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und Dr. Martin R. Textor




Aus: Martin R. Textor (Hg.): Hilfen für Familien. Eine Einführung für psychosoziale Berufe. Weinheim, Basel: Beltz 1998, S. 7-26 (gekürzte und leicht überarbeitete Fassung)

Familienleben, Familienprobleme, Familienpolitik

Martin R. Textor


Trotz vieler Kritik und manchen Experimentierens mit Alternativen gilt die Familie weiterhin als die für den Menschen wichtigste soziale Gruppe und als bedeutende gesellschaftliche Institution. Hier erfolgen die primäre Sozialisation und Enkulturation des Kindes, hier erwirbt es grundlegende Kompetenzen, Orientierungsmuster und emotionale Grundhaltungen. Die Familie beeinflusst die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen und den Verlauf seiner Biografie, seine Alltagsgestaltung und aktuelle Befindlichkeit. In ihrem Interaktionsnetz und Beziehungsraum erfahren die meisten Menschen Geborgenheit und Akzeptanz durch andere.

Bedingt durch eine Vielzahl von Faktoren hat sich in den letzten Jahrzehnten ein rasanter Familienwandel vollzogen. Es kam zu einer Pluralisierung der Familienformen, verbunden mit einer Vielzahl unterschiedlicher Familienstrukturen und einer wachsenden Anzahl verschiedener Lebensstile. Zu den wichtigsten Trends gehören u.a. (vgl. Brinkhoff 1996; Brinkmann 1996; Lange/ Lüscher 1996; Mansel 1996; Nave-Herz 1988; Textor 1993):

