Homepage von Ingeborg Becker-Textor
und Dr. Martin R. Textor




Resultate wissenschaftlicher Untersuchungen - Folgerungen für Pflegefamilien

Martin R. Textor

 

Das Leben in der Pflegefamilie und die Entwicklung von Pflegekindern, die mit diesen Lebensverhältnissen verbundenen Probleme und die Tätigkeit der Pflegekinderdienste beschäftigen Wissenschaftler seit mehreren Jahrzehnten. Ihre Forschungsergebnisse sind in einer kaum noch überschaubaren Vielzahl von Büchern und Fachartikeln veröffentlicht worden. Da sie auch von großer Bedeutung für Pflegeeltern sind, sollen wichtige Erkenntnisse in diesem Referat zusammengefasst werden.

Aufgrund der großen Zahl von Untersuchungen habe ich mich auf deutsch- und englischsprachige Studien beschränkt, die ab Mitte der 80er-Jahre publiziert wurden. Tabelle 1 informiert über das Herkunftsland und die Art der Stichprobe. Zu beachten ist, dass die meisten Untersuchungen strengen wissenschaftlichen Kriterien nicht entsprechen: Beispielsweise sind die Stichproben zumeist sehr klein, nicht repräsentativ und willkürlich zusammengesetzt, fehlen Kontrollgruppen, sind die Datenquellen (wie Akten der Pflegekinderdienste) wenig verlässlich und werden besser geeignete, aber kompliziertere statistische Verfahren nicht eingesetzt. Auch muss berücksichtigt werden, dass die Forschungsergebnisse aus dem Ausland wohl für Pflegeeltern von Interesse sind, aber nicht ohne weiteres auf die Situation in der Bundesrepublik übertragen werden können.

1. Die Herkunftsfamilie

Nur ein Teil der Pflegekinder lebte vor der Inpflegegabe mit beiden Elternteilen zusammen. In sechs Untersuchungen wurden hierzu Prozentsätze von 7% über 18% und 26% bis hin zu 33% angegeben. Das bedeutet, dass schätzungsweise drei Viertel aller Pflegekinder aus Teil-, Scheidungs- oder Stieffamilien stammen. Relativ viele haben einen Elternteil und vereinzelt auch beide Eltern durch Tod verloren - die genannten Prozentsätze variieren zwischen 6% und 18%. Oft haben die Kinder viele Geschwister.

Die Familiensituation der Kinder zum Zeitpunkt der Inpflegegabe ist durch große Belastungen gekennzeichnet. Viele Eltern sind arbeitslos, haben ein niedriges Einkommen oder sind hoch verschuldet. Beispielsweise lebten 60% der Eltern fremdplatzierter Kinder im Landkreis Dithmarschen auf Sozialhilfeniveau, waren drei Viertel verschuldet. In Karlsruhe lebten 50% von der Sozialhilfe und gleich viele waren verschuldet (Kuppinger 1990). Laut einer anderen Untersuchung erhielten 90% der Eltern eine finanzielle Unterstützung (Thorpe/Swart 1992).

Andere Belastungen der Herkunftsfamilien sind Ehekonflikte, Erziehungsschwierigkeiten, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Krankheiten, psychische Störungen, Kriminalität und Prostitution. Laut einer Studie hatten 24% der Mütter psychische und 14% gesundheitliche Probleme, 14% waren geistig behindert, 12% arbeiteten als Prostituierte und 10% nahmen Drogen (Oyserman/Benbenishty/Ben-Rabi 1992). Von den Vätern waren 23% delinquent, 16% missbrauchten Drogen und 12% Alkohol, weitere 12% litten unter psychischen Störungen. Die Beziehung zwischen mindestens einem Elternteil und dem späteren Pflegekind wurde als ambivalent und instabil (51%), ohne emotionale Basis (37%) oder als feindselig und entfremdet (18%) klassifiziert. In 47% der Fälle gab es aber auch eine positive Beziehung zu mindestens einem Elternteil.

2. Gründe für die Inpflegegabe

Eine Inpflegegabe erfolgt im Regelfall aus mehreren Gründen, wobei die Folgenden besonders häufig genannt werden: Vernachlässigung, Misshandlung, finanzielle oder Wohnprobleme, psychische Störungen der Eltern, Erziehungsunfähigkeit/-schwierigkeiten, emotionale Ablehnung des Kindes, Ehe-/Partnerprobleme, Eltern-Kind-Konflikte, sexueller Missbrauch, Abwesenheit/Verschwinden/Tod von Elternteilen, Alkohol- und Drogenmissbrauch oder Kriminalität. Diese Auflistung zeigt, dass zumeist die Hauptgründe für die Inpflegegabe nicht im Verhalten des betroffenen Kindes liegen (Oyserman/Benbenishty/Ben-Rabi 1992).

Widom (1991) stellte in ihrer Untersuchung fest, dass die Wahrscheinlichkeit einer Fremdplatzierung am größten war, wenn Kinder sowohl misshandelt als auch vernachlässigt wurden, wenn ihre Eltern alkoholkrank oder psychisch gestört waren, sich getrennt hatten oder unbekannt waren und wenn die Kinder verhaltensauffällig waren. In einer anderen Studie (Lie/McMurtry 1991) wurde darauf verwiesen, dass auch sexuell missbrauchte Kinder überdurchschnittlich oft fremdplatziert wurden, insbesondere wenn sie bereits älter waren.

3. Beginn und Dauer von Familienpflege

Für den Großteil der Pflegekinder beginnt die Fremdunterbringung im vorschulischen Alter. Als Durchschnittsalter wurden 5,9 Jahre bis 6,9 Jahre angegeben.

