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und Dr. Martin R. Textor




Aus: René A. C. Hoksbergen / Martin R. Textor (Hrsg.): Adoption: Grundlagen, Vermittlung, Nachbetreuung, Beratung. Freiburg: Lambertus 1993, S. 41-62 (leicht veränderte Fassung)

Inlandsadoptionen: Herkunft, Familienverhältnisse und Entwicklung der Adoptivkinder

Martin R. Textor

 

Rund 250.000 Mütter haben in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1945 und 1985 Kinder zur Adoption freigegeben (Die Tageszeitung/taz, 25. 8. 1985). Dennoch liegen nur wenig wissenschaftliche Forschungsergebnisse über die Situation dieser Mütter vor - über die leiblichen Väter von deutschen Adoptivkindern ist noch weniger bekannt. Ähnliches gilt für das englischsprachige Ausland. Außerdem sind nahezu alle Untersuchungen im Adoptionsbereich nicht repräsentativ. Sie erfolgten zumeist an kleinen und willkürlich gewählten Stichproben und weisen häufig methodische Mängel auf. So ist bei allen Forschungsergebnissen, die in diesem Kapitel referiert werden, zu beachten, dass sie nur einen groben Überblick bieten und Tendenzen aufzeigen.

1. Die leiblichen Eltern

Nach den Untersuchungen von Napp-Peters (1978) und Jungmann (1987) sind die leiblichen Mütter deutscher Adoptivkinder nur im Ausnahmefall minderjährig; ansonsten sind alle relevanten Altersgruppen mit hoher Besetzung vertreten. Viele sind verheiratet, leben von ihren Partnern getrennt oder sind geschieden. Oft haben sie weitere eheliche oder nichteheliche Kinder. Ähnliches gilt auch für die leiblichen Väter. Generell haben abgebende Eltern eine verhältnismäßig schlechte Schul- und Berufsausbildung erfahren. Sie gehören überwiegend der Unterschicht an. Insbesondere allein stehende Frauen sind häufig großen sozialen und wirtschaftlichen Belastungen ausgesetzt.

Bei Säuglingen, die zur Adoption freigegeben werden, handelt es sich in der Regel um unerwünschte Kinder. Als Ursachen für die Schwangerschaft werden mangelnde Aufklärung, Versagen der Verhütungsmaßnahme, "Pillenpause", Nachlässigkeit und Impulsivität genannt, aber auch unbewusste Bedürfnisse (zum Beispiel Wunsch nach einem Liebesobjekt, Rettung einer zerbrechenden Ehe, Suche nach Lebenssinn), Inzest und Vergewaltigung (Sorosky/Baran/Pannor 1982; Swientek 1986). Viele Frauen reagieren auf die Schwangerschaft mit Verwirrung, Angst oder Wut, fühlen sich von ihren Partnern betrogen oder verdrängen die Diagnose. Da sie häufig von ihren Geliebten, Ehemännern und Eltern in Stich gelassen werden und wenig Unterstützung durch Dritte erfahren, fühlen sie sich verlassen, einsam, hilflos und überlastet. So müssen sie neben der unerwünschten Schwangerschaft auch ihre Enttäuschung und die negativen Reaktionen ihrer Partner, Verwandten und Freunde verarbeiten (Inglis 1984; Kraft et al. 1985; Swientek 1986). Bis sie ihre Schwangerschaft erkannt und ihre Situation reflektiert haben, ist es oft schon zu spät für einen Schwangerschaftsabbruch.

Die skizzierte Situation verweist bereits auf die Gründe, warum dann die Säuglinge oder Kleinkinder zur Adoption freigegeben werden. Die Mütter sind zur Berufstätigkeit gezwungen und können ihr Kind nicht versorgen, finden keine Betreuungsmöglichkeit, können es unter den gegebenen Wohnbedingungen nicht aufziehen, sind psychologisch nicht auf Elternschaft vorbereitet, fühlen sich restlos überfordert oder befinden sich in einer Notlage. Sie erfahren keine Unterstützung durch Dritte, werden vielmehr zur Freigabe ihres Kindes zur Adoption gedrängt. Vielen Müttern geht es in dieser Situation psychisch schlecht (Swientek 1982, 1986; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Deykin/Campbell/Patti 1984; Inglis 1984; Millen/Roll 1985). Manche Mütter versuchen auch, das Kind zunächst allein großzuziehen, scheitern dann aber. Verheiratete Paare geben ein Kind zur Adoption frei, wenn ein Partner krank, gebrechlich oder behindert ist, wenn die Ehe konflikthaft oder zerrüttet ist oder wenn das Kind außerehelich gezeugt wurde (Bohman 1980; Kraft et al. 1985; Jungmann 1987). In manchen Fällen wird die Einwilligung der Eltern in die Adoption auch vom Vormundschaftsgericht ersetzt, wenn die Kinder zum Beispiel verlassen, vernachlässigt, misshandelt oder sexuell missbraucht wurden und ihre Rückführung in die Herkunftsfamilie nicht möglich ist.

Den weitaus meisten leiblichen Müttern fällt die Entscheidung sehr schwer, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Sie brauchen in der Regel Monate oder gar Jahre, um die Fortgabe ihres Kindes zu verarbeiten. In dieser Zeit leiden sie unter Verlustgefühlen, Trauer, Schmerz, Reue, Gewissensbissen, mangelnder Selbstachtung und Wut. Oft kommt es zur Ausbildung psychischer und psychosomatischer Symptome. Diese Situation wird auch dadurch unerträglich, dass sie häufig keine Gesprächspartner finden, mit denen sie über ihr Kind und ihre Emotionen reden können, dass sie Ablehnung und Diskriminierung erfahren, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten (Sorosky/Baran/Pannor 1982; Swientek 1982, 1986; Inglis 1984; Millen/Roll 1985; Mantel 1987). Manche Frauen übernehmen nach der Freigabe eine Opferrolle, andere wenden sich bitter von Verwandten und Freunden ab, wieder andere versuchen, die Adoption rückgängig zu machen oder Informationen über ihr Kind zu bekommen. In der Regel verliert der Trauerprozess im Verlauf der Zeit an Intensität, kann aber zu bestimmten Zeitpunkten (zum Beispiel Geburtstag des Kindes) wieder stärker werden. Manchmal belastet die Freigabeentscheidung das ganze weitere Leben der betroffenen Frauen.

2. Die Adoptiveltern

Adoptiveltern sind zum Zeitpunkt der Aufnahme eines Kindes zumeist älter als biologische Eltern. Sie haben in der Regel eine bessere Schulbildung, gehören der Mittel- oder Oberschicht an, besitzen zumeist ein Haus und haben einen hohen sozialen Status. Obwohl die meisten Frauen zumindest in den ersten Jahren nach Annahme eines Adoptivkindes nicht erwerbstätig sind, ist das Familieneinkommen überdurchschnittlich hoch (Kirk 1981; Bachrach 1983; National Commitee for Adoption 1985). Ehescheidungen sind sehr selten (Bohman 1980; Knoll/Rehn 1984/85; Jungmann 1987).

Ehepaare bewerben sich aus unterschiedlichen Gründen um ein Adoptivkind. Das vorherrschende Motiv ist aber die Infertilität eines Partners - bei Befragungen wird es von rund 70% der Adoptiveltern genannt (Knoll/Rehn 1984/85). Häufig werden aber auch Fehlgeburten und Erbkrankheiten als Gründe genannt, oder es wird auf soziale, humanitäre und christliche Motive verwiesen (Hoffmann-Riem 1984; Reid et al. 1987). Die Erfahrung der Infertilität und die nach der Diagnose häufig unter ärztlicher Anleitung erfolgten Zeugungsversuche gehen in der Regel nicht ohne psychische Folgen an den Adoptionsbewerbern vorbei. Manche erleben ihre Unfruchtbarkeit als narzisstische Kränkung (Verletzung des Selbstwertgefühls) und entwickeln ein negatives Körperbild, Gefühle mangelnder Männlichkeit beziehungsweise Weiblichkeit, eine gestörte Geschlechtsidentität und eine geringe Selbstachtung. Selbst Jahre nach der Adoption ist bei ihnen noch ein starker Leidensdruck wegen ihrer Infertilität festzustellen (Kraft et al. 1980; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Schneider/Rimmer 1984; Knoll/Rehn 1984/85). Eine mangelnde Verarbeitung dieser Erfahrung kann zu Problemen bei der Aufklärung des Adoptivkindes über seinen Status oder bei der sexuellen Aufklärung führen. So erinnert die Existenz des adoptierten Kindes die Adoptiveltern immer wieder an ihre Unfruchtbarkeit. Dies kann es ihnen erschweren, mit ihm über die Adoption zu sprechen oder kindliche Äußerungen der Triebhaftigkeit (wie sexuelle Neugier, Schmieren, Masturbation) zu akzeptieren. Ferner kann die Suche von adoptierten Jugendlichen nach erotischen und sexuellen Erfahrungen die narzisstische Verletzung und die Trauer der Eltern wieder beleben und zu unangemessenen Reaktionen führen.