  • Der Geburtenrückgang hat zu kleineren Familien geführt. Zumeist leben zwei Kinder in der Familie. Einzelkinder sind eher selten: Im Jahre 1995 hatten beispielsweise nur 18,9% der Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren keine Geschwister im Haushalt (Engstler 1997).
  • Neben Ehepaare mit Kindern treten weitere Familienformen. So gab es 1995 neben 7,8 Mio. Ehepaaren mit Kindern unter 18 Jahren (darunter viele Stieffamilien) z.B. knapp 1,3 Mio. Teilfamilien und 0,4 Mio. nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern (Wingen 1997). Immer häufiger ist die Elternschaft (insbesondere die Vaterschaft) temporär bzw. nicht genetisch begründet: Erwachsene übernehmen die soziale Elternschaft für Stief-, Pflege- oder Adoptivkinder.
  • Aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung haben sich die Verwandtennetzwerke in der Vertikalen ausgedehnt (d.h., es leben oft vier Generationen gleichzeitig), während sie wegen der abnehmenden Familiengröße in der Horizontalen geschrumpft sind (d.h. es gibt weniger Onkel/ Tanten und Cousins/ Cousinen). Freunde und Bekannte haben an Bedeutung gegenüber Verwandten gewonnen.
  • Die weltweit gestiegene Mobilität hat dazu geführt, dass in Deutschland rund 7,2 Mio. Ausländer leben. Im Jahre 1995 kamen rund 218.000 Aussiedler und 128.000 Asylsuchende in die Bundesrepublik (Statistisches Bundesamt 1996). Nebeneinander stehen somit Familien mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Traditionen, Beziehungsmustern und Lebensstilen.
  • Der Gestaltungsspielraum für Beziehungen ist in den letzten Jahrzehnten viel größer geworden. Diese können von den Partnern (und Kindern) ganz unterschiedlich definiert werden - eine nicht immer leichte Aufgabe. Erschwerend kommt hinzu, dass zwischen verschiedenen Leitbildern bezüglich Partnerschaft, Geschlechtsrollen und Familienstruktur gewählt werden kann. Dementsprechend gibt es unterschiedliche Formen der Gestaltung der Paarbeziehung, der Arbeitsteilung und der Machtverteilung. Tendenziell nehmen Gleichberechtigung der Partner und die Partizipation von Männern an der Hausarbeit und Kindererziehung zu; die Hauptlast der Versorgung von Haushalt und Kindern liegt aber weiterhin überwiegend auf den Schultern der Frauen.
  • Die Ansprüche an Ehe und Familie sind gestiegen - zugleich aber auch die Konfliktpotenziale. So sind Ehen heute weniger stabil als früher; rund 30% enden mit einer Scheidung (vgl. Engstler 1997). Da 1995 die durchschnittliche Ehedauer bei der Scheidung 12 Jahre betrug, ist nicht verwunderlich, dass bei 54,7% der 169.425 Ehescheidungen minderjährige Kinder betroffen waren. Schätzungsweise 60% der Geschiedenen heiraten jedoch erneut. So kann man davon ausgehen, dass knapp 14% aller Kinder die Transitionen von der Erstfamilie über die Scheidungsfamilie zur Teilfamilie und dann eventuell über die nichteheliche Lebensgemeinschaft zur Zweitfamilie durchlaufen.
  • Die erhöhte berufliche Mobilität, die durch Veränderungen in der Arbeitswelt mitbedingt werden (Ausdehnung multinationaler Unternehmen, Arbeitsplatzwechsel aus Karrieredenken, befristete Stellen, Annahme einer neuen Stelle nach einer Phase der Arbeitslosigkeit, »neue Karriere« nach Umschulung usw.), führt häufig zu einem Wohnortwechsel - mit vielen Konsequenzen für die Familie. In manchen Fällen arbeitet und wohnt ein Elternteil in einer weiter entfernten Gemeinde ("Wochenendehe").
  • Die Beteiligung der Mütter am Arbeitsleben nimmt weiter zu und umfasst immer häufiger eine Vollerwerbstätigkeit. "1995 waren 57 Prozent aller 15- bis 64jährigen Frauen mit Kindern (im Haushalt) erwerbstätig, die Hälfte davon teilzeit (einschließlich geringfügig beschäftigter Frauen). Von den allein stehenden Müttern mit Kindern unter 18 Jahren waren 63 Prozent berufstätig, verheiratete Mütter zu 56,5 Prozent" (Engstler 1997, S. 94). Weitere 8,4% der Mütter waren erwerbslos. "Je geringer die Kinderzahl und je älter das jüngste Kind, desto eher sind Mütter berufstätig und desto höher ist der Anteil Vollerwerbstätiger unter ihnen" (a.a.O.). Bei Kindern unter drei Jahren sind aber immerhin noch 22,6% der Mütter voll erwerbstätig. Viele berufstätige Frauen leiden unter der Mehrfachbelastung durch Beruf, Hausarbeit und Kindererziehung, sind gestresst und gereizt, haben Probleme mit der Sicherstellung einer kontinuierlichen Kinderbetreuung.
  • Mitbedingt durch das zweite Einkommen haben die meisten Familien ein hohes Wohlstandsniveau erreicht und bieten den Kindern gute sozioökonomische Lebensbedingungen: "Nach den Ergebnissen des Mikrozensus hatten 1995 in Deutschland 45 Prozent aller Haushalte mit minderjährigen Kindern ein monatliches Nettoeinkommen zwischen 3000 und 4000 DM; bei 29 Prozent lag es darunter, bei 26 Prozent darüber" (Engstler 1997, S. 115). Eltern mit mehreren Kindern hatten im Durchschnitt ein höheres Haushaltsnettoeinkommen als jene mit nur einem Kind, Teilfamilien ein niedrigeres als Ehepaare mit Kindern unter 18 Jahren.
  • Mitbedingt durch das gestiegene Einkommen hat in den letzten Jahrzehnten die durchschnittliche Wohnfläche pro Person zugenommen. Immer mehr Kinder wachsen in Ein- oder Zweifamilienhäusern auf. Oft sind aber die Kinderzimmer die kleinsten Räume der Wohnung. Kinder aus größeren Familien, aus Teilfamilien oder Ausländerfamilien leben häufig recht beengt und/oder müssen ihr Zimmer mit Geschwistern teilen. Steht kein eigener Garten zur Verfügung, ist der außerhäusliche Spielbereich vielfach sehr begrenzt - mit negativen Konsequenzen für die motorische Entwicklung.
  • Weiterhin bestehen große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland, beispielsweise hinsichtlich des verfügbaren Haushaltseinkommens, der Wohnsituation, des Betroffenseins durch Arbeitslosigkeit, des Ausmaßes der Erwerbstätigkeit von Müttern und der Dauer der Fremdbetreuung von Kindern.
  • Kinder haben zunehmend an Wert für ihre Eltern gewonnen: Sie sollen deren Leben Sinn und Erfüllung geben, emotionale Bedürfnisse befriedigen, eine Quelle elterlichen Glücks sein. So stehen sie oft im Mittelpunkt des Familienlebens; ihren Ansprüchen wird weitgehend entsprochen. Die Eltern-Kind-Beziehung hat sich in Richtung auf Partnerschaft und Gleichberechtigung entwickelt. Die Kinder haben große Mitspracherechte; ihre Individualität wird geachtet. Oft werden sie als vertraute Gesprächspartner behandelt.
  • Der Wertewandel und die Vielzahl konkurrierender Wertesysteme haben zu ganz unterschiedlichen Erziehungszielen und -stilen geführt. Besonders werden heute Selbstverwirklichung, Individualismus, Mündigkeit, kritische Autonomie und Kooperationsfähigkeit betont. Der Erziehungsstil der meisten Eltern ist liberaler und permissiver geworden. Oft kommt es aber auch zu einer "Überpädagogisierung" des Eltern-Kind-Verhältnisses, wenn Eltern ihre Kinder besonders intensiv zu fördern versuchen und z.B. viel Zeit auf die Hausaufgabenbetreuung verwenden. Diese Entwicklung wird durch die gestiegenen Erwartungen der Gesellschaft an die Familienerziehung mitbedingt.
  • Aufgrund der Urbanisierung und verschiedener Gefahren (durch Verkehr, sexuellen Missbrauch usw.) können die meisten Kinder nicht mehr auf der Straße oder im Nahbereich der Wohnungen spielen (sofern kein eigener Garten vorhanden ist); zudem fehlen oft Gleichaltrige in der Nachbarschaft. So müssen Spielkontakte, insbesondere für kleinere Kinder, von den Eltern in Mutter-Kind-Gruppen, Kindertagesstätten oder anderen (spezialisierten) Einrichtungen organisiert werden. Kindheit findet immer mehr in "kindgemäßen" "Sonderumwelten" statt, die wie "Inseln" im "Meer" der zunehmend unbekannt bleibenden Erwachsenenwelt liegen (Verinselung kindlicher Lebensräume). In diesen pädagogisch vorstrukturierten Sozialräumen konsumieren Kinder das vorgegebene Spiel- und Beschäftigungsprogramm, werden sie "gebildet" und fast kontinuierlich überwacht. Oft ist ihr Tagesablauf zerstückelt und von den Erwachsenen verplant. Ein eigenständiges Erschließen der Umwelt wie früher ist nicht mehr möglich; dies bedeutet weniger Sinneserfahrungen, weniger Selbsttätigkeit, Spontaneität, motorische Stimulierung und Körperbeherrschung.
  • Aber auch durch den wachsenden Medienkonsum, der Familienleben und Kindheit prägt, treten Sekundärerfahrungen immer mehr an die Stelle von Primärerfahrungen. Die Welt wird seltener real erkundet, sondern zunehmend medial vermittelt und rezeptiv aufgenommen. Die Medien (einschließlich der Computer) ermöglichen Kindern und Jugendlichen einen umfassenden Zugang zur symbolischen Welt der Erwachsenen. Sie wirken so als eine Sozialisationsinstanz, die aber in Konkurrenz zu den Eltern treten kann, wenn sie andere Leitbilder, Werte und Rollenmodelle vermittelt. Außerdem kann die mediale Überflutung bzw. die zu starke Nutzung von Medien bei Kindern zu Konzentrationsschwäche, Ausdauermangel und Problemen mit der Sprachentwicklung führen, können brutale bzw. perverse Videos verrohend wirken.
  • Ungleichheit in den materiellen und zeitlichen Ressourcen der Familien, bei Leistungserwartungen und Unterstützungsmöglichkeiten führt zu einer Ungleichheit der Lebenschancen: Kinder nutzen mehr oder weniger Freizeit- und Förderangebote, erhalten mehr oder weniger Hilfe beim Durchlaufen der Schule, erfahren mehr oder weniger kognitive Stimulierung, können mehr oder weniger soziale Kompetenzen für den Umgang mit Menschen verschiedener Altersgruppen erwerben.
  • Die Jugendphase tritt immer früher ein und ist durch viele Probleme geprägt: Jugendliche und Heranwachsende unterliegen einem aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit noch zunehmenden Bildungs- und Qualifizierungsdruck. Sie müssen längere und anspruchsvollere Schullaufbahnen auf sich nehmen als früher, häufiger am Nachmittag in die Schule kommen und oft Nachhilfeunterricht besuchen, wenn die Eltern als »Hauslehrer« ausfallen. Trotzdem bleibt die berufliche Zukunft unsicher. Hinzu kommt eine erschwerte Ablösung von daheim, da vielfach starke emotionale Bindungen bestehen, die Eltern den Jugendlichen bzw. Heranwachsenden aufgrund von dessen Bedeutung für ihren Gefühlshaushalt (s.o.) nicht gehen lassen wollen, dieser lange finanziell abhängig bleibt oder die Vorzüge des "Hotel Mama" weiter nutzen will. Ferner ist der Aufbau personaler Identität aufgrund konkurrierender Sinn- und Wertemuster schwierig.

