Homepage von Ingeborg Becker-Textor
und Dr. Martin R. Textor




Mit Kleinkindern beim Arzt

Martin R. Textor

 

Eine der unangenehmsten Situationen für Eltern ist es, wenn sie mit einem Kleinkind zum Kinderarzt oder Zahnarzt müssen. Kinder haben in solchen Situationen Angst - und spüren die Ängste ihrer Eltern. Auch wirken Arztpraxen mit ihrer unbekannten, andersartigen Ausstattung "unheimlich", verhalten sich Ärzte und ihre Mitarbeiter/innen ganz anders als andere Erwachsene.

Die Eltern sollten vor einem Behandlungstermin nicht verheimlichen, dass der (Zahn-) Arztbesuch mit Schmerzen verbunden ist, falls solche Empfindungen zu erwarten sind. Wenn sie dies verschweigen, würde das Vertrauen des Kindes in sie schwinden. Zudem fühlen viele Kinder aufgrund ihrer hohen Sensibilität, wenn Eltern lügen, und erahnen, dass eine "gefährliche" Situation auf sie zukommt. Die Eltern sollten lieber versuchen, dem Kind zu verdeutlichen, dass der Arzt ihm helfen will, dass durch seine Untersuchung und Behandlung größere Schmerzen oder schwere Erkrankungen vermieden werden sollen. Auf diese Weise kann ihm vielleicht etwas Vertrauen in die Person des Arztes "eingeflößt" werden.

Für die Wartezeit in der Arztpraxis können die Eltern Kinderbücher oder Spielmaterial mitnehmen, wenn das Kind eigene Sachen bevorzugt, wenn das Wartezimmer nicht entsprechend ausgestattet ist oder wenn die Eltern befürchten, dass die ausgelegten Gegenstände nicht "keimfrei" sind. Es sollten möglichst dem Kind bekannte Bücher und (Einzel-, Partner-) Spiele ausgewählt werden, da die Beschäftigung mit ihnen leichter abgebrochen werden kann, wenn das Kind schließlich an der Reihe ist. Manchmal kommt es über das Medium "Spiel" auch zu Kontakten mit anderen wartenden Kindern, was ebenfalls die Wartezeit verkürzt bzw. interessant gestaltet.

Eine für Eltern besonders problematische Situation entsteht, wenn ihr Kind in der Arztpraxis zu weinen beginnt. Dies sollte als eine der Situation durchaus angemessene Reaktion verstanden werden: Die Umgebung und die anderen Menschen sind fremd; das Kind fürchtet sich; es hofft, durch das Weinen eine vielleicht schmerzhafte Untersuchung oder Behandlung zu vermeiden. Hier können die Eltern Verständnis für die Angst des Kindes zeigen, es trösten, ihm aber auch klar machen, dass Weinen kein Ausweg ist. Sie sollten sich nicht als "Beschützer" des Kindes präsentieren, da dies die Botschaft "Der Arzt will mir etwas Böses tun" vermittelt und Ängste nur verstärkt.

Problematisch ist ferner, wenn sich das Kind nicht untersuchen oder behandeln lassen will. Oft verweigert es schon das Ausziehen. Dann sollten die Eltern ruhig bleiben und dem Kind gegenüber entschieden auftreten. Manchmal hilft nur "sanfter Zwang" - will z.B. der Arzt in die Ohren des Kindes schauen, kann der Elternteil das Kind auf den Schoß nehmen, den Oberkörper mit dem einen Arm umfassen und mit dem anderen den Kopf auf die Seite halten. Damit wird auch die Gefahr reduziert, dass sich ein Kind aufgrund einer plötzliche Bewegung eine Verletzung zuzieht. Wenn nur eine Routineuntersuchung (z.B. beim Zahnarzt) ansteht, kann eventuell auch ein zweiter Termin vereinbart werden. Dann sollten aber die Eltern mit ihrem Kind noch etwas in der Arztpraxis bleiben, sodass es sich beruhigt und sich mehr an die neue Umgebung gewöhnt. Ideal wäre es, wenn der Arzt sich noch etwas mit dem Kind unterhält, ihm die Geräte und Instrumente erklärt und sie auch anfassen lässt. Manchmal gewinnt dann die Neugierde des Kindes die Überhand, beruhigt es sich und lässt es sich doch noch untersuchen.

Während der Untersuchung bzw. Behandlung sollte das Kind möglichst von einem Elternteil auf den Schoß genommen werden, damit es die Nähe seiner Mutter/ seines Vaters spürt. Es sollte so gesetzt werden, dass es dem Arzt zugewandt ist, damit dieser mit ihm Kontakt aufnehmen kann. Dann sollte es über die einzelnen Aktivitäten des Arztes vorab oder begleitend informiert werden - möglichst durch den Arzt selbst, eventuell auch durch die Eltern. Auf Schmerzempfindungen sollte es vorbereitet werden (z.B. vor einer Injektion: "Gleich piekst es ein wenig"). Diese "Taktik der kleine Schritte" ist viel besser als die Überrumpelung des Kindes, die vielleicht auf Dauer zu einem Vertrauensverlust in Ärzte führt. Hier wird deutlich, wie wichtig ein kindgemäßes Verhalten des Arztes ist. Die Eltern sollten also möglichst nur solche (Zahn-) Ärzte aufsuchen, die mit Kleinkindern umgehen können und sich auch genügend Zeit für das persönliche Gespräch mit ihren kleinen Patient/innen nehmen.