Homepage von Ingeborg Becker-Textor
und Dr. Martin R. Textor




Die Eltern-Kind-Beziehung verbessern

Martin R. Textor

 

Während der Trennungsphase hatten Sie viel mit Ihren Partnerkonflikten, mit sich selbst (z.B. Verarbeitung intensiver Emotionen, Bewältigung des Scheitern Ihrer Ehe) und mit den vielen notwendigen Umstellungen (Wohnungssuche, Aus-/ Umzug, Haushaltsauflösung, Arbeitsplatzsuche usw.) zu tun. Kein Wunder, dass die Erziehung Ihrer Kinder etwas zu kurz gekommen ist, dass diese "schwierig" geworden sind und Sie jetzt Schuldgefühle haben wie "Meine Kinder sind durch die Scheidung geschädigt worden, und ich bin für ihre Probleme verantwortlich". Nun - nach der erfolgten gerichtlichen Scheidung - haben Sie mehr Zeit und Kraft für Ihre Kinder. Gehen Sie deren Erziehung wieder aktiv an!

Es mag sein, dass Sie während der Trennungsphase aus einem älteren Kind bzw. Jugendlichen eine Art "Ersatzpartner" gemacht haben - Sie haben mit ihm über Ihre Probleme gesprochen, ihn um Rat gefragt, sich bei ihm ausgeweint, ihn vielleicht sogar als Ihren Bündnispartner gewonnen. Oder Sie haben ein älteres Kind "parentifiziert", ihm also Elternaufgaben übertragen: Es musste auf jüngere Geschwister aufpassen, wurde in deren Erziehung eingebunden, musste Hausaufgaben kontrollieren, die Wohnung säubern und Mahlzeiten zubereiten. In beiden Fällen ist eine sehr enge Beziehung entstanden, die aber nicht gut für Ihr Kind ist, da die Grenze zwischen den Generationen überschritten wurde und Ihr Kind zuviel Macht bekommen hat. Jetzt - wo die Scheidung endlich hinter Ihnen liegt - sollten Sie versuchen, die Führung Ihrer Familie wieder zu übernehmen. Ihr Kind hat ein Recht darauf, Kind zu sein und wie ein solches zu leben. Helfen Sie ihm, die nicht kindgemäßen Aufgaben abzugeben (was ihm wegen der damit verbundenen Macht durchaus schwer fallen mag!) und sich wieder der Gleichaltrigengruppe zuzuwenden.

Die Generationengrenzen werden auch betont, wenn Sie wieder verstärkt erzieherisch tätig werden. In der Trennungsphase kam es oft zu irgendwelchen "Unsitten" - die Kinder schauten bis spät in die Nacht Fernsehen, die Hausaufgaben wurden von Ihnen nur sporadisch kontrolliert, ein Kind hat sich immer wieder erfolgreich vor der Hausarbeit gedrückt. Wenn Sie diese "Unsitten" abschaffen, wird der Widerstand Ihrer Kinder "automatisch" zu mehr Distanz und deutlicheren Generationengrenzen führen.

Ähnliches gilt auch für den Fall, dass Sie Ihre eigenen Eltern in die Geschicke Ihrer "Teilfamilie" eingebunden haben - wenn also Ihre Mutter Ihren Haushalt führt oder die Großeltern weitgehend die Betreuung und Erziehung ihrer Enkel übernommen haben. Erkennen Sie ihre Fürsorge und Hilfsbereitschaft an, sagen Sie ihnen dann aber, dass nun die juristische Scheidung erfolgt ist und Sie wieder alle Elternaufgaben übernehmen können. Bitten Sie sie, Ihnen zu helfen, autonom und selbständig zu werden. Es sollte also auch klare Grenzen zwischen Ihrer Familie und Ihrer Herkunftsfamilie (d.h. den Großeltern) geben.

