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und Dr. Martin R. Textor




Aus: Martin R. Textor: Integrative Familientherapie. Eine systematische Darstellung der Konzepte, Hypothesen und Techniken amerikanischer Therapeuten. Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo: Springer 1985, S. 6-7, 24-34 (überarbeitet, ohne Fußnoten und Literaturangaben)

Integrative Familientherapie

Martin R. Textor

 

"Familientherapie" ist ein Sammelbegriff für eine Anzahl verschiedener Therapieansätze zur Modifikation pathogener Familiensysteme. Familientherapeuten wirken allein, mit einem Kotherapeuten oder in einem Team auf ein einzelnes Familienmitglied, ein Subsystem, eine Kleinfamilie, eine erweiterte Familie, eine Gruppe von Familien, ein Netzwerk oder auf eine die Familie beeinflussende Institution ein. Dabei können sie sich auf Krisen, präsentierte Probleme oder verdrängte Konflikte, beobachtbare Verhaltensweisen oder nur erschließbare Vorgänge, auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit konzentrieren und viele verschiedene Techniken, eine bestimmte Methode oder nur die eigene Persönlichkeit einsetzen.

Was aber alle diese Therapeuten und Berater miteinander verbindet, ist ihre übereinstimmende Einstellung ("philosophy"): Ihrer Meinung nach liegen die Ursachen für Störungen im Erlebens- und Verhaltensbereich oder für psychosomatische Krankheiten nicht (nur) im Individuum (d.h. in somatischen, physiologischen oder realitätsfernen intrapsychischen Prozessen), sondern v.a. in seiner interpersonalen Umwelt. Sie halten den "Identifizierten Patienten" (IP) nicht für das einzige gestörte Familienmitglied, sondern glauben, daß alle unter Problemen und Konflikten leiden. Deshalb muß ihrer Meinung nach die Familie des Symptomträgers therapiert werden, da die Behandlung eines einzelnen Mitgliedes wenig sinnvoll sei. So ist die Familientherapie eine Therapieform, bei der das Familiensystem in den Vordergrund und das Individuum in den Hintergrund rückt. Der Schwerpunkt wird auf die theoretische Erfassung sowie auf Diagnose und Modifikation von Beziehungen, Interaktionen, Familienstrukturen und -funktionen gelegt, wobei das Wohl aller Familienmitglieder berücksichtigt wird.

Familientherapeuten verbinden also das Individuum mit der Gruppe, den leidenden IP mit dem pathogenen System, die gesunde Person mit dem positiven sozialen Kontext. Sie glauben, daß sich die Persönlichkeitsstruktur und das Verhalten eines Individuums ändern, wenn sie in seine Familie und interpersonale Umwelt intervenieren. Dabei verlieren sie aber nicht die Einzelperson aus den Augen, übersehen also nicht, daß deren Verhalten auf die Familienstrukturen und -prozesse zurückwinkt: "After all, it is the individuals in family systems who change their system by changing actions, attitudes, behaviors, thoughts, feelings" (Duhl u. Duhl 1981, S.488).

Nach diesen Vorbemerkungen können wir Familientherapie als eine Form der interpersonalen Einwirkung definieren, bei der eine oder mehrere durch ihre Ausbildung, Erfahrung und Persönlichkeit qualifizierte Personen (Familientherapeuten) eine hilfsbedürftige Familie mit zumeist einem kranken oder gestörten Mitglied (Identifizierter Patient, Symptomträger) beraten und behandeln. Die Familientherapeuten konzentrieren sich v. a. auf die Modifikation pathogener Familienstrukturen und -prozesse, verändern also eher indirekt das Erleben und Verhalten einzelner Familienmitglieder. So stehen nicht die Symptome und Störungen des IP im Mittelpunkt der Behandlung; vielmehr untersuchen und klären Familientherapeuten Natur und Ursachen von persönlichen und interpersonalen Schwierigkeiten. helfen bei der Lösung von Problemen und Konflikten, verändern Familienstrukturen, Rollen und Umweltbedingungen, ermöglichen ein befriedigenderes Zusammenleben und die Individuation aller Familienmitglieder, stärken die Ehebeziehung und beugen neuen Störungen vor (Prävention). Dabei gehen sie auf höchst unterschiedliche Weise vor und verwenden verschiedene Methoden und Techniken, beachten aber immer die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Klienten und gewährleisten deren Selbständigkeit, Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortung.

Inzwischen gibt es eine Unmenge verschiedenster Ansätze der Familientherapie, die sich höchstens noch grob klassifizieren lassen. Hinzu kommt, daß jeder Familientherapeut einen einmal übernommenen Therapieansatz variiert, ergänzt, ausweitet. Hier wird deutlich, was Stachowiak schon 1975b sehr prägnant ausgedrückt hat: "There are perhaps as many ways to conduct family therapy as there are family therapists" (S. 109).

