Homepage von Ingeborg Becker-Textor
und Dr. Martin R. Textor




Aus: Pädagogischer Rundbrief 1991, 40 (6/7), S. 1-12

Kindheit, Familie und Heim

Martin R. Textor

 

Kind-Sein ist schwer. Da ist der weinende und schreiende Säugling, der sich überhaupt nicht beruhigen läßt. Da ist der tobende Dreijährige, für den eine Welt zusammengebrochen ist, weil er seinen Willen nicht durchsetzen konnte. Da ist die sehr klein gewachsene Achtjährige, die niedergeknickt und verheult ist, weil sie ein Erwachsener gefragt hat, wie der Tag im Kindergarten verlaufen sei. Da ist der Zehnjährige, der sich wegen einer schlecht benoteten Arbeit kaum nach Hause traut. Da ist die Vierzehnjährige, die sich nachts in den Schlaf weint, weil ein von ihr angehimmelter Junge sie immer noch ignoriert. Da ist der Achtzehnjährige, der von seinem Ausbilder fortwährend verspottet wird.

Normales Kinderschicksal. Leid wechselt mit Freude, Unglücklichsein mit Glücklichsein. Dazwischen liegen Zeiten, in denen das Leben einfach so dahinfließt. Oft ist es nicht leicht, ein Kind zu sein.

Waren Kinder früher zufriedener und ausgeglichener? Wir wissen es nicht. Wohl ist uns bekannt, daß im frühen Mittelalter die meisten Kinder zusammen mit ihren Eltern und dem Vieh in einem Raum hausten, daß ihr Leben durch Pest, Cholera, Hungersnöte und Kriege bedroht war, daß sie mit sechs Jahren bereits erste Handlangerdienste wie das Gänsehüten übernehmen mußten. Wir kennen Pestalozzis Beschreibungen verwahrloster und halb verhungerter Kinder. Auch haben wir von den Millionen Kindern gelesen, die vor 150 Jahren in Bergwerken und Fabriken arbeiteten. Wir wissen von Montessoris Klagen über von ihrer Familie und der Gesellschaft verformten Kinder. Jedoch ist uns nicht bekannt, wie sich Kinder damals fühlten, wie es um ihre psychische Gesundheit stand. So wollen wir uns an dieser Stelle nicht ausführlich mit den guten - oder schlechten - alten Zeiten beschäftigen. Statt dessen wollen wir uns im ersten Teil dieses Artikels fragen, welche Lebensbedingungen derzeit unter Umständen die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen belasten. Im zweiten Teil werden wir untersuchen, welche Faktoren in der familialen Umwelt zu Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Problemen führen - wie wir sie bei vielen Heimkindern beobachten können. Den Abschluß sollen einige Konsequenzen für die Heimerziehung bilden.

Kindheit heute

Trotz des immer früher werdenden Beginns und der immer länger werdenden Dauer des Verbleibs von Kindern in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen ist die Familie weiterhin die wichtigste Sozialisationsinstanz. Fünf Charakteristika der gegenwärtigen Situation von Familien sollen im folgenden kurz skizziert werden.

1. Labilität der Familienverhältnisse: Viele Kinder erleben ihre Jugend nicht mehr in der Familie, in die sie hineingeboren wurden: Die Trennung und Scheidung der Eltern, das Aufwachsen in Teil- und Stieffamilien prägen die Lebensverhältnisse von Millionen Kindern. Oft wird sogar der generelle Verfall von Ehe und Familie erwartet. Aber täuschen wir uns nicht: In den letzten Jahrhunderten haben ebenfalls Millionen von Kindern die Auflösung ihrer Familien erlebt - wohl nicht bedingt durch Scheidung, sondern durch den sicherlich auch nicht leicht zu verarbeitenden Tod eines Elternteils. Sie haben die sozialen und wirtschaftlichen Probleme von Teilfamilien erfahren und mußten sich oft an einen Stiefelternteil gewöhnen.

Einige Unterschiede gibt es dennoch: Trennung und Scheidung sind im Gegensatz zu dem (früher bei Eltern zumeist rasch eintretenden Tod) Prozesse, die sich über einen langen Zeitraum erstrecken; das Durchlaufen des sogenannten Scheidungszyklus kann fünf Jahre und länger dauern. Zudem sind diese Zeit und die vorausgegangenen Jahre meistens durch intensive Ehekonflikte und psychische Probleme der Eltern gekennzeichnet, die sich auf die kindliche Entwicklung negativ auswirken können. Ich betone: "können", denn eine Übersicht über knapp 30 amerikanische Untersuchungen hat gezeigt, daß sich Scheidungskinder im Vergleich zu anderen Kindern gar nicht sehr viel schlechter entwickeln (Kurdek 1989). Aber die Tatsache bleibt, daß Kinder aus Scheidungs- und Teilfamilien unverhältnismäßig häufig unter Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Problemen leiden. Obwohl von Wissenschaftlern immer öfter betont wird, daß Teil- und Stieffamilien genauso gute Sozialisationsbedingungen bieten können wie Erstfamilien und somit nicht defizitär seien, gibt es in diesen Familienformen relativ häufig Schwierigkeiten, die zu einer Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung führen können.

