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und Dr. Martin R. Textor




Familiengruppenarbeit - Herausforderung für Verbände und Vereine

Martin R. Textor

 

Viele Verbände und Vereine stellen immer wieder fest, dass sie Mitglieder verlieren, sobald diese eine Familie gegründet haben. Die Versorgung, Betreuung und Erziehung von (Klein-) Kindern kostet so viel Zeit und schränkt den Aktionsradius der Eltern so sehr ein, dass sie an den Aktivitäten und Veranstaltungen des Vereins nicht mehr teilnehmen können. Natürlich sind Verbände in unterschiedlichem Maße von dem durch Familiengründung bedingten Mitgliederschwund betroffen - je nach ihrem Tätigkeitsfeld. Hinzu kommt, dass viele ehemalige Mitglieder nicht wieder dem Verband beitreten, wenn ihre Kinder älter geworden sind, und somit auf Dauer verloren gehen.

Als Antwort auf diesen Mitgliederschwund haben viele Vereine und Verbände inzwischen besondere Angebote für Familien mit kleinen und größeren Kindern entwickelt. Zum einen versuchen sie, Kinder und Jugendliche in die Vereinsarbeit einzubeziehen, indem sie für diese Altersgruppen besondere Veranstaltungen durchführen (z.B. "Kinderturnen", "Jugendschar"). Zum anderen entdecken sie zunehmend die ganze Familie als Zielgruppe: Durch "Familiengruppen", "Familiensport", "Familienwandern" oder "Mutter-Kind-Schwimmen" wird angestrebt, den Bedürfnissen von Mitgliedern nach der Familiengründungsphase entgegenzukommen.

In diesem Artikel geht es um die letztgenannten Angebote, die Familien(gruppen)arbeit von Vereinen und Verbänden. Zunächst soll ihre Notwendigkeit anhand einer knappen Analyse des Wandels von Familie und Kindheit herausgestellt werden. Dann sollen die Konsequenzen daraus für die Familienarbeit beschrieben werden. Schließlich werden hierzu einige Beispiele genannt.

Wandel von Familie und Kindheit

Während früher instrumentelle Gründe (z.B. Alterssicherung, Mithilfe im Betrieb) für den Kinderwunsch ausschlaggebend waren, werden heute mit dem Kinderwunsch eher emotionale Motive (Selbstverwirklichung durch Kinder, Vertiefung der Partnerschaft, Freude an Kindern, Fürsorglichkeit usw.) verknüpft. Durch die Verbreitung von Mitteln zur Empfängnisverhütung ist es möglich, die Zahl der Kinder und den Zeitpunkt ihrer Geburt weitgehend den eigenen Wünschen entsprechend zu bestimmen. Dadurch ist es nicht nur zum Aufschub der generativen Phase und damit zur späteren Mutterschaft (im Durchschnitt mit 28 Jahren) gekommen, sondern in Verbindung mit anderen Faktoren wie der Wertewandel auch zu einer Reduzierung der Kinderzahl. Es gibt immer mehr Einkindfamilien und immer weniger Familien mit drei und mehr Kindern. Für etwa ein Drittel der Kinder entfallen damit die Erfahrungen von Geschwisterbeziehungen. Nicht immer ist es möglich, diese über Beziehungen zu Gleichaltrigen zu kompensieren - vor allem nicht in städtischen Ballungszentren, in denen kaum noch Haushalte mit Kindern in der Nachbarschaft vorhanden sind.

Heute spielen Kinder im emotionalen Leben ihrer Eltern eine große Rolle. Eltern sind bereit, sehr viel Zeit und Energie in ihre Kinder zu investieren und die hohen finanziellen Kosten zu tragen, die durch die verlängerten Schul- und Ausbildungszeiten mitbedingt werden. Die elterliche Erziehung orientiert sich weniger an Zielen wie Gehorsam, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit usw. Sie hat vielmehr die Entwicklung des Kindes zur eigenständigen, lebensfrohen und verantwortungsbewussten Persönlichkeit zum Ziel. Der Wertepluralismus und die Flut an Erziehungsratgebern führen gleichwohl bei vielen Eltern zu einer Verunsicherung in der Elternrolle. Hinzu kommt die Konkurrenz der Eltern mit den durch die Medien vermittelten Vor- und Leitbildern.