Deutlich wird, dass die Enttraditionalisierung und der rasante soziokulturelle Wandel für Familien und ihre Mitglieder zu mehr Optionen bei der Gestaltung des gemeinsamen und des eigenen Lebens, zu mehr Entfaltungsmöglichkeiten und zu mehr Wahlfreiheit geführt haben - aber auch zu mehr Entscheidungsnotwendigkeit und Selbstverantwortung, zu mehr Risiken und Gefahren.

Familienprobleme

Vielen Familien gelingt es nicht, ihre Funktionen wie die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse, Haushaltsführung, Sozialisation, Freizeitgestaltung und emotionaler Spannungsausgleich angemessen zu erfüllen sowie entwicklungsfördernde Formen und Strukturen des Zusammenlebens aufzubauen. Besonders oft ist die Ehebeziehung gefährdet (Textor 1991a), wofür es eine Vielzahl von Gründen geben kann: zu hohe Erwartungen, irrationale Einstellungen, Kommunikationsstörungen, mangelnde Konfliktlösungskompetenz, Machtkämpfe, ungerechte Arbeitsteilung, neurotische Verhaltensweisen, psychische Erkrankung oder Suchtmittelmissbrauch eines Partners, Behinderung der Selbstentfaltung durch den Ehegatten, Einmischung von Verwandten, berufliche Belastung u.v.a.m. In diesen Fällen nehmen Ehequalität und Ehezufriedenheit allmählich ab, lassen positive Gefühle wie Liebe und Zuneigung nach, schwindet die sexuelle Befriedigung, treten negative Aspekte der Paarbeziehung immer mehr in den Vordergrund.

In einigen Ehen nimmt die Konflikthaftigkeit zu, eskalieren Auseinandersetzungen immer häufiger und münden in verbalen Verletzungen oder sogar in Gewalttätigkeiten. Manche Ehegatten unterbrechen diesen Teufelskreis, indem sie einander aus dem Weg gehen und Konflikte zu vermeiden suchen. In anderen Ehen kommt es zu einer langsamen Entfremdung, weil sich die Partner auseinander entwickeln und unterschiedliche Lebensstile ausbilden. Zu einer abrupten Verschlechterung der Paarbeziehung kann es kommen, wenn z.B. ein außereheliches Verhältnis entdeckt wurde oder Krisen wie Arbeitslosigkeit, eine schwere Erkrankung, die Geburt eines behinderten Kindes oder die Aufnahme eines pflegebedürftigen Verwandten auftreten. Die skizzierten Entwicklungen können zu ganz unterschiedlichen problematischen Beziehungsmustern führen: dauerhafte konfliktreiche Ehen, distanzierte Beziehungen (Abkapselung der Partner), Spaltung der Familie (z.B. verbündet sich ein Ehegatte mit den Kindern, der andere wird isoliert), stabile unbefriedigende Ehe etc. - oder zu Trennung und Scheidung.