2. Erwerbstätigkeit von Müttern: Eine zunehmende Zahl von Müttern ist in den letzten Jahren erwerbstätig geworden bzw. während der Kinderphase geblieben. Auch dieses ist nichts Neues: In den vergangenen Jahrhunderten haben ebenfalls die meisten Frauen - und prozentual gesehen sogar mehr als heute - auf dem Hof, in Werkstätten, Geschäften und (später auch) Fabriken (mit-) arbeiten müssen. Aber im Gegensatz zu früher sind Mütter heute außerhäuslich erwerbstätig, also für ihre Kinder weniger verfügbar. Auch ist die Arbeit in der Regel psychisch belastender geworden (obwohl in vielen "Leichttarifgruppen" die physische Belastung weiterhin sehr hoch ist). So sind viele erwerbstätige Mütter gestreßt und gereizt, haben wenig Geduld mit ihren Kindern, können sich auf Gespräche mit ihnen nicht wirklich einlassen, vernachlässigen sie unter Umständen.

Die erwerbstätige Frau, die als unabhängig gilt, die sich im Beruf verwirklicht und Freude an ihrem aktiven und abwechslungsreichen Leben hat, ist in den letzten Jahren zum Maßstab für die Hausfrau geworden - wobei das Hausfrauendasein ein wohl nun vorübergehendes Phänomen der letzten 50 bis 100 Jahre ist. Dieser Vergleich, der vermutlich eher an einem Mythos als an der Realität ausgerichtet ist, läßt das Hausfrauenschicksal als leer, öde, unbefriedigend, isolierend und langweilig erscheinen. So sind viele nichterwerbstätige Mütter unzufrieden und negativ gestimmt, erleben ihre Kinder als "Fessel" und lassen ihre Frustration an ihnen aus. Andere versuchen, über Erziehungserfolge zu Selbstverwirklichung und Selbstbestätigung zu kommen. Sie überfordern ihre Kinder oder behüten und verwöhnen sie im Übermaß. In den meisten dieser Fälle wirken Väter wenig ausgleichend - von "neuer Väterlichkeit" ist wenig zu sehen, und wenn, dann nahezu nur in der Kleinkindphase: 20 Min. pro Tag für die Kinderbetreuung ist der empirisch ermittelte Durchschnitt, übrigens unabhängig von der Kinderzahl (Krüsselberg, Auge und Hilzenbecher 1986).

3. Schwierige Erziehung: In den letzten Jahren sind die Erwartungen an die Familienerziehung immer mehr gestiegen - sowohl seitens der Gesellschaft, z.B. verkörpert durch Kindergarten und Schule, als auch seitens der Eltern selbst. Die meisten Eltern haben recht differenzierte Alltagstheorien über Erziehung entwickelt, wie sich auch empirisch nachweisen läßt (Dietrich 1985). Sie denken häufig über Erziehung nach und haben sich oft ein großes Wissen über diesen Bereich angeeignet. Jedoch sind Eltern auch zunehmend verunsichert. Aufgrund der niedrigen Geburtenrate haben sie vielfach in ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis keine Eltern mit etwas älteren Kindern, an deren Erziehung sie sich orientieren können. Manchmal hatten sie auch in ihrer Jugend keinen Kontakt zu Kleinkindern, so daß sie nicht frühzeitig gelernt haben, wie man mit ihnen umgeht. Zudem werden sie von den Medien mit einer Vielzahl einander widersprechender, verkürzter oder wenig belegter Erziehungskonzepte überhäuft. Die hieraus resultierende Unsicherheit führt oft zu Erziehungsfehlern. Dazu gehören neben problematischen Erziehungsstilen (antiautoritäre, autoritäre, inkonsistente Erziehung) die falsch verstandene Anwendung psychologischer (z.B. verhaltenstherapeutischer) Techniken oder der häufige Einsatz von Liebesentzug.

4. Kinder sind Wunschkinder: Aufgrund der Verbreitung von Empfängnisverhütungsmitteln und der relativ liberalen Handhabung des Schwangerschaftsabbruchs werden heute die meisten Kinder absichtlich gezeugt - amerikanische Probleme wie die Vielzahl von minderjährigen Müttern oder von Frühehen sind in Deutschland nahezu nonexistent. Die relativ hohe Zahl nichtehelicher Geburten täuscht übrigens: Zunehmend werden heute erste Kinder vor der Eheschließung ihrer Eltern geboren; die gewollte Zeugung oder Geburt eines Kindes ist aufgrund der weitgehenden Tolerierung nichtehelicher Lebensgemeinschaft oft erst der eigentliche Anlaß zur Heirat. Wunschkinder sollen aber auch dem Leben ihrer Eltern Sinn und Fortbestand geben, emotionale und psychische Bedürfnisse derselben befriedigen. Hier besteht die Gefahr, daß sie vereinnahmt werden: Der Sohn, mit dem Vati basteln will; die Tochter, die Muttis Vertraute ist; die Kinder, die einen ganz tollen Beruf ergreifen sollen und auf die ihre Eltern stolz sein wollen. Wird Erziehung als Weg zur Selbstentfaltung gesehen, fragen sich Eltern auch immer wieder: Was habe ich davon? Haben sie dann den Eindruck, auf andere Weise sich selbst verwirklichen zu können, mögen sie ihre Kinder als Hindernis und Belastung erleben. Die Erziehung kann dann umschlagen, oder es kommt zum fortwährenden Wechsel zwischen Phasen hoher Aufmerksamkeit bzw. großer Verwöhnung und des Ignorierens bzw. der Vernachlässigung.

