA-, IGLU- und OECD-Studien in Verbindung mit der Qualitätsdiskussion dazu, dass Kindertagesstätten als "Bildungseinrichtungen" definiert wurden, die sich an dem vom jeweiligen Bundesland verabschiedeten Bildungsplan zu halten haben und die durch Qualitätsmanagement sicherstellen sollen, dass ihre Bildungsangebote von hohem Niveau sind.

Seitdem bemühen sich Erzieher/innen unverzagt, das Problem der Quadratur des Kreises zu lösen: Wie können Kinder zwischen ein und sechs Jahren (inkl. von Migranten- und behinderten Kindern!) in einer Gruppe gemeinsam gebildet werden? Dieses Problem ist unlösbar! In der Kleinkindheit verläuft die Entwicklung so rasant, dass Welten zwischen einem Einjährigen, einem Dreijährigen und einem Fünfjährigen liegen. Die Unterschiede sind so groß, dass es kaum eine Beschäftigung oder Aktivität gibt, die für alle Altersgruppen gleichermaßen geeignet ist. Selbst ganz banale Tätigkeiten wie Gehen/Laufen, alleine Essen, auf das Klo Gehen und ein Gespräch Führen sind für die kleinsten Kinder in der Gruppe noch große Herausforderungen, die es erst einmal zu meistern gilt.

Und dann verlangt der jeweilige Bildungsplan, dass Erzieher/innen diesen Kindern altersgemäße mathematische, naturwissenschaftliche, technische, kulturelle, musische, ästhetische, mediale und Literacy-Erfahrungen vermitteln! Schon ein Blick auf die in vielen Bildungsplänen genannten Beispiele oder in die zu dem jeweiligen Bildungsbereich veröffentlichten Fachbücher zeigt, dass entsprechende Aktivitäten immer nur für zwei Altersstufen geeignet sind.

Die Konsequenz: In den Kindertageseinrichtungen geschieht dasselbe wie früher in den Dorfschulen: Es wird immer nur ein Teil der Gruppe gebildet – oft der kleinere, da auf den Nebenraum ausgewichen werden muss und viele Aktivitäten (z.B. Experimente oder technische Konstruktionen) nur mit fünf oder sechs Kindern durchgeführt werden können. Die anderen Kinder werden bloß beschäftigt – natürlich nicht mit Stillarbeit wie in der Zwergschule: Sie dürfen unter Aufsicht der Zweitkraft im Gruppenraum oder im Außengelände spielen. Da für alle Altersstufen Spielsachen und -materialien im Gruppenraum vorhanden sein müssen, reduziert sich allerdings das für das jeweilige Kind geeignete Angebot. Dadurch wird die Bandbreite seiner Lernerfahrungen während der Freispielzeit eingeschränkt.

Da neben den Bildungsangeboten auch bestimmte Programme (z.B. Sprachförderung) nur in Kleingruppen durchgeführt werden, wechseln die Kinder fortwährend zwischen Großgruppe ("Freispiel", "Beschäftigung") und Kleingruppe ("Bildungsangebot", "Förderung"). Je mehr Altersstufen in der Kindertageseinrichtung vertreten sind, umso mehr muss differenziert werden. Das heißt aber, dass es dann für das jeweilige Kind weniger Kleingruppenangebote gibt: Sind Drei- bis Fünfjährige in der Gruppe, können abwechselnd bildende Aktivitäten mit den Drei- bis Vierjährigen und mit den "Schulanfängern" durchgeführt werden. Kommen aber noch Ein- und Zweijährige dazu, ist ein Kind nur noch bei jeder dritten Kleingruppe an der Reihe. Dies ist selbstverständlich eine theoretische Erörterung – es sollte verdeutlicht werden, dass in der Kindertageseinrichtung wie in der Dorfschule die Bildungszeit pro Kind mit zunehmender Altersmischung abnimmt.

Erzieher/innen sind erfinderisch – und im Gegensatz zur Lehrkraft in der Zwergschule zu zweit in der Gruppe. Und so werden beispielsweise die Kinder generell in zwei Teilgruppen aufgeteilt: eine "Nestgruppe" für die Unterdreijährigen, zumeist in der Verantwortung der Zweitkraft, und eine Gruppe für die Größeren, unter Leitung der Fachkraft. Oder es wird mit offenen Gruppen gearbeitet. Da hier aber die Kinder zumeist die freie Wahl haben, kommt es bei den einzelnen Angeboten wieder zu einer "großen" Altersmischung – und damit werden entweder die jüngeren Kinder überfordert oder die älteren unterfordert. Natürlich kann man für die jeweilige Aktivität Altersgrenzen festlegen, aber auch das löst manches Problem nicht: Was ist, wenn ein Ein- oder Zweijähriges partout bei der Erzieherin bleiben will, die nun ein chemisches Experiment mit Fünfjährigen durchführen will? Kann man dann seine Bindungsbedürfnisse ignorieren und ihm die Tür "vor der Nase" zuschlagen?