Nicht nur für die Erziehung gelten die große Gestaltungsfreiheit und das weitgehende Fehlen von verbindlichen Normen, sondern auch für die Geschlechts- und Familienrollen, die Arbeitsteilung und die Familienstruktur: Väter beteiligen sich in unterschiedlichem Maße an der Kindererziehung und an der Hausarbeit. Mütter sind Hausfrauen, arbeiten Teilzeit oder ganztags, tragen mehr oder weniger zum Haushaltseinkommen bei und sind mehr oder minder vom Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf betroffen. Einige Familien sind patriarchalisch strukturiert, in anderen sind die Ehepartner gleichberechtigt oder übernehmen die Verantwortung für bestimmte Aufgabenbereiche; vereinzelt bestimmen die Kinder das Familienleben.

Die hohen Erwartungen, die sich auf die Familie, auf Ehe und Elternschaft beziehen, führen oft zur Überforderung und Enttäuschung. Dies trägt neben anderen Gründen zur hohen Scheidungsquote bei: Etwa ein Drittel aller Ehen in den alten und rund die Hälfte in den neuen Bundesländern werden wieder aufgelöst. Die hohen Scheidungsraten, aber auch die zunehmende gesellschaftliche Tolerierung von lediger Mutterschaft haben zu einem starken Anstieg der Zahl von Alleinerziehenden geführt. So wächst in Westdeutschland jedes neunte, in Ostdeutschland bereits jedes fünfte minderjährige Kind in einer Teilfamilie auf (knapp drei Viertel der allein stehenden Mütter sind erwerbstätig). Aufgrund der hohen Wiederverheiratungsquote gibt es aber auch immer mehr Zweitfamilien - etwa zehn Prozent aller Kinder haben Stiefeltern. Zur Pluralisierung der Familienformen tragen ferner Ausländer- und Aussiedlerfamilien bei.

Generell wachsen mehr Kinder in ländlichen bzw. stadtnahen Wohnorten auf, da dort die Mieten und Lebenshaltungskosten viel niedriger als in den städtischen Ballungsräumen sind. Jedoch entfallen in nahezu allen Wohnumwelten aufgrund der zunehmenden Bebauung und Verkehrsgefährdung immer mehr Flächen, auf denen Kinder ungefährdet spielen und die Natur erkunden können. So haben diese immer seltener Gelegenheit zum unbeaufsichtigten Spiel, zum Herumtoben und zur körperlichen Bewährung in der Natur. Damit werden Grobmotorik und Muskelbildung weniger gefördert, kommt es leichter zu Haltungsschäden und Bewegungsmangel, wird Körperbeherrschung oft nicht erreicht. Zudem mangelt es oft auch an Möglichkeiten zur Schulung der Feinmotorik und zur Entwicklung handwerklicher Fertigkeiten. So eigneten sich Kinder früher ihre Umwelt vor allem durch Eigentätigkeit an, spielten mit denselben Werkstoffen, die Erwachsene benutzten, ahmten Arbeitsvorgänge ihrer Eltern nach und mussten bestimmte Aufgaben im Haushalt, auf dem Hof oder in der Werkstatt übernehmen. Heute können nur noch wenige Kinder auf diese Weise motorische Kompetenzen entwickeln. Damit wird ihnen ein wichtiger Weg verschlossen, der zu Selbstvertrauen, Produktivität, Befriedigung und sozialer Anerkennung führt.

Kindheit spielt sich heute immer mehr in Institutionen ab. Zum einen nimmt die Zahl der Kinder in Krippen, Kindergärten und Horten zu, zum anderen verbringen sie nach dem Besuch einer Kindertagesstätte oder Schule viel Zeit in Sportvereinen, Musikschulen, Jugendgruppen, Ballettschulen usw. So wechseln Kinder fortwährend zwischen der Familie und "kindgemäßen" Sonderumwelten. In diesen Einrichtungen werden Kinder aus der Lebenswelt Erwachsener ausgegrenzt und in relativ altershomogene Gruppen eingegliedert. Sie machen die Erfahrung einer kontinuierlichen Überwachung durch das pädagogische Personal, das ihnen zumeist mit einer Unterweisungs- und Bildungsabsicht gegenübertritt und nur an Teilbereichen ihrer Existenz interessiert ist (z.B. soziale Entwicklung, Beherrschung einer bestimmten Sportart oder eines Musikinstruments, Schulleistungen).

Anstatt wie früher unbeaufsichtigt auf dem Wohngrundstück, auf der Straße oder in der freien Natur spielen, sich mit Gleichaltrigen spontan treffen oder selbsttätig Gegenstände herstellen zu können, müssen Kinder heute in Institutionen von "Experten" entwickelte Lern- und Spielprogramme konsumieren. Überhaupt wird kindliche Tätigkeit immer mehr zum Konsum: Kinder sind von einem Überangebot von Spielsachen umgeben, die immer häufiger vorprogrammiert sind und nur noch bedient werden müssen. In der Freizeit konsumieren sie Fernsehprogramme, Videos, Musikkassetten, Kinder- und Jugendzeitschriften. Mahlzeiten werden nicht mehr selbst gekocht, sondern aus Konserven und Tiefkühlpäckchen zubereitet oder in der Kindertageseinrichtung bzw. an einem Stand zu sich genommen. Durch die Werbung werden Konsumwünsche nach Süßigkeiten und Kleidung gefördert.