5. Einzelkindheit: Viele Kinder sind Einzelkinder. Auch in der Vergangenheit fanden viele Kinder in ihren Familien keine Spielkameraden, da der Altersunterschied zwischen Geschwistern aufgrund der hohen Säuglingssterblichkeit oft zu groß war. Heute finden sie wegen der niedrigen Geburtenrate aber häufig auch in der Nachbarschaft keine Gleichaltrigen. So sind sie auf ihre Eltern als Spielkameraden angewiesen, beanspruchen ihre Zeit sehr stark, sind von ihnen zumindest in jüngeren Jahren hinsichtlich ihrer Lebensgestaltung abhängig. Zugleich sind sie das einzige Kind, in das die Eltern alle ihre Wünsche und Erwartungen hineinlegen. Problematische Entwicklungen können sich somit aus Überforderung, Überbehütung, Frühreife oder mangelnden sozialen Fertigkeiten ergeben.

Kindheit ist natürlich nicht nur Familienkindheit; sie spielt sich zunehmend in pädagogisch besetzten Räumen ab. Da sich Kinder aufgrund der großen Verkehrsgefährdung, der vielleicht übertriebenen Angst vor sexuellem Mißbrauch (der sich zumeist in der eigenen Familie abspielt) und der zunehmenden Verstädterung immer weniger (unbeaufsichtigt) im Freien aufhalten können bzw. dürfen, findet ein großer Teil ihres Lebens in Tageseinrichtungen, in organisierten Gruppen, auf speziell für Kinder angebotenen Veranstaltungen, in Musikschulen, Clubs, Vereinen usw. statt. Ein zwangloses, selbstbestimmtes, spontanes und kreatives Handeln ist nur selten möglich - die Aktivitäten sind von Erwachsenen geplant und vorgegeben; es steckt eine mehr oder minder verdeckte Erziehungs- oder Unterweisungsabsicht dahinter; die Verhaltenskontrolle durch Erwachsene ist nahezu fortwährend gegeben. Kinder und Jugendliche wechseln zwischen vielen dieser Räume. Probleme können aus unterschiedlichen Regeln, Erwartungen und Anforderungen, aus verschiedenen Erziehungsstilen der vielen Bezugspersonen, aus Überforderung, (Schul-) Streß und mangelnder Selbständigkeit resultieren.

Für Kinder und Jugendliche verschwinden in unserer Gesellschaft zunehmend Möglichkeiten für die Umweltaneignung und Naturerfahrung durch Eigentätigkeit. Das kognitive, schulische Lernen steht im Mittelpunkt. Hier erlebt aber nur ein Teil der jungen Menschen Erfolgserlebnisse, gewinnt an Achtung und Selbstbewußtsein. Das Erkennen und Schulen eigener Fertigkeiten, die aus der eigenen Körperbeherrschung resultierende Selbstsicherheit, die sich aus Mutproben und Raufereien in der freien Natur ergebende Selbst- und Fremdbestätigung, die Freude am handwerklichen, schöpferischen Produzieren sind im Gegensatz zu früher nur noch selten gangbare Wege. So sind viele Kinder und Jugendliche unsicher, verängstigt, gehemmt, unkreativ und mißerfolgsgewöhnt, beherrschen ihren Körper kaum und haben ein negatives Selbstkonzept.

Verstärkt wird die skizzierte Entwicklung fort von der Eigentätigkeit durch die wohl immer noch zunehmende Konsumorientierung. Kinder sind von einer Unmenge an Spielsachen umgeben, die nicht selbst hergestellt wurden und die nur wenige, vorgeschriebene Möglichkeiten zum Umgang mit ihnen offen lassen: Sie können nur konsumiert werden. Fernseher und Musikkassetten dienen zur "Ruhigstellung" der Kinder. Mit Süßigkeiten und Geschenken erleichtern Eltern ihr schlechtes Gewissen, wenn sie mal wieder zu wenig Zeit für sie hatten. Jugendliche konsumieren kommerzialisierte Freizeitangebote, Jugendzeitschriften, Fernsehprogramme und Videos - sie verbringen im Durchschnitt mehrere Stunden am Tag vor dem Bildschirm. Dort erlernen sie aber keine praktischen und sozialen Fertigkeiten, wird ihre kognitive Entwicklung nur unzureichend gefördert. Zudem werden sie in Filmen vorwiegend mit schlechten Vorbildern konfrontiert. Rollen, bei denen Personen mit ausgereiften Persönlichkeitsstrukturen und positiv zu bewertenden Umgangsformen gespielt werden, sind selten. Das Anschauen von Horrorvideos - eine weit verbreitete Form der Mutprobe - kann nur zur Abstumpfung der Gefühle führen.