Es lassen sich viele Gründe aufführen, weshalb jeder Familientherapeut einen eigenen Therapieansatz entwickelt. Einige sind in seiner eigenen Person zu finden:

  1. Oft lassen sich Parallelen zwischen der Lebensgeschichte eines Therapeuten und seiner Theorie ziehen (siehe z.B. Schultz 1976). Beispielsweise hält er häufig das für gesund, was in seiner Ursprungsfamilie funktionierte bzw. in der eigenen Familie funktioniert. Glaubt er, daß seine Entwicklung durch Kindheitserlebnisse determiniert wurde, so mag er sich intensiv mit der Lebensgeschichte seiner Klienten beschäftigen.
  2. Häufig bestehen auch Parallelen zwischen Alter bzw. Geschlecht des Therapeuten und seiner Theorie. So wird ein junger männlicher Berater oft nur wenig Verständnis für die psychischen Probleme einer Frau im Klimakterium aufbringen können und wird sie dementsprechend nur wenig reflektieren. Stattdessen wird er sich auf andere Konflikte und Schwierigkeiten konzentrieren. Für denselben Therapeuten mag es auch unmöglich sein, einen mehr mütterlichen Therapiestil auszuüben oder großväterliche Verhaltensweisen zu zeigen.
  3. Meist besteht auch eine Beziehung zwischen der Persönlichkeit des Therapeuten und seinem Therapieansatz. So mag er sich als stark durch Triebe, Gefühle oder Kognitionen bestimmt erleben und seine Persönlichkeitstheorie entsprechend seiner Selbsterfahrung aufbauen. Ist er wenig dominant und durchsetzungskräftig. so wird er in der Sitzung relativ passiv sein und eher von Interpretationen als von der Möglichkeit der Verhaltensausformung Gebrauch machen. Aber immer wird er versuchen, die ihm eigenen besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten weiterzuentwickeln und auf bestmögliche Weise zu nutzen.
  4. Ganz offensichtlich besteht eine Beziehung zwischen dem Menschenbild des Therapeuten und seinem Therapieansatz. Betrachtet er den einzelnen als ein autonomes Individuum, das nach Selbstverwirklichung strebt, so wird er es wahrscheinlich getrennt von seinen Familienmitgliedern behandeln und wenig Verantwortung für dessen Handeln übernehmen. Glaubt er, daß menschliches Verhalten durch Erbfaktoren und biochemische Prozesse bestimmt wird, dann wird er in der Behandlung Psychopharmaka einsetzen und sich bei therapeutischen Gesprächen schon mit kleinen Veränderungen zufrieden geben.
  5. Schließlich kann man noch Parallelen zwischen den Einstellungen bzw. Werten des Therapeuten und seiner Theorie ziehen. So wird er kaum paradoxe Techniken einsetzen, wenn er an das Recht des Klienten auf Selbstbestimmung glaubt und immer bereit ist, ihm das eigene Verhalten zu erklären. Will er die Gesellschaft verbessern, dann wird er als Therapieziel nicht die Anpassung des Klienten an seine soziale Umwelt vertreten.

Hinzu kommt, daß Inhalte und Spannbreite eines Therapieansatzes auch durch die Ausbildungs- und Arbeitssituation des sie vertretenden Therapeuten mitbedingt werden. Wer sich mehrere Jahre lang einer Lehranalyse unterzogen hat, wird die zugrundeliegenden Theorien übernehmen und darauf aufbauend den eigenen Ansatz entwickeln. Er wird also kaum Konzepte und Techniken aus der Verhaltenstherapie in seine Theorie inkorporieren. Arbeitet er später nur mit Psychoanalytikern zusammen, so wird wahrscheinlich sein Ansatz aufgrund des Gruppendrucks und der mangelnden Konfrontation mit anderen Auffassungen kaum von den ihrigen abweichen. Hingegen wird er wohl seine Theorie um neue Elemente bereichern, wenn er in einer das Experimentieren begünstigenden Atmosphäre (z.B. an einer Universität oder Forschungsanstalt), an mehreren unterschiedlichen Einrichtungen oder mit vielen verschiedenen Patientenpopulationen arbeitet. Zudem wird der Inhalt seiner Theorie durch den soziokulturellen Kontext (herrschende Werte, Normen, Einstellungen usw.), den Geist einer bestimmten historischen Epoche und den jeweiligen Stand den wissenschaftlichen Erkenntnis mitbestimmt.