Unabhängig davon, ob die Eltern in einer konflikthaften Paarbeziehung bleiben oder sich trennen, werden zumeist die Kinder in Mitleidenschaft gezogen (Rutter 1985; Textor 1985, 1991a). Sie leiden unter den Auseinandersetzungen und der Unzufriedenheit ihrer Eltern, eventuell auch unter deren Suchtmittelmissbrauch und Gewalttätigkeit. Oft werden sie vernachlässigt, da die Eltern mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. In manchen Fällen werden sie in pathogene Beziehungen wie Symbiosen verwickelt oder zu Vermittlern, Schiedsrichtern, Verbündeten bzw. Ersatzpartnern gemacht. Einige Kinder versuchen, durch Verhaltensauffälligkeiten und andere Symptome die Eltern von ihren Konflikten abzulenken, die Familie zusammenzuhalten oder Hilfe von außen herbeizuholen. Kinder können auch zum Sündenbock erklärt und für Familienprobleme verantwortlich gemacht werden. Dann können die Ehepartner ihre Aggressionen an ihnen anstatt aneinander abreagieren.

Verhaltensauffälligkeiten und Erziehungsschwierigkeiten können auch unabhängig von Eheproblemen entstehen, wofür es eine Vielzahl von Ursachen geben kann (Lange/ Lüscher 1996; Rutter 1985; Textor 1985, 1996). Manche liegen im Kind, wie z.B. genetische Faktoren, Persönlichkeitsmerkmale, mangelnde Belastbarkeit, (unerkannte) Behinderungen und Entwicklungsverzögerungen. Andere finden sich in einem Elternteil: So können beispielsweise dessen Depressionen, Angstzustände, Psychose, Suchterkrankung oder Delinquenz direkt bzw. über vermittelnde Faktoren (z.B. einem vernachlässigenden Erziehungsstil) auf ein Kind einwirken. Da Eltern wichtige Vorbilder sind, werden deren Verhaltensauffälligkeiten nachgeahmt, aber auch problematische Einstellungen wie geringe Leistungsbereitschaft, Akzeptanz von Gewalt und Verachtung des anderen Geschlechts. Manche Eltern sind auch so mit sich selbst, ihrem Beruf oder anderen Tätigkeiten beschäftigt, dass die Kinder kaum noch eine Rolle in ihrem Leben spielen. "Gravierender ist, wenn Eltern aufgrund des in individualisierten Gesellschaften ins Zentrum gerückten Strebens nach Individuation, nach Selbstverwirklichung und in dem Bemühen der Gestaltung einer erfolgreichen beruflichen Karriere die Belange der Kinder nur noch in die verbleibenden Zeitlücken eines hektischen oder wohlgeordneten Tagesablaufes drücken und die Kinder mit ihren Bedürfnissen nach Verständnis und Zuwendung hinter den anderen vielfältigen Interessen zurückbleiben" (Mansel 1996, S. 12).

Manche Familienprobleme und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder resultieren aus dem Erziehungsverhalten der Eltern. Viele Erwachsene gründen heute eine Familie, ohne nennenswerte Erfahrungen mit Kindern gesammelt zu haben. So haben sie wenig Verständnis für deren Bedürfnisse, gehen nicht altersgemäß mit ihnen um, fördern ihre Entwicklung nicht angemessen und sind oft unsicher in der Erziehung, insbesondere wenn sie durch widersprüchliche pädagogische Theorien und Ratschläge verwirrt wurden. Vielfach fehlen ihnen Erziehungstechniken für die Verhaltenskontrolle, zur positiven oder zur negativen Verstärkung kindlicher Reaktionen. In manchen Familien gibt es unklare Regeln und Verhaltenserwartungen. Häufig kommt es zu Machtkämpfen mit den Kindern, vor allem wenn diese in der Familie tonangebend sind. Dann erleben sich viele Eltern als ohnmächtig. Problemerzeugend können auch autoritäre, antiautoritäre oder inkonsistente Erziehungsstile, Verwöhnung und Überbehütung, Unter- bzw. Überforderung oder Vernachlässigung der Kinder sein. Häufig kontrollieren Eltern nicht deren Verhalten und außerfamilialen Aktivitäten, kümmern sich zu wenig um schulische und soziale Belange. Manche tolerieren abweichende Verhaltensweisen oder verstärken sie sogar durch besondere Aufmerksamkeit, andere reagieren zu oft mit Körperstrafen bzw. misshandeln ihre Kinder. Ferner ist problematisch, wenn Kinder von ihren Eltern abgelehnt werden (weil sie z.B. unerwünscht waren oder bestimmte Erwartungen nicht erfüllen), kaum Zuneigung, Liebe und emotionale Wärme erfahren und nur selten gelobt werden.