Pathogene Entwicklungsbedingungen in Familien

Wie wir im vorausgegangenen Teil dieses Artikels gesehen haben, bestehen für Kinder und Jugendliche schon unter den heute "normalen" Lebensbedingungen viele Entwicklungsgefährdungen. Eine besonders problematische Situation ist jedoch gegeben, wenn in ihren Familien pathogene, d.h. psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten erzeugende Prozesse vorzufinden sind. Diese können von einzelnen Familienmitgliedern ausgehen, aus Charakteristika der jeweiligen Familie resultieren oder durch Faktoren in ihrem Umfeld hervorgerufen werden.

Auf der Ebene des Individuums ergeben sich Risiken für die kindliche Entwicklung vor allem dann, wenn ihre Eltern unter psychischen Störungen oder Suchtkrankheiten leiden. Psychisch kranke Erwachsene sind egozentrisch, konzentrieren sich auf ihre inneren Konflikte, empfinden starke Ängste und Schuldgefühle, leben oft in der Vergangenheit oder Zukunft. Sie sind somit wenig ansprechbar für ihre Kinder, da sie so sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Sie nehmen sich weniger die Zeit, ihnen zuzuhören, sondern tendieren eher dazu, ihre Kinder mit den eigenen Problemen und Depressionen zu belasten. Ihre Stimmung - gekennzeichnet durch Emotionen wie Niedergeschlagenheit, Apathie, Gereiztheit, Aggressivität oder Einsamkeit - wirkt sich auch auf die Gefühlslage der Kinder aus. Da sie häufig ein negatives Selbstbild haben und sich selbst abqualifizieren, trauen sie ebenfalls ihren Kindern wenig zu. Manche psychisch gestörten Eltern verdrängen Gedanken und Gefühle, schließen bestimmte Wahrnehmungen und Empfindungen aus ihrem Bewußtsein aus, folgen irrationalen Einstellungen und schätzen sich und ihre Umwelt falsch ein. Sie wirken desorientiert und entfremdet. Vielen mangelt es an Problem- und Konfliktlösungstechniken; ihr Verhaltensrepertoire ist eingeschränkt. Aufgrund ihrer Wahrnehmungs- und Denkstörungen, aber auch wegen dysfunktionaler Reaktionen, sind sie ein schlechtes Verhaltensmodell für ihre Kinder.

Viele Kinder entwickeln von sich aus auffällige Verhaltensweisen, da ein gefälliges, normales Verhalten in ihren Familien ignoriert oder als selbstverständlich betrachtet wird. Auf diese Weise versuchen sie, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erreichen. Dabei werden deren Reaktionen wie Nörgeln, Ärger, Verhätscheln oder Beschwichtigen als Zeichen von Anteilnahme gedeutet; sie wirken also als positive Verstärker und erhalten somit das gestörte Verhalten: Dieses wurde erlernt, weil die gewünschten Resultate nicht auf sozial akzeptable Weise erreicht werden konnten.

Auf der familialen Ebene können Kommunikations- und Beziehungsstörungen, ungelöste Konflikte, Rollenzuschreibung, problematische Erziehungsstile und Systemprozesse Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme von Kindern mitbedingen. Diese Faktoren sollen im folgenden kurz skizziert werden:

1. Kommunikationsstörungen: Manche Familienmitglieder sind unfähig, Gedanken, Emotionen und Gefühle auszudrücken. Zugleich fühlen sie sich vom Erleben der anderen ausgeschlossen. Sie stolpern leicht in "Kommunikationsfallen", indem sie z.B. innere Prozesse mit ein oder zwei Worten andeuten und glauben, daß die Gesprächspartner nun wissen, was in ihnen vorgeht. Häufig versuchen sie, durch "Gedankenlesen" in andere einzudringen. Problematisch ist aber auch, wenn die verbale Kommunikation qualitativ unzureichend ist - wenn Botschaften undeutlich, vage, sehr allgemein und unvollständig sind. Dasselbe gilt für Fälle, in denen Familienmitglieder füreinander sprechen, durch Dritte kommunizieren, unterschiedliche Kommunikationskanäle verwenden oder inkongruente Botschaften senden, bei denen verbale Aussage, Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Stimmlage und/oder Kontext nicht übereinstimmen. Eine Inkongruenz besteht aber auch bei paradoxen Befehlen, bei denen zwei Handlungsanweisungen einander widersprechen - wenn z.B. ein Verhalten gefordert wird, das nur spontan auftreten kann ("Ich will, daß Du mich liebst"). In all diesen Fällen wissen Kinder (und Eltern) nicht, woran sie sind. Es kommt zu Mißverständnissen und falschen Reaktionen, die u.U. bestraft werden. Die Kinder fühlen sich unverstanden und einsam.

