Homepage von Ingeborg Becker-Textor
und Dr. Martin R. Textor




In: Grundschule 2000, 32 (3), S. 54

Was die Schule vom Kindergarten lernen kann

Martin R. Textor

 

Eine gerade im Landkreis Rottal-Inn durchgeführte Totalerhebung bei 2.792 Eltern durch das Institut für soziale Planungen und Analysen (Unterhaching) ergab, daß die Befragten hochzufrieden mit Kindergärten waren: Diese wurden mit einer Gesamtnote von 1,7 bewertet, die pädagogische Betreuung der Kinder sogar mit 1,6. Bei einer von mir selbst ausgewerteten Befragung von 1.067 Eltern aus der Diözese Passau bewerteten diese den Kontakt zu Erzieherinnen mit der Durchschnittsnote 1,6, die Angebote der Elternarbeit mit 2,1. Fragt man Kindergartenkinder, so sagen sie in der Regel, daß sie sehr gerne in den Kindergarten gehen. Beobachtet man sie im Kindergarten, machen sie zumeist einen zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck, wirken sie neugierig, motiviert und aktiv.

In der Schule verschiebt sich dann das Bild: Kinder und Eltern nehmen eine eher kritische Haltung ein, sind mit den Lehrer/innen und dem Unterricht wenig zufrieden, klagen über Schulstreß. Was macht der Kindergarten anders oder besser?

Im Kindergarten werden alle Aspekte der kindlichen Entwicklung und Persönlichkeit berücksichtigt; eine Verengung auf den kognitiven Bereich findet nicht statt. Dementsprechend erfahren die Kinder eine allseitige Förderung: Soziale, emotionale, kognitive, sprachliche, motorische, kreative und andere Kompetenzen werden gleichermaßen ausgebildet. Dem entspricht eine große Methodenvielfalt: freies und angeleitetes Spiel, Rollenspiele, Projekte, Vorlesen und Erzählen, Diskutieren, Exkursionen, Naturbeobachtung, Experimente, Malen, Basteln, Singen, Tanzen, Feste-Feiern usw. Da Kinder aus drei Altersgruppen den Kindergarten besuchen, ist eine innere Differenzierung die Regel. Trotz einer Grundstruktur wird der Tagesablauf flexibel gestaltet. Besonders eindrucksvoll sind die großen Freiräume der Kinder hinsichtlich der Auswahl von Aktivitäten, ihre Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit. Erfahrungslernen, entdeckendes Lernen, exemplarisches Lernen, Handlungsorientierung und Kindorientierung sind pädagogische Prinzipien, die weitgehend beachtet werden.

Im Gegensatz zum Lehrer-Kind-Verhältnis ist die Erzieherin-Kind-Beziehung zumeist viel enger, emotionaler und partnerschaftlicher. Die Erzieherinnen zeigen Interesse an den Kindern, ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Sie gehen auf sie ein, sprechen viel mit ihnen, äußern ihre Gefühle. Auch haben sie "Mut zur Erziehung". Die Lehrpläne von Schulen enthalten wohl immer Aussagen zur Bedeutung des Erzieherischen, jedoch ist die Umsetzung in die Praxis wenig zufriedenstellend.

Ausgrenzungen von einzelnen Kindern aufgrund ihrer Herkunft sind im Kindergartenalltag eher selten zu beobachten (obwohl manche Eltern die Leiterinnen drängen, möglichst wenig ausländische Kinder aufzunehmen). Zumeist spielen Kinder aus verschiedenen Kulturen unproblematisch miteinander; Vorurteile und Abneigungen wegen der nationalen Zugehörigkeit treten nur selten auf. Im Gegensatz zur Schule ist die Integration behinderter Kinder weit fortgeschritten: Neben integrativen Kindergärten praktizieren immer mehr Einrichtungen die Einzelintegration. In diesen Fällen, aber auch bei Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen, arbeiten Kindergärten mit Frühförderstellen, anderen Fachdiensten und niedergelassenen Therapeut/innen zusammen. Oft kommen ambulante Dienste in die Einrichtung und beziehen die Erzieherinnen in ihre Arbeit ein, so daß diese ihre heilpädagogischen Kompetenzen erweitern können.

Im Gegensatz zur Schule öffnen sich Kindergärten wesentlich stärker zu den Familien und zum weiteren Umfeld hin. Gespräche mit den Eltern über die Entwicklung der Kinder und die pädagogische Arbeit sind häufig. Bei der von mir durchgeführten Umfrage in der Diözese Passau gaben die Eltern an, daß sie im Durchschnitt 8,8 Formen der Elternarbeit im Verlauf der letzten 12 Monate genutzt hätten; sie nannten über 100 verschiedene Angebote, die von den in die Studie einbezogenen 55 Kindergärten gemacht worden seien. Vielfach bestehen auch mehr oder minder intensive Kontakte der Kindergärten zur Pfarrei, zur Nachbarschaft, zu psychosozialen Diensten oder Vereinen.

Hier zeigt sich, daß Kindergärten ein anderes Selbstverständnis als Schulen haben: Sie sind keine reinen Bildungsinstitutionen, sondern Einrichtungen der "Betreuung, Bildung und Erziehung" (§ 22 Abs. 2 Kinder- und Jugendhilfegesetz) - Einrichtungen des Bildungsbereiches und der Jugendhilfe. Erzieherinnen definieren ihre Rolle viel umfassender als Lehrer/innen: Sie sind zuständig für Enkulturation, Sozialisation und Personalisation, nicht nur für den Unterricht bzw. für die Vermittlung von Wissen und die Schulung kognitiver Fähigkeiten.

Was können nun die Schulen von den Kindergärten lernen? Sie können die große Bedeutung der Familie für die kindliche Entwicklung erkennen und akzeptieren, mit den Eltern eine "Erziehungspartnerschaft" eingehen und die Familienerziehung durch Maßnahmen der Elternarbeit positiv beeinflussen. Sie können sich im Erziehungsalltag intensiver mit der Gruppendynamik befassen, so daß Schüler/innen nicht ausgegrenzt werden - alle sollten sich im Klassenverband wohl fühlen. Die Lehrer/innen sollten die Schüler/innen als einzigartige Individuen wahrnehmen und wertschätzen, ihre Persönlichkeitsstruktur und Lebensgeschichte beachten, ihre Würde respektieren sowie alle ihre Entwicklungsbereiche berücksichtigen und fördern.

Vor allem müßten die Freiräume der Lehrpläne besser genutzt, müßte der Tagesablauf "entzerrt" (bis hin zur Ganztagsschule) und die Schulorganisation verändert werden, damit mehr Zeit für Projekte, Neigungskurse (ohne Noten), Medienarbeit, spielerische Aktivitäten, Erlebnispädagogik, (Klassen- und Schulfeste), Sport, Theater, Exkursionen, Kontakte zu Menschen außerhalb der Schule u.ä. bleibt. Dann könnten die Schüler/innen mitbestimmen, was in der Schule gemacht wird. Sie würden zu aktiven Mitgestaltern des Schulalltags, mit positiven Folgen für ihre (intrinsische) Lernmotivation. Die freiwerdenden und die neuen Zeitressourcen sollten aber auch zu mehr Kleingruppen- und Einzelarbeit genutzt werden. Auf diese Weise werden Teamfähigkeit, kommunikative Kompetenz, Konfliktlösungsfähigkeit, eigenaktives Lernen und Selbstverantwortung gefördert - wichtige Schlüsslqualifikationen für das nächste Jahrtausend.