Homepage von Ingeborg Becker-Textor
und Dr. Martin R. Textor




Als geschiedener Erwachsener leben

Martin R. Textor

 

Nun liegt die Scheidung hinter Ihnen. Aber dennoch beschäftigen Sie sich in Ihren Gedanken viel mit Ihrer "gescheiterten" Ehe. Sie denken noch an Ihren Ex-Partner, sind traurig und/oder wütend, kommen mit Ihrem neuen Leben als "Single" oder Alleinerziehende/r noch nicht zurecht.

In dieser Situation hilft es manchmal niederzuschreiben, warum Ihre Ehe fehlschlug. Sie sollten sich klar darüber werden, welchen Anteil Sie selbst an der Trennung hatten. Sprechen Sie nämlich Ihren Expartner weiterhin für vergangene und gegenwärtige Schwierigkeiten schuldig, so hindert Sie dies daran, Verantwortung für die Bewältigung der gegenwärtigen Situation zu übernehmen, die anstehenden Probleme eigenständig zu lösen und sich selbst zu ändern.

Manchmal ist es auch sinnvoll, eine "Gewinn- und Verlust-Rechnung" aufzustellen: Listen Sie auf, was Sie durch die Scheidung verloren (z.B. Partner, Freunde, Geld und ein Heim) und was Sie hinzugewonnen haben (neue Freunde, neue Fertigkeiten, mehr Selbständigkeit, andere Hobbys). Auf diese Weise erkennen Sie, was sich auch positiv verändert hat - und was Sie seit Ihrer Trennung alles gelernt und geleistet haben! Und hören Sie auf, Ihre eigene Situation fortwährend mit der des früheren Ehegatten zu vergleichen! Woher wollen Sie wissen, dass es ihm wirklich besser geht?

Im Zusammenhang mit der Gewinn- und Verlust-Rechnung wird natürlich auch deutlich, in welchen Lebensbereichen Sie noch Schwierigkeiten haben. Hat Ihre Exfrau früher die ganze Hausarbeit übernommen? Lernen Sie kochen! Besuchen Sie Kochkurse an Volkshochschulen oder Familienbildungsstätten (oft gibt es welche nur für Männer) - und Sie lernen zusätzlich nette Menschen kennen. Müssen Sie nach vielen Jahren der "Familienpause" jetzt wieder erwerbstätig werden? Lassen Sie sich vom Arbeitsamt beraten - es gibt Leistungen speziell für Sie. Auch Volkshochschulen und Verbände wie der Katholische Frauenbund haben besondere Angebote für Berufsrückkehrerinnen. Fühlen Sie sich klein, schwach und unwichtig? An manchen psychologischen Instituten können Sie ein Selbstsicherheits- bzw. Durchsetzungstraining machen.

Und lassen Sie sich Zeit mit der Partnersuche. Stürzen Sie sich nicht in das erstbeste Verhältnis, denn dann ist eine weitere Enttäuschung oft schon vorprogrammiert. Versuchen Sie zunächst einmal, Ihr Dasein als Single befriedigend zu gestalten. Es gibt viele Hobbys zu entdecken! Suchen Sie nach neuen Erlebnisse und Erfahrungen! In Verbänden und Vereinen, bei Kursen an Volkshochschulen oder anderen Erwachsenenbildungseinrichtungen, bei Gruppenreisen usw. können Sie viele neue Bekanntschaften machen - und vielleicht finden Sie in solch unverfänglichen Situationen einen neuen Partner. Glauben Sie nicht, dass Sie z.B. aufgrund Ihres Alters nicht mehr attraktiv seien. Heute gehen selbst Rentner neue Partnerschaften ein. Scheuen Sie sich nicht, eine Partnervermittlung zu nutzen oder eine Annonce aufzugeben - das sind übliche und akzeptierte Formen der Partnersuche.