2. Ungelöste Konflikte: Eine besonders belastende Situation entsteht für Kinder, wenn die Familienatmosphäre durch häufige bzw. ungelöste Konflikte oder durch aus deren Verdrängung resultierenden Spannungen gekennzeichnet ist. Oft sind auch Außenstehende (z.B. Schwiegereltern) in die Auseinandersetzungen verwickelt. Die meisten Konflikte nehmen trotz unterschiedlicher Anlässe immer wieder denselben Verlauf und führen aufgrund fehlender Konfliktlösungstechniken zum gleichen unbefriedigenden Ergebnis. So bleiben sie beispielsweise ungelöst, weil sich die Familienmitglieder nicht über das Problem einigen können, Ursache und Wirkung anders definieren, Schwierigkeiten verneinen, verschleiern oder projizieren, notwendige Informationen nicht besitzen oder sich selbst bzw. starre Familienstrukturen nicht ändern wollen. Die chronische Unzufriedenheit und Feindseligkeit können dazu führen, daß Eltern ihre Rollen und Aufgaben (z.B. im erzieherischen Bereich) unzureichend erfüllen, Familienmitglieder nur noch wenig Zeit miteinander verbringen, einzelne Personen isoliert werden oder Jugendliche ausgestoßen werden bzw. sich zu früh von daheim ablösen. Häufig werden auch interpersonale Konflikte internalisiert oder in der Form von Alkoholmißbrauch, Delinquenz, Kindesmißhandlung usw. ausagiert.

3. Beziehungsstörungen: Neben Familien mit konflikthaften Beziehungen und solchen, in denen die Mitglieder isoliert nebeneinander leben und ihre eigenen Wege gehen, finden wir noch Familien, in denen Mitglieder Machtkämpfe ausfechten, um bestimmte Beziehungsdefinitionen durchzusetzen. In anderen Fällen werden zu hohe Erwartungen an die Beziehung zu einer oder mehreren Personen (einschließlich der Kinder) gestellt, so daß diese überfordert sind und sich z.B. verweigern. Manchmal werden sie dann bestraft. Beziehungsstörungen können auch aufgrund von Projektionen entstehen, wenn beispielsweise Eltern bestimmte Persönlichkeitsaspekte, Triebimpulse oder intrapsychische Konflikte unbewußt in ihre Kinder verlagern, sie nun auf verzerrte Weise wahrnehmen und ein entsprechendes Verhalten erwarten oder gar stimulieren. So kann z.B. ein sexuell unbefriedigter oder gehemmter Vater seine sexuellen Wünsche in den Sohn projizieren, der diese dann ausagiert, von seinen Erlebnissen berichtet und dem Vater stellvertretende Befriedigung verschafft. Ähnlich wirken Delegationen ("Mein Sohn soll viel erfolgreicher als ich werden"; "Meine dreijährige Tochter soll Schauspielerin werden"). Beziehungen können auch um ein Symptom (z.B. Alkoholmißbrauch des Vaters) herum geschaffen werden. Schließlich können sie symbiotischer Natur sein: Hier "verschmelzen" beispielsweise Mutter und Tochter, grenzen ihr Selbst nicht gegeneinander ab, vertrauen einander die intimsten Gedanken und Gefühle an, sprechen füreinander und werden einander sehr ähnlich. Es ist offensichtlich, daß dieses auf Kosten der Persönlichkeitsentwicklung und Individuation der Tochter geht.

4. Problematische Rollenausübung und Rollenzuschreibung: Negativ auf die kindliche Entwicklung kann sich auswirken, wenn Familienmitglieder bestimmte Rollen nicht übernehmen (wenn z.B. ein Vater so in seiner Berufsrolle aufgeht, daß er nie Zeit für seine Familie hat), diese nur zum Teil ausfüllen (wenn z.B. eine Mutter ihren Kindern die beste Ernährung und Kleidung, aber kaum Liebe und Zuneigung bietet), diese zu starr oder zu flexibel handhaben. Besonders problematisch sind Rollenzuschreibungen: So mag ein Kind bei Konflikten als Bündnispartner, Schiedsrichter oder Vermittler eingesetzt werden. Es kann zum Sündenbock für alle Familienprobleme werden. In manchen konfliktreichen Familien übernehmen Kinder die Rolle des Symptomträgers, so daß sich die Eltern um sie kümmern müssen und von ihren Eheproblemen abgelenkt werden. Auf diese Weise verhindern sie ein Auseinanderbrechen ihrer Familie. Kommen Eltern ihren Pflichten in Haushalt und Kindererziehung nicht nach, wird manchmal auch ein Kind parentifiziert, übernimmt also die Zubereitung der Mahlzeiten und die Versorgung jüngerer Geschwister. Bei unbefriedigenden Ehebeziehungen kann ein Kind zum Ersatzpartner gemacht werden, was bis zu sexuellem Mißbrauch führen kann. Es ist eindeutig, daß sich diese Rollenzuschreibungen nicht mit einer allseitigen, "gesunden" Entwicklung von Kindern vereinbaren lassen.

5. Problematische Erziehungsstile: Über autoritäre, permissive, normenlose und inkonsistente Erziehung, über Vernachlässigung und Überbehütung ist bereits so viel geschrieben worden, daß ich mich auf drei Sätze beschränken kann. Alle diese Erziehungsstile können die kindliche Entwicklung schädigen - insbesondere, wenn sie mit anderen pathogenen Einflüssen gekoppelt sind, das Kind sehr verletzlich ist und ausgleichende Kräfte in der sozialen Umwelt fehlen. Von allen Erziehungsstilen wird die Überbehütung hinsichtlich ihrer Wirkung am ehesten unterschätzt, da mangelnde Selbständigkeit, Abhängigkeit und symbiotische Beziehungen weniger auffallen. Anzumerken ist noch, daß Risiken für die kindliche Entwicklung auch aus der Geschlechtserziehung resultieren können, wenn z.B. Kinder nicht aufgeklärt werden oder ein nicht mehr zeitgemäßes geschlechtsspezifisches Verhalten vermittelt wird. Ferner passen manche Eltern ihr Erziehungsverhalten nicht dem Alter ihrer Kinder an.