Das Vorhandensein einer Vielzahl von Therapieansätzen und die Entstehung immer neuer Konzepte und Techniken liegen aber auch im Charakter von Therapie-"Theorien" begründet. Im Gegensatz z.B. zu vielen soziologischen Theorien sind sie nicht so sehr allgemeine Systeme wissenschaftlicher Aussagen, die eine hypothetische Ordnung in einem bestimmten Erkenntnisbereich darstellen sollen, als Modell der Wirklichkeit dienen und den Regeln der formalen Logik unterworfen sind. Und im Gegensatz zu zahlreichen psychologischen Theorien sind sie auch nicht so sehr auf (durch Beobachtung und Befragung oder in Experimenten gefundenen) empirischen Daten bzw. den Versuchen zu ihrer Interpretation beruhende Systeme, die ein bestimmtes Erkenntnisobjekt unter Berücksichtigung möglichst vieler Aspekte erklären und dem Kriterium der interpersonalen Überprüfbarkeit gehorchen sollen. Therapieansätze sind vielmehr persönliche Theorien, die dem Organisieren von Informationen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, erlernten Konzepten und eigenen Erfahrungen dienen, das Strukturieren eigener Eindrücke und Wahrnehmungen erlauben, Sinn und Ordnung in eine komplexe Situation bringen sowie Anleitung zum Handeln und zum Lösen von Problemen gehen sollen, Mit ihrer Hilfe möchte der Therapeut bestimmte Ereignisse im Behandlungsraum auf logische und vernünftige Weise erklären und miteinander in Beziehung setzen, pathologische Erscheinungen erkennen, Ziele entsprechend seiner Vorstellung von "Gesundheit" formulieren, eine Strategie zum Erreichen dieser Ziele entwerfen, die eigene Rolle definieren, Techniken zur Verhaltensänderung finden und den Therapieerfolg messen können. Jeder Therapeut entwickelt im Verlauf der Zeit seinen eigenen, ganz persönlichen Therapieansatz, der wohl einigen anderen ähneln mag. aber nie mit ihnen identisch ist. Daraus erklärt sich die außerordentlich große und noch zunehmende (letztlich unbegrenzte) Zahl von Therapieansätzen.

Therapietheorien dienen also nicht der Erfassung der Gesamtheit aller beobachtbaren und erschließbaren Vorgänge im Behandlungszimmer, sondern als "Leitfaden" (im wörtlichen Sinn) durch eine komplexe Situation. Sie sind auf eine bestimmte Anzahl von Prozessen beschränkte Interpretations-, Diagnose- und Handlungsmodelle. bei denen der Schwerpunkt auf der Darstellung von Ursache-Wirkung-Beziehungen und Ziel-Mittel-Ergebnis-Relationen liegt. Für den Therapeuten ist es wichtiger, daß sein Ansatz ein effektives Arbeiten und einen raschen Erfolg ermöglicht, als daß er allumfassend, "wahr" oder "richtig" ist.

Das Gesagte wird deutlicher, wenn wir uns in die Therapiesituation hineinversetzen: In jeder Sitzung wird der Therapeut mit verbalem und nonverbalem Verhalten, idiosynkratischen Codes, intrapsychischen und interpersonalen Prozessen, Transaktionsmustern, Einstellungen etc. konfrontiert. Die auf den Ebenen der einzelnen Individuen, der familialen Subsysteme, der Familie, der Gesellschaft und des therapeutischen Systems ablaufenden Vorgänge sind so komplex, daß sie sich nicht in ihrer Gesamtheit, Vielschichtigkeit und Tiefe erfassen lassen. So wenig der Therapeut all die unzähligen auf ihn einströmenden Eindrücke und Informationen wahrnehmen kann, so wenig kann er sie alle ordnen, aus ihnen Schlüsse über nichtbeobachtbare Prozesse ziehen, sie bewerten und über eventuell notwendige Interventionen entscheiden. Hinzu kommt, daß der Therapeut sich selbst und seine Einwirkung auf die Klienten beobachten und sein Handeln bewußt und vorbewußt steuern muß.

Um nicht die Orientierung in der Behandlungssituation zu verlieren und nutzlos für die Klienten zu werden, hat jeder Therapeut seine Beobachtungen, Denkprozesse und Interventionen auf eine sinnvolle und handhabbare Anzahl von Variablen zu beschränken. Er muß entscheiden, ob er sich auf die Erfassung und Veränderung von somatischen Vorgängen, intrapsychischen Phänomenen (Unbewußtes, Emotionen, Erleben, Einstellungen, Kognition usw.), Verhaltensweisen, Interaktionsmustern, Beziehungen, Rollen, Familienstrukturen, Systemprozessen, Institutionen oder gesellschaftlichen Einflüssen konzentrieren will. Dabei hängen die Auswahlkriterien häufig mit Lebensgeschichte, Persönlichkeitsstruktur, Menschenbild, Einstellungen und Ausbildung des Therapeuten (s. oben) zusammen. Diese Vorentscheidungen bestimmen dann, welche Strukturen und Vorgänge von Therapeuten durch übernommene oder selbst entwickelte Konzepte und Hypothesen beschrieben und erklärt werden. Zudem determinieren sie, was in der Behandlungssituation untersucht wird, wie pathologische Erscheinungen konzeptualisiert werden, wo und auf welche Weise interveniert werden muß und worauf sich die Therapieauswertung zu konzentrieren hat. Letztlich bestimmen diese Vorentscheidungen, was der Therapeut sieht - und dieser beschreibt dann in seinen Veröffentlichungen oder im Gespräch, was er sah und daraufhin tat bzw. was andere in einer ähnlichen Situation tun sollten.