Aber warum kommen nur so wenige Erzieher/innen auf die Idee, Jahrgangsgruppen einzuführen? Wieso werden nicht altersgemischte Kindertageseinrichtungen genauso wie Dorfschulen abgeschafft? In Jahrgangsgruppen ließen sich doch viel besser Bildungsangebote durchführen, da alle Kinder auf einem ähnlichen Entwicklungsstand wären. In der Freispielzeit würden sie wohl weniger vom Vorbild älterer Kinder profitieren – aber spielen Kleinkinder nicht sowieso meistens mit Gleichaltrigen? Zudem können sie alle im Gruppenraum vorhandenen Spielsachen und -materialien nutzen, also vielfältigere Lernerfahrungen als in altersgemischten Gruppen machen. Natürlich könnten Kinder aus verschiedenen Jahrgangsgruppen im Außengelände oder bei einer gelegentlichen Gruppenöffnung miteinander in Kontakt treten, also Beziehungen zu jüngeren bzw. älteren Kindern aufnehmen.

In vielen anderen OECD-Ländern sind Jahrgangsgruppen die Regel. Auch die immer wieder zitierten Empfehlungen für Gruppengröße und Personalschlüssel orientieren sich an den einzelnen Altersstufen. Beispielsweise setzt die National Association of Early Childhood Education (NAEYC), die mit knapp 100.000 Mitgliedern die weltweit größte Organisation von Fachkräften ist, für die Akkreditierung von Programmen folgende Standards voraus (1):

Fachkraft-Kind-Relation in Bezug zu Altersstufe und Gruppengröße

Altersgruppe

Gruppengröße

6

8

10

12

14

16

18

20

22

24

Geburt bis 15 Monate ("infants")

1:3

1:4

               

12 bis 28 Monate ("toddlers")

1:3

1:4

1:4

1:4

           

21 bis 36 Monate ("twos")

 

1:4

1:5

1:6

           

30 bis 48 Monate ("preschool")

     

1:6

1:7

1:8

1:9

     

4 Jahre ("preschool")

         

1:8

1:9

1:10

   

5 Jahre ("preschool")

         

1:8

1:9

1:10

   

6 Jahre ("kindergarten")

             

1:10

1:11

1:12

Und laut dem Netzwerk Kinderbetreuung der Europäischen Kommission sollte die personelle Besetzung in Kindertageseinrichtungen üblicherweise über folgenden Zahlen liegen, diese aber nicht unterschreiten (2):

  • 1 Erwachsene/-r : 4 Plätze für Kinder unter 12 Monaten
  • 1 Erwachsene/-r : 6 Plätze für Kinder im Alter von 12-23 Monaten
  • 1 Erwachsene/-r : 8 Plätze für Kinder im Alter von 24-35 Monaten
  • 1 Erwachsene/-r : 15 Plätze für Kinder im Alter von 36-71 Monaten

Die für die einzelnen Altersstufen unterschiedlich hohen Gruppengrößen bzw. Fachkraft-Kind-Relationen stellen sicher, dass dem stärkeren Bindungsbedürfnis von unter Dreijährigen und dem größeren Betreuungsbedarf Genüge getan wird. So würde die Einführung von Jahrgangsgruppen in Deutschland auch verhindern, dass die "große" Altersmischung als Billiglösung für die Betreuung unter Dreijähriger missbraucht wird. Dies ist derzeit vor allem in Bayern und in Hamburg der Fall (3). Während 2006 im Bundesdurchschnitt 15 Kinder in Ganztagsgruppen mit "großer" Altersmischung und 16 Kinder in Nichtganztagsgruppen mit "großer" Altersmischung betreut wurden, lauteten die entsprechenden Durchschnittszahlen für Bayern 18 und 21 sowie für Hamburg 17 und 19. In nur für Zweijährige geöffneten Kindergartengruppen betrug die Kinderzahl bei Ganztagsbetreuung sogar 24 in Bayern (und 23 in Niedersachsen). Bei derartig vielen Kindern in Gruppen mit "großer" Altersmischung ist es wohl kaum möglich, dem Bindungsbedürfnis und Betreuungsbedarf von unter Dreijährigen zu entsprechen...

Die Einführung von Jahrgangsgruppen würde also nicht nur ermöglichen, dass die Bildungspläne besser umgesetzt werden können und die Bildungszeit pro Kind länger wird, sondern auch sicher stellen, dass Rahmenbedingungen wie Gruppengröße und Erzieher-Kind-Schlüssel umso besser sind, je jünger die Kinder sind – je größer also ihr Bedarf an individueller Zuwendung seitens der Fachkräfte ist.

Anmerkungen

  1. http://www.naeyc.org/academy/criteria/teacher_child_ratios.html
  2. http://www.kindergartenpaedagogik.de/46.html
  3. Die folgenden Zahlen wurden dem "Zahlenspiegel 2007. Kindertagesbetreuung im Spiegel der Statistik" des Deutschen Jugendinstituts und der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (München/ Dortmund 2008) entnommen (S. 90 und 99).

Quelle

Aus: Welt des Kindes 2009, 87 (1), S. 32-34. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Lambertus Verlages.