6. Systemstrukturen und -prozesse: Problemfamilien bilden häufig geschlossene Systeme, d.h., sie grenzen sich nach außen hin stark ab und sind nicht in ihre soziale Umwelt integriert. In anderen Fällen sind ihre Grenzen zu schwach ausgeprägt, so daß sich Außenstehende fortwährend in das Familienleben einmischen, die Eltern entmachten oder sie gegeneinander ausspielen. Ähnliches gilt für die Binnenstruktur: Entweder sind die Grenzen zwischen den einzelnen Subsystemen und Mitgliedern so diffus, daß es z.B. zu symbiotischen Beziehungen kommt, oder sie sind so stark ausgeprägt, daß Mitglieder isoliert sind bzw. die Familie in mehr oder minder konstante Koalitionen zerfällt. Besonders problematisch sind hier Bündnisse gegen ein Kind oder zwischen einem Elternteil und einem Kind. Schließlich ist das Äquilibrium (Gleichgewicht) in diesen Familien zu starr oder zu instabil: Entweder können Beziehungsdefinitionen, Interaktionsmuster, Regeln usw. kaum geändert werden oder alles ist immer in Bewegung, so daß z.B. Kindern Orientierungsmaßstäbe fehlen.

Auf der Ebene größerer sozialer Systeme können pathogene Einflüsse von den Herkunftsfamilien der Eltern oder von deren Netzwerk ausgehen. Für Kinder und Jugendliche ist jedoch vor allem die Qualität ihrer Beziehungen zu Gleichaltrigen von Bedeutung. Gelingt es ihnen z.B. aufgrund fehlender sozialer Fertigkeiten nicht, sich in Peergroups zu integrieren, so hat dieses negative Auswirkungen auf ihr psychisches Leben und ihr Selbstbild. Manche versuchen auch, auf unangemessene Weise die Aufmerksamkeit und Akzeptanz Gleichaltriger zu suchen. So handeln sie anderen gegenüber aggressiv, agieren in der Schulklasse aus, wechseln häufig den Sexualpartner, übernehmen die Rolle des Klassenclowns usw. In anderen Fällen gehen sie völlig in der Peergroup auf, unterwerfen sich der Gruppenideologie und differenzieren so kein Selbst aus. Problematisch ist vor allem, wenn die jeweilige Gruppe antisoziale Handlungen wie Kriminalität oder Drogenkonsum fördert.

Risiken für die kindliche Entwicklung liegen ferner im Schulsystem. So leiden viele Kinder und Jugendliche unter Schulstreß und Überforderung. Ihre Lehrer sind nur noch selten erzieherisch tätig, reagieren manchmal auf unangemessene Weise auf ihre Schüler und wissen oft nicht, wie sie mit verhaltensauffälligen Kindern umgehen sollen. Gestörte Lehrer-Schüler-Beziehungen, Schwierigkeiten mit Klassenkameraden, Leistungsdruck usw. belasten manche Kinder so stark, daß sie Symptome entwickeln. Probleme können aber auch aus Loyalitätskonflikten - wenn z.B. Eltern und Lehrer Unterschiedliches lehren oder wenn Kinder positive Gefühle für Lehrer als Verrat an den Eltern erleben - oder Spannungen zwischen Eltern und Lehrern resultieren.

Es ist jedoch nicht gesagt, daß die vorgenannten pathogenen Faktoren immer psychische Probleme und Verhaltensauffälligkeiten hervorrufen - viel hängt von ihrer Zahl (kumulative Wirkung) und Stärke ab. Auch haben Stressoren je nach Geschlecht, Alter, Temperament, Robustheit usw. des Kindes oder Jugendlichen unterschiedliche Auswirkungen. Beispielsweise sind Kinder weniger "verwundbar", wenn sie ein positives Selbstbild haben, gute Schulleistungen erbringen, überdurchschnittliche sprachliche Fertigkeiten besitzen, durch ihr Verhalten positive Reaktionen der interpersonalen Umwelt hervorrufen können, flexibel sind und eher ein androgynes als ein geschlechtsspezifisches Verhalten zeigen. Auch können spätere positive Erfahrungen frühkindliche Belastungen ausgleichen. Besonders kompensatorisch wirkt sich eine gute Beziehung zu einer primären Bezugsperson aus, wobei es sich hier nicht nur um die Mutter, sondern auch um Großeltern oder andere Personen handeln kann.

Konsequenzen für die Heimerziehung

Es ist eine Binsenweisheit, daß Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen in der Regel multikausal sind. Wie ich an anderen Stellen (Textor 1985, 1988a, b) ausgeführt habe, konzentrieren sich die meisten Erklärungs- und Behandlungsansätze jedoch immer nur auf einen Teil möglicher Ursachen. So ist wichtig, daß wir für uns eklektische oder integrative Theorien entwickeln, die möglichst viele Problemursachen und bewährte Interventionsformen umfassen. Nur dann gelingt es uns, ein (der Komplexität) der Realität entsprechendes Bild von dem jeweiligen Kind und seinem sozialen Umfeld sowie von den in diesem ganz speziellen Fall vorherrschenden Problemursachen zu gewinnen. Und nur dann kann ein auf den Einzelfall zugeschnittener Erziehungsplan entwickelt werden.