Die Darstellung von zur Beschreibung und Erklärung eines ausgewählten Erkenntnisobjektes (z.B. Persönlichkeit, Rolle, Familiensystem) bzw. Vorganges (z.B. Kommunikation, Verhalten) entwickelten Konzepten und Hypothesen sowie von Zielen, Methoden und Techniken, welche sich auf die Erfassung und Veränderung von pathologischen Charakteristika dieses Objekts bzw. Vorganges beziehen, bezeichnen wir im folgenden als Element, d.h. als relativ umfassenden Grundbestandteil oder Baustein einer Therapietheorie. Als ein Beispiel ließe sich das Element "Rolle" anführen, das von vielen Therapeuten zur Erklärung der Familienstruktur (aus Vater-, Mutter-, Partner-, Kind- und Geschwisterrolle bestehend), zur Unterscheidung von "gesunden" (z.B. mit Rollendistanz und altersgerechten Rollenerwartungen) und "pathologischen" Familienformen (z.B. mit rigiden oder unklar definierten Rollen), zur Formulierung von Therapiezielen (erfolgreiche Rollenausübung, mehr Rollenflexibilität usw.), zur Beschreibung der eigenen Aufgaben (Klarifikation und Veränderung von Rollen) u.ä. verwendet wird. Theorieelemente nehmen also einen zentralen Platz in einem Therapieansatz ein und bestimmen seinen Schwerpunkt. Oft äußert sich ihre Bedeutung schon in der Benennung eines Ansatzes (z.B. "Netzwerktherapie", "systemorientierte Familientherapie" usw.). Gewöhnlich findet man gleiche Elemente in vielen verschiedenen Therapieansätzen, so daß man von einer beschränkten Anzahl von Elementen sprechen kann. Jeder Ansatz enthält allerdings nur einige wenige Elemente, die auf einzigartige Weise miteinander kombiniert werden.

Hinzu kommt, daß die meisten Therapeuten nur einzelne Aspekte (d.h. nur bestimmte wahrgenommene oder erblickte Seiten) des ausgewählten Erkenntnisobjekts bzw. Vorganges erfassen und beschreiben. Wie bereits erwähnt, können sie aufgrund der Komplexität der Familien- und Therapiesituation auch gar nicht alle Aspekte erkennen und berücksichtigen - zudem ist dies ja keine Vorbedingung für eine erfolgreiche Behandlung. Daneben wirken sich hier ebenfalls die unterschiedliche Lebensgeschichte. Ausbildung, Arbeitssituation und Persönlichkeit sowie die verschiedenen Einstellungen, Werte und Menschenbilder (s. oben) der Therapeuten aus, die deren Standpunkt und damit auch deren Sichtweise vom Objekt bzw. Vorgang bestimmen. Je nach Perspektive werden unterschiedliche Aspekte wahrgenommen und dementsprechend andersartige Konzepte, Hypothesen, Ziele und Techniken entwickelt.

Je nachdem, ob Therapeuten das Rollenverhalten einer Person unter dem Gesichtspunkt der Entsprechung gesellschaftlicher Erwartungen, der Erfüllung bestimmter Funktionen oder des Ausmaßes an persönlicher Bedürfnisbefriedigung untersuchen, müssen sie zu verschiedenen Behandlungszielen kommen, also demnach ein den gesellschaftlichen Erwartungen, den Funktionen oder den persönlichen Bedürfnissen entsprechendes Verhalten fördern. Folglich müssen sie auf unterschiedliche Weise vorgehen und verschiedene Techniken einsetzen. Wohl lassen sich alle 3 Ziele auf das Element "Rolle" hinordnen, verweisen aber auf andersartige Therapieansätze.

Aus der Entscheidung für unterschiedliche Elemente, der Beschränkung auf einzelne Aspekte und der nahezu unbegrenzten Anzahl von Kombinationsmöglichkeiten, aber auch aufgrund der Verwendung andersartiger Konzepte und Hypothesen sowie der Entdeckung immer neuer Untersuchungsmethoden und Behandlungsverfahren entstand so eine Vielzahl von Therapieansätzen mit unterschiedlichen Menschenbildern, Persönlichkeitstheorien, Familienmodellen, Pathologievorstellungen, Zielen, Strategien und Techniken. Als persönliche Theorien sind sie zumeist wenig explizit und formal, da sie nur den Zwecken des Therapeuten genügen müssen, d.h. sich im Verlauf der Behandlung bewähren sollten. Zudem sind diese Ansätze nur provisorisch und werden immer wieder verändert, wenn der Therapeut neue Beobachtungen oder Erfahrungen macht, Hypothesen falsifiziert, andere entwickelt oder von Kollegen lernt.

Diese Charakteristika von Therapieansätzen bedingen u.a. folgende Probleme:

  1. Aus der Entscheidung für die Beschränkung auf ausgewählte Elemente und Aspekte resultiert die große Einseitigkeit aller Therapietheorien. Sie eignen sich nicht zur Erklärung und Vorhersage aller Verhaltensweisen, die ein Therapeut beobachtet. Auch werden viele Ursachen von Problemen und Störungen sowie Möglichkeiten zu deren Behebung übersehen oder ausgeblendet. Zudem bleiben viele Variablen der Therapiesituation unberücksichtigt. Diese übergroße Vereinfachung und das Beharren auf einem Standpunkt stehen im Widerspruch zur Komplexität der Wirklichkeit.
  2. Alle Therapieansätze haben praktische Grenzen, d. h. kein Ansatz eignet sich für die Behandlung aller interpersonaler Probleme und aller Störungen des Erlebens und Verhaltens. Wenn Therapeuten versuchen, eine bestimmte Theorie auf alle Klientenpopulationen anzuwenden, erleiden sie große Mißerfolge und Frustrationen.
  3. Die Vorentscheidungen beschränken stark den Wahrnehmungsrahmen und Aktionsradius des Therapeuten. Sie machen ihn blind gegenüber wichtigen Eindrücken, hilfreichen Informationen und sinnvollen Ansatzpunkten für Interventionen, die von seiner Theorie nicht erfaßt werden. So mag er am falschen Ort nach den Ursachen von Problemen suchen oder ungeeignete Behandlungsmethoden auswählen, da alternative Konzepte, Erklärungen und Techniken nicht übernommen werden können. Zudem ermutigt der Therapeut ganz bestimmte Formen des Verhaltens und Erlebens, die für den Patienten ungewohnt sind, normalerweise nicht auftreten würden und deren Nutzen zweifelhaft ist. So schreibt Foley (1974): "We noted ... that often repeated observation that Freudian clients have Freudian dreams and Jungian clients have Jungian dreams. The reason should now be clear: the client picks up the messages sent by the therapist" (S. 125).
  4. Die Theorien genügen nicht den Kriterien der Wissenschaftlichkeit, da sie in der Regel viele implizite Annahmen enthalten, kaum empirische Forschungsergebnisse aus Psychologie oder Soziologie berücksichtigen, selten auf objektiven Beobachtungen basieren und nicht validiert wurden. Auch werden viele Konzeptualisierungen durch die persönlichen Gefühle, Werte und Einstellungen des Therapeuten verfälscht.
  5. Da ein Therapeut in seine persönliche Theorie emotional investiert, tendiert er dazu, sie zu verabsolutieren und auf dogmatische Weise zu vertreten. Er hält sie für allgemein zutreffend und glaubt, mit seinem Ansatz die meisten Konflikte und Probleme seiner Klienten behandeln zu können. Oft wird seine Theorie von Studenten, anderen Therapeuten oder Nichtprofessionellen übernommen - v.a. dann, wenn er Charisma besitzt, viele Vorträge hält, eine einflußreiche Position bekleidet oder mit seinen Aussagen den Zeitgeist trifft. So bildet sich eine neue Schule der Psychotherapie, deren Vertreter meist andere Ansätze ablehnen, ohne die Überlegenheit der eigenen Theorie und Vorgehensweise beweisen zu können. Sie sprechen eine besondere Sprache, reagieren auf viele Begriffe anderer Therapeuten allergisch und hegen ihnen gegenüber gewisse Vorurteile. Oft bilden sie professionelle "Kuschelgruppen", die ihrer Identitätsfindung dienen und durch die sie bestimmte politische, soziale und finanzielle Vorteile gewinnen. In diesen Gruppen halten die Therapeuten den Glauben an den eigenen Standpunkt hoch und betonen dessen Unvereinbarkeit mit anderen Auffassungen. Dadurch werden Notwendigkeit und Möglichkeit der Erweiterung des eigenen Therapieansatzes nicht erkannt; es fehlt die Bereitschaft zum Experimentieren und zum Lernen von Familientherapeuten anderer Schulen. Zugleich wird der wissenschaftliche Fortschritt aufgehalten, wie Salm (1981) an folgendem Beispiel verdeutlicht: "Nothing, in my opinion, has held back progress in family therapy so much as the fruitless struggle between partisans of 'intrapsychic' on one side and 'systems' on the other" (S.470). So könnten psychodynamisch orientierte Therapeuten von ihren systemorientierten Kollegen mehr über Beziehungsfaktoren, Systemprozesse, situative Variablen und den Einfluß von Gruppen lernen, während sie diesen die Bedeutung von Erbanlagen, Lebensgeschichte und Persönlichkeitscharakteristika erklären könnten.

Die von uns beschriebene Situation wird von Friedman (1981) bildhaft dargestellt: "The way in which the various schools of family theory and therapy select different concepts, techniques and roles is somewhat like the story of the ten blind men who each touch different parts of an elephant and then report ten different stories about the true nature of an elephant. Each person perceives the elephant through his/her own selective and particular lens. Each 'sees' a different part of the elephant and no one sees or reports on the nature of the whole elephant" (S. 175).