Implikationen für die Familienarbeit

Aus den beschriebenen Charakteristika von Familien und Kindern ergeben sich viele Konsequenzen für die Arbeit mit Familien. Diese sollen nun in der Form von 10 Thesen dargestellt werden:

  1. Die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen und die berufliche Belastung der Ehepartner lassen wenig Zeit für Kinder. Das ist an sich nicht negativ, da die "Qualität" der mit den Kindern verbrachte Zeit wichtiger ist als deren "Quantität". Eltern sind sich der Zeitknappheit bewusst und suchen vermehrt nach Aktivitäten, die sie gemeinsam mit den Kindern durchführen können und die von beiden Seiten als sinnvoll, beziehungsfördernd und Freude machend erlebt werden. Im Rahmen der Familienarbeit können Familien derartige Betätigungsfelder eröffnet werden.
  2. Kinder spielen eine große Rolle im emotionalen Leben der Eltern. Diese investieren viel Zeit und Energie in ihre Erziehung, wollen ihre Entwicklung bestmöglich fördern. Oft binden sie ihre Kinder sehr eng an sich, sodass diesen die Individuation und Ablösung schwer fallen können. Im Kontext der Familienarbeit müssen somit Aktivitäten durchgeführt werden, die in den Augen der Eltern die kindliche Entwicklung in möglichst vielen Bereichen fördern. Zugleich sollen sie dazu beitragen, dass die Kinder an Selbstständigkeit und Freiheitsräumen gewinnen.
  3. Immer mehr Kinder wachsen in Einkindfamilien auf. Hier kommt der Familienarbeit die Aufgabe zu, Kindern soziale Erfahrungen mit Gleichaltrigen zu ermöglichen. Insbesondere "altkluge", auf Erwachsene fixierte oder überbehütete Kinder müssen zu einem kindgemäßen Verhalten geführt werden. Sozial unreife Kinder benötigen eine besondere Unterstützung.
  4. Viele Väter sind im Bereich der Kleinkinderziehung aktiver geworden und verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern, als dies früher üblich war. Jedoch nimmt ihr Engagement mit zunehmendem Alter der Kinder ab, wissen sie oft nicht, wie sie diese altersgemäß behandeln und beschäftigen sollen. So kommt der Familienarbeit die Aufgabe zu, Vätern bei der Übernahme und Ausgestaltung der Vaterrolle zu unterstützen und ihren Kontakt zu den Kindern zu intensivieren.
  5. Viele Eltern sind hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder verunsichert. Im Rahmen der Familienarbeit kommen sie mit anderen Eltern zusammen, an deren Verhalten sie sich orientieren oder mit denen sie Erziehungsfragen diskutieren können. Oft sind auch informelle Gespräche mit Fachleuten möglich.
  6. Die Familie ist durch den Funktionswandel zu einem Ort gemeinsamer Erholung und Freizeitgestaltung geworden. Neben kommerziellen Freizeitaktivitäten und solcher passiver Natur, wie z.B. Fernsehen, sind auch sportliche, körperlich ertüchtigende oder bildende Aktivitäten von Interesse. Die Familienarbeit kann den Familienmitgliedern Freizeitangebote erschließen, an denen sie gemeinsam teilnehmen können und die allen Spaß machen.
  7. Viele Kinder wachsen ohne den zweiten Elternteil auf. Die Familienarbeit kann dazu beitragen, dass sie mit anderen Erwachsenen zusammentreffen, die das Fehlen eines Geschlechtsrollenleitbildes ausgleichen. Aktivitäten in der Gruppe können auch überforderte Alleinerziehende entlasten oder einer Überbehütung entgegenwirken.
  8. Bedingt durch zu kleine Wohnungen, fehlende Flächen zum ungefährdeten Spielen und mangelnde Gelegenheiten zum Herumtoben oder zur Naturerkundung sind bei vielen Kindern Grob- und Feinmotorik unterentwickelt, mangelt es ihnen an Naturerfahrungen. Entsprechende Aktivitäten im Rahmen der Familienarbeit können dazu führen, dass Kinder mehr Körperbeherrschung entwickeln und dadurch an Selbstsicherheit und Selbstvertrauen gewinnen. Durch erlebnispädagogische Maßnahmen kann ihnen die Gelegenheit zur körperlichen Bewährung in der Natur geboten werden. Auch können ihnen Möglichkeiten zu Naturbeobachtungen eröffnet werden.
  9. Die "Institutionalisierung", Verplanung und pädagogische Gestaltung von Kindheit hat dazu geführt, dass viele Kinder schon fast kontinuierlich überwacht und erzogen werden. Für sie können im Rahmen der Familienarbeit bewusst Freiräume geschaffen werden, wo sie unbeaufsichtigt spielen, spontan handeln, herumtollen und ihre Kräfte aneinander messen können.
  10. Die durch die Medien vermittelten Rollenmodelle entsprechen zumeist nicht den gesellschaftlich erwünschten Leitbildern. Im Rahmen der Familienarbeit kommen Kinder mit Erwachsenen beiderlei Geschlechts zusammen, die für sie als Vorbilder wirken und ihnen das Hineinwachsen in die Geschlechtsrolle erleichtern können. Ferner können Freiräume geschaffen werden, wo geschlechtsuntypische Verhaltensweisen ausprobiert werden können. Auch viele Aktivitäten können zur Überwindung einengender Rollenmodelle führen - beispielsweise können beim Fußballspielen Jungen und Mädchen, Väter und Mütter mitmachen, können diese gemeinsam die Vorbereitung von Mahlzeiten und den Abwasch übernehmen.