Ursachen für Erziehungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern können auch außerhalb der Familie liegen: In Kindertageseinrichtungen werden manche Kinder über- oder unterfordert, sind sie isoliert oder an bestimmte Rollen (z.B. Gruppenclown, Sündenbock) gebunden, werden sie von Fachkräften pädagogisch falsch behandelt. In Schulen unterliegen viele Kinder einem zu hohen Leistungsdruck, entwickeln sie Versagensängste, werden sie in ihrem Selbstverwirklichungsstreben gehemmt und erleben sie, dass nur ihre kognitiven Leistungen von Bedeutung sind. Manche Schüler/innen sind von Erziehungsfehlern der Lehrkräfte betroffen, erleben diese negativ und langweilen sich bei deren Unterricht. Andere werden von Klassenkameraden gehänselt, verspottet, bedroht oder ignoriert. Einige Kinder und Jugendliche finden keine Freunde und verbringen ihre Freizeit daheim vor dem Fernseher oder Computer. Andere schließen sich (links-/ rechts-) radikalen Gruppierungen oder Banden an, experimentieren in der Gleichaltrigengruppe mit Alkohol und Drogen. Hinzu kommen negative gesellschaftliche Einflüsse wie z.B. Wertewandel und -verlust, Auflösung religiöser Bindungen, Marginalisierung natürlicher kindlicher Lebensräume, Konsumzwang, mediale Überflutung, existenzielle Bedrohung durch Umweltverschmutzung u.Ä., die unbefriedigende Situation auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt u.v.a.m.

Familienprobleme wie Erziehungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern haben also Ursachen, die im Individuum, in der Familie oder in größeren gesellschaftlichen Systemen liegen können. Deutlich wird, dass auf der familialen Ebene gute oder schlechte Sozialisationsbedingungen nicht durch die jeweilige Familienform, sondern durch Familienprozesse und -strukturen bedingt werden (Textor 1985). "Von erheblichem Gewicht sind bei näherer Betrachtung die Konstellationen, in denen die Familienformen und Familienstrukturen stehen, sowie die Interpretation dieser Sachverhalte durch die Beteiligten und die sich daraus ergebende Umsetzung in Interaktionen. Untersuchungen, welche die Sichtweisen der Kinder und Jugendlichen stärker in ihr Design einbeziehen, bekräftigen dies zusätzlich" (Lange/ Lüscher 1996, S. 231). Auch von außen kommende Einflüsse werden größtenteils nur über die Interpretationen und Einordnungen wirksam, die Eltern und Kinder in der Auseinandersetzung mit ihnen entwickeln.

Neben den bereits genannten gibt es noch Familienprobleme, die aus mangelnden Problem- und Konfliktlösungskompetenzen oder Kommunikationsstörungen resultieren. Manche Erwachsene scheitern an Familienfunktionen wie der Haushaltsführung (Hausarbeit, Umgang mit Geld, gesunde Ernährung) oder der Freizeitgestaltung (kaum gemeinsame Aktivitäten, keine Hobbys). Andere Personen, insbesondere Mütter, können nur sehr schwer Familie und Beruf miteinander vereinbaren. Dies war 1995 z.B. für 27% der westdeutschen und 35% der ostdeutschen 16- bis 30jährigen Frauen ein persönliches Problem (Statistisches Bundesamt 1997) - für mehr Ostdeutsche, da sie häufiger voll erwerbstätig sind bzw. sein wollen und weil die guten Kinderbetreuungsangebote aus DDR-Zeiten wegbrechen.

Viele Familien haben Schwierigkeiten, die Übergänge (Transitionen) im Familienzyklus zu durchlaufen - relativ kurze Zeiträume, in denen vom Einzelnen und vom Familiensystem eine große Zahl einschneidender Veränderungen erwartet werden bzw. zu bewältigen sind (Falicov 1988). Andere Familien müssen mit unerwarteten Schicksalsschlägen wie einer schweren (chronischen) Erkrankung, einem Unfall, einem Todesfall, der Geburt eines behinderten Kindes, der Versorgung eines pflegebedürftigen Verwandten oder Arbeitslosigkeit fertig werden - wobei die daraus resultierenden Belastungen oft jahrelang andauern. So lebten Anfang 1998 z.B. knapp 5 Mio. Arbeitslose, 6,5 Mio. Schwerbehinderte und 1,7 Mio. Pflegebedürftige in Deutschland. Viele Familien sind von "relativer Armut" betroffen, verfügen also nur über 50% und weniger des Durchschnittseinkommens. Dies galt 1995 für 13% der West- bzw. 7,9% der Ostdeutschen - aber für 28,8 bzw. 39,3% der Haushalte mit fünf und mehr Personen, für 33,8 bzw. 25,7% der Arbeitslosen und 42,4 bzw. 35,5% der Einelternhaushalte (Statistisches Bundesamt 1997). Ende 1996 erhielten mehr als 2,7 Mio. Menschen laufende Hilfe zum Lebensunterhalt nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG).

Familienpolitik

Aufgrund der großen Bedeutung der Familie für die Gesellschaft, die sie insbesondere durch die Reproduktions-, Sozialisations- und Enkulturationsfunktion hat, ist sie schon lange ein Adressat politischer Maßnahmen. Diese werden seit Anfang dieses Jahrhunderts unter dem Begriff "Familienpolitik" zusammengefasst. Dieser Fachausdruck bezeichnet das bewusste, zielgerichtete und planvolle Einwirken von Bund, Ländern und Gemeinden, Unternehmen und Tarifpartnern, öffentlichen und freien Trägern der Wohlfahrtspflege, Kirchen, Selbsthilfegruppen und vielen anderen Organisationen auf die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Lage von Familien (vgl. Kaufmann 1990; Textor 1991b; Wingen 1997).