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, daß alle Familientherapeuten die Verabsolutierung persönlicher Therapieansätze wie auch die Bildung von Schulen ablehnen sollten. Sie müssen erkennen, daß es keine "wahren" Theorien gibt, daß aber alle bei der Erfassung und Beschreibung der Familien- und Therapiesituation von Nutzen sind: "Because of the contradictions among the theories, they cannot all be true. Most likely, none is wholly true, but that need not stop us. Actually, the main value of a theory is to help one think about a domain productively. Using several contrasting theories, one can think about a domain in several different ways" (Hunt 1976, S. 309). Auch sollten die Vertreter einer Schule der Familientherapie eingestehen, daß ihre Konzepte, Hypothesen und Techniken nicht auf alle Fälle angewandt werden können und ergänzungsbedürftig sind: "I believe that intellectual and professional honesty demand that each of us, regardless of orientation, acknowledge what we can and cannot successfully do. In making this acknowledgement, we should also entertain the possibility that our areas of weakness might be complemented by another orientation's area of strength" (Goldfried 1983, S. 101). In der Praxis haben viele Therapeuten bereits von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und verschiedene Theorieansätze miteinander kombiniert. Jedoch wollen wir hier nicht dem "Eklektizismus" das Wort reden, da er sich zu häufig als Synkretismus äußert: In der Regel werden nur einige wenige Konzepte, Hypothesen und Techniken aus einer kleinen Zahl von Therapieansätzen übernommen und zu einen in sich nicht geschlossenen, von der Persönlichkeit, den Einstellungen, dem Menschenbild oder der Ausbildung des Therapeuten abhängigen Theorie verknüpft. So schreibt Moultrup (1981) über den Eklektizismus: "The main disadvantage of this approach is that ... there is no systematic series of decisions as to what concepts to include or exclude. The conceptual dangers of this type of approach include a lack of integration, systematization, and possibly a lack of thoroughness" (S. 111). Ein Eklektiker entwickelt also nur einen neuen persönlichen Therapieansatz, auf den selbstverständlich alle bereits genannten Kritikpunkte zutreffen.

So wollen wir in der vorliegenden Arbeit einen sinnvolleren Weg beschreiten und eine umfassende Theorie der Familie, der Familienpathologie und der Familientherapie begründen, die alle für unseren Bereich relevanten Wissensbestände, alle bewährten Konzepte, Hypothesen und Techniken enthalten soll. Wir wenden diese Theorie entwickeln, indem wir 1) möglichst alle von verschiedenen Familientherapeuten entdeckten und beschriebenen Aspekte eines Erkenntnisobjektes bzw. Vorgangs miteinander verknüpfen und so ein vollständigeres Bild desselben (d.h. ein umfassenderes Theorieelement) erhalten werden. und indem wir 2) verschiedene, in einer Vielzahl von Therapieansätzen vorhandene und nun vervollständigte Elemente miteinander verbinden werden. Als Methode wird uns also die Integration dienen, d.h. die Verknüpfung komplementärer Aspekte, die Synthese berechtigter gegensätzlicher Positionen und die Inkorporation einander ergänzender Elemente zwecks Herstellen eines "Ganzen": "Integration refers to a bringing together or incorporating of parts into a whole. Once something is integrated it can be said to be a combination or coordination of separate elements so as to provide a harmonious, interrelated whole" (Kendall 1982, S. 560).

Das Ergebnis unserer Bemühung soll eine integrative Theorie sein, d.h. ein umfassendes und möglichst vollständiges System relevanter Aussagen über Familie, Familienpathologie und Familientherapie. Wir werden von nun an den Begriff "Theorie" der integrativen Theorie vorbehalten und sie von den Therapieansätzen abgrenzen, deren Konzepte, Hypothesen, Erkenntnisse und Techniken in sie inkorporiert werden sollen. Im Gegensatz zu den "persönlichen" Therapieansätzen mit den bereits beschriebenen Charakteristika und Schwächen muß die integrative Theorie andere Aufgaben erfüllen und andersartigen Kriterien gehorchen: Sie soll das Wissen, die Konzepte und Hypothesen über unseren Objektbereich zusammenfassen, zu einem Ganzen vereinen und entsprechend von vier Teiltheorien (Theorie der Familie, der gesunden Familie, der Familienpathologie und der Familientherapie) systematisieren. Auch muß sie Ursachen-Wirkung-Beziehungen und Zweck-Mittel-Ergebnis-Relationen aufzeigen. Zugleich soll die integrative Theorie allgemeinen wissenschaftlichen Kriterien genügen, d.h. deskriptiv und erklärend, logisch und formal, klar und verständlich, anwendbar und überprüfbar sein. Nur so kann sie dazu beitragen, aus der Familientherapie eine Wissenschaft zu machen.

Eine integrative Theorie der Familientherapie läßt sich realisieren, da u.E. folgende Bedingungen gegeben sind:

  1. Der Mensch ist sowohl ein emotionales als auch ein Natur- und Geistwesen und muß in seiner Einzigartigkeit, Individualität, Personalität und Soziabilität gesehen werden. Er wird einerseits durch Erbe und Umwelt (Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft) geprägt, kann aber andererseits sein Schicksal auch z.T. selbst bestimmen und sich verwirklichen. Nur eine komplexe, umfassende Theorie kann diesem ganzheitlichen Menschenbild gerecht werden und der Wirklichkeit des Menschen entsprechen.
  2. Auch in der Familien- und Therapiesituation herrscht eine "vieldimensionale Faktorenkomplexion" (Böhm). Nur wenn man von der Multikausalität beschriebener Phänomene und einem komplizierten Zusammenspiel biologischer, psychologischer, interaktionaler und soziokultureller Variablen ausgeht, kann man den Anspruch einzelner Therapieansätze auf Vollständigkeit, Richtigkeit oder Ausschließlichkeit ablehnen und eine umfassende integrative Theorie fordern.
  3. Viele Therapieansätze enthalten gleiche, sehr ähnliche oder einander entsprechende Inhalte, Ziele und Methoden. Petzold (1980) spricht hier von "strukturellen Homologien", einem "Zentrum der Konvergenz" bzw. einer "Überschneidungszone". Diese Gemeinsamkeiten lassen sich am besten in einer integrativen Theorie herausstellen.
  4. Unterschiedliche Elemente in verschiedenen Therapieansätzen ergänzen einander und greifen sinnvoll ineinander. Dafür spricht, daß immer mehr therapeutische Mischformen praktiziert, immer häufiger Artikel über die Kombination von zwei Ansätzen veröffentlicht und an immer mehr Instituten verschiedene Ansätze gelehrt werden. Da also die unterschiedlichen Elemente miteinander vereinbar (kompatibel) sind, lassen sie sich in eine umfassende Theorie integrieren.
  5. Widersprüchliche oder unterschiedliche Konzepte und Hypothesen, die sich auf dasselbe Erkenntnisobjekt bzw. denselben Vorgang beziehen, lassen sich von einem übergeordneten Standpunkt aus als Aspekte auffassen, die komplementär und damit integrierbar sind. Unterschiedliches und Divergentes wird also als Ausdruck der Komplexität der Wirklichkeit und der vielen verschiedenen Sichtweisen des Objektes betrachtet. Hunt (1976) verweist darauf, daß ein Wechsel des Standpunktes bzw. der Perspektive dem Therapeuten ein mehrdimensionales Bild der Problem- und Therapiesituation gibt und Facetten enthüllt, die bei der Beibehaltung nur einer Sichtweise übersehen worden wären: "But just as a holograph requires coherent light from two laser sources to generate a three-dimensional image, complementary metaphors will be productive only if each is taken seriously and used consistently" (S. 309). Man kann nur dann von "komplementären" Aspekten sprechen, wenn diese sich auf voneinander unabhängige Dimensionen beziehen, wenn sie eine Eigengestalt besitzen und einander ergänzen und befruchten.
    Die Bedingungen 1-5 sind u.E. aufgrund der bereits beschriebenen Charakteristika von Therapieansätzen erfüllt.
  6. Eine Integration von Elementen und Aspekten aus verschiedenen Therapieansätzen ist u.E. gerechtfertigt, da diese gleichermaßen "wertvoll und "nützlich" sind. Dafür spricht u.a., daß sich alle auf einer ähnlichen Entwicklungsstufe ("persönliche Theorien") befinden und vergleichbare Erfolgsquoten erzielen (vgl. Bergin u. Lambert 1978; Gurman u. Kniskern 1978c; Textor 1980, unveröffentlichte Diplomarbeit, 1984a). Zudem beruhen alle Konzepte, Hypothesen und Techniken auf klinischen Erfahrungen (und eventuell auf empirischen Untersuchungen), sind also nicht die Produkte praxis-ferner Theoretiker.

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß auch eine integrierende Systematisierung nicht ohne Differenzierung auskommt. So ist beispielsweise oft eine Synthese unterschiedlicher Therapiestile, Werte und Ziele nicht möglich. Dementsprechend wird unsere Arbeit auch vergleichende Teile enthalten.

Eine integrative Theorie der Familientherapie darf kein Sammelsurium verschiedenster Konzepte, Hypothesen und Techniken sein, die unverknüpft nebeneinander stehen und deren Verhältnis zueinander ungeklärt bleibt. Sie wird ihrer Aufgabe nur gerecht, wenn sie jene wirklich in ein Ganzes integriert: "It does not pit idea against idea or method against method but rather reflects the stance that all important concepts and techniques in family therapy complement or overlap each other and that each fits into an overall scheme" (Grunebaum u. Chasin 1982, S. 403, 404). Wir gehen davon aus, daß die integrative Theorie durch die Inkorporation und Verknüpfung der aus den unterschiedlichsten Therapieansätzen stammenden Konzepte, Hypothesen und Techniken eine neue Qualität gewinnt: Aufgrund des Prinzips der "Übersummativität" entsteht eine neue Gestalt, "eine Synopse, in der die Gesamtheit des Gesehenen und Erkannten mehr und etwas anderes ist als die Summe der Teilaspekte und Teilerkenntnisse" (Petzold 1980, S. 338). Petzold (1980) verweist in diesem Zusammenhang auch auf das "Synergieprinzip": So ist zu erwarten, daß die integrierten Perspektiven, Erkenntnisse, diagnostischen Verfahren, Vorgehensweisen und Techniken zusammenwirken und sich dabei gegenseitig fördern, verstärken oder (additiv) ergänzen.

