Homepage von Ingeborg Becker-Textor
und Dr. Martin R. Textor




Bauernfamilien im Mittelalter

Martin R. Textor


Charakteristisch für das Mittelalter waren eindeutige Autoritäts- und Abhängigkeitsverhältnisse. Alle Menschen wurden in einen bestimmten Stand geboren und verblieben zeitlebens in ihm. Er prägte ihr Verhalten und ihre Lebensform. Auch innerhalb des jeweiligen Standes gab es eine hierarchische Ordnung - so bestimmte zum Beispiel die Größe des Hofes, wo ein Bauer in der Kirche oder Dorfwirtschaft saß, mit wem er Umgang pflegte, wen er heiraten konnte und welche Aussteuer von seinen zukünftigen Schwiegereltern erwartet wurde. Sitte und Tradition waren unangefochten, festigten die Gesellschaftsordnung, prägten Tun, Wollen und Gemüt des Einzelnen.

Im Vergleich zur Kleinfamilie der Gegenwart war im Mittelalter das "Haus" - der Begriff "Familie" wurde erst nach 1700 verwendet - eine Lebensgemeinschaft, die neben der Bauernfamilie vielfach unverheiratete Verwandte und Gesinde umfasste. Seine Größe war abhängig von Faktoren wie zum Beispiel der Größe des Landbesitzes, dem Erbrecht und der Bodenbeschaffenheit. Aufgrund der hohen Sterblichkeit und des späten Heiratsalters waren die meisten Haushalte recht klein und umfassten selten mehr als fünf Personen (große Altersunterschiede). Die Mitglieder dieser Lebensgemeinschaft wohnten zumeist in Häusern mit ein bis drei Räumen, von denen einer mit dem Vieh geteilt wurde. Somit lebten die verschiedenen Geschlechter und Altersstufen auf engstem Raum zusammen, schliefen zu mehreren in einem Bett und erlebten einander bei den intimsten Verrichtungen. Dementsprechend gab es keine Privatsphäre - aber auch nach außen hin mangelte es an einer klaren Abgrenzung: Das Haus stand immer für Nachbarn und Verwandte offen, die an allen größeren Ereignissen beteiligt waren und zusammen mit der Herrschaft und der Kirche eine starke soziale Kontrolle ausübten. Die Mitglieder der Hausgemeinschaft waren also in ein enges Beziehungsnetz eingebettet, in dem sie gefühlsmäßige Bindungen und sexuelle Kontakte fanden. Dementsprechend verbrachten sie Sonn- und Feiertage sowie ihre geringe Freizeit nicht daheim, sondern in der größeren Gemeinschaft des Dorfes.

Im Gegensatz zur Familie von heute war das "Haus" des Mittelalters in erster Linie eine Produktionsstätte. Es diente der Existenzsicherung, der Erhaltung des Besitzes, der alltäglichen gegenseitigen Hilfe und der materiellen Versorgung der Alten und Kranken. Die gemeinsame Arbeit und Produktion als Zweck der Hausgemeinschaft prägten die zwischenmenschlichen Beziehungen; das Hausinteresse stand meist an erster Stelle. Somit war das "Haus" weniger eine sittliche Institution als eine Einrichtung zum Überleben. Dabei ist zu bedenken, dass im Mittelalter Ackerbau und Viehzucht noch unterentwickelt waren. Obwohl 70 bis 80% der Bevölkerung als zumeist abhängige Bauern lebten, reichten die von ihnen produzierten Lebensmittel gerade für den eigenen und den regionalen Bedarf. Meist befanden sie sich am Rande des Existenzminimums und litten immer wieder unter Hungersnöten, da aufgrund der geringen Marktverflechtung und der schlechten Transportmöglichkeiten nur selten Überschüsse aus anderen Regionen in das von einer Missernte, kriegerischen Auseinandersetzungen usw. betroffene Gebiet geschafft werden konnten. Auch in guten Zeiten konnte der eigene Bedarf nur dann gesichert werden, wenn alle Mitglieder des "Hauses", einschließlich der Kinder und alten Leute, an sechs Tagen in der Woche von Sonnenaufgang bis -untergang arbeiteten. Freizeit gab es nur an Sonn- und Feiertagen sowie in Arbeitspausen.

Da die Ehefrau dem Mann untergeordnet war, war die Hausgemeinschaft des Mittelalters durch eine patriarchalische Struktur gekennzeichnet, die der Vorstellung einer hierarchisch gegliederten Weltordnung entsprach. Jedoch gelang es auch Frauen, innerhalb der Hausgemeinschaft eine machtvolle Position zu erreichen. Maßten sie sich aber an, ihre Ehemänner herumzukommandieren, standen den Dorfbewohnern beispielsweise Maßnahmen wie das "Haberfeldtreiben" zu ihrer Disziplinierung zur Verfügung. Im Regelfall bestimmten aber die Männer über die Arbeitskraft und das Verhalten der anderen Familienmitglieder und des Gesindes. Die "Hausväter" besaßen den anderen Mitgliedern des "Hauses" gegenüber das Züchtigungsrecht, wovon viele auch ausgiebig Gebrauch machten.

