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und Dr. Martin R. Textor




Was macht eine gute Tagespflege aus?

Martin R. Textor

 

In diesem Beitrag soll dargestellt werden, welche Faktoren eine qualitativ gute Familientagespflege charakterisieren. Die Aussagen beruhen auf einer Vielzahl von wissenschaftlichen Studien, die an anderer Stelle referiert wurden (Textor 1998). Sie stammten überwiegend aus dem angloamerikanischen Raum.

Viele Untersuchungen beschäftigten mit dem Einfluss der Qualifikation von Tagespflegepersonen: Nur etwas positiv wirkte sich eine höhere Bildung auf die Qualität der Familientagespflege aus; Ähnliches galt für allgemeine Kenntnisse im Bereich der Kinderpsychologie. In vielen Untersuchungen wurde jedoch ein starker Effekt einer speziellen Ausbildung für die Tätigkeit als Tagespflegeperson ermittelt.

Ferner wirkte sich positiv auf die Qualität der Familientagespflege aus, wenn die Befragten hierin eine Beschäftigung auf Dauer sahen, ein professionelles Selbstverständnis besaßen, Kontakt zu anderen Tagespflegepersonen hatten bzw. Mitglied eines Verbandes waren und bereits viel "Berufserfahrung" hatten. "Gute" Tagespflegepersonen betreuten mehr Kinder gleichzeitig (drei bis sechs).

Von ebenfalls großer Bedeutung waren das Betreuungsprogramm sowie die Raumgestaltung und -ausstattung: Bei "guter" Tagespflege waren die Räume, in denen sich die betreuten Kinder aufhalten, kindgemäß gestaltet und mit Spielsachen, Musikinstrumenten, Mal- und Bastelutensilien, didaktischen Spielen und Materialien für Rollenspiele ausgestattet. Die Tagespflegeperson erzählte häufiger Geschichten, musizierte mehr mit den Kindern, machte mit ihnen öfters Spiele zur Sprachförderung und zur Entwicklung des Zahlenverständnisses, regte häufiger zum Rollenspiel, zum Malen und zu (grob-/ fein-) motorischen Aktivitäten an und ließ sehr viel seltener Fernsehen zu. Die Beziehung zwischen Tagespflegeperson und Kind war durch ein hohes Ausmaß an positiven Interaktionen zwischen beiden Seiten geprägt.

Rosenthal (1991a) stellte beim Vergleich zwischen Tagespflege und institutioneller Fremdbetreuung fest, dass es keine Unterschiede hinsichtlich der erzieherischen Qualität der Raumgestaltung und -ausstattung gab und dass der Zeitanteil von angeleiteten Beschäftigungen gleich groß war.

Einstellungen der Tagespflegepersonen und Eltern

Tagespflegepersonen kennen in der Regel die Charakteristika einer hochwertigen Familientagespflege - selbst wenn sie die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen nicht gelesen haben. Beispielsweise antworteten 42 Tagespflegepersonen und 11 Fachleute auf die Frage, was eine qualitativ gute Tagespflege ausmacht, laut Clyde und Rodd (1992, 1994) nahezu einstimmig mit:

  1. eine stabile Umgebung schaffen, in der die Kinder eine positive Identität entwickeln und sich wohl fühlen können (100%)
  2. Zuneigung zeigen, indem die Kinder zu geeigneten Zeitpunkten umarmt und berührt werden (100%)
  3. Jedes Kind beim Bringen und Abholen auf freundliche Weise begrüßen (100%)
  4. die Kinder pflichtbewusst beaufsichtigen (100%)
  5. möglichen Gefahren für das körperliche Wohl vorbeugen (100%)
  6. gefährliche Rahmenbedingungen beheben und kaputte oder unbrauchbare Gegenstände entfernen (98%)
  7. Verhalten in Notfällen (z.B. beim Ausbruch eines Feuers) üben (97%)
  8. Routinen hinsichtlich Essen, Schlafen, Toilettenbenutzung usw. fördern (96%)
  9. Eltern über die täglichen Aktivitäten informieren, sodass diese wissen, was ihre Kinder tun (96%)
  10. Selbstständigkeit und Selbsthilfe bei den Kindern fördern (96%)
  11. ein System von Regeln und Grenzsetzungen schaffen, das von Kindern und Eltern verstanden und befolgt werden kann (94%)
  12. Eine Atmosphäre durch Vorbild und Haltung schaffen, in der es natürlich und akzeptabel ist, wenn Kinder sowohl positive als auch negative Gefühle äußern (94%)
  13. Das Wissen der Kinder von den Dingen in ihrer Welt vergrößern, indem Beobachtungen stimuliert und experimentierende oder Bautätigkeiten gefördert werden (94%)
  14. eine Beziehung zu den Eltern etablieren, sodass ein Austausch über das Leben ihrer Kinder stattfindet (94%)
  15. Schwierigkeiten einzelner Kinder antizipieren und beheben, sodass jedes Kind glücklich und erfolgreich ist (92%)
  16. die richtige Verwendung von Materialien und Gegenständen erklären, sodass die Kinder wissen, was von ihnen erwartet wird (92%)