Ferner sollten Sie spätestens jetzt prüfen, ob es während der Trennungsphase zur Überbehütung bzw. Verwöhnung Ihrer Kinder gekommen ist - weil Sie sie z.B. vor all dem Negativen, was mit einer Ehescheidung verbunden ist, schützen oder dafür entschädigen wollten. Jetzt sollten Sie Ihren Erziehungsstil wieder ändern. Damit kommen Sie oft sogar Ihren Kindern entgegen, denen Ihr überbehütendes Verhalten bereits lästig geworden ist. Übertragen Sie Ihren Kindern Pflichten und stellen Sie deren Erfüllung sicher. Setzen Sie dem Verhalten Ihrer Kinder Grenzen und bestrafen Sie sie angemessen beim Überschreiten derselben. Gewähren Sie ihnen mehr Freiräume, damit sie selbständig und unabhängig werden. Fördern Sie außerdem Kontakte Ihrer Kinder zu Gleichaltrigen und zu weiteren Erwachsenen, einschließlich des anderen Elternteils. Diese können die zu engen (symbiotischen) Bindungen zwischen Ihnen und Ihren Kindern schwächen sowie als Vorbilder und Identifikationsfiguren dienen.

Haben Sie hingegen aufgrund des mit Trennung und Scheidung verbundenen Stresses Ihre Kinder vernachlässigt, sollten Sie sich ihrer Bedürfnisse bewusst werden und wieder mehr Verantwortung für ihre Erziehung übernehmen. Beschäftigen Sie sich intensiver mit ihnen (z.B. gemeinsame Freizeitaktivitäten, Spiel), kümmern Sie sich um ihre Hausaufgaben, suchen Sie das Gespräch mit ihnen. Ähnliches gilt übrigens auch für Elternteile, bei denen die Kinder nur zeitweise zu Besuch sind - auch Sie sollten (wieder) Erziehungsfunktionen übernehmen und nicht nur ein "Freizeit- und Verwöhnprogramm" bieten!

Kinder auf einen neuen Partner vorbereiten

Die "Einführung" eines neuen Partners in Ihre Teilfamilie verlangt viel Fingerspitzengefühl - in dieser Situation reagieren Kinder oft mit Wut, Eifersucht, Angst usw., insbesondere wenn sie insgeheim noch mit einer Versöhnung ihrer Eltern rechnen. Sagen Sie ihnen, ob es sich voraussichtlich um eine vorübergehende oder um eine langfristig angelegte Beziehung handelt. Im erstgenannten Fall ist es weniger wahrscheinlich, dass ein (älteres) Kind mit Eifersucht reagiert, Loyalitätskonflikte empfindet und die neue Beziehung zu sabotieren versucht. Da bei kleineren Kindern die Gefahr besteht, dass sie sehr schnell Bindungen an einen neuen Partner entwickeln und bei kurzfristigen Verhältnissen dann eine ganze Reihe von Beziehungsabbrüchen erleben, sollten Sie sie möglichst nicht sofort mit jedem neuen Freund konfrontieren. Mowatt (1987) ergänzt bezüglich kurzfristiger Sexualbeziehungen: "Kinder im Alter von vier Jahren und darunter akzeptieren in der Regel alles als natürlich, was ihre Eltern tun. Kinder im Schulalter mögen jedoch ihre Eltern mit strikten moralischen Grundsätzen wie auch mit dem Ausmaß ihrer Kenntnisse und falschen Informationen über Sex überraschen" (S. 65). Hier sollten Sie an Ihre Vorbildfunktion denken, aber auch an die sexuelle Aufklärung Ihrer Kinder.

Bei einer längerfristigen Beziehung sollten Sie auf die Angst Ihrer Kinder vor dem Verlust des Kontakts zum anderen Elternteil eingehen. Versichern Sie ihnen, dass sie den anderen Elternteil genauso häufig wie bisher besuchen dürfen. Sagen Sie ihnen, dass der neue Partner (vorerst) keine Erziehungsfunktionen ausüben wird. Denken Sie auch daran, dass sich Kinder oft gegenüber dem neuen Partner zurückgesetzt fühlen. In einer solchen Situation benötigen Ihre Kinder viel Verständnis - und viel Zeit, obwohl Sie naturgemäß gerade jetzt meist mit Ihrem neuen Partner zusammen sein wollen.

Wie kann ich meinen Kindern bei Problemen helfen?