Die Integration darf nicht nach einem Modell erfolgen, das die zu inkorporierenden Erkenntnisse, Konzepte, Hypothesen und Techniken verfälscht, wie es beispielsweise bei Verwendung der Systemtheorie als Grundlage unserer Arbeit geschehen würde. Sie darf auch nicht nur bestimmte ausgewählte Elemente und Aspekte umfassen, weil dann bloß ein neuer ("eklektischer") Therapieansatz entstehen würde. Vielmehr muß sie so erfolgen, daß die Begründer und Vertreter verschiedener Ansätze die eigenen Konzepte, Hypothesen und Methoden in unserer Darstellung wiedererkennen. sie nun aber als Bestandteile einer bei weitem umfassenderen Theorie vorfinden. Nur dann können sie eine integrative Theorie der Familientherapie akzeptieren. So werden wir psychodynamische, intrapsychische, interpersonale, familiale und soziale Phänomene, Prozesse und Einflüsse berücksichtigen. Bei der Integration werden wir von kleineren zu größeren Einheiten fortschreiten, d.h. vom Individuum über Dyade, Familie, Netzwerk und Institution bis hin zur Gesellschaft.

Wir können jedoch nur einen Schritt in Richtung auf eine umfassende integrative Theorie tun, da sie von einer Person alleine nicht entwickelt werden kann. So werden wir uns auf die Integration amerikanischer Ansätze der Familientherapie beschränken, d.h., wir werden beispielsweise nur diejenigen somatischen, intrapsychischen und sozialen Phänomene und Vorgänge darstellen, die von Familientherapeuten berücksichtigt wurden. Jedoch bleibt unsere Theorie offen für die spätere (von uns oder anderen zu leistende) Ergänzung durch Aspekte und Elemente aus psychologischen, soziologischen, anthropologischen oder pädagogischen Theorieansätzen, aber auch für die Inkorporation anderer Therapieformen - ja unser Ziel muß sein, eines Tages eine "integrative Theorie der Psychotherapie" zu schaffen, die auf den Erkenntnissen von Psychologie, Soziologie und anderen Wissenschaften beruht, die von Therapeuten publizierten Erfahrungen inkorporiert und durch die Ergebnisse der Therapieforschung belegt wird.

Die im Hauptteil unserer Arbeit entwickelte integrative Theorie der Familientherapie soll neben der Integration noch folgenden Zwecken genügen:

  1. Sie soll den Praktiker mit der Einseitigkeit seines persönlichen Therapieansatzes (bzw. mit der Begrenztheit der von ihm vertretenen Schule) konfrontieren und ihm die Möglichkeit geben, auf systematische Weise andere, ergänzende Konzepte und Methoden kennenzulernen.
  2. Vor allem soll sie einen sinnvollen therapeutischen Eklektizismus ermöglichen. Die integrative Theorie ist ja viel zu komplex und umfassend, als daß sie ein Therapeut in der Behandlungssituation anwenden könnte. Dementsprechend muß er aus der Vielzahl ihrer Konzepte, Hypothesen und Techniken eine erfaßbare und handhabbare Anzahl auswählen und einen "eklektischen Therapieansatz" entwickeln. Während er sich bei der Übernahme bzw. Begründung eines persönlichen Ansatzes dieses Auswahlprozesses nicht bewußt ist und deshalb zu einer Verabsolutierung desselben tendiert (mit all den beschriebenen negativen Folgen), weiß er nun, daß er sich für bestimmte Möglichkeiten und Alternativen entscheidet und bei Mißerfolgen seinen eklektischen Ansatz durch die Eingliederung anderer Bestandteile der integrativen Theorie modifizieren und verbessern kann.
  3. Somit erlaubt unsere Theorie dem Praktiker, einen Ansatz zu entwickeln, der seiner Persönlichkeit, seinen Fähigkeiten, Einstellungen und Werten entspricht. Sie ermöglicht es ihm, seinen Ansatz dem jeweiligen Fall, dem einzelnen Klienten, einem gewissen Problem oder einer bestimmten Situation anzupassen. Und wenn er an die Grenzen seines Ansatzes stößt, bietet sie ihm alternative Sichtweisen, Konzepte, Vorgehensweisen und Techniken an. So befähigt sie ihn, nahezu alle sich ihm stellenden Probleme zu erfassen und Lösungsmöglichkeiten zu erkennen. Bei einer derartig flexiblen Vorgehensweise sollte er größere Therapieerfolge als bei der Verwendung eines persönlichen Ansatzes haben.
  4. Vor allem wäre es sinnvoll, bei der Ausbildung neuer Familientherapeuten von der integrativen Theorie auszugehen, so daß sie eine umfassendere Einführung in ihren neuen Arbeitsbereich erhalten würden.
  5. Viele Erkenntnisse, Hypothesen und Konzepte der integrativen Theorie dürften auch für Wissenschaftler wie Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Juristen und Politologen von Nutzen sein. Zudem wollen wir Forscher motivieren, sich intensiver als bisher mit Familie und Familientherapie zu beschäftigen.

So ist eine integrative Theorie der Familientherapie für Theoretiker, Praktiker, Wissenschaftler und Forscher sinnvoll.

Anmerkung

Die von mir entwickelte integrative Theorie der Familientherapie befindet sich in: Martin R. Textor: Integrative Familientherapie. Eine systematische Darstellung der Konzepte, Hypothesen und Techniken amerikanischer Therapeuten. Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo: Springer 1985.