Bei einer Befragung von 820 Müttern und 226 Tagespflegepersonen in Kalifornien, Texas und North Carolina wurde eine große Übereinstimmung der Vorstellungen beider Seiten hinsichtlich einer qualitativ guten Kinderbetreuung festgestellt (Galinsky et al. 1994). Für besonders wichtig wurde gehalten, dass das Kind sicher aufbewahrt ist, dass ein intensiver Austausch zwischen Eltern und Tagespflegeperson über das Kind stattfindet und dass sich eine enge und herzliche Beziehung zwischen Kind und Tagespflegeperson ausbildet.

Erziehungspartnerschaft

Von großer Bedeutung ist ferner, dass Eltern und Tagespflegeperson hinsichtlich ihrer Erziehungsziele und -methoden übereinstimmen und die Rollendefinition der jeweils anderen Seite akzeptieren. Sie sollten miteinander eine "Erziehungspartnerschaft" eingehen, d.h. eine vertrauensvolle Beziehung, in deren Mittelpunkt die Zusammenarbeit bei der Förderung der kindlichen Entwicklung und die Sicherstellung des Wohls des Kindes steht.

Die Eltern sollten sich auch darauf einstellen, dass ihr Kind enge Bindungen an die Tagesmutter entwickelt, was für manche leiblichen Mütter ein Problem ist. Generell sollte immer wieder ein intensiver Gesprächs- und Erfahrungsaustausch über das Kind, seine Entwicklung und seine Betreuung zwischen Eltern und Tagespflegeperson stattfinden, wobei zu akzeptieren ist, dass sich das Kind in "beiden Welten" unterschiedlich verhalten kann.

Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung

Eine qualitativ gute Familientagespflege wirkt sich positiv auf die Sprach- und die kognitive Entwicklung der betreuten Kinder aus. Nach mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen spielten vor allem die Intensität, die erzieherische Qualität und die emotionale Tönung der Interaktionen zwischen Tagespflegeperson und Kind eine Rolle. Für die kognitive Entwicklung war ferner von Bedeutung, wie geistig stimulierend das Betreuungsprogramm war, ob viel vorgelesen und erzählt wurde, wie anregend die Spielmaterialien waren und ob es sich um eine erfahrene Tagespflegeperson handelte.

Howes und Stewart (1987) ermittelten, dass Kinder bei einer qualitativ besseren Tagespflege mehr mit Gegenständen und Erwachsenen spielten, Mädchen auch mehr mit Gleichaltrigen. Auch waren Kinder, die jünger bei Beginn der Fremdbetreuung waren, kompetenter in ihrem Spiel mit Materialien und Gleichaltrigen. Rosenthal (1991b) stellte fest, dass Kinder mehr Zeit im Spiel miteinander verbrachten und positiver interagierten, wenn der zur Verfügung stehende Raum begrenzt war (wenig Platz zum Alleinsein), wenn die Tagespflegeperson großen Wert auf bildende Beschäftigungen mit allen anwesenden Kindern legte und wenn auch ihre Interaktionen mit den Kindern positiv verliefen.

Vergleichsuntersuchungen zeigten, dass es die Sozialentwicklung kaum beeinflusste, ob das jeweilige Kind in Familientagespflege oder in einer Tageseinrichtung betreut wurde (Lamb et al. 1988, 1990). Im Modellversuch "Tagesmütter" zeigte es sich, dass die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern recht problemlos verlief, wenn die Familientagespflege im ersten Lebensjahr begann (Arbeitsgruppe Tagesmütter 1980; Gudat 1982; Permien 1996). Kinder, bei denen die Betreuung im zweiten Lebensjahr anfing, entwickelten jedoch Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität, motorische Unruhe, Desinteresse am Spielen oder mangelnde Konzentrationsfähigkeit, die noch zwei Jahre später zu beobachten waren.

Bei einer neueren Untersuchung ergaben sich keine Unterschiede zwischen Kindern in Tagespflege und institutioneller Fremdbetreuung hinsichtlich der Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten (Erwin et al. 1993). Diese schienen mehr durch Eigenschaften des Kindes (z.B. Temperament) und durch die Familie (z.B. Erziehungsstil) bedingt zu sein als durch die Betreuungssituation.