Häufig werden Ihnen erst in der Nachscheidungsphase die Probleme Ihrer Kinder bewusst - zuvor waren Sie so sehr mit sich selbst und der Anpassung an die Trennungssituation beschäftigt, dass Sie psychische Konflikte und Verhaltensauffälligkeiten Ihrer Kinder "übersahen" oder ignorierten. Generell sollten Sie die Symptome eines Ihrer Kinder als Anpassungsreaktionen verstehen: "Das Verhalten des ... Kindes kann eine Antwort auf vier Stressfaktoren sein: (a) gestörte Familienbeziehungen vor der Scheidung; (b) gestörte Familienbeziehungen nach der Scheidung; c) die Psychopathologie des Kindes vor der Scheidung; als auch (d) seine individuelle Reaktion auf die Scheidung" (Kaplan 1977, S. 75). Die Symptome sind aber ebenso Botschaften des Kindes, ein Hilferuf, Ausdruck seiner Trauer und Wut.

Bei großen Problemen können Sie eine Erziehungsberatungsstelle oder eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aufsuchen. Der Berater wird bei der Behandlung des Kindes alle üblichen Beratungsformen und Therapieansätze einsetzen. So mag er z.B. bei einem kleineren Kind eine Spieltherapie durchführen. Dabei wird er oft auch Sie einbeziehen, um die Eltern-Kind-Beziehung und Ihr Erziehungsverhalten zu verbessern. Ein älteres Kind kann einzeln, in einer Gruppe und/oder zusammen mit seinen Eltern behandelt werden. Im letztgenannten Fall ist vielfach eine besonders starke therapeutische Wirkung zu erzielen, wenn der/die Jugendliche seine/ihre Gefühle und intrapsychischen Konflikte gegenüber den Eltern äußern und in Ruhe mit ihnen besprechen kann.

Unabhängig davon, ob Ihr Kind Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen entwickelt hat oder nicht, kann der Berater ihm bei der Anpassung an die Nachscheidungssituation helfen. Beispielsweise hilft er ihm, die Endgültigkeit der Scheidung seiner Eltern zu akzeptieren. Er zeigt ihm, dass Versöhnungsfantasien - die noch Jahre nach der Scheidung und sogar nach der Wiederheirat eines Elternteils fortbestehen können - unrealistisch sind und dass es die oft durch Kleinigkeiten (wie eine freundschaftliche Interaktion zwischen seinen Eltern) aufrechterhaltene Hoffnung auf eine Versöhnung aufgeben sollte.

Manchmal muss der Berater einem älteren Kind bzw. Jugendlichen aber auch die Vorstellung nehmen, dass die meisten seiner Probleme verschwinden würden, wenn er bei dem anderen Elternteil leben könnte. So klärt er die diesem Wunsch zugrundeliegenden Motive (wie z.B. das Bestreben, die Abnahme des Kontakts zum nichtsorgeberechtigten Elternteil rückgängig zu machen). Gelegentlich mag er aber auch vorschlagen, dem Wunsch des Kindes für eine Versuchsperiode zuzustimmen. So kann es selbst feststellen, ob sich seine Erwartungen erfüllen oder nicht.

Liegen die Ursachen für die Verhaltensauffälligkeiten und intrapsychischen Konflikte Ihres Kindes darin, dass Sie selbst unter größeren Problemen leiden, weiterhin in Auseinandersetzungen mit Ihrem geschiedenen Partner verwickelt sind oder sich Ihrem Kind gegenüber falsch verhalten, mag der Berater auch nur mit Ihnen arbeiten. Er unterstützt Sie bei der Lösung Ihrer Probleme, verdeutlicht Ihnen die Endgültigkeit der Scheidung und verbessert Ihr Erziehungsverhalten. Auf diese Weise hilft er Ihren Kindern eher indirekt. Unter Umständen wird er auch Ihren geschiedenen Partner zu Sitzungen einladen oder mit ihm telefonieren, um mit ihm über die Schwierigkeiten des Kindes zu sprechen. Generell wirkt sich positiv aus, wenn erreicht werden kann, dass beide Eltern hinsichtlich der Erziehung und des Umgangs mit Verhaltensauffälligkeiten kooperieren.

Literatur

Kaplan, S.L. (1977): Structural family therapy for children of divorce: Case reports. Family Process 16, S. 75-83

Mowatt, M.H. (1987): Divorce counseling: A practical guide. Lexington, Toronto: Lexington Books