Die Familienpolitik richtet sich entweder auf die Familie als Ganzes, auf einzelne Mitglieder oder auf die Schaffung familienfreundlicher Rahmenbedingungen. Sie geht zum einen vom "Normalfall" aus, für den vor allem Steuererleichterungen und allgemeine finanzielle Leistungen im Rahmen des Familienlastenausgleichs vorgesehen sind. Zum anderen bezieht Familienpolitik sich auf Familien in besonderen Problemsituationen. Ihnen bietet sie auf den Einzelfall zugeschnittene Maßnahmen in der Form praktischer und materieller Hilfen an. Anders gesagt, lassen sich drei Kategorien familienpolitischer Ziele unterscheiden:

  1. Kompensatorische Ziele betreffen die Verminderung sozialer Ungerechtigkeit zwischen Familien und Kinderlosen sowie zwischen Familien in verschiedenen Lebenslagen. Dies geschieht vor allem durch den Familienlastenausgleich, aber auch durch die Förderung familiengerechten, finanziell tragbaren Wohnraums (angemietet oder in Eigenbesitz), durch die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (familienfreundliche Gestaltung der Arbeitswelt, Schaffung von mehr Teilzeitarbeit, Erleichterung des Wiedereintritts in den Beruf usw.) sowie durch die Bereitstellung familienergänzender Angebote wie Kindertageseinrichtungen. Auf diese Weise soll die Familie von einem Teil der Kosten für die Betreuung der nachwachsenden Generation entlastet, Steuergerechtigkeit hergestellt und die Verwirklichung von Lebensentwürfen mit (mehreren) Kindern erleichtert werden.
  2. Präventive Ziele beziehen sich auf das Verhindern von Fehlentwicklungen bei Familien und einzelnen Mitgliedern. Hierzu werden z.B. Angebote der Ehevorbereitung und Familienbildung gemacht, können sich Eltern in allgemeinen Fragen der Erziehung und Entwicklung junger Menschen oder der Partnerschaft beraten lassen, können Familien Maßnahmen der Kinder- und Familienerholung nutzen.
  3. Korrektive Ziele betreffen die Behebung oder Milderung von Familienproblemen und -belastungen. Hierfür gibt es eine Vielzahl von Beratungsstellen und psychosozialen Diensten, die Familien in akuten Krisen oder bei längerfristigen Schwierigkeiten unterstützen. Die Maßnahmen sind als Hilfe zur Selbsthilfe konzipiert, sollen also die Eigenständigkeit und Funktionsfähigkeit der betroffenen Familien sowie die Kompetenzen ihrer Mitglieder fördern.

Ferner strebt die Familienpolitik eine größere öffentliche Wertschätzung der Familie, ihre Sicherung als Institution sowie den Abbau von Familien- und Kinderfeindlichkeit in unserer Gesellschaft an. Bei der Weiterentwicklung des Ehe- und Familienrechts ging es in den letzten Jahren vor allem um die Gleichstellung bzw. Gleichberechtigung der Ehepartner, die Rechte und das Wohl von Kindern (z.B. Recht auf beide Eltern, auch nach Ehescheidung oder Auflösung einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft) sowie die Verbesserung der Situation nichtehelicher Kinder.

Wichtige familienpolitische Aktivitäten des Bundes, die in der Form finanzieller Leistungen wirksam werden, werden im Folgenden zusammengefasst (vgl. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 1997). Im Jahre 1996 wurden hierfür folgende Beträge ausgegeben (Auskunft des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schreiben von F.D. Marx vom 15.9.1997):

  • Bundeserziehungsgeld (6,95 Mrd. DM),
  • Unterhaltsvorschuss nach dem Unterhaltsvorschussgesetz (UVG) (1,557 Mrd. DM, davon 50% durch Länder),
  • Kindergeld nach dem Bundeskindergeldgesetz (BKGG) (0,765 Mrd. DM, größtenteils Nachzahlungen für 1995),
  • Wohngeld (ca. 6,15 Mrd. DM, davon 50% durch Länder),
  • Eigenheimzulage (0,571 Mrd. DM, davon 42,5% durch Länder und 15% durch Gemeinden),
  • Ausbildungsförderung nach BAföG (2,721 Mrd. DM, davon 35% durch Länder),
  • Anerkennung von Kindererziehungszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung (ca. 6 bis 7 Mrd. DM),
  • Stiftung "Mutter und Kind - Schutz des ungeborenen Lebens" (0,2 Mrd. DM) sowie
  • Mutterschaftsgeld (1,284 Mrd. DM, größtenteils durch Krankenkassen).

Hinzu kamen 1996 folgende Steuermindereinnahmen durch Familienkomponenten des Einkommensteuerrechts (a.a.O.):

  • Kindergeld (43,202 Mrd. DM),
  • Kinderfreibetrag (0,08 Mrd. DM),
  • Ehegattensplitting (41,3 Mrd. DM),
  • Haushaltshilfe/Heimunterbringung bei pflegebedürftigen Haushaltsangehörigen (0,31 Mrd. DM),
  • Pflegepauschbetrag für Pflegende von Schwerstbehinderten (0,18 Mrd. DM),
  • Haushaltsfreibetrag für Alleinerziehende (1,6 Mrd. DM),
  • Kinderbetreuungskosten erwerbstätiger Alleinerziehender (0,18 Mrd. DM),
  • rentenversicherte Haushaltshilfe (0,08 Mrd. DM),
  • Unterhaltsleistungen für nahe Angehörige (0,83 Mrd. DM) sowie
  • Ausbildungsfreibeträge für Kinder (1,4 Mrd. DM).