In diesem Artikel wurde ein grober Überblick über die Vielzahl möglicher pathogener Faktoren auf der individuellen, familialen und sozialen Ebene sowie im "normalen" Lebenskontext von Kindern und Jugendlichen gegeben. Es ist offensichtlich, daß in der Heimerziehung nur ein Bruchteil dieser Faktoren positiv verändert bzw. ihre Wirkung kompensiert werden kann: Am ehesten sind Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme für Interventionen erzieherischer, heilpädagogischer oder psychotherapeutischer Natur zugänglich, die in der Person des Kindes oder Jugendlichen liegen. Auf die große Zahl der anderen Problemursachen kann seitens des Heimes hingegen kaum eingewirkt werden. Am ehesten ist wohl noch die Familie im Rahmen der Elternarbeit erreichbar; pathogene Familienstrukturen und -prozesse, wie sie in diesem Artikel skizziert wurden, können jedoch durch die hier zur Verfügung stehenden Maßnahmen kaum modifiziert werden. Allerdings kann versucht werden, negative Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung zu lindern. Hieraus ergeben sich m.E. zwei Konsequenzen:

1. Vernetzung: Der Vielzahl pathogener Faktoren, wie wir sie in den meisten Einzelfällen vorfinden, kann nur durch Einwirkungen von verschiedenen Seiten aus entgegnet werden. Psychisch gestörte, alkoholkranke oder drogenabhängige Eltern können z.B. psychotherapeutisch oder psychiatrisch behandelt werden; pathogene Familienstrukturen und -prozesse lassen sich im Rahmen einer Ehe- oder Familientherapie bzw. der Sozialpädagogischen Familienhilfe verändern; antisoziale Peergroups können beispielsweise durch Streetwork erreicht werden. Institutionen wie die Schule müssen ein besseres erzieherisches Klima schaffen. Es besteht also die Notwendigkeit, Verbundsysteme zu schaffen, die unterschiedliche Jugendhilfe-, therapeutische, medizinische und pädagogische Dienste umfassen.

2. Hilfeplan: Im Einzelfall muß genau festgelegt werden, welche Dienste zur Reduzierung bzw. Behebung der erfaßten pathogenen Faktoren eingeschaltet werden sollten. Hier ist vor allem das Jugendamt gefragt, das unter Mitwirkung der Betroffenen einen detaillierten Hilfeplan entwickeln und die einzelnen Maßnahmen koordinieren sollte. Regelmäßige Fallbesprechungen mit den Mitarbeitern des jeweiligen Heimes und involvierten Fachkräften anderer Institutionen sollten zur Regel werden.

Lassen Sie mich abschließend noch einige Worte zum Verhältnis zwischen dem Heimkind und seiner Familie sagen. Wächst ein Kind in einer durch pathogene Strukturen und Prozesse gekennzeichneten Familie auf und entwickelt es Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme, welche die Aufmerksamkeit Außenstehender (z.B. von Lehrern, Sozialpädagogen, Nachbarn) auf sich ziehen, so bezeichnet man es oft als "Identifizierten Patienten" (I. P.) oder "Symptomträger". Damit wird ausgesagt, daß im Grunde die ganze Familie "krank" und behandlungsbedürftig ist und alle Mitglieder unter ihrer Familiensituation leiden, aber nur eine Person als "Patient" identifiziert wurde. Dieses Mitglied verkörpert in seinen Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Problemen die Symptomatik der ganzen Familie. Zugleich kann sein Verhalten als Hilferuf für sich und seine Familie verstanden werden.

Wird also nur der I. P. als Patient der Jugendhilfe (bzw. des Heimes) betrachtet, dann wird die eigentliche Problematik übersehen, werden die pathogenen Familienstrukturen und -prozesse nicht verändert, leiden die anderen Familienmitglieder weiter. Zudem werden diese in ihrer Auffassung bestärkt, daß der I. P. die eigentliche "kranke" Person ist und nun vom Heim zum "Funktionieren" gebracht werden muß, während sie sich selbst nicht ändern müssen. In diesem Fall wird aber das eigentliche Problem, nämlich die pathogenen Familienstrukturen und -prozesse (oder die Psychopathologie eines oder beider Elternteile), nicht angegangen. Kehrt das Kind nach dem Heimaufenthalt in seine Familie zurück, unterliegt es denselben negativen Kräften wie zuvor, sofern nicht ein anderes Mitglied die Rolle des Symptomträgers übernommen hat. Dieses ist relativ oft der Fall, da ja dieselben pathogenen Faktoren weiterwirken.