Über die Gesamtdauer der Fremdunterbringung liegen keine verlässlichen Daten vor, da es oft zu Pflegestellenabbrüchen kommt oder manche Kinder zwischendurch in die Herkunftsfamilie zurückkehren beziehungsweise in einem Heim untergebracht werden. Festzuhalten ist jedoch, dass für einen Großteil der Kinder die Fremdunterbringung lange dauert. Länger als neun Jahre dauerten beispielsweise 15% der von Pardeck (1982), 29% der von Nielsen (1990) und 46% der von Rowe und ihren Kolleginnen (1984) untersuchten Familienpflegen. Als Durchschnittsdauer wurden 5,2 Jahre (Widom 1991) und 8,8 Jahre (Fanshel/Finch/Grundy 1990) für abgeschlossene und 5,4 Jahre (Oyserman/Benbenishty 1992) für laufende Pflegeverhältnisse genannt. Nielsen (1990: 216) stellte fest: "Der ermittelte Durchschnitt der Aufenthaltsdauer der Pflegekinder in ihrer Pflegefamilie lag bei sieben Jahren. Damit ist die Dauerpflege deutlich ein kontinuierlicher Lebensort der Kinder und erst nachrangig als 'vorübergehender Lebensort' einzuschätzen."

Laut der Untersuchung von Nielsen (ebd.) wurden 44% der Pflegekinder in ihren Pflegefamilien volljährig; nach der Studie von Fanshel und seinen Kollegen (1990) wechselten 55% von der Pflegefamilie in die Selbständigkeit. Nur bei 17 bis 20% der Pflegekinder wurde der Versuch einer Reintegration in die Herkunftsfamilie unternommen (nach Fanshel/Finch/Grundy 1990; Heun 1984; Nielsen 1990). Bis zu 30% dieser Rückführungen scheitern jedoch wieder (Lie/McMurtry 1991; Murray 1984; Seltzer/Bloksberg 1987).

Milner (1987) konnte Unterschiede in der Länge von Pflegeverhältnissen nicht durch Charakteristika der Kinder, die Umstände der Trennung von den leiblichen Eltern, die Qualität der Familienpflege oder die Tätigkeit der zuständigen Sozialarbeiter erklären. 28% der Varianz ließen sich aber durch die Häufigkeit und Qualität der Besuche durch die leiblichen Eltern (oder bei ihnen), 14% durch in der Herkunftsfamilie präsente Stressoren, 3% durch die ihr zur Verfügung stehenden Unterstützungssysteme und weitere 3% durch ihre Charakteristika erklären. Lie und McMurtry (1991) stellten fest, dass sexuell missbrauchte Kinder durchschnittlich acht Monate kürzer in Familienpflege verblieben als andere Kinder. Niederberger und Zeindl (1989) ermittelten eher kurzfristige Inpflegegaben für diejenigen Fälle, in denen Mütter von sich aus um Fremdunterbringung ihrer Kinder baten, weil sie sich in einer als kurzzeitig verstandenen Krise wie einer Trennungssituation befanden.

4. Leben und Erziehen in der Pflegefamilie

In den weitaus meisten Pflegefamilien bilden sich enge Eltern-Kind-Beziehungen aus, sehen die Pflegeeltern bald das Pflegekind als "eigenes" Kind an und werden von diesem in der Elternrolle akzeptiert. Bei einer Untersuchung bezeichneten sich 76% der Pflegekinder als voll oder gut in der Pflegefamilie integriert, nur 4% fühlten sich überhaupt nicht integriert (Rowe et al. 1984). 73% der von Ritter (1983) befragten Jugendlichen konnten mit ihren Pflegeeltern über alles sprechen, 60% sahen die Pflegemutter als Vertrauensperson an. Nur 7% würden am liebsten die Pflegefamilie verlassen. Auch die weitaus meisten der von Fanshel und Kollegen (1990) befragten Pflegekinder fühlten sich wohl und als Familienmitglieder. Für eher positive Eltern-Kind-Beziehungen spricht auch, dass laut der Untersuchung von Nielsen (1990) ein Fünftel der volljährigen Pflegekinder auch nach Einstellung der Pflegegeldzahlungen in ihrer Pflegefamilie verblieben und die Übrigen überwiegend den Kontakt zu den Pflegeeltern aufrechterhielten.

Für die Intensität der Beziehungen sprechen ferner die bei der Rückführung eines Pflegekindes in die Herkunftsfamilie auftretenden Gefühle wie Trennungsschmerz, Trauer oder Wut. Besonders stark sind diese Emotionen, wenn die Pflegeeltern von sehr jungen Kindern getrennt werden, mit der Entscheidung der Sozialarbeiter nicht einverstanden sind oder der Meinung sind, dass sich die Situation in der Herkunftsfamilie nicht gebessert habe (Urquhart 1989). Nielsen (1990: 213) schrieb: "Die Rückführung der Kinder wurde von den Pflegeeltern überwiegend als traumatisch erlebt. Begünstigend für dieses Ergebnis wirkte sich nach Einschätzung der Pflegeeltern besonders die Tatsache aus, dass bei der Aufnahme des Kindes die Rückkehroption vonseiten des Amtes nicht deutlich gemacht wurde. So war das Pflegeverhältnis oft ein langer Leidensprozess der Ungewissheit und Überforderung." Erschwerend kommt hinzu, dass die leiblichen Eltern häufig eine plötzliche Rückführung erzwingen und Kontakte zwischen ihren Kindern und den früheren Pflegeeltern nicht zulassen, sodass für beide Seiten der Ablösungsprozess emotional belastend verläuft.