Obwohl sich diese familienpolitischen Leistungen des Bundes auf mehr als 116 Mrd. DM summieren, gelten sie nach Meinung nahezu aller Fachleute (z.B. Kaufmann 1990; Kleinhenz 1996; Wingen 1997) als viel zu niedrig (vgl. die Beschlüsse des Bundesverfassungsgerichts vom 7.7. und 25.9.1992; Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 1995). ...

Allerdings muss auch beachtet werden, dass Bundesländer und Kommunen ebenfalls hohe familienpolitische Ausgaben haben. Hierzu liegen meines Wissens keine aktuellen Übersichten vor, sodass ich mich auf einige Beispiele beschränken muss. So wurden laut dem Sozialbudget 1994 rund 24,9 Mrd. DM für Jugendhilfe und 12,5 Mrd. DM für Familienzuschläge für Beamte (einschließlich Bundesbeamte) ausgegeben (Statistisches Bundesamt 1997). Der Freistaat Bayern wendete 1996 mehr als 3 Mrd. DM für familienbezogene Leistungen auf, vor allem für Kindergärten und Kinderhorte (845 Mio. DM), den Sozialen Wohnungsbau (680 Mio. DM), die Schulwegkostenfreiheit (425 Mio. DM) und das Landeserziehungsgeld (213 Mio. DM) (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit 1996).

Ende 1992 führte ich in Bayern eine Umfrage durch (Textor 1994), an der sich alle 71 Landkreise und alle 25 kreisfreien Städte beteiligten sowie eine nicht repräsentative Auswahl von 212 kreisangehörigen Städten und 119 kreisangehörigen Gemeinden. Sie zeigte, dass manche familienpolitischen Leistungen der Kommunen aus dem Verzicht auf Einnahmen bestanden, wobei sich diese Leistungen von Kommune zu Kommune stark unterschieden. Ein Beispiel sind Familienermäßigungen beim Besuch kommunaler Einrichtungen; sie gab es beim Besuch von Freibädern bei 6% der Landkreise, aber 72% der kreisfreien Städte, beim Besuch von Hallenbädern bei 20 bzw. 56%. Natürlich waren die Familienermäßigungen, die es auch vereinzelt für den Besuch von Eisstadien, Museen, Musikschulen, Sport- und kulturellen Veranstaltungen gab, je nach Kommune unterschiedlich hoch, variierten die Berechtigungskriterien. Nur in vier kreisfreien und zwei kreisangehörigen Städten gab es Familienpässe, allerdings in 42% der Landkreise und 72% der kreisfreien Städte sowie in einzelnen Gemeinden Ferienpässe - ebenfalls mit ganz verschiedenen Angeboten und Regelungen. Rund 7% der Landkreise, 24% der kreisfreien Städte, 6% der kreisangehörigen Städte und 2% der Gemeinden förderten den Erwerb von Wohneigentum oder dessen Ausbau. Ein mehr oder minder kleiner Teil der Gemeinden bot Familienermäßigungen für den öffentlichen Nahverkehr, Zuschüsse zur Familienerholung, Stadtranderholung, Ermäßigungen in Kindertageseinrichtungen bei Anmeldung von Geschwistern oder niedrigem Einkommen, Übernahme ungedeckter Kindergartengebühren, Erweiterung der Kostenfreiheit des Schulweges, Zuschüsse zu Klassenfahrten, Hausaufgabenbetreuung, Freimilch, kostenlose Elternbriefe u.v.a.m. an.

Sehr hohe Kosten entstehen den Kommunen durch Kindertageseinrichtungen. Zum einen müssen sie dem Rechtsanspruch von Kindern ab dem vollendeten dritten Lebensjahr auf einen Kindergartenplatz genügen (§ 24 SGB VIII). Zum anderen sollen sie möglichst auch andere Kinderbetreuungsangebote - je nach Bedarf - fördern: Tagespflege, Kinderkrippen, Kinderhorte, Eltern- bzw. Mutter-Kind-Gruppen, Elterninitiativen usw. Ferner bringen die Kommunen einen großen Teil der Kosten für familienunterstützende und -entlastende Dienste auf, die sich an Familien mit besonderen Problemen und Belastungen richten und zumeist von Trägern der freien Wohlfahrtspflege bzw. Jugendhilfe bereitgestellt werden. ...

Der Bereich der Familienpolitik und insbesondere der Hilfsangebote für Familien ist sehr unübersichtlich und verwirrend ist, zumal es noch eine Vielzahl von Trägern gleicher psychosozialer Dienste gibt - und da deren Mitarbeiter/innen eine Unmenge unterschiedlicher pädagogischer, sozialpädagogischer, psychologischer und therapeutischer Handlungsansätze verwenden. Dies hat in der Praxis zum einen zur Folge, dass es vielen Hilfsbedürftigen sehr schwer fällt, das für ihre Probleme geeignete Hilfsangebot zu finden (dies gilt verstärkt für so genannte Multiproblemfamilien). Zum anderen ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie mit einer Fachkraft zusammentreffen, deren Erklärungsmodell die Aufmerksamkeit genau auf die in ihrem Fall gegebene einzigartige Konstellation von Problemursachen lenkt und deren Handlungsansatz die zur Einwirkung auf diese Faktoren geeigneten Strategien und Techniken enthält (Textor 1988). Das hat zur Folge, dass einerseits Klient/innen oft von einer Einrichtung zur nächsten überwiesen werden oder mehrere psychosoziale Dienste in ihrem Fall verwickelt sind, und dass andererseits die ermittelten Erfolgsquoten recht unbefriedigend sind - sofern eine Evaluation überhaupt erfolgte bzw. durch eine externe unabhängige Stelle (Wissenschaft) gestattet wurde. Bisher wurde auf keines dieser Probleme angemessen reagiert, sieht man einmal von einigen Ansätzen ab (z.B. Erstellung von Beratungsführern, Bürgerbüros als "Vermittlungsstellen", "Vernetzung" sozialer Dienste, Kassenzulassung von Psychotherapeuten, die einen durch wissenschaftliche Studien als erfolgversprechend bezeichneten Therapieansatz praktizieren).