Beachtet werden muss, dass diese Aussagen immer nur auf einen mehr oder minder großen Teil der Zielgruppe zutreffen: Familienleben und Kindheit sind heute durch die Vielfalt der Familienformen und Lebensstile, der Lebenswelten und Gestaltungsmöglichkeiten gekennzeichnet (vgl. den ersten Teil dieses Artikels). Pluralisierung und Individualisierung heißen die hier immer wieder genannten Stichworte.

Familiengruppenarbeit in Vereinen

Die im gerade skizzierten "Zehn-Punkte-Katalog" genannten Ziele der Familienarbeit lassen sich von Vereinen und Verbänden durch Familiengruppen erreichen. Gemeinsame Aktivitäten im Familienverband und zusammen mit anderen Familien sind attraktive Angebote für Mitglieder mit kleineren und größeren Kindern. Am Beispiel der Familiengruppenarbeit des Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine, der Deutschen Wanderjugend und des Deutschen Alpenvereins soll dies abschließend verdeutlicht werden.

Durch das Wandern und Bergsteigen in Familiengruppen wird Kindern und Jugendlichen ein neuer Erlebnis- und Erfahrungsraum eröffnet. Bei entsprechenden Freiräumen können sie hier ihren Tatendrang, ihre Unternehmungslust, ihren Spieltrieb und ihren Bewegungsdrang voll ausleben, ihre Kräfte, ihre Ausdauer und Geschicklichkeit aneinander messen sowie Befriedigung durch körperliche Leistung erfahren. Wandern, Geländespiele, Schnitzeljagd, Fahrrad- oder Bootswanderungen, Naturerlebnisspiele und Nachtwanderungen fördern die motorische und kognitive Entwicklung der Kinder. Die Kinder lernen sich selbst besser kennen - ihre Stärken und Schwächen, ihre Kräfte, ihre Leistungsfähigkeit und ihr Durchhaltevermögen. Aber auch die Phantasie wird durch die Landschaft angeregt, wozu Märchen oder Geschichten noch beitragen können.

Zugleich machen die Kinder neue Naturerfahrungen und -beobachtungen. Insbesondere bei naturkundlichen Wanderungen, bei Vogelstimmenwanderungen, Bestimmungsspielen oder angeleiteten Aktivitäten wie z.B. der Untersuchung der Humusschicht lernen sie viel über Pflanzen und Tiere. Aber auch bei "ganz normalen" Wanderungen und Bergtouren entdecken Kinder neue Pflanzen und Blumen, beobachten Tiere und Vögel, erkunden Seen, Tümpel, Moore und Bäche. Sie entwickeln Liebe zur Heimat und Natur, erkennen die Notwendigkeit einer ganzheitlichen, naturnahen und gesunden Lebensweise und setzen sich für den Umweltschutz ein.

Für die soziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ist förderlich, wenn Wanderungen und Bergtouren zusammen mit anderen Familien erfolgen. Kontakte mit Gleichaltrigen, jüngeren und älteren Kindern vermitteln neue Erfahrungen, erweitern das Spektrum sozialer Fertigkeiten und führen manchmal zu neuen Freundschaften. Zugleich lernen Kinder, auf kleinere oder schwächere Personen Rücksicht zu nehmen. Die anderen Erwachsenen wirken als Vorbilder, Rollenmodelle und gelegentlich auch als ausgleichendes Element in der Beziehung zu den