Wenn Sie aber einige Zeit nach der Scheidung immer noch das Gefühl haben, dass Sie das Scheitern Ihrer Ehe nicht verarbeitet haben bzw. mit der jetzigen Situation nicht zurechtkommen, nutzen Sie die vielen (kostenlosen) Beratungsangebote. Beratung ist eine Dienstleistung wie jede andere, und es ist keine Schande oder ein Zeichen persönlichen Versagens, einen Psychologen bzw. eine Psychotherapeutin oder eine Lebensberatungsstelle aufzusuchen. Ferner gibt es vielerorts geeignete Selbsthilfegruppen.

Allein erziehen

Sind Sie allein sorgeberechtigt bzw. leben Ihre Kinder die weitaus meiste Zeit bei Ihnen, müssen Sie oft weitere Schwierigkeiten bewältigen. Haben Sie z.B. finanzielle Probleme, scheuen Sie sich nicht, die Ihnen zustehenden Leistungen wie Sozialhilfe oder Wohngeld zu nutzen, bei Verschuldung eine Schuldnerberatungsstelle aufzusuchen oder bei ausbleibendem Kindesunterhalt das Jugendamt zu verständigen (es wird Ihnen bei Vorliegen der Voraussetzungen jeden Monat einen Unterhaltsvorschuss zahlen und die Auseinandersetzung mit Ihren Ex-Partner für Sie führen).

Wenn Sie sich als allein erziehender Elternteil - insbesondere bei (Voll-) Erwerbstätigkeit - häufig überfordert, überlastet und gestresst fühlen, überlegen Sie einmal, ob Sie nicht manche der im Haushalt anfallenden Aufgaben effizienter erfüllen oder etwas vernachlässigen können (Die Wohnung muss nicht immer perfekt aussehen!). Sind Ihre Kinder bereits älter, können viele Arbeiten auch an sie delegiert werden - es ist für ihre Entwicklung sogar positiv, wenn sie Verantwortung übernehmen müssen. Organisieren Sie den Wochenverlauf so, dass Zeit für Ihre eigene Regeneration frei wird - für Freizeitunternehmungen ohne Ihre Kinder, aber z.B. auch für einen Kurs, bei dem Sie Entspannungstechniken lernen. Auch sollten Sie überhöhte Erwartungen zurückschrauben - Sie können beispielsweise nicht Ihren Kindern gleichzeitig Mutter und Vater sein! Machen Sie sich bewusst, dass heute die Teilfamilie als eine durchaus funktionsfähige Familienform gilt, die Erwachsenen und Kindern befriedigende und positive Entwicklungsbedingungen bieten kann.

Nutzen Sie auch die vielen Möglichkeiten der Kinderbetreuung in der erweiterten Familie, im Bekanntenkreis und im Sozialbereich (wie Mütterzentren, Kindertageseinrichtungen, Tagespflege, Hausaufgabenhilfen, Freizeitangebote für Kinder, Jugendgruppen und -verbände). Erkranken Sie oder Ihre Kinder, kann unter bestimmten Bedingungen eine Betreuungsperson, eine Familienpflegerin oder Haushaltshilfe von der Krankenkasse oder dem Jugendamt gestellt werden, kann ein Notmütterdienst oder eine Nachbarschaftshilfe einspringen. Treten Probleme mit der Schule (Lernstörungen, Verhaltensauffälligkeiten usw.), Erziehungsschwierigkeiten u. Ä. auf, können Sie Erziehungsberatungsstellen und die Schulberatung konsultieren. Wohlfahrtsverbände wie das Diakonische Werk oder der Sozialdienst Katholischer Frauen sowie viele Kirchengemeinden bieten Einzelbetreuung, Gruppen- und Treffpunktarbeit, lebenspraktische Hilfen, Sonderzuwendungen, Freizeitangebote und Ferienmaßnahmen (Müttergenesung, Familienerholung). Ähnliche Angebote finden Sie bei Selbsthilfegruppen für Alleinerziehende - die Ihnen vor allem aber den Kontakt zu Personen in einer ähnlichen Lebenssituation bieten. Sie benötigen nämlich andere Erwachsene als Gesprächspartner, damit Sie nicht bei Ihren Kindern Unterstützung suchen und diese zu "Ersatzpartnern" machen.