Ausblick

Die Beiträge dieser Einführung verdeutlichen, wie wichtig Hilfen für Familien sind und dass bei vielen familienunterstützenden Maßnahmen Verbesserungen notwendig wären. So sollten nicht nur für den Familienlastenausgleich, sondern auch für psychosoziale Dienste und Jugendhilfeeinrichtungen mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden. Leider hat vor wenigen Jahren eine Entwicklung in der Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik begonnen, die mit zunehmender Tendenz zu Einsparungen im Sozialbereich führt. Für diese Mittelknappheit gibt es verschiedene Ursachen. Dazu gehören beispielsweise:

  • die Folgekosten der Deutschen Einheit: Allein zwischen 1991 und 1995 wurde fast eine Billion DM in die neuen Bundesländer transferiert.
  • Fehler in der Einkommensteuergesetzgebung: Neue Abschreibungsregelungen in den Jahren nach der Wiedervereinigung haben zu einem rasanten Rückgang des Einkommensteueraufkommens geführt.
  • Überschuldung: Die öffentlichen Schulden haben einen Wert von mehr als 2,3 Billionen DM erreicht; die Zinslast schränkt immer mehr die finanziellen Spielräume des Bundes, der Länder und Kommunen ein.
  • die Kosten der Arbeitslosigkeit: Knapp 5 Mio. Arbeitslose bedeuten nicht nur höhere Ausgaben für Arbeitslosengeld/ -hilfe, Wohngeld, Sozialhilfe usw., sondern auch ein geringeres Steueraufkommen und weniger Beiträge für die Sozialversicherungen. Aufgrund von Frühverrentungen steigen zudem die Ausgaben der Rentenversicherung.

Dazu kommt eine verstärkte Sozialstaatskritik: So wird bemängelt, dass die Sozialleistungsquote (d.h. der Sozialaufwand im Verhältnis zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung) zu hoch sei - sie ist von 17,1% im Jahr 1950 auf 34,1% im Jahr 1995 gestiegen. Die Sozialabgaben und damit die Arbeitskosten seien so hoch, dass viele Arbeitsplätze in andere Länder verlagert würden, Investitionen (aus dem Ausland) ausblieben und die Absatzchancen deutscher Produkte auf dem Weltmarkt abnähmen. Schließlich werden Missbrauchsmöglichkeiten bei Sozialleistungen, das hohe Absicherungsniveau von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern sowie die Bürokratisierung und mangelnde Effizienz des Sozialsystems kritisiert.

Die Krise der öffentlichen Haushalte und die Sozialstaatskritik bedingen den Abbau von Sozialleistungen und die damit verbundene Senkung von Sozialausgaben. Dies betrifft freiwillige bzw. so genannte "Kann-" oder "Soll-Leistungen" stärker als gesetzliche "Muss-Leistungen". Diese Tendenz wird sich in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen, da die Bevölkerungsentwicklung zu einer zunehmenden Alterung der Gesellschaft führt (Textor 1997): So wird voraussichtlich im Jahr 2020 eine ältere Person (ab 60 Jahren) auf zwei Personen im Alter von 20 bis 59 Jahren kommen. Diese Entwicklung wird zu rasch steigenden Ausgaben bei Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen, im Krankenhaus- und Altenhilfebereich führen. Bedenkt man, dass etwa im Jahr 2030 rund die Hälfte der Wähler/innen älter als 55 Jahre sein und damit die Politik bestimmen wird, ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahrzehnten Hilfsangebote für Familien, Kinder und Jugendliche eher verstärkt abgebaut werden.

In der nächsten Zeit kommt es also darauf an, die Solidarität der Generationen zu fördern und die Notwendigkeit der Hilfen für Familien gegenüber Politiker/innen (und älteren Mitbürger/innen) zu betonen, sodass die angedeutete Tendenz gebremst und möglichst rückgängig gemacht wird. Entsprechende Bemühungen dürften aber nur erfolgreich sein, wenn zum einen die Effektivität familienunterstützender Maßnahmen und die effiziente Verwendung bereitgestellter Mittel nachgewiesen werden. Zum anderen müssen die Kräfte in diesem einflussarmen Bereich gebündelt werden, sodass sie sich in der (bundes-, landes-, kommunal-)politischen Arena Gehör verschaffen und die Belange von Familien gegenüber Alten-, Finanz- und Wirtschaftspolitiker/innen sowie den hinter ihnen stehenden Organisationen angemessen vertreten können. Es darf somit nicht bei der derzeitigen Zersplitterung in miteinander (um die immer knapper werdenden Mittel) konkurrierende Wohlfahrts-, Behinderten-, Familien-, Jugend-, Fach- und sonstige Verbände, öffentliche Träger und Selbsthilfegruppen bleiben.

Literatur

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