Mit dem vorangegangenen Satz wurde bereits angedeutet, dass die kindliche Entwicklung nur zum Teil durch die Qualität der Tagespflege beeinflusst wird - die größere Wirkung dürfte wohl von der Familie ausgehen. Wurde die Variable "Qualität der Tagespflege" kontrolliert, so konnte man feststellen, dass diejenigen Kinder mehr Fortschritt im kognitiven und sozialen Bereich machten, die aus "guten" Familienverhältnissen kamen (sichere Bindungen, keine größeren Probleme usw.), deren geistige Entwicklung stimuliert wurde, mit denen die Eltern mehr spielten, die mehr enge Beziehungen zu Verwandten und Bekannten hatten und deren Eltern viele Freunde hatten und somit Vorbilder für interpersonale Kompetenzen waren (Clarke-Stewart 1989; Howes/ Stewart 1987). So erklärten bei einer Untersuchung Familiencharakteristika die Sprach-, kognitive und soziale Entwicklung besser als Variablen der Tagespflegesituation (Kontos 1994). Bedenkt man die große Bedeutung der Familie, so überrascht nicht, dass sich die Kinder besser entwickelten bzw. die Qualität der Tagespflege besser war, wenn die Pflegeperson und die Eltern häufig miteinander sprachen und ihre Erziehungsvorstellungen ähnlich waren.

Fazit

Es lässt sich also festhalten, dass eine qualitativ gute Familientagespflege die kindliche Entwicklung eher fördert als beeinträchtigt und nicht schlechter als die Betreuung in einer Tageseinrichtung ist. Die Unterschiede hinsichtlich der Qualität innerhalb der jeweiligen Betreuungsform sind größer als die Unterschiede zwischen beiden Formen (Gudat 1982; Lamb et al. 1988, 1990; Phádraig 1994).

Bezieht man die Forschungsergebnisse auf die Situation in Deutschland, wird die Notwendigkeit einer Registrierung, Ausbildung und Beratung von Tagespflegepersonen sowie ihrer gegenseitigen Unterstützung in Gruppen deutlich. Besonders wichtig dürfte auch sein, eine größere Stabilität dieser Betreuungsform sicherzustellen: So hatten nach einer Untersuchung des Berliner Instituts INFANS mehr als 40% der erfassten rund 4.500 Tagespflegeverhältnisse höchstens sechs Monate Bestand (Laewen/ Hédervári/ Andres 1991).

Literatur

Arbeitsgruppe Tagesmütter: Das Modellprojekt "Tagesmütter" - Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Bd. 85. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1980

Clarke-Stewart, K.A.: Infant day care - maligned or malignant? American Psychologist 1989, 44, S. 266-273

Clyde, M./Rodd, J.: Child minders or professional child care worker? Early Child Development and Care 1992, 81, S. 55-63

Clyde, M./Rodd, J.: More than just baby-sitters: Family day care providers’ perceptions of the caregiving role. Australian Journal of Early Childhood 1994, 19 (2), S. 37-42

Erwin, P.J./ Sanson, A./ Amos, D./ Bradley, B.S.: Family day care and day care centres: carer, family and child differences and their implications. Early Child Development and Care 1993, 86, S. 89-103

Galinsky, E./Howes, C./Kontos, S./Shinn, M.: The study of children in family child care and relative care - key findings and policy recommendations. Young Children 1994, 50 (1), S. 58-61

Gudat, U.: Kinder bei der Tagesmutter: Frühkindliche Fremdbetreuung und sozial-emotionale Entwicklung. München: Verlag Deutsches Jugendinstitut 1982

Howes, C./ Stewart, P.: Child’s play with adults, toys, and peers: an examination of family and child-care influences. Developmental Psychology 1987, 23, S. 423-430

Kontos, S.: The ecology of family day care. Early Childhood Research Quarterly 1994, 9, S. 87-110

Laewen, H.-J./ Hédervári, É./ Andres, B.: Forschungsbericht zur Stabilität von Tagespflegestellen und Pflegeverhältnissen in Berlin (West). INFANS-Forschungsbericht. Berlin: Selbstverlag 1991

Lamb, M.E./ Hwang, C.-P./ Bookstein, F.L./ Broberg, A./ Hult, G./ Frodi, M.: Determinants of social competence in Swedish preschoolers. Developmental Psychology 1988, 24, S. 58-70

Lamb, M.E./ Hwang, C.-P./ Broberg, A./ Bookstein, F.L.: The effects of out-of-home care on the development of social competence in Sweden: a longitudinal study. In: Fox, N./ Fein, G.G. (Hrsg.): Infant day care: the current debate. Norwood: Alex 1990, S. 145-168

Permien, H.: Kinder in Tagespflege: Forschungsergebnisse. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.:): Kinderbetreuung in Tagespflege. Tagesmütter-Handbuch. Stuttgart: Kohlhammer 1996, S. 165-211

Rosenthal, M.K.: Daily experiences of toddlers in three child care settings in Israel. Child and Youth Care Forum 1991a, 20, S. 37-58

Rosenthal, M.K.: The relation of peer interaction among infants and toddlers in family day care to characteristics of the child care environment. Journal of Reproductive and Infant Psychology 1991b, 9, S. 151-167

Textor, M.R.: Familientagespflege. In: Fthenakis, W.E./Textor, M.R. (Hrsg.): Qualität von Kinderbetreuung: Konzepte, Forschungsergebnisse, internationaler Vergleich. Weinheim: Beltz 1998, S. 75-85