Adoptionsbewerber durchlaufen ein gründliches Auswahlverfahren und müssen in der Regel eine lange Zeit warten, bis ihnen ein Kind zur Adoption angeboten wird. Sie erfahren somit eine zweite narzisstische Kränkung: Im Gegensatz zu leiblichen Eltern müssen sie ihre Eignung als potentielle Erzieher nachweisen, können sie den Zeitpunkt der Geburt beziehungsweise Aufnahme des Kindes nicht selbst bestimmen, sind sie hinsichtlich der Realisierung ihrer Pläne von anderen abhängig (Kirk 1981; Aselmeier-Ihrig 1984). Zudem sind sie während der Adoptionspflegezeit erst "Eltern auf Probe". Deutlich wird hier aber auch, dass die Adoptivfamilie gegenüber der durch Zeugung entstandenen Familie einen Sonderstatus besitzt. Ihre Mitglieder werden sich immer mit dem Problem der "doppelten Elternschaft", dem Gefühl des Andersseins und den Reaktionen Dritter auseinander setzen müssen.

Verschiedene Studien (Kirk 1981; Hoffmann-Riem 1984; Knoll/Rehn 1984/85) haben gezeigt, dass Adoptionen besser verlaufen, wenn die Mitglieder der Adoptivfamilie ihren Sonderstatus akzeptieren und damit nach einer "Normalisierung eigener Art" (Hoffmann-Riem) streben. Hier wird die Realität der besonderen Familiengründung nicht verneint, kann sich das Adoptivkind offen mit seiner Situation auseinander setzen, wird das Thema "Adoption" nicht tabuisiert. Die Akzeptanz des Sonderstatus ist laut den vorgenannten Untersuchungen mit mehr Empathie der Mütter, einer besseren Kommunikation, mehr Vertrauen und Solidarität in der Familie, festeren Bindungen, weniger Konflikten und mehr Selbständigkeit verbunden. Auch verläuft die Entwicklung des Adoptivkindes eher positiv.

3. Aufnahme eines Adoptivkindes und Eingewöhnungszeit

Das Angebot und die Aufnahme eines zur Adoption freigegebenen Säuglings ist meist ein durch Belastung und Stress gekennzeichnetes Ereignis. Den Adoptionsbewerbern wird plötzlich und unvorhersehbar per Telefon angekündigt, dass ein Kind für sie gefunden wurde. Dann müssen sie umgehend zur Adoptionsvermittlungsstelle kommen, wo sie mehr über das Kind und seine Lebensgeschichte erfahren. Oft haben sie dann noch die Möglichkeit, den Säugling anzuschauen. Zumeist müssen sie sich innerhalb weniger Stunden oder Tage entscheiden, ob sie ihn aufnehmen wollen. Auch bleibt ihnen kaum Zeit, notwendige Einrichtungsgegenstände, Kinderwagen oder Säuglingsnahrung zu besorgen.

Wird ein älteres Kind zur Adoption freigegeben, bleibt den Bewerbern zumeist mehr Zeit für die Entscheidung, ob sie es aufnehmen wollen. Auch wird der Kontakt nur langsam angebahnt. Jedoch wächst die Komplexität der Entscheidungssituation mit dem Alter des Kindes. Während der Anblick eines Säuglings meist Zuneigung, Hilfsbereitschaft und ähnliche Verhaltenstendenzen auslöst und während ein Kleinkind seine physischen und sprachlichen Fertigkeiten zur raschen Herstellung eines Kontaktes einsetzen kann, sind ältere Kinder beim ersten Zusammentreffen zumeist nervös, angespannt, distanziert oder distanzlos. Sie haben in der Regel bis zu diesem Zeitpunkt viele negativen Erfahrungen gemacht, die zu Entwicklungsverzögerungen, psychischen Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten geführt haben. Da Adoptionsbewerber wissen, dass vielen Bewerbern nur wenige zur Adoption freigegebene Kinder gegenüberstehen und ihnen somit in der nächsten Zeit wahrscheinlich keine zweite Chance geboten werden wird, besteht die Gefahr, dass sie sich trotz erheblicher und gegenüber der Vermittlungsstelle nicht verbalisierter Bedenken für die Aufnahme des Kindes entscheiden.

Vor der Übergabe des Kindes erhalten die Adoptionsbewerber viele Informationen über seine Herkunft, die leiblichen Eltern, die Freigabegründe, seinen Gesundheitszustand und so weiter. Manchmal sind diese oberflächlich oder geschönt, zumeist sind sie aber heute recht detailliert. Da es sich in der Regel um mündliche Informationen handelt und diese in einer durch Stress und Aufregung gekennzeichneten Situation weitergegeben werden, werden viele innerhalb kürzester Zeit vergessen oder verdrängt. Dies hat zum einen zur Folge, dass die Adoptivkinder später nur wenig über ihre Vorgeschichte erfahren. Zum anderen führt es bei Adoptiveltern zu der Tendenz, die Vergangenheit ihrer Kinder zu rekonstruieren, um zum Beispiel bestimmte Verhaltensweisen zu erklären. Aufgrund des mangelhaften Wissensstandes werden dann oft die leiblichen Eltern und ihre Motive typisiert, kommt es zur Schwarz-Weiß-Malerei, wird die Vergangenheit als traurige Zeit entworfen. In Einzelfällen werden auch die Ursachen für Probleme mit dem Adoptivkind in seiner Vorgeschichte - selbst wenn diese nur wenige Wochen umfasste - oder in seinem Erbgut gesucht (Hoffmann-Riem 1984). Viele Adoptiveltern sind auch den leiblichen Eltern (insbesondere den Vätern) gegenüber negativ eingestellt (Sorosky/Baran/Pannor 1982; Knoll/Rehn 1984/85).

Zur Adoption freigegebene Kinder kommen manchmal in einem körperlichen und/oder psychischen Zustand in Adoptivfamilien, der eine besondere Betreuung notwendig werden lässt. Jungmann (1987) stellte bei der Analyse von 198 Akten über Adoptivkinder, die vor Vollendung des ersten Lebensjahres in West-Berliner Familien platziert wurden, fest, dass nur bei 74% der Kinder keine perinatalen Auffälligkeiten erfasst wurden (ansonsten: bei 14% Frühgeburten, bei 10% unter 2 500 g Geburtsgewicht, bei 6% intranatale Hypoxie [mangelnde Versorgung mit Sauerstoff]). Bei 24% der Kinder wurden weitere Auffälligkeiten innerhalb der ersten 12 Lebensmonate ermittelt (zum Beispiel bei 9% rezidivierende Bronchitis/Pneumonie, bei 8% angeborene Hüftgelenkluxation [Skelettmissbildung], bei 7% schwere Ernährungsstörungen, bei 6% motorische Entwicklungsverzögerung). Bei der medizinischen Adoptionseignungsuntersuchung waren dann jedoch 90% der Kinder ohne Befund. Napp-Peters (1978) stellte hingegen bei ihrer Studie fest, dass 144 von 1.362 deutschen Kindern zum Zeitpunkt der Freigabe zur Adoption unter körperlichen Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen sowie 167 unter psychischen Störungen litten.

