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und Dr. Martin R. Textor




Familienwandern

Martin R. Textor

 

Durch das Wandern und Bergsteigen wird Kindern und Jugendlichen ein neuer Erlebnis- und Erfahrungsraum eröffnet. Bei entsprechenden Freiräumen können sie hier ihren Tatendrang, ihre Unternehmungslust, ihren Spieltrieb und ihren Bewegungsdrang voll ausleben, ihre Kräfte, ihre Ausdauer und Geschicklichkeit aneinander messen sowie Befriedigung durch körperliche Leistung erfahren. Wandern, Geländespiele, Schnitzeljagd, Fahrrad- oder Bootswanderungen, Naturerlebnisspiele und Nachtwanderungen fördern die motorische und kognitive Entwicklung der Kinder. Die Kinder lernen sich selbst besser kennen - ihre Stärken und Schwächen, ihre Kräfte, ihre Leistungsfähigkeit und ihr Durchhaltevermögen. Aber auch die Fantasie wird durch die Landschaft angeregt, wozu Märchen oder Geschichten noch beitragen können.

Zugleich machen die Kinder neue Naturerfahrungen und -beobachtungen. Insbesondere bei naturkundlichen Wanderungen, bei Vogelstimmenwanderungen, Bestimmungsspielen oder angeleiteten Aktivitäten wie z.B. der Untersuchung der Humusschicht lernen sie viel über Pflanzen und Tiere. Aber auch bei "ganz normalen" Wanderungen und Bergtouren entdecken Kinder neue Pflanzen und Blumen, beobachten Tiere und Vögel, erkunden Seen, Tümpel, Moore und Bäche. Sie entwickeln Liebe zur Heimat und Natur, erkennen die Notwendigkeit einer ganzheitlichen, naturnahen und gesunden Lebensweise und setzen sich für den Umweltschutz ein.

Für die soziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ist förderlich, wenn Wanderungen und Bergtouren zusammen mit anderen Familien erfolgen. Kontakte mit Gleichaltrigen, jüngeren und älteren Kindern vermitteln neue Erfahrungen, erweitern das Spektrum sozialer Fertigkeiten und führen manchmal zu neuen Freundschaften. Zugleich lernen Kinder, auf kleinere oder schwächere Personen Rücksicht zu nehmen. Die anderen Erwachsenen wirken als Vorbilder, Rollenmodelle und gelegentlich auch als ausgleichendes Element in der Beziehung zu den Eltern. Das Zusammenleben mit anderen Familien bei Familienfreizeiten in Wanderheimen, Jugendherbergen, Zeltlagern oder Berghütten, das Grillen oder gemeinsame Singen am Lagerfeuer sind für Kinder nicht nur Abenteuer, sondern führen auch zu neuen zwischenmenschlichen Erfahrungen, einer Reduzierung des Anspruchsdenkens und größerer Hilfsbereitschaft.

Vom Wandern und Bergsteigen in einer Familiengruppe profitieren jedoch nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen. Die Familienmitglieder sind stunden- bzw. tagelang zusammen in Situationen, wo sie sich nicht zurückziehen und eigenen Interessen nachgehen können. Vielmehr unternehmen sie gemeinsam etwas, können sie sich in Ruhe miteinander unterhalten und anstehende Fragen klären. Die gemeinsamen Erlebnisse, die aus der körperlichen Aktivität resultierenden Befriedigungen und die intensive Kommunikation lassen die Familienmitglieder zusammenwachsen und stärken die Familienbande. Insbesondere Väter werden stärker in die Familie und Kindererziehung eingebunden - wozu Angebote wie Vater-Kind-Wanderungen besonders beitragen können. Ihre Wirkung als Rollenmodell wird größer.

Beim Wandern, Bergsteigen oder anderen Aktivitäten (Basteln, Musizieren, Theaterspielen, Kochen, Feiern) im Rahmen der Familiengruppenarbeit lernen Familien einander kennen und bauen unter Umständen sogar freundschaftliche Beziehungen auf. Ganz unterschiedliche Eltern und Kinder kommen in Kontakt miteinander, diskutieren gemeinsam die sie betreffenden Fragen, lernen voneinander im Gespräch und durch Vorbildwirkung. Familien mit etwas älteren Kindern dienen vielfach Familien mit jüngeren Kindern zur Orientierung. Oft ergibt sich die Möglichkeit, auch persönliche Probleme oder Erziehungsfragen zu besprechen. So werden Familien sozial integriert, kommt es manchmal sogar zur Nachbarschaftshilfe. Gemeinschaftsgefühl, Kommunikationsfähigkeit und Selbstwertgefühl werden gefördert.