Somit waren die im "Haus" vorherrschenden zweckmäßigen Beziehungen für das Überleben unter der ständigen Bedrohung durch Krankheiten, Hungersnöte und Kriege wichtiger als gefühlsmäßige. Dementsprechend wurde eheliche Liebe vielfach als eine Form christlicher Nächstenliebe betrachtet, wurden außereheliche sexuelle Verhältnisse eher toleriert. Der "Familiensinn" war weniger stark ausgeprägt als in späteren Jahrhunderten, obwohl in manchen Zeugnissen aus der damaligen Zeit auch von engen emotionalen Banden zwischen Familienmitgliedern berichtet wird.

In der Eltern-Kind-Beziehung spielten Gefühle eine geringere Rolle als heute - dabei ist jedoch zu bedenken, dass die meisten Kinder noch vor Erreichen des ersten Lebensjahres starben, sodass die Eltern zu ihrem Selbstschutz eine gewisse psychische Distanz wahren mussten. Die Tatsache, dass ein Säugling die ersten ein, zwei Lebensjahre mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben würde, mag auch erklären, weshalb die Eltern beim Tod eines ihrer Kinder weniger Trauer zeigten: Er war ein durchaus "normales" Ereignis. Zudem konnte damit gerechnet werden, dass bald ein anderes Kind an die Stelle des Gestorbenen treten würde, da Methoden der Empfängnisverhütung unbekannt waren. Der häufigere Tod von Kindern und Müttern (insbesondere im Kindsbett) prägte auch die Familienstrukturen: So wuchs ein Großteil der Kinder mit Halb- und Stiefgeschwistern auf, gab es große Altersunterschiede zwischen ihnen.

Säuglinge wurden ein bis zwei Jahre und länger gestillt und gewickelt. Zumeist wurde auf ihre Pflege und Erziehung aufgrund der hohen Arbeitsbelastung der Eltern und einem fehlenden Bewusstsein für Erziehung nur wenig Zeit verwendet. Säuglinge blieben oft längere Zeit unbeaufsichtigt, sodass sogar von Fällen berichtet wird, wo sie von frei herumlaufenden Hausschweinen gefressen wurden. Da Kinder in erster Linie als zukünftige Arbeitskräfte und als Garanten der Altersversorgung der Eltern gesehen wurden, war die Dauer der Kindheit auf das zarteste Kindesalter beschränkt - das heißt auf den Lebensabschnitt, in dem Kinder noch nicht ohne fremde Hilfe auskommen können.

Sobald Kinder laufen und von den Händen Gebrauch machen konnten, wurden sie übergangslos zu den Erwachsenen gezählt, trugen dieselbe Kleidung und teilten ihre Arbeit. Oft wurden schon Kleinkinder mit den Hirten auf die Weide geschickt; mit acht Jahren mussten Kinder bereits selbst Ziegen oder Schafe hüten. Sie arbeiteten in der Regel auf dem Hof ihrer Eltern oder wurden - falls dieser zu klein war - als Gesinde, Tagelöhner, Hütejungen o. Ä. auf andere Gehöfte gegeben. So erfolgte Erziehung indirekt durch Lernen am Vorbild und die Mitwirkung auf dem Hof. Dabei erreichten die Kinder eine erstaunliche Vielseitigkeit, da die bäuerliche Produktion in großen Teilen subsistenzwirtschaftlich erfolgte (kaum verfügbares Bargeld für Dienstleistungen Dritter) und damit auf den Höfen höchst unterschiedliche Tätigkeiten ausgeführt wurden. Vielfach erhielten sie eingewisses Arbeitspensum zugeteilt, wobei streng darauf geachtet wurde, dass sie es ableisteten. Falls sie die Erwartungen der Eltern nicht erfüllten, mussten sie mit schweren Körperstrafen rechnen.

Hatten aber die Kinder die ihnen aufgetragenen Aufgaben erledigt, so konnten sie ohne nennenswerte Kontrolle der Eltern auf dem Gehöft, im Wald oder auf den Wiesen herumtollen, basteln und spielen. Zumeist mussten sie ihre Spielsachen selbst herstellen, da von den Eltern für derartige Dinge kein Geld ausgegeben wurde. An Spiel und Freizeitgestaltung nahmen diese aufgrund von Zeitmangel nur selten teil, sodass die Erziehung auch von einer gewissen Vernachlässigung (neben Härte und Strenge) gekennzeichnet war.

Die Kinder waren dabei, wenn Erwachsene Geschichten und Schwenke erzählten, sangen oder feierten. Sie teilten vollständig deren Leben, mussten zum Beispiel bei bestimmten Gesprächsthemen auch nicht den Raum verlassen. Durch Arbeit und Spiel wuchsen die Kinder "unmerklich" in die Sozialstruktur des Dorfes hinein und eigneten sich die vorherrschenden Normen, Einstellungen und Leitbilder an. Sozialisation und Ausbildung erfolgten somit durch das Zusammenleben mit Erwachsenen - Schulen oder andere Bildungseinrichtungen spielten keine Rolle.