Über die Eingewöhnungszeit von adoptierten Säuglingen und Kleinstkindern wird in der bearbeiteten Literatur nicht berichtet. Bei der Adoption älterer Kinder kommt es in dieser Phase jedoch häufig zu Problemen. Viele von ihnen haben traumatische Erfahrungen gemacht, leiden unter Deprivation, haben einen häufigen Wechsel von Betreuungspersonen erlebt und waren oft lange im Heim (Kadushin 1970; Plumez 1892; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Ebertz 1987). Vereinzelt möchten sie auch nicht adoptiert werden oder stehen einer Adoption ambivalent gegenüber (Kadushin 1970). Ältere Kinder kennen ihren Geburtsnamen, wissen von ihren leiblichen Eltern und Verwandten, fühlen sich häufig an diese gebunden und vermissen sie. Aber auch die Trennung von Pflegeeltern, Heimerziehern und Freunden fällt oft schwer. So bringen sie ihre Lebensgeschichte, ihre früheren Erfahrungen und die in anderen "settings" gelernten Verhaltensmuster in die Adoptivfamilie mit. Kadushin (1970) ermittelte, dass nur bei etwa der Hälfte der von ihm untersuchten 91 Fälle keine offenen Bindungen an die leiblichen Eltern mehr bestanden - ansonsten sprachen manche ältere Adoptivkinder positiv über dieselben, trauerten mehr oder weniger sichtbar um sie und benötigten noch viel Zeit für die Lösung der emotionalen Bande.

Manchen älteren Kindern fällt es schwer, sich in die Adoptivfamilie zu integrieren. Sie weinen, sind depressiv, ziehen sich zurück, streiten sich mit den Adoptiveltern oder laufen weg. Einige sind zunächst unsicher und misstrauisch, fürchten eine erneute Zurückweisung und testen durch auffällige Verhaltensweisen, ob sie wirklich als Person angenommen werden. Andere regredieren hingegen und verlangen nach der Nähe, Zuneigung, Liebe und Zärtlichkeit, die sie zuvor entbehren mussten (Kadushin 1970; Katz 1977; Sorosky/Baran/Pannor 1982). Viele ältere Kinder reagieren auch aufgrund neuer Verhaltensanforderungen und -normen verwirrt. Es fällt ihnen nicht leicht, sich an eine mittelschichtsorientierte Familienkultur anzupassen, Tischsitten zu erlernen, auf Schimpfworte zu verzichten, anderen Menschen gegenüber höflich zu sein (Kadushin 1970).

So überrascht es nicht, dass viele Adoptiveltern aufgrund dieser oder anderer Probleme (zum Beispiel Verhaltensstörungen) eine Beratungsstelle aufsuchen; dies geschah zum Beispiel in 68% der von der Amerikanerin Nelson (1985) untersuchten 257 Fällen. Dieselbe Forscherin stellte aber auch fest, dass diese Schwierigkeiten zumeist schnell an Bedeutung verlieren. So verbesserte sich beispielweise das Sozialverhalten rasch in 67% von 120 Fällen, in denen diesbezügliche Auffälligkeiten ermittelt wurden. In 78% der 144 Fälle, in denen die Schulleistungen unbefriedigend waren, kam es ebenfalls zu einer schnellen Besserung.

4. Das Leben in der Adoptivfamilie

Adoptivkinder scheinen sich in ihrer Familie wohl zu fühlen. Knoll und Rehn (1984/85) stellten bei ihrer Untersuchung über deutsche Adoptivfamilien fest, dass 37 Jugendliche mit der gesamten Zeit bei ihren Eltern sehr zufrieden, sieben zufrieden und sieben halb zufrieden waren; nur einer antwortete mit "unzufrieden". Auch schienen sie ein besseres Verhältnis zu ihren Eltern zu haben als gleichaltrige Jugendliche aus der Kontrollgruppe: So suchten sie zum Beispiel bei Problemen eher die Eltern auf. Generell verstanden sich 28 Adoptierte mit der Mutter sehr gut, 18 ziemlich gut und fünf ein wenig, während 22 ihr Verhältnis zum Vater als sehr gut, 22 als ziemlich gut, sechs als ein wenig gut und zwei als schlecht bezeichneten. Nur etwa 10% der Jugendlichen waren mit ihren Adoptiveltern tendenziell unzufrieden; knapp 20% fühlten sich nicht völlig wie ein leibliches Kind.

Die Beziehung zu Geschwistern aber etwas negativer beurteilt als von Jugendlichen der Kontrollgruppe. Auch waren diejenigen Adoptierten mit ihrer Situation tendenziell weniger zufrieden, die mit leiblichen Kindern der Adoptiveltern zusammen aufwuchsen. Seglow, Pringle und Wedge (1972) stellten jedoch bei einer größeren Stichprobe britischer Adoptivkinder fest, dass 80% ein gutes Verhältnis zu ihren Geschwistern hatten.

Keller-Thoma (1987) ermittelte bei der Befragung von 42 schweizerischen Adoptierten, dass sich 93% in Familie und Verwandtschaft (wie ein Kind) angenommen fühlten und ihre Beziehung zu den Adoptiveltern als gut bis sehr gut beurteilten. 57% würden nichts an der Erziehung ihrer Eltern ändern wollen; nur 10% kritisierten diese sehr. Auch erlebten es 48% der Adoptierten als nicht oder wenig schwer, sich von zu Hause abzulösen. Marquis und Detweiler (1985) ermittelten bei einer Vergleichsuntersuchung mit 46 amerikanischen Adoptierten im Alter von 13 bis 21 Jahren, dass diese ihre Eltern positiver als Gleichaltrige beurteilten.

Adoptierte haben nur gelegentlich das Gefühl, nicht richtig zur Familie zu gehören (Sorosky/Baran/Pannor 1982; Lindsay/McGarry 1984). Auch scheint die Eltern-Kind-Beziehung nur selten weniger tragfähig, belastbar, sicher und stabil zu sein als in biologischen Familien (Jungmann 1980b). Vereinzelt resultieren Probleme daraus, dass in einigen Fällen ein relativ großer Altersunterschied zwischen Adoptivkindern und ihren Eltern besteht; so finden zum Beispiel erstere manchmal nicht genug Verständnis für Pubertätskonflikte oder Identitätsprobleme (Sorosky/Baran/Pannor 1982). Manche Adoptierte sind auch damit unzufrieden, dass das Thema "Adoption" tabuisiert wird - beispielweise berichteten 10% der von Keller-Thoma (1987) befragten 42 schweizerischen Adoptierten, dass diese Thematik daheim totgeschwiegen wird; weitere 14% sprachen von Geheimnistuerei. In 43% der Fälle wurde im Beisein der Befragten auch außerhalb der Familie über die Adoption gesprochen. Vereinzelt greifen Adoptivkinder dieses Thema auch in Auseinandersetzungen mit ihren Eltern auf, um diese zu verletzen (Lindsay/McGarry 1984).

Auch die Adoptiveltern erleben in der Regel die Beziehung zu ihrem Kind positiv. So ermittelten zum Beispiel Knoll und Rehn (1984/85) bei der Befragung von 65 deutschen Adoptivfamilien, dass 60 Elternpaare ihr Verhältnis zum Adoptivkind wie das zu einem leiblichen Kind beschrieben. Viele berichteten von großen Ähnlichkeiten in der Wesensart, im Charakter oder im Verhalten zwischen sich und dem Adoptivkind. Auch nehmen Adoptiveltern viel Anteil am Leben ihrer Kinder und kümmern sich intensiv um sie. Das führt jedoch oft zu einer Überbehütung und Verwöhnung der Adoptivkinder, wodurch deren Individuation und Ablösung beeinträchtigt werden können (Seglow/Pringle/Wedge 1972; Jungmann 1980a; Hoopes 1982; Schneider/Rimmer 1984). Auch haben viele Adoptiveltern Schwierigkeiten, Regeln und Verbote aufzustellen und für deren Beachtung zu sorgen. So ist ihr Erziehungsstil weniger autoritär als derjenige leiblicher Eltern (Bohman 1980; Hoopes 1982; Sorosky/Baran/Pannor 1982). Adoptiveltern tendieren ferner zu einer Überforderung ihrer Kinder, insbesondere hinsichtlich der Schulleistungen. Sie stellen aber auch große Ansprüche an Ordnung, Gehorsam und Auftreten der Adoptivkinder (Seglow/Pringle/Wedge 1972; Bohman 1980; Schneider/Rimmer 1984).

5. Verhältnis zu den leiblichen Eltern

Die meisten Adoptivkinder haben nur sehr spärliche Informationen über ihre leiblichen Eltern, insbesondere über ihre Väter. Zumeist sind sie überhaupt nicht über ihre Großeltern, eventuell vorhandene Geschwister und andere Verwandte informiert. So sind sie in der Regel darauf angewiesen, ihre eigene Vorgeschichte zu rekonstruieren, wobei Phantasien, Vermutungen, Wünsche und Ängste eine große Rolle spielen (Dukette 1984; Hoffmann-Riem 1984; Jänsch/Nutzinger 1986; Ebertz 1987). Ältere Kinder und Jugendliche sind sich auch bewusst, dass die Adoptiveltern eine gewisse Informationspolitik betreiben. So stellten Jänsch und Nutzinger (1986: 473) bei einem Wochenendtreffen mit 13 deutschen Adoptierten im Alter von 14 bis 22 Jahren Folgendes über die Vermittlung von Herkunftswissen fest: "Interessant für uns war, dass einige Jugendliche überzeugt waren, immerhin hierüber alles zu wissen, was auch ihren Adoptiveltern bekannt ist, während einige andere glaubten, dass diese ihnen etwas verschweigen würden, und einige die unrichtige Vorstellung hatten, dass es gesetzlich verboten sei, hierüber etwas zu erfahren."

Die meisten Adoptivkinder waren hellhörig für Widersprüche in den Aussagen der Adoptiveltern und nahmen deren Einstellungen gegenüber den leiblichen Eltern mehr oder weniger bewusst wahr (ebd.). Von den befragten schweizerischen Adoptierten (Keller-Thoma 1987) beurteilten 57% die Haltung der Adoptiveltern ihrer Herkunft gegenüber als wohl wollend, 31% als gleichgültig und 5% als abwertend.

Generell ist ein großes Interesse von Adoptierten an ihrer Herkunft festzustellen, das sich manchmal schon im Alter von vier oder fünf Jahren zeigt und besonders stark in Pubertät und Jugendalter ausgeprägt ist, aber auch im frühen Erwachsenenalter und bei normativen beziehungsweise nichtnormativen Lebensereignissen auftritt (American Academy of Pediatrics. Commitee on Adoptions 1971; Triseliotis 1973; Hoffmann-Riem 1984; Plog 1984; Jänsch/Nutzinger 1986; Ebertz 1987; Keller-Thoma 1987). Knoll und Rehn (1984/85) stellten bei ihrer Untersuchung über 65 deutsche Adoptivfamilien fest, dass vier adoptierte Jugendliche sehr oft, sieben oft, 13 manchmal, 17 selten und 11 nie an die Zeit vor der Adoption dachten. Somit ist ihr Interesse sehr viel stärker, als viele Adoptiveltern meinen. Es wird zumeist aus Liebe zu ihnen nicht gezeigt, da die Adoptierten spüren, dass Fragen nach ihrer Herkunft Ängste und Besorgnis auslösen. Häufig soll auch nicht die von allen Seiten aufrechterhaltene Illusion zerstört werden, dass Adoptivkinder wie leibliche Kinder seien (Knoll/Rehn 1984/85; Plog 1984). Wird das Thema "Herkunft" doch einmal seitens der Adoptiveltern angesprochen, dann bricht oft zu deren Überraschung eine wahre Flut von Fragen und Gefühlen über sie herein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird deutlich, dass die Vorgeschichte ein wichtiger Bestandteil der Lebenswirklichkeit von Adoptivkindern ist - und von großer Bedeutung für deren Identitätsentwicklung und Persönlichkeitsintegration (American Academy of Pediatrics. Committee on Adoptions 1971; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Hoffmann-Riem 1984; Ebertz 1987). Manche Adoptierte suchen als Jugendliche oder junge Erwachsene nach weiteren Informationen über ihre Herkunft oder möchten ihre leiblichen Eltern kennen lernen, wobei sie jedoch ambivalente Gefühle diesbezüglich und Angst vor einer erneuten Ablehnung haben. Kommt es zu einem Zusammentreffen, entsteht aber nur selten eine engere Beziehung (Knoll/Rehn 1984/85; Stein/Hoopes 1985; Jänsch/Nutzinger 1986; Ebertz 1987; Keller-Thoma 1987; Textor 1990, 1992).

Adoptivkinder empfinden eher positive Gefühle für die leiblichen Mütter als für die Väter. So brachten 85% von 42 schweizerischen Adoptierten ihrer Mutter Wohlwollen und Verständnis entgegen - jedoch nur 64% gegenüber dem Vater. 12% machten der Mutter, 34% dem Vater Vorwürfe (Keller-Thoma 1987). Laut Knoll und Rehn (1984/85) hielten fünf Adoptierte die leibliche Mutter für sehr sympathisch, acht für eher sympathisch, neun für eher unsympathisch und vier für sehr unsympathisch; neun wählten eine neutrale Position. Zwei Adoptierte hielten den biologischen Vater für sehr sympathisch, fünf für eher sympathisch, sieben für eher unsympathisch und zehn für sehr unsympathisch; weitere zehn wählten die neutrale Position. Eine kleine Minderheit empfand aber auch der Mutter gegenüber Zorn, Unverständnis und Rachegefühle. In diesen Fällen erlebten die Adoptierten die Freigabeentscheidung wahrscheinlich besonders stark als narzisstische Kränkung und Zurückweisung (Roberts/Robie 1981; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Schneider/Rimmer 1984). So beurteilten nach Knoll und Rehn (1984/85) 12 von 46 Adoptierten deren Freigabeentscheidung als Zeichen fehlenden Interesses (an ihnen) und nur 12 als verantwortungsbewusst.

Aufgrund der mangelnden Informationen und des fehlenden persönlichen Kontaktes sind die leiblichen Eltern oft geheimnisumwittert, ranken sich positive und negative Phantasien um sie. Stein und Hoopes (1985) ermittelten, dass 70% von 50 amerikanischen Adoptierten im Alter von 15 bis 18 Jahren über die biologischen Eltern phantasierten. Laut Keller-Thoma (1987) beschäftigten sich 19% von 42 schweizerischen Adoptierten häufig in Vorstellungen und Phantasien mit der leiblichen Mutter und 12% mit dem Vater. In den Gedankengebilden können die Eltern zum Beispiel positiv als Adlige, als reiche, bezaubernde und junge Personen oder negativ als Prostituierte, Verbrecher oder psychisch Kranke dargestellt werden. Bei unbefriedigenden Familienverhältnissen erscheinen sie in der Vorstellung oft auch als Retter. So können Adoptivkinder gute und schlechte Eigenschaften jeweils verschiedenen Elternpaaren zuschreiben, die einen idealisieren und die anderen verdammen (Jungmann 1980a; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Bagley 1986; Jänsch/Nutzinger 1986). Vereinzelt treten Probleme auf, wenn sie sich dann mit derartig idealisierten leiblichen Eltern identifizieren und von den Adoptiveltern distanzieren (Huth 1980).

6. Kognitive und schulische Entwicklung der Adoptivkinder

Die meisten Untersuchungen über die Intelligenzentwicklung und schulischen Leistungen von Adoptivkindern kamen laut Jungmann (1980a) zu dem Ergebnis, dass sich diese kaum von anderen Kindern unterscheiden. Selbst bei einem problematischen biologischen Hintergrund könne die intellektuelle Entwicklung zumeist in durchschnittliche Bahnen gelenkt werden. Knoll und Rehn (1984/85) stellten bei ihrer Untersuchung über 65 deutsche Adoptivfamilien fest, dass fast ein Drittel der Kinder einmal eine Klasse wiederholt hatte und nur wenige ein Gymnasium besuchten. Generell waren 11 Adoptiveltern mit den schulischen Anstrengungen ihrer Kinder sehr zufrieden, 18 zufrieden, sieben unzufrieden und vier sehr unzufrieden, während 25 eine neutrale Position wählten. Die adoptierten Jugendlichen selbst berichteten jedoch keinesfalls häufiger als Gleichaltrige aus der Kontrollgruppe von Schulschwierigkeiten. Allerdings wurde im Gegensatz zu diesen eher von Problemen im Leistungsbereich als in den zwischenmenschlichen Beziehungen gesprochen. Jungmann (1987) berichtete, dass die Eltern der von ihm untersuchten 92 Berliner Adoptivkinder im Alter von neun bis 13 Jahren seltener Störungen im Leistungsverhalten nannten als die Eltern der Kontrollgruppe, aber etwas häufiger Klassenwiederholung und Konzentrationsstörungen.

Bohman (1980) ermittelte bei der Untersuchung über 168 schwedische Adoptivkinder im Alter von 10 bis 11 Jahren, dass 6% der Jungen und 5% der Mädchen eine Sonderschule besuchten, was dem landesüblichen Durchschnitt entsprach. Von ihren Noten her waren Adoptivkinder ansonsten in Schwedisch gleich gut wie ihre Klassenkameraden; in Mathematik lagen sie ein wenig unter dem Niveau ihrer Mitschüler. Eine Nachuntersuchung (Bohman/Sigvardsson 1980) zum Zeitpunkt, als die Kinder das 15. Lebensjahr erreicht hatten, ergab, dass Jungen signifikant niedrigere Durchschnittsnoten als ihre Klassenkameraden in Mathematik und Englisch hatten; in Schwedisch, Sozialkunde ("civics") und Werken ("handicraft") gab es keine Unterschiede. Adoptierte Mädchen hatten nur in Englisch signifikant schlechtere Noten. Jedoch waren die Unterschiede zur Kontrollgruppe bei beiden Untersuchungen sehr klein.

Nach der repräsentativen Studie von Seglow, Pringle und Wedge (1972) über britische Adoptivkinder im Alter von etwa sieben Jahren wurden deren Sprachfertigkeiten von den Lehrern in 37% der Fälle als überdurchschnittlich bezeichnet. Ihre Leistungen in Lesen und Rechnen sowie ihre kreativen Fähigkeiten wurden als durchschnittlich beurteilt. Nach dem "Southgate Test" lagen die Lesefertigkeiten der Adoptivkinder jedoch über dem Durchschnitt, wobei Jungen besser als Mädchen abschnitten. Die Lehrer waren auch der Meinung, dass die Adoptivkinder besser über das Weltgeschehen um sie herum informiert wären als ihre Klassenkameraden. Kein Kind war für die Sonderschule vorgesehen. Eine Nachuntersuchung (Lambert/Streather 1980) über dieselbe Gruppe von Adoptivkindern, die nun im 11. Lebensjahr waren, ergab, dass sie in Lesen weiterhin über dem Durchschnitt lagen und in Mathematik durchschnittliche Leistungen erbrachten. Generell verschlechterten sich die Schulleistungen adoptierter Jungen in den vier Jahren nach der ersten Studie.

7. Sozialverhalten der Adoptivkinder

Laut Jungmanns (1980a) Literaturstudie wurden bei den meisten Untersuchungen über die Entwicklung des sozialen Verhaltens von Adoptivkindern keine signifikanten Unterschiede im Vergleich zu leiblichen Kindern ermittelt, was sowohl für die Auswertung von Persönlichkeitsfragebögen und projektiven Tests als auch für Befragungen gelte. Nur bei adoptierten Jungen seien vereinzelt Tendenzen in Richtung auf Feindseligkeit gegenüber Mitschülern, niedriger Status in der Gruppe, häufigere interpersonale Konflikte, Rückzug von anderen, größere Ängstlichkeit, Empfindlichkeit gegen Kritik und stärkere Abhängigkeit von der Anerkennung durch andere festgestellt worden. Bei seiner eigenen Untersuchung über 92 Berliner Adoptivkinder im Altern von neun bis 13 Jahren ermittelte Jungmann (1987), dass die Adoptiveltern weniger als halb so oft wie die Eltern der Kontrollgruppe von Verhaltensstörungen ihrer Kinder gegenüber Erwachsenen und anderen Kindern berichteten (13% in der Vorschul- beziehungsweise 8% in der Schulzeit versus 18 bis 20%). Nur Aggressivität wurde häufiger als Problem genannt. Mehr Auffälligkeiten im Sozialverhalten wurden bei höherem Alter der Eltern (insbesondere der Mütter), bei höherer Schichtzugehörigkeit der Eltern, bei erlebter Ehescheidung und bei besonders hohen Leistungserwartungen genannt; ein Einfluss der erfassten Angaben über die Herkunftsfamilie, der Dauer von Heimaufenthalten, des Platzierungsalters und des Zeitpunkts der Aufklärung über die Adoption war nicht zu ermitteln. Knoll und Rehn (1984/85) ermittelten bei ihrer Untersuchung über deutsche Adoptierte, dass sie keine nennenswerten Probleme in ihrem Verhältnis zu Mitschülern hatten, und bezeichneten ihre soziale Integration als geglückt. Signifikante Unterschiede zur Kontrollgruppe wurden nicht entdeckt. Keller-Thoma (1987) erfuhr bei ihrer Befragung von schweizerischen Adoptierten, dass 88% als Kind gute Freunde hatten und 7% Außenseiter waren.

Bohmans (1980) Untersuchung über 168 schwedische Adoptivkinder im Alter von etwa zehn Jahren ergab, dass es laut dem Urteil ihrer Lehrer keine signifikanten Unterschiede zwischen ihnen und ihren Mitschülern hinsichtlich ihrer Aktivität (gilt nur für adoptierte Mädchen), ihrer Ordentlichkeit, ihrer Neigung zu Konflikten mit Klassenkameraden (gilt nur für Mädchen) und Lehrern, ihres Status im Klassenverband, ihrer Zuverlässigkeit und ihrer Bereitschaft gab, initiativ tätig zu werden. Signifikante Ergebnisse wurden nur für Adoptivjungen ermittelt, die als unruhiger und als eher zu Konflikten mit anderen Schülern bereit bezeichnet wurden. Bei der Nachuntersuchung (Bohman/Sigvardsson 1980) - die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt - sahen Lehrer jedoch keinerlei Unterschiede mehr zwischen deren Verhalten und dem ihrer Mitschüler.

Auch britische Forschungsarbeiten (Seglow/Pringle/Wedge 1972; Lambert/Streather 1980) ergaben, dass Lehrer nur minimale Unterschiede zwischen dem Sozialverhalten von Adoptivkindern und dem ihrer Mitschüler fanden und ebenfalls Adoptivjungen etwas schlechter beurteilten als adoptierte Mädchen. Die soziale Anpassung dieser Kinder wurde etwas positiver gesehen, als sie sieben Jahre alt waren, als bei der Nachuntersuchung, bei der sie das 11. Lebensjahr erreicht hatten. Eine amerikanische Studie (Festinger 1986) über 130 adoptierte und 130 nichtadoptierte Kinder kam zu dem Ergebnis, dass Adoptivkinder von ihren Müttern in ihrem Sozialverhalten als weniger kompetent beurteilt wurden. In Kadushins (1970) Untersuchung über ältere Adoptivkinder wurde deren generelle Beziehungsfähigkeit in 21 Fällen als gut, in 51 als befriedigend, in 17 als zweifelhaft und in zwei als schlecht eingestuft. Eindeutige Aussagen über das Sozialverhalten von Adoptivkindern lassen sich anhand dieser Forschungsergebnisse also nicht machen.

8. Persönlichkeitsentwicklung und Haltung der Adoptivkinder zur Adoption

Über die Persönlichkeitsentwicklung von Adoptivkindern liegen widersprüchliche wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Beispielsweise berichteten Seglow, Pringle und Wedge (1972), dass sich die bei ihrer repräsentativen Vergleichsuntersuchung erfassten 145 britischen Adoptivkinder im Alter von sieben Jahren laut Eltern- und Lehrerurteil so gut wie der nationale Durchschnitt oder sogar besser entwickeln würden und zu 82% sozial angepasst seien. Auch die von Hoopes (1982) untersuchten 260 amerikanischen Adoptivkinder im Alter von fünf Jahren wurden von ihren Eltern sehr positiv beurteilt. Allerdings stellten die Mitarbeiter von Hoopes bei Hausbesuchen fest, dass sie bei der Durchführung vorgegebener Aufgaben etwas ängstlicher, unwilliger, unkonzentrierter und gehemmter sowie weniger selbstsicher und durchsetzungskräftig als Kinder aus der Kontrollgruppe waren. Marquis und Detweiler (1985) ermittelten bei einer Vergleichsuntersuchung, dass die erfassten 46 amerikanischen Adoptierten im Alter von 13 bis 21 Jahren mehr Selbstvertrauen und innere Kontrolle zeigten, sich eher als Lenker ihres Schicksals sahen, sich mehr auf ihr eigenes Urteil verließen und andere Menschen positiver beurteilten.

Jedoch gibt es auch viele Fachleute, die von großen Minderwertigkeitsgefühlen, geringer Selbstachtung und mangelndem Selbstbewusstsein bei Adoptivkindern berichteten (Roberts/Robie 1981; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Ebertz 1987), auf etwas niedrigere schulische und berufliche Ziele verwiesen (Stein/Hoopes 1985) oder eine leicht verzögerte Entwicklung hinsichtlich normativer Lebensereignisse feststellten (Knoll/Rehn 1984/85). Manche Fachleute berichten von Identitätsstörungen und der Ausbildung einer negativen Identität bei Adoptivkindern, insbesondere während der Pubertät beziehungsweise Adoleszenz. Viele hätten das Gefühl, nirgendwo wirklich hinzugehören, würden sich andersartig und unvollkommen erleben (Mackie 1982; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Brodzinsky et al. 1984; Lindsay/McGarry 1984; Ebertz 1987).

Als mögliche Gründe für diese Identitätsprobleme gelten zum Beispiel die fehlende biologische Bande und genealogische Verankerung, die mangelnde lebensgeschichtliche Kontinuität, der Informationsmangel über die Zeit vor der Adoption, die weniger stark ausgeprägten Zusammengehörigkeitsgefühle, Ängste wegen des Erbguts und die Schwierigkeit, zwei Genealogien in einer Identität zu integrieren. Andere Gründe mögen das Stigma der unehelichen Geburt, Störungen in den frühkindlichen Objektbeziehungen und Komplikationen bei der Lösung des Ödipuskonflikts sein. Zudem würden manche Adoptierte glauben, dass niemand sie als Kind haben wollte, dass sie unerwünscht waren und abgelehnt wurden (Sorosky/Baran/Pannor 1982; Jungmann 1980a; Mackie 1982; Ebertz 1987).

Auch die doppelte Elternschaft mag Identitätskonflikte verursachen (Brodzinsky et al. 1984). So schreibt Aselmeier-Ihrig (1984: 239): "Für Adoptivkinder liegt in der Existenz zweier Elternpaare ein Risiko für das Gelingen der Identitätsbildung. Gerade das undeutliche Vorhandensein eines Elternpaares, das in der Phantasie des Kindes gewünschte, abgelehnte, vage oder fest umrissene Züge annehmen mag, kann die Entwicklung des Ich-Gefühls über den Weg der Identifizierung mit dem elterlichen Vorbild erschweren."

Beispielweise haben Adoptivkinder die Möglichkeit, sich entweder mit den realen Adoptiveltern oder mit den in ihrer Phantasie ausgestalteten leiblichen Eltern zu identifizieren, mögen sie eine negative Identität aufgrund der Identifikation mit den "schlechten" biologischen Eltern entwickeln, kann es in ihrem Inneren zur Teilung zwischen einer Welt der Realität und der Phantasie oder zu deren Vermischung kommen (Huth 1980).

Ebertz (1987), die zehn deutsche Adoptierte im Alter von 18 bis 30 Jahren befragte, konzeptualisierte deren Identitätsprobleme in Anlehnung an Festingers "Theorie der kognitiven Dissonanz" als Dissonanzerfahrungen, das heißt als einander widersprechende Elemente oder Aspekte von Vorstellungen über sich selbst. Dissonanzen, die letztlich auf einen Konflikt zwischen Adoptivstatus und familialem Normalitätsmuster zurückgeführt werden können, werden zumeist durch soziale Ausgrenzung, Diskriminierung, Zuschreibung oder Verleumdung seitens von Nachbarn, Bekannten, Freunden und Verwandten erzeugt. Sie sind je nach der Häufigkeit und Stärke negativer Umweltreaktionen - von unterschiedlicher Intensität. Adoptivkinder erleben diese Dissonanzen als psychisch unangenehm und setzen verschiedene Strategien zu deren Reduktion ein. Ebertz (1987: 143 f.) schreibt: "Adoptierte mit eher 'schwach' einzuschätzenden Dissonanzen versuchen, diese vor allem durch Hinzufügen neuer kognitiver Elemente im Sinne einer Normalisierung und Angleichung an Kernbestandteile des familialen Normalitätsmusters zu reduzieren. Adoptierte mit 'stark' bis 'sehr stark' eingestuften Dissonanzen folgen ebenfalls der oben genannten Strategie. Da sie jedoch aufgrund der hohen psychischen Belastung bestrebt sind, die bestehenden Dissonanzen zu beseitigen, lassen sich bei ihnen auch aufwendigere Reduktionsformen, nämlich durch die Veränderung eines oder mehrerer kognitiver Elemente der Umwelt oder sogar des eigenen Verhaltens beziehungsweise Status beobachten."

So werden zum Beispiel Personen, die einen Adoptierten diskriminieren oder verleumden, zur Rede gestellt oder gemieden. Manche Adoptierte wechseln auch den Wohnsitz und verschweigen in der neuen Umgebung ihren Adoptivstatus, während einige im Extremfall ihre leiblichen Eltern suchen, zu ihnen ziehen und somit den "normalen" Status eines leiblichen Kindes annehmen. Nach Ebertz (ebenda) gelingt es aber nicht allen, die bestehenden Dissonanzen zu reduzieren und ihre Identität zu stabilisieren, sodass die Adoption zu einem psychisches Unbehagen erzeugendes Dauerproblem wird.

Bei einigen anderen Untersuchungen wurden jedoch keine Identitätskonflikte bei Adoptierten ermittelt (Aumend/Barrett 1984; Triseliotis 1984; Pierce 1986). Knoll und Rehn (1984/85: 115) stellten bei ihrer Untersuchung von 65 deutschen Adoptivfamilien über das Selbstbild der Adoptierten Folgendes fest: "Das Gesamtergebnis beim Vergleich des beschriebenen Selbstkonzepts fügt sich in die Reihe der bisher genannten Ergebnisse ein und überrascht nicht: die adoptierten Jugendlichen hatten in Bezug zur Kontrollgruppe der nichtadoptierten Jugendlichen fast auf allen Faktoren identische Werte."

Sie schnitten sogar teilweise noch besser ab. Stein und Hoopes (1985) ermittelten bei ihrer Vergleichsuntersuchung mit 50 amerikanischen Adoptierten im Alter von 15 bis 18 Jahren, bei der sie verschiedene Testverfahren einsetzten, ebenfalls keine negativeren Werte für Adoptivkinder. Diese erzielten sogar ein besseres Ergebnis auf der "Tan Ego Identity Scale". Stein und Hoopes versuchen, die negativen Befunde anderer Fachleute damit zu erklären, dass diese zumeist von Psychotherapeuten und Psychiatern an klinischen Stichproben gewonnen wurden oder auf der Befragung Freiwilliger beruhten, unter denen unter Umständen unzufriedene oder psychisch gestörte Adoptierte stärker vertreten sind. Allgemein akzeptiert dürfte aber sein, dass die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung von Adoptivkindern positiver verläuft, wenn sie möglichst jung adoptiert und frühzeitig über ihren Status aufgeklärt wurden, wenn die Adoptiveltern eine akzeptierende Haltung zu ihrer Vorgeschichte einnehmen, wenn über die Adoption offen diskutiert werden kann und wenn die Eltern-Kind-Beziehung gut ist (Sorosky/Baran/Pannor 1982; Knoll/Rehn 1984/85; Stein/Hoopes 1985; Ebertz 1987).

Selbstverständlich ist das Faktum der Adoption von großer Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung der betroffenen Kinder. Heute werden die meisten Adoptivkinder bereits im Kleinkindalter über ihren Sonderstatus aufgeklärt - wobei diese Situation für viele Adoptiveltern angsterzeugend ist. Generell scheinen wohl nur wenige auf die Aufklärung über ihren Status mit Angst, Verwirrung oder Schock zu reagieren (Seglow/Pringle/Wedge 1972; Aumend/Barrett 1984; Knoll/Rehn 1984/85). Jedoch muss man ihr Alter zu diesem Zeitpunkt beachten - erst Kinder im Alter von acht bis 12 Jahren verstehen, was Adoption wirklich meint (Farber 1977; Lindsay/McGarry 1984; Brodzinsky/Schechter/Brodzinsky 1986). Der Umgang mit dem Adoptivstatus ist dann einerseits von den Reaktionen, Vorurteilen, Stereotypen und Zuschreibungen der Umwelt abhängig, die auch im Zusammenhang mit einer gewissen Neugier und Faszination seitens der Gesellschaft stehen (Huth 1980; Triseliotis 1984; Ebertz 1987). 15 von 53 adoptierten Jugendlichen hatten laut der Untersuchung von Knoll und Rehn (1984/85) schon Situationen erlebt, in denen sie sich gewünscht hatten, kein Adoptivkind zu sein. Auch sprachen zwei von 13 Adoptierten im Alter von 14 bis 22 Jahren, die an einer von Jänsch und Nutzinger (1986) organisierten Wochenendveranstaltung teilnahmen, von negativen Umweltreaktionen. Andererseits ist der Umgang mit dem Adoptivstatus abhängig von der eigenen Definition (Triseliotis 1984; Ebertz 1987). Ebertz (1987: 147) stellte bei der Befragung von zehn Adoptierten im Alter von 18 bis 30 Jahren fest, dass sie zur Ablehnung von Unterschieden zwischen Adoptiv- und biologischen Familien tendierten: "Es konnte gezeigt werden, dass sich die befragten Adoptierten am gesellschaftlich dominanten Normalitätsmuster von Familie orientieren. Sie sind bemüht, sich im Vergleich mit anderen in eine Familie Hineingeborenen als normal darzustellen."

Die Haltung der meisten Adoptierten zur Adoption scheint generell positiv zu sein. So zeigten 90% von 42 schweizerischen Adoptierten eine positive Einstellung; 93% würden grundsätzlich selbst ein Kind adoptieren. Zudem war für 62% der Befragten die Adoption keine und für 31% nur zeitweise eine Belastung; 48% waren sogar stolz auf ihr Adoptiertsein (Keller-Thoma 1987). Auch 32 von 52 deutschen Adoptierten belastete das Bewusstsein, ein Adoptivkind zu sein, überhaupt nicht, weitere sieben nur wenig und zehn etwas. 45 wären bereit, später selbst ein Kind zu adoptieren (Knoll/Rehn 1984/85). Laut einer amerikanischen Vergleichsuntersuchung (Stein/Hoopes 1985) mit 50 Adoptierten im Alter von 15 bis 18 Jahren erlebten die meisten keine negativen Auswirkungen des Adoptivstatus auf den Familienbereich (98%), den Freundeskreis (94%), die soziale Sphäre (98%) und die Selbstachtung (88%); einige berichteten sogar, dass die Adoption ihre Selbstwertgefühle vergrößern würde. Mit Ausnahme von zwei Adoptierten fühlten sie sich nicht anders als andere Jugendliche.

9. Psychische Probleme und Verhaltensstörungen der Adoptivkinder

Relativ viele wissenschaftliche Untersuchungen gingen der Frage nach, ob Adoptivkinder häufiger unter psychischen Problemen und Verhaltensstörungen leiden als der Durchschnitt der Bevölkerung. Beispielsweise ermittelten Knoll und Rehn (1984/85), dass mehr als ein Drittel der von ihnen befragten 65 deutschen Elternpaare im Zeitraum vor der Untersuchung keine auffälligen Verhaltensweisen ihrer Adoptivkinder (Jugendliche) feststellten. 17 berichteten jedoch von Schulschwierigkeiten, 13 von dem Bestreben ihrer Kinder, oft im Mittelpunkt stehen zu wollen, 13 von mangelnder Ausdauer und 12 von Konzentrationsstörungen. Jungmann (1987) stellte fest, dass 81% der Adoptiveltern gegenüber 66% der Eltern der Vergleichsgruppe keine emotionalen Belastungen oder Auffälligkeiten in der Stimmungslage bei den von ihm untersuchten 92 Berliner Adoptivkindern (neun bis 13 Jahre) nannten. Sie berichteten nur vereinzelt von motorischer Unruhe, Aggressivität sowie von Schlaf-, Eß- und Konzentrationsstörungen. Eine andere deutsche Untersuchung über 56 Adoptivkinder im Alter von drei bis zehn Jahren (Röthlein 1984) ergab, dass von den Eltern bei 22% Störungen im Sozialverhalten (zum Beispiel Scheu, anklammerndes Verhalten, Aggressivität), bei 15% Leistungsstörungen (zum Beispiel mangelnde Konzentration oder Ausdauer) und bei 5% psychosomatische Beschwerden bemerkt wurden. Jedoch wäre das abweichende Verhalten nicht besonders stark ausgeprägt und würde eher selten auftreten.

Seglow, Pringle und Wedge (1972) ermittelten bei ihrer repräsentativen Untersuchung über britische Adoptivkinder im Grundschulalter, dass (nach den "Bristol Social Adjustment Guides") 17% gegenüber durchschnittlich 13% von ihren Lehrern als "unangepasst" beurteilt wurden. Dabei schnitten männliche Adoptivkinder sehr viel schlechter (25% gegenüber durchschnittlich 17%) und weibliche besser (6% gegenüber durchschnittlich 10%) als ihre Mitschüler ab. Die genannten Wissenschaftler stellten auch fest, dass männliche Adoptivkinder aus Mittelschichtsfamilien eher als unangepasst bezeichnet wurden als solche aus Arbeiterfamilien - in der gesamten nationalen Stichprobe herrschte jedoch der entgegengesetzte Trend vor. Generell wurden Kinder, die in einem höheren Lebensalter adoptiert wurden, schlechter beurteilt.

Bohman (1980) stellte bei seiner Untersuchung über 168 schwedische Adoptivkinder im Alter von zehn bis 11 Jahren fest, dass vor allem Jungen im Lehrerurteil sehr viel schlechter als Gleichaltrige aus der Kontrollgruppe abschnitten. So wiesen 22% der Adoptivjungen Anpassungsprobleme und 35% mäßige Symptome auf im Vergleich zu 12% beziehungsweise 18% der Kontrollgruppe. Laut Lehrerurteil litten 11% der weiblichen Adoptivkinder gegenüber durchschnittlich 5% unter Anpassungsproblemen - dieses Ergebnis war jedoch nicht signifikant. Vor allem wurden gestörte Beziehungen zu Gleichaltrigen, Unruhe und Aggressivität beobachtet. Interessant ist, dass Adoptiveltern bei dieser Untersuchung bedeutend weniger Symptome als Lehrer angaben und dass in nur 30% der Fälle bei männlichen und in 12% der Fälle bei weiblichen Adoptivkindern Übereinstimmung zwischen Eltern und Lehrern bezüglich der Symptome herrschte. Bohman folgerte, dass diese die Kinder verschieden wahrnahmen, da sie sie in unterschiedlichen Situationen erlebten, und dass viele Adoptiveltern die Probleme ihrer Kinder zu bagatellisieren schienen. Er erklärte die Überrepräsentation von Verhaltensstörungen bei (männlichen) Adoptivkindern mit der Unsicherheit und Ambivalenz der Adoptiveltern, ihren psychischen Problemen, ihren zu hohen und die Kinder überfordernden Erwartungen sowie mit ihrer Einstellung zur Adoption als einem Mittel zur Lösung des Problems der Kinderlosigkeit. Bei einer Nachuntersuchung mit derselben Stichprobe - zu diesem Zeitpunkt waren die Adoptierten 15 Jahre alt - kamen Bohman und Sigvardsson (1980) jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis: Nur 4,5% der männlichen und 1,4% der weiblichen Adoptivkinder wurden als unangepasst beurteilt - im Vergleich zu 5,8% beziehungsweise 2,9% der Kontrollgruppe. Nur drei von ehemals 27 Problemkindern waren noch verhaltensauffällig.

Lindholm und Touliatos (1980) ließen das Verhalten von 3.032 amerikanischen Kindern, unter denen sich 41 Adoptivkinder befanden, von deren Lehrern anhand der "Quay's Behavior Problem Checklist" beurteilen. Sie stellten fest, dass bei Adoptivkindern (insbesondere bei Jungen) nur "conduct problems" signifikant häufiger waren. Brodzinsky und Mitarbeiter (1984) verglichen 130 adoptierte Kinder im Alter von sechs bis 11 Jahren mit 130 nichtadoptierten, wozu sie standardisierte Fragebögen von deren Müttern und Lehrern ausfüllen ließen. Männliche Adoptierte wurden im Vergleich zur Kontrollgruppe als etwas unangepasster, verschlossener und aggressiver sowie als eher hyperaktiv und "delinquent" beurteilt, weibliche als depressiver, zurückgezogener, aggressiver und unangepasster sowie häufiger als hyperaktiv. Im Gegensatz zu anderen Untersuchungen zeigten Mädchen eine größere Spannbreite von Verhaltensstörungen und Anpassungsschwierigkeiten als männliche Adoptierte. Trotz der schlechteren Beurteilung ihres Verhaltens hielten sich jedoch alle Abweichungen im normalen Rahmen.

Überblickt man diese Untersuchungen, denen nichtklinische Stichproben von Adoptierten zugrunde lagen, so lässt sich nicht eindeutig sagen, ob Adoptivkinder mehr als Gleichaltrige unter psychischen Problemen und Verhaltensstörungen leiden oder ob die Abweichungen vom Durchschnitt nur minimal und unbedeutend sind. Ähnliches gilt für Untersuchungen mit klinischen Stichproben. Huth (1978) stellte eine Übersicht über 12 Studien aus den Jahren 1953 bis 1966 zusammen, die sich auf 13.903 Kinder bezogen, die in verschiedenen Ländern an Erziehungsberatungsstellen, Polikliniken und anderen Einrichtungen psychologisch oder psychiatrisch betreut wurden. Der Anteil der Adoptierten an diesen Stichproben lag zwischen 1,5% und 13,3% beziehungsweise im Durchschnitt um 7%. Damit war er etwa doppelt so hoch, wie anhand des prozentualen Anteils von Adoptivkindern an der Bevölkerung zu erwarten war. Zu einem ähnlichen Resultat kam auch Jungmann (1980a), der ebenfalls 12 Studien auswertete. Diese Forschungsergebnisse lassen sich aber auch dadurch erklären, dass Adoptivkinder in der Regel in Mittelschichtsfamilien aufwachsen und diese überproportional unter den Klienten von Erziehungsberatungsstellen, Polikliniken und ähnlichen Einrichtungen vertreten sind, dass Adoptiveltern eventuell unsicherer und ängstlicher als andere Eltern sind und deshalb eher zum Besuch derartiger Institutionen tendieren oder dass die Tatsache der Adoption unter Umständen Eltern eher zur Konsultation eines Therapeuten veranlasst (Seglow/Pringle/Wedge 1972; Huth 1978; Jungmann 1980a, 1987).

Jungmann (1980b) führte eine Untersuchung an der Abteilung für Psychiatrie und Neurologie des Kindes- und Jugendalters des Universitätsklinikums Charlottenburg durch, wobei er die Unterlagen über 2.210 zwischen 1976 und 1978 vorgestellte Kinder und Jugendliche auswertete. Er ermittelte, dass Adoptivkinder nicht überrepräsentiert waren und dass sie etwas häufiger wegen Störungen im Sozialverhalten vorgestellt wurden. Auch wurde häufiger als sonst keine psychiatrische Diagnose gestellt, was unter anderem an Folgendem lag: "Bei 10 Patienten teilten die Untersucher den Eindruck mit, dass die Eltern die Störungen oder Auffälligkeiten ihres Kindes agravierten" (Jungmann 1980b: 227). Zudem wurde bei neun von insgesamt 28 Fällen ein Bestreben der Adoptiveltern vermerkt, die Kinder aus ihrer Familie auszustoßen.

Brinich (nach Curtis 1986) stellte bei einer im Jahr 1982 veröffentlichten Untersuchung über 5.135 psychiatrische Patienten (nur Erwachsene) in Kalifornien fest, dass Adoptierte unterrepräsentiert waren und dass es hinsichtlich der Krankheitsbilder keine signifikanten Unterschiede gab. Bohman und von Knorring (1979), die 2.118 schwedische Adoptierte (nur Erwachsene) anhand von Krankenversicherungsunterlagen studierten und mit einer gleichartigen Kontrollgruppe verglichen, ermittelten jedoch, dass 19,1% der Adoptierten gegenüber 12,8% der Vergleichsgruppe mindestens zwei Wochen mit einer psychiatrischen Diagnose krankgeschrieben waren, wobei Suchtkrankheiten und Persönlichkeitsstörungen überrepräsentiert waren. Andere Untersuchungen sprachen von einem Vorherrschen von Charakter-, Verhaltens- und sozialen Störungen - neurotische Probleme, Depressionen und Phobien traten hingegen unterdurchschnittlich oft auf (Huth 1978; Jungmann 1980a; Mackie 1982).

Somit führen auch Untersuchungen mit klinischen Stichproben zu keinen eindeutigen Ergebnissen. In den Forschungsberichten, nach denen Adoptierte im überdurchschnittlichen Maße unter psychischen und Verhaltensstörungen leiden, wurden verschiedene Ursachen für dieses Ergebnis genannt wie beispielweise gestörte frühkindliche Beziehungen, späte Adoption, traumatische oder späte Aufklärung über den Adoptivstatus, Tabuisierung der Adoption, psychische Erkrankung der Adoptiveltern (insbesondere der Mütter), konfliktreiche Ehebeziehungen beziehungsweise Ehescheidung, Überforderung, Überbehütung, starke Kontrolle, Erziehungsunsicherheit, kein Setzen von Grenzen oder Zurückweisung (Huth 1978; Jungmann 1980b, 1987; Sorosky/Baran/Pannor 1982; Brodzinsky et al. 1984; Röthlein 1984).

10. Ausblick

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Entwicklung von Adoptivkindern in der Regel nicht wesentlich schlechter verläuft als die anderer Kinder. Bei Vergleichsuntersuchungen wurden Abweichungen vom Durchschnitt sowohl in den negativen als auch in den positiven Bereich hinein festgestellt. Für eine generell eher als normal zu bewertende Entwicklung spricht, dass laut einer Auswertung von 21 Untersuchungen über 3.636 Adoptivkinder (Kadushin 1970; Jungmann 1980a) etwa 85% der Adoptiveltern die Adoption als einen Erfolg bezeichneten beziehungsweise mit der Entwicklung ihrer Kinder zufrieden waren. Dieses Ergebnis wurde durch neuere Untersuchungen bestätigt (siehe zum Beispiel Knoll/Rehn 1984/85; Jungmann 1987; Perrez et al. 1989). Aber auch hier stellt sich die Frage, inwieweit diese Forschungsergebnisse verlässlich sind, da alle Stichproben nicht repräsentativ waren. So besteht beispielsweise die Möglichkeit, dass Eltern mit adoptierten Kindern, die stark verhaltensauffällig sind oder in einem Kinderheim untergebracht wurden, aus Scham an diesen Befragungen nicht teilgenommen haben.

Abschließend ist festzuhalten, dass weitere wissenschaftliche Untersuchungen über Adoptivfamilien und -kinder notwendig sind. Dabei sollte versucht werden, möglichst große und repräsentative Stichproben auszuwählen und diese mit Kontrollgruppen aus Familien mit leiblichen Kindern zu vergleichen. Besonders sinnvoll wären Längsschnittuntersuchungen, damit die Entwicklung der ausgewählten Adoptivfamilien und -kinder über einen längeren Zeitraum hinweg verfolgt werden kann.

Literatur

siehe Gesamtliteraturverzeichnis des Buches