Colton (1988, 1989) verglich die Aussagen von Pflegekindern mit denjenigen von Heimkindern über ihre jeweiligen Lebensverhältnisse. Ein signifikantes Ergebnis war, dass Pflegekinder mit ihrer Situation zufriedener waren. Sie fühlten sich daheim und als Teil einer Familie, genossen die entspanntere Atmosphäre und betonten die größere Privatsphäre (eigenes Kinderzimmer). Sie hatten mehr Einfluss auf die Festlegung von Regeln und Vorschriften, erlebten die Pflegeeltern als weniger streng und kontrollierend, waren eher bereit, ihnen gegenüber persönliche Probleme anzusprechen, und bezeichneten sie als wichtigste Quelle von Unterstützung. Auch erfuhren sie sich freier als Heimkinder, da sie sich ungezwungen mit Freunden im Ortsteil treffen oder diese mit nach Hause bringen konnten. Generell hatten sie mehr Außenkontakte und beklagten sich weniger über antisoziale Verhaltensweisen anderer Kinder.

Colton (ebd.) beobachtete ferner, dass Pflegeeltern und -kinder etwa gleich häufig Interaktionen initiierten, während im Heim die Initiative zumeist von den Erwachsenen ausging. Pflegeeltern machten öfter als Heimerzieher Gebrauch von informationsvermittelnden und zustimmenden Aussagen und seltener von kontrollierenden oder tadelnden Botschaften - sie erklärten mehr, drückten ihre Meinung aus, erbaten Informationen oder Erklärungen vom Pflegekind, lobten, ermutigten, beruhigten und zeigten häufiger Gefühle. Sie verwendeten öfter eine warme Stimmlage und zustimmende Gestik. Generell waren die Interaktionen zwischen Pflegeeltern und -kindern länger und verwiesen auf eine engere emotionale Beziehung als die Interaktionen zwischen Heimkindern und ihren Erziehern.

Laut der Untersuchung von Martin und Kollegen (1992) waren 53% der Pflegeeltern mit ihren Erfahrungen sehr zufrieden und 36% zufrieden; 63% erlebten ihre Leistungen als befriedigend. Auch bei der Studie von Dando und Minty (1987) gaben mehr als drei Viertel der befragten Pflegemütter an, dass sie ihre Tätigkeit als sehr oder meistens lohnend erlebten; nur 7% waren unglücklich oder schwer enttäuscht. Positiv wirkte sich aus, wenn die Pflegeeltern erlebten, dass ihre Bemühungen vom Ehepartner und von den leiblichen Eltern der Pflegekinder gewürdigt wurden (Urquhart 1989).

Pflegeeltern sind aber auch Belastungen ausgesetzt, die sich von denen der "Normalfamilie" erheblich unterscheiden. Bei Heitkamps (1989) Untersuchung berichtete mehr als die Hälfte der Befragten, dass sie zumindest zeitweise erhebliche Schwierigkeiten mit dem Pflegekind (vor allem aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten) oder seinen Angehörigen hatten. Bei der Studie von Martin und Kollegen (1992) wurden als Probleme das Verhalten des Pflegekindes (25%), die mangelnde Unterstützung durch den Pflegekinderdienst und die Gesellschaft (20%) sowie die Rückführung bzw. Trennung vom Pflegekind genannt (17%) - nur ein Fünftel der Befragten hatte keine Probleme. Rice und McFadden (1988: 240) stellten auch Folgendes fest: "Viele Pflegeeltern waren sich der psychischen Bürde bewusst, die von den von ihnen versorgten Kindern erlebt wurde. Sie fühlten sich jedoch überfordert und überlastet sowie fürchteten, eine Büchse der Pandora zu öffnen."

In einigen Pflegefamilien wird aber auch die Entwicklung der Pflegekinder stark beeinträchtigt. Nach einer Berechnung von Spencer und Knudsen (1992) sind in den USA jedes Jahr 9,3 von 1000 Pflegekindern durch Misshandlung, 5,2 durch sexuellen Missbrauch (in drei Vierteln der Fälle durch die Pflegeeltern) und 2,4 durch Vernachlässigung bedroht. Rosenthal und Kollegen registrierten in Colorado zwischen 1983 und 1987 in Pflegefamilien 50 Fälle von Misshandlung, 30 Fälle sexuellen Missbrauchs und 22 Fälle von Vernachlässigung. In 64% der Fälle wurden die Pflegekinder umplatziert.

In vielen Fällen verlaufen die Pflegeverhältnisse aber positiv. Bei der Untersuchung von Dando und Minty (1987) beurteilten die befragten Sozialarbeiter 30% der Pflegeeltern als exzellent, 57% als generell gut und nur 13% als gerade geeignet. Als besonders erfolgreich galten kinderlose Paare, Pflegemütter im Alter von 21 bis 40 Jahren und solche, die aufgrund der eigenen unglücklichen Kindheit besonders gut die Pflegekinder verstanden. Bei der Untersuchung von Rowe und ihren Mitarbeiterinnen (1984) beurteilten die Sozialarbeiter 75% und die Interviewer 72% der Pflegefamilien als für das jeweilige Kind hervorragend oder gut geeignet.

5. Geschwisterbeziehungen

In drei Untersuchungen galt die Aufmerksamkeit vor allem der Beziehung zwischen den Pflegekindern und den leiblichen Kindern der Pflegeeltern. So ermittelten Poland und Groze (1993), dass nur die Hälfte der befragten Pflegeeltern fand, dass ihre eigenen Kinder der Familienpflege gegenüber positiv eingestellt waren. 57% beobachteten positive Auswirkungen auf sie und 43% sowohl positive als auch negative. Fast alle Pflegeeltern waren jedoch der Meinung, dass ihre leiblichen Kinder wegen der Aufnahme eines Pflegekindes weniger Zeit zu Hause verbrachten. Ferner befürchteten einige, dass ihre Kinder die Pflegekinder ablehnen (13%), dass sie unter deren Rückführung leiden könnten (10%), dass sie von den Pflegekindern misshandelt werden (8%) oder von ihnen schlechte Verhaltensweisen lernen könnten (8%). Nur 5% hielten die Familienpflege für eine durchweg positive Erfahrung für ihre leiblichen Kindern.

Kaplan (1988) ermittelte, dass alle Pflegemütter sich bewusst waren, dass es zwischen ihren leiblichen Kindern und den Pflegekindern Eifersucht, Rivalität und Konflikte gab. Aber nur wenige hatten erkannt, dass vor allem jüngere Kinder Angst davor hatten, so wie Pflegekinder aufgrund ihrer "Schlechtigkeit" von ihren Eltern verstoßen zu werden. Auch drückten diese negative Gefühle gegenüber den Pflegekindern eher direkt aus, während ältere leibliche Kinder mehr Empathie und Verständnis für deren Situation zeigten.

Steinhauer und Kollegen (1988) leiteten neu Monate lang eine Gruppe von 8 bis 13 leiblichen Kindern von Pflegeeltern. Sie erfuhren, dass diese der Meinung waren, dass die Aufnahme eines Pflegekindes ihre Familie stark beeinflusse: "Obwohl alle wussten, dass ihre Eltern sie liebten, fühlten sie doch zeitweise, dass sie gegenüber den Pflegekindern mit ihren vielfachen Problemen den zweiten Platz einnahmen. Dies verletzte sie und machte es ihnen zugleich unmöglich, ihren Eltern verstehen zu geben, wie vernachlässigt und enttäuscht sie sich fühlten. Die meisten waren verärgert, hüteten sich aber, ihre Wut zu zeigen, da ihrer Aussage nach frühere Gefühlsausbrüche oder Klagen ihre Eltern geärgert habe" (S. 513). Die leiblichen Kinder fanden, dass ihre Eltern zu wenig Zeit für sie allein hätten, dass sich ihre Familie fortwährend an kommende und gehende Pflegekinder anpassen müsse, dass diese zu wenig ihre Privatsphäre achten und oft ihre Besitztümer an sich nehmen oder gar zerstören würden. Oft schämten sie sich für deren Verhalten oder wurden in Gewissenskonflikte gestürzt: Sollten sie zum Beispiel Diebstähle melden?

6. Kontakte zur Herkunftsfamilie

Nach der Inpflegegabe bleiben zumeist Beziehungen zwischen den Pflegekindern und Mitgliedern der Herkunftsfamilie bestehen. Ihrer Aufrechterhaltung dienen neben Telefon- vor allem Besuchskontakte, die im Heim der Pflegefamilie, in der Wohnung der leiblichen Eltern oder auch an anderen Orten stattfinden. Heun (1984) berichtete, dass in 41% der von ihm untersuchten Fälle Kontakt zu den biologischen Eltern bestand. In der Stichprobe von Kuppinger (1990) waren es hingegen zwei Drittel und in derjenigen von Palmer (1992) fast 80% der Fälle.

Allerdings variieren die Kontakte hinsichtlich ihrer Häufigkeit. Da viele Kinder aus Teilfamilien stammen, sind zumeist die Kontakte zur Mutter intensiver. Beispielsweise stellte Palmer (ebd.) fest, dass 28% der Pflegekinder in den letzten drei Monaten nur ein- bis dreimal, 28% zweimal pro Monat und 23% wöchentlich oder häufiger Kontakt zur leiblichen Mutter hatten. Zum Vater hatten hingegen 53% überhaupt keinen Kontakt in den letzten drei Monaten, 20% nur ein- bis dreimal, 15% zweimal pro Monat und 12% wöchentlich oder öfter. Zu anderen Verwandten hatten 65% der Kinder keinen Kontakt und nur 16% häufiger als einmal pro Monat. Generell waren Kontakte umso seltener, je länger die Fremdplatzierung dauerte und je häufiger die Pflegestelle gewechselt wurde. Palmer (ebd.: 422) schrieb: "Es ist nicht überraschend, dass so viele Eltern keinen Kontakt zu ihren Kindern hatten. ...die meisten Eltern fühlen sich traurig, ärgerlich, schuldig oder beschämt wegen der Inpflegegabe ihrer Kinder; ihre Selbstachtung als Eltern ist wahrscheinlich sehr gering. Wenn der Pflegekinderdienst sie nicht involviert..., mögen sie daraus schließen, dass sie als für ihre Kinder schädlich oder wertlos beurteilt wurden." Hinzu kommt, dass nur ein Drittel der Pflegeeltern eine positive Haltung gegenüber den leiblichen Eltern zeigten (vor allem wenn diese von sich aus die Inpflegegabe beantragt hatten oder die Kinder kaum Erziehungsprobleme machten). Besuchskontakte wurden von dieser Seite her wenig gefördert.

Bei der Untersuchung von Oyserman und Benbenishty (1992) wurden sowohl häufige oder regelmäßige Besuche seitens der leiblichen Eltern als auch bei ihnen in einem Drittel, unregelmäßige oder seltene in knapp der Hälfte und keine in einem Fünftel der Fälle ermittelt. Telefonkontakte waren in derselben Häufigkeitsverteilung vorhanden. In 68% der Fälle war der Kontakt im vergangenen Jahr konstant geblieben, in 12% hatte er zu- und in 13% der Fälle abgenommen. Generell war der Kontakt intensiver bei Kindern im Vorschulalter, bei Verwandtenpflege (in Israel sind etwa 37% der Pflegeeltern mit dem jeweiligen Pflegekind verwandt), bei kurzen Entfernungen zwischen Pflege- und Herkunftsfamilie, bei einer eher positiven, akzeptierenden Beziehung zwischen beiden Seiten und bei Förderung der Kontakte durch die Pflegeeltern. Aber auch die Haltung des Pflegekinderdienstes zu Besuchskontakten und Aktivitäten der Sozialarbeiter waren von Bedeutung. Letztere bewerteten den Einfluss der Besuchskontakte für 44% der Fälle positiv, für 24% negativ und für 19% neutral. Eine Intensivierung des Kontakts empfahlen sie für 18%, eine Reduzierung für 10% der Fälle. Die Pflegefamilien wurden positiver beurteilt, wenn die Besuchskontakte häufiger waren oder von ihnen gefördert wurden.

Laut der Untersuchung von Heun (1984) wurde der Kontakt zu den leiblichen Eltern von knapp der Hälfte der Pflegeeltern überwiegend negativ empfunden. Rowe und Kolleginnen (1984) berichteten, dass die von ihnen befragten Pflegeeltern wohl Besuchskontakte erwarteten, aber froh waren, wenn keine stattfanden. Viele Pflegekinder nahmen hier eine eher passive Rolle ein, da sie ihre Pflegeeltern nicht aufregen wollten und Loyalitätskonflikte befürchteten. Hatten sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Herkunftsfamilie - das war für 35% bereits seit Beginn der Familienpflege der Fall -, scheuten sie davor zurück, die Pflegeeltern um Informationen über ihre leiblichen Eltern zu bitten. Auch Nielsen (1990) stellte fest, dass viele Pflegeeltern Besuchskontakte problematisierten, insbesondere wenn diese durch die Unzuverlässigkeit oder anderen Lebensgewohnheiten der leiblichen Eltern belastet wurden. Sie fühlten sich diesen ausgeliefert und vom Amt alleingelassen, das ihnen ein Höchstmaß von Toleranz und Verständnis für die Herkunftsfamilie abverlangte.

Poulin (1992) ermittelte, dass 42% der von ihm untersuchten Pflegekinder (fast) keine, 28% ambivalente und 29% starke Bindungen an die leiblichen Eltern hatten. Intensität und Qualität der Bindungen wurden durch Faktoren wie Häufigkeit der Besuchskontakte, Alter zum Zeitpunkt der Inpflegegabe, Dauer der Familienpflege, Ausmaß der Bindungen an die Pflegeeltern und Zahl der Fremdplatzierungen beeinflusst. Auch Kontakte zu anderen Verwandten als den leiblichen Eltern wirkten sich aus (21% der Pflegekinder hatten Kontakt zu Verwandten im vergangenen Monat und weitere 22% im vergangenen Jahr).

7. Entwicklung von Pflegekindern

Aufgrund ihrer Vorgeschichte kommen viele Pflegekinder mit Problemen belastet in ihre Pflegefamilien. Laut einer Untersuchung (Oyserman/Benbenishty/Ben-Rabi 1992) lagen die häufigsten Probleme in den Bereichen Schulleistung (51%), Selbstbild (49%), Identität und Zugehörigkeit (47%), allgemeines Verhalten (31%), Verhalten in der Schule (29%), Zufriedenheit (28%), Beziehungen zu Gleichaltrigen (26%) oder zu Erwachsenen (22%). Im Durchschnitt hatten die Kinder Probleme in 2,4 von 10 Bereichen. Laut der Untersuchung von Rowe und Kolleginnen (1984) musste sich nur ein gutes Drittel der Pflegeeltern zu Beginn des Pflegeverhältnisses mit drei und mehr Problemen auseinandersetzen (ein knappes Drittel konnte sich an keine Schwierigkeiten erinnern). Am häufigsten wurden Aufmerksamkeit suchende Verhaltensweisen (24%), Schlafstörungen (23%), Konzentrationsmangel (23%), Wutanfälle (21%) und zurückgezogenes, sehr stilles Verhalten (20%) genannt. Je älter die Kinder waren und je häufiger ihre Bezugspersonen wechselten, umso mehr Probleme wurden genannt.

Während des Pflegeverhältnisses werden problematische Verhaltensweisen und Symptome zumeist seltener und schwächer (Colton 1988; Maluccio/Fein 1985; Thorpe/Swart 1992). Zugleich nehmen sozial erwünschte Verhaltensweisen zu. Timberlake und Verdieck (1987) stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass die Pflegekinder (Jugendliche und Heranwachsende) zumeist höflich (73%), mit ihren Leistungen zufrieden (70%) und hilfsbereit (69%) waren, die Familienregeln befolgten (68%), sich wohlerzogen verhielten (62%), Zuneigung gegenüber anderen zeigten (59%), von Gleichaltrigen gemocht wurden (59%), Verantwortungsbewusstsein zeigten (58%), Grenzen akzeptierten (58%), die eigenen Stärken und Schwächen kannten (56%), ihre Aufgaben erfüllten (55%), nur selten bestraft werden mussten (55%), mit sich selbst zufrieden (54%) und glücklich (54%) waren. Kinder, die zum Zeitpunkt der Inpflegegabe weniger feindselig und negativistisch waren, enge Beziehungen tolerieren konnten, Angst vor Ablehnung hatten und Selbstachtung besaßen, entwickelten sich zumeist besser (Dore/Eisner 1993; Fanshel/Finch/Grundy 1990).

Zumeist werden auch die Schulleistungen während der Familienpflege besser. Laut der Untersuchung von Thorpe und Swart (1992) nahm die Zahl guter Schüler von 18% auf 30% zu. Auch mochten mehr Kinder ihre Lehrer, waren lernmotivierter und nahmen mehr an extracurricularen Aktivitäten teil. Timberlake und Verdieck (1987) stellten fest, dass 25% der Pflegekinder aus ihrer Stichprobe überdurchschnittliche, 51% durchschnittliche und 24% unterdurchschnittliche Schulleistungen erbrachten. In anderen Untersuchungen wurde festgestellt, dass die Pflegekinder überdurchschnittlich oft schlechte Schüler waren (Fanshel/Finch/Grundy 1990; Heath/Colton/Aldgate 1989; Heun 1984; Rowe et al. 1984). Hier könnten sich Folgen von Deprivation, Trennungen von Bezugspersonen, Pflegestellenabbrüchen, mangelnden sozialen Fertigkeiten, Resignation oder zu geringer Förderung von Lernaktivitäten zeigen.

Trotz positiver Entwicklungstendenzen bleiben viele Probleme. In der Untersuchung von Rowe und Kolleginnen (1984) wurden Konzentrationsmangel (42% der Fälle), Wutausbrüche (40%), Diebstähle (36%), Aufmerksamkeit suchendes Verhalten (35%), Schlafstörungen (29%), Sprachstörungen (29%), Lügen (28%), Enuresis (27%), Zerstörungssucht (23%), zu ruhiges oder zurückgezogenes Verhalten (22%), Angst vor neuen Situationen (20%) und Schulverweigerung (11%) genannt. Nur ganz selten wurde um professionelle Hilfe nachgesucht (so auch Thorpe/Swart 1992), obwohl ein Viertel der Pflegeeltern an den Problemen fast gescheitert wäre und aufgegeben hätte.

Nach der Untersuchung von McIntyre und Keesler (1986) zeigten 49% der Pflegekinder klinische Symptome auf der "Child Behavior Checklist", wobei es sich zumeist um Syndrome handelte (zum gleichen Forschungsergebnis kamen auch: Heath/Colton/Aldgate 1989). Geschlecht, Alter und Dauer der Familienpflege machten keinen Unterschied. Die Wissenschaftler berechneten, dass für Pflegekinder das relative Risiko, psychopathologische Symptome aufzuweisen, fast neunmal höher als für Kinder aus "Normalfamilien" war.

8. Pflegestellenabbrüche

Erziehungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten gehören zu den Hauptgründen für das Scheitern vieler Pflegeverhältnisse. Daneben spielen Probleme in der Pflegeeltern-Kind-Beziehung, Spannungen zwischen Pflegeeltern und leiblichen Eltern, negative Einflüsse aus der Herkunftsfamilie und Fehlvermittlungen eine Rolle (Boer/Spiering 1991; Heun 1984). Es werden unterschiedlich hohe Abbruchquoten genannt: 22% (Nielsen 1990), 34% (Berridge/Cleaver 1987) und bis zu 40% (Triseliotis 1989). Generell gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Pflegekinderdiensten (Berridge/Cleaver 1987; Heun 1984). Die meisten Pflegeverhältnisse scheitern in den ersten beiden Jahren.

Nach dem Scheitern eines Pflegeverhältnisses wechseln die meisten Kinder entweder in ein Heim oder in eine andere Pflegefamilie. Der Heimaufenthalt ist oft nur kurz und wird mit einer erneuten Inpflegegabe beendet. Da auch die neuen Pflegeverhältnisse häufig abgebrochen werden, durchlaufen manche Kinder eine ganze Reihe von Fremdplatzierungen. In den Stichproben der verschiedenen Untersuchungen hatten von 11% über 22%, 24%, 34% und 38% bis hin zu 50% der Pflegekinder drei und mehr Fremdplatzierungen hinter sich. Deren Zahl war größer bei Jungen, älteren Kindern, verhaltensauffälligen Kindern und Geschwistern, die bei der Inpflegegabe getrennt wurden.

Pflegestellenabbrüche und häufige Umplatzierungen sind für alle Betroffenen belastend, besonders aber für die Pflegekinder. Nach der Untersuchung von Heun (1984) machten sich 20% der Minderjährigen für das Scheitern des Pflegeverhältnisses verantwortlich, waren 43% darüber sehr traurig, litten 23% deswegen an Minderwertigkeitsgefühlen und waren 42% deswegen in ihrer Kontakt- und Bindungsfähigkeit beeinträchtigt. Heun schrieb: "So wird verständlich, wenn diese Kinder entweder Anpassungsschwierigkeiten haben oder zu Distanzlosigkeit neigen, wenn ihre Beziehungsunsicherheit und -unfähigkeit und Leistungsverweigerung zu einer Belastung für ihre Umgebung werden" (S. 93). Hinzu kommt, dass sie in der Regel mit jeder Umplatzierung die Schule, den Freundeskreis und den Lebenskontext wechseln müssen. Die zunehmende Zahl der Verlusterfahrungen und Zurückweisungen dürften ihr Sicherheitsgefühl, ihr Selbstwertempfinden, ihre Anpassungsfähigkeit und die Bewältigung anstehender Entwicklungsaufgaben beeinträchtigen.

9. Ehemalige Pflegekinder im Erwachsenenalter

Aus den bereits erwähnten Forschungsergebnissen über die Herkunft und Vorgeschichte von Pflegekindern, über ihre Entwicklung in der Pflegefamilie, über Verhaltensauffälligkeiten und Pflegestellenabbrüche lässt sich folgern, dass Pflegekinder schlecht für das selbständige und eigenverantwortliche Leben als Erwachsene gewappnet sind. Hinzu kommt, dass sie mit der Volljährigkeit oder dem Abschluss der Berufsausbildung in der Regel die Pflegefamilie verlassen (müssen) und dann auf sich selbst gestellt sind.

In der Untersuchung von Mann (1984) hatten alle vormaligen Pflegekinder einen Arbeitsplatz gefunden. Die Männer zögerten zumeist, sich an eine Partnerin zu binden. Alle Befragten wollten den eigenen - geborenen oder ungeborenen - Kindern mehr Liebe und Sicherheit geben, als sie selbst in ihrer Kindheit erfahren hatten. Von den 106 erwachsenen Pflegekindern, die von Fanshel, Finch und Grundy (1990) befragt wurden, hatten jedoch nur knapp zwei Drittel eine Arbeitsstelle; 10% empfingen staatliche Unterstützung. Knapp die Hälfte war ohne Partner. 44% waren wegen Diebstahl, Überfall, Drogen oder anderen Verdachtsmomenten von der Polizei verhört und 32% wegen ihrer Straftaten verurteilt worden. Jeweils 13% hatten zum Zeitpunkt der Befragung große Probleme mit Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Ihre Lebenssituation war zumeist problematischer, wenn sie als Kinder in der Herkunftsfamilie misshandelt worden waren, wenn sie bereits vor oder während der Familienpflege delinquent waren und wenn sie viele Fremdplatzierungen erlebt hatten.

Auch Widom (1991) stellte fest, dass ehemalige Pflegekinder als Erwachsene überdurchschnittlich oft mit dem Gesetz in Konflikt kamen, wobei aber zwischen zwei Gruppen differenziert werden musste: Während Erwachsene, die nur wegen Vernachlässigung oder Misshandlung fremdplatziert worden waren, nicht signifikant häufiger als andere Erwachsene mit der Polizei zu tun hatten, wurden 60% von denjenigen Pflegekindern, die sowohl wegen delinquentem Verhalten als auch wegen Vernachlässigung und Misshandlung in eine Pflegefamilie kamen, als Erwachsene mindestens einmal von der Polizei verhaftet; 34% begingen gewalttätige Verbrechen. Besonders gefährdet waren solche Personen, die bei der Inpflegegabe bereits älter waren und häufiger die Pflegestelle wechselten.

Schließlich soll noch auf die Untersuchung von Mangine und Kollegen (1990) hingewiesen werden. Sie stellten fest, dass unter Obdachlosen und Stadtstreichern ehemalige Pflegekinder viermal häufiger als in der Bevölkerung vertreten waren. Diese machten 16% der allerdings sehr kleinen Stichprobe aus.

10. Konsequenzen für Pflegeeltern

Aus diesen Forschungsergebnissen ergeben sich einige Folgerungen für Pflegeeltern, die ich zum Abschluss meines Referats vortragen möchte:

(a) Deutlich wurde, dass die Herkunftsfamilien von Pflegekindern "Problemfamilien par excellence" sind. Gestörte Familienstrukturen und -prozesse sowie andere Belastungen mussten schon fast "automatisch" zu Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern führen. Wie groß die Probleme dieser Familien sind, zeigt sich auch darin, dass die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder in der Regel nicht die Ursachen für die Inpflegegabe sind. Als Problemfamilie par excellence ist die Herkunftsfamilie natürlich auch ein schwieriger Kooperationspartner für Pflegefamilien.

(b) Das Alter bei der Inpflegegabe liegt bei durchschnittlich sechs bis sieben Jahren. Dies bedeutet, dass die Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen des Kindes noch nicht sehr verfestigt sind. Bei einer guten Erziehung in der Pflegefamilie, insbesondere wenn sie z.B. durch heilpädagogische Maßnahmen ergänzt wird, kann durchaus eine Besserung erreicht werden. Das niedrige Alter bedeutet aber auch, dass die geistigen Fähigkeiten des Kindes noch nicht so ausgeprägt sind, als dass es kognitiv verarbeiten könnte, was mit ihm passiert. Das Kind ist also auf genaue und wiederholte Erklärungen angewiesen, wieso es sich jetzt in einer Pflegefamilie befindet. Dabei ist z.B. besonders wichtig, dass ihm erklärt wird, dass es für diese Situation nicht verantwortlich ist, dass es keine Schuldgefühle haben muss, dass es nicht liebenswert ist.

(c) In den meisten Fällen ist die Inpflegegabe keine Übergangslösung, sondern eine Jugendhilfemaßnahme auf Dauer. So verbessert sich die Situation in der Herkunftsfamilie nicht so weit, als dass das Pflegekind rückgeführt werden könnte. Ursachen hierfür liegen z.B. in der Vielzahl und Komplexität der Probleme von Herkunftsfamilien sowie in deren unzureichenden Betreuung - oder besser: Behandlung - durch psychosoziale Dienste. Selbst wenn eine Rückführung des Pflegekindes versucht wird, so scheitert diese oft. Das Kind ist dann dreifach "geschädigt": durch die Trennung von der Pflegefamilie, durch das erneute Scheitern in der bzw. der Herkunftsfamilie und eine weitere Fremdplatzierung. Deshalb ist es wichtig, bei der Erstellung des Hilfeplans oder zumindest im Verlauf des ersten Jahres der Inpflegegabe zu entscheiden, ob es sich um ein Pflegeverhältnis auf Zeit oder auf Dauer handelt. Damit wird die Unsicherheit bei den Pflegeeltern und vor allem bei dem Kind reduziert - was auch die Problematik des "Beziehungstestens" durch das Pflegekind verringern dürfte. Außerdem werden weniger unrealistische Erwartungen an die Pflegeeltern betreffs der Kontrolle ihrer Gefühle gegenüber dem Kind - bei dem sie nicht die Elternrolle übernehmen sollen - und betreffs der Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie gestellt.

(d) Die meisten Pflegefamilien werden somit zu Ersatzfamilien, auch was die Art der Eltern-Kind-Beziehung, das emotionale Empfinden auf beiden Seiten und das beobachtbare Verhalten betrifft. Das muss auch berücksichtigt werden, falls sich erst nach mehreren Jahren der Familienpflege die Möglichkeit einer Rückführung ergibt.

(e) Erst allmählich wird erkannt, dass für die leiblichen Kinder von Pflegeeltern Familienpflege mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Probleme wie Geschwisterrivalität, Konflikte, Ausstoßungsängste oder Nachahmung unerwünschten Verhaltens verknüpft sein kann. Leibliche Kinder müssen z.B. auf das Teilen der elterlichen Zuneigung, das Verhalten von Pflegekindern, Unterschiede bezüglich der Erwartungen an sie und die "Pflegegeschwister" sowie die eventuelle Trauer bei der Trennung von diesen vorbereitet werden.

(f) Die leiblichen Eltern bleiben für das Pflegekind immer wichtig. Auch aus der Adoptionsforschung wissen wir, dass selbst Kinder, die nie ihre leiblichen Eltern gesehen haben, sich gedanklich viel mit ihnen befassen - ohne dies den Ersatzeltern zu sagen. Das gilt vermehrt für Pflegekinder, bei denen positive, negative bzw. ambivalente Bindungen an leibliche Eltern (und andere Verwandte) bestehen. Wichtig ist zum einen, dass Kindern weiter der Kontakt ermöglicht wird und die Pflegeeltern zumindest eine neutrale Haltung hierzu einnehmen - was durchaus schwer sein kann, wenn man die problematischen Familienverhältnisse kennt und weiß, was dem Kind angetan wurde. Erschwerend kommt hinzu, dass die leiblichen Eltern bewusst oder unbewusst als "Konkurrenten" erlebt werden, insbesondere wenn das Kind noch positive Bindungen an sie zeigt. Zum anderen ist wichtig, dass das Kind die Möglichkeit hat, über seine vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen mit der Herkunftsfamilie zu sprechen. Da es hier Hemmungen haben kann - weil es z.B. Angst davor hat, die Pflegeeltern zu verletzen -, benötigt es oftmals eine "sanfte Ermutigung" bzw. ein (wiederholtes) offenes Gesprächsangebot.

(g) Pflegefamilien sind Familien mit besonderen Belastungen. Das gilt besonders für die Eingewöhnungsphase mit einem neuen Pflegekind. Aber auch danach bleiben noch viele Erziehungsschwierigkeiten und andere Probleme. Außerdem gibt es hohe Abbruchquoten, die zeigen, dass manche Pflegefamilien mit diesen Belastungen nicht zurechtkommen. Hier wird deutlich, dass dringend ein Unterstützungssystem für Pflegefamilien aufgebaut werden muss. Tabelle 2 verdeutlicht, wie m.E. ein solches System aussehen könnte. Pflegeeltern müssen aber auch lernen, sich frühzeitig einzugestehen, dass sie Probleme mit ihrem Pflegekind haben, und dann nach Hilfsangeboten suchen. Das bedeutet zum einen, dass sie Versagensängste überwinden müssen - Pflegeeltern haben nicht versagt, weil sie sich z.B. wegen Erziehungsschwierigkeiten an eine Beratungsstelle wenden; jeder kann sich vorstellen, dass es nicht leicht ist, mit einem Problemkind aus einer Problemfamilie (die Herkunftsfamilie) zusammen zu leben. Zum anderen müssen sie die Schwellenangst vor psychosozialen Diensten überwinden - die Nutzung professioneller Hilfe ist heute normal. Eine frühzeitige Suche nach Unterstützung - wenn die Probleme noch lösbar erscheinen, wenn die Pflegeeltern noch Energie und Hoffnung haben - kann letztlich eine Umplatzierung mit all den negativen Folgen für das Kind verhindern.

(h) Pflegekinder bleiben eine Problemgruppe, selbst wenn sie bereits erwachsen sind. Deshalb ist es wichtig, sie auch über ihre Volljährigkeit hinaus zu begleiten. Dies wird aber kaum noch die Aufgabe von Pflegeeltern sein.

Anmerkung

Dieses Referat wurde am 22.09.1995 Referat im Rahmen der Pflege- und Adoptivelternwoche des Arbeitskreises Pflegekinderdienste der Städte Konstanz, Singen und des Landkreises Konstanz in Radolfzell gehalten; Tabellen und Literaturverzeichnis fehlen.