Eine besonders problematische Situation entsteht, wenn ein Kind (I. P.) eine starke Loyalität gegenüber seiner Familie verspürt und sich deshalb von fremden Erziehern nicht helfen lassen will, weil es sonst seine Eltern "verraten" würde. Dies gilt vor allem dann, wenn sich Heimerzieher negativ über seine Familie geäußert haben oder wenn die Eltern gegen den Heimaufenthalt sind. Auch muß man immer bedenken, daß viele Kinder starke positive, ambivalente oder negative Bindungen an ihre Eltern empfinden - selbst wenn sie mißhandelt oder sexuell mißbraucht wurden. So reagieren sie auf die Trennung mit Angst, Wut, Verzweiflung, Trauer etc., verarbeiten diese nur schwer und weigern sich beispielsweise, neue Beziehungen einzugehen. Manchmal kommt es auch zu einer ganz unrealistischen Idealisierung der Eltern.

Manche Heimkinder befürchten, daß ihre Familie auseinanderbrechen könnte, weil sie ihre Eltern nun nicht mehr von Ehekonflikten ablenken können oder als Vermittler zur Verfügung stehen. Andere haben Angst, daß der von ihnen gestützte psychisch kranke oder symbiotische Elternteil zusammenbrechen könnte oder daß nun ein Geschwisterteil zum (sexuell mißbrauchten) Ersatzpartner gemacht wird. So laufen oft Kinder aus dem Heim weg, weil sie wissen wollen, ob zu Hause noch alles "in Ordnung" ist. Hier wird nochmals ihre Funktion als Symptomträger deutlich: Sie wollen im Grunde Hilfe für die ganze Familie mobilisieren. Dementsprechend ist es - wie bereits erwähnt - in vielen Fällen notwendig, daß parallel zur Heimerziehung durch andere psychosoziale Dienste auf die Familie eingewirkt wird.

Auch während des Heimaufenthalts besteht also die Wechselbeziehung zwischen Kind und Familie fort. Der direkte, indirekte oder internalisierte Einfluß der Eltern läßt sich nicht ausschalten; das Kind oder der Jugendliche bleibt immer durch seine interpersonale Vergangenheit geprägt. Manchmal kommt es sogar zu einer "Familienübertragung" (Krebs 1986), wenn Heimerzieher und andere Personen im Heim nach angeeigneten inneren Mustern wahrgenommen werden und die Familie in einem Ausschnitt des Heimkontextes "wiedererschaffen" oder widergespiegelt wird. Eine Abschottung des Kindes von seinem Elternhaus ist also nicht möglich; dieses Wissen muß in die Konzeption der psychosozialen Maßnahme (Hilfeplan) einbezogen werden.

Literatur

Börsch, B.: Einführung der Arbeit mit Familien - Eine Erleichterung des Heimalltags? In: B. Börsch, M.-L. Conen (Hrsg.): Arbeit mit Familien von Heimkindern. Dortmund: Verlag Modernes Lernen 1987, S. 9-23.

Dietrich, G.: Erziehungsvorstellungen von Eltern. Ein Beitrag zur Aufklärung der subjektiven Theorie der Erziehung. Göttingen, Toronto, Zürich: Verlag für Psychologie - Dr. C. J. Hogrefe 1985.

Hanselmann, P. G., Weber, B.: Kinder in fremder Erziehung. Heime, Pflegefamilien, Alternativen - ein Kompaß für die Praxis. Weinheim, Basel: Beltz 1986.

Jonas, B.: Anpassungsschwierige Kinder. Erfolge und Probleme der Heimerziehung. München, Berlin, Wien: Urban und Schwarzenberg 1976.

Krebs, E.: Beziehungen zum Herkunftsmilieu - Familienorientierung in der Heimerziehung. In: Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V. (Hrsg.): Heimerziehung und aktuelle gesellschaftliche Entwicklung. Bonn: Selbstverlag 1986, S. 36-37

Krüsselberg, H.-G., Auge, M., Hilzenbecher, M.: Verhaltenshypothesen und Familienzeitbudgets - Die Ansatzpunkte der "Neuen Haushaltsökonomik" für Familienpolitik. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Bd. 182. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1986.

Kurdek, L. A.: Children's adjustment. In: M. R. Textor (Hrsg.): The divorce and divorce therapy handbook. Northvale, London: Jason Aronson 1989, S. 77- 102.

Textor, M. R.: Integrative Familientherapie. Eine systematische Darstellung der Konzepte, Hypothesen und Techniken amerikanischer Therapeuten. Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo: Springer 1985.

Textor, M. R.: Eklektische und Integrative Psychotherapie. Fünf Bewegungen zur Überwindung der Vielzahl von Therapieansätzen. Psychologische Rundschau 1988a, 39, S. 201-211.

Textor, M. R.: Erklärungsmodelle und Behandlungsansätze für Verhaltensstörungen und psychische Probleme. Die Notwendigkeit der Integration. Soziale Arbeit 1988b, 37, S. 129-134.

Textor, M. R.: Kindheit in der Familie. Aus Politik und Zeitgeschichte 1990, B 40-41/90, S. 14-20.

Textor, M. R.: Familien: Soziologie, Psychologie. Eine Einführung für soziale Berufe. Freiburg: Lambertus 1991.

Ulich, M.: Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 1988, 20, S. 146- 166.

Verband katholischer Einrichtungen der Heim- und Heilpädagogik (Hrsg.): Verbundsysteme in der Jugendhilfe. Beiträge zur Erziehungshilfe, Bd. 2. Freiburg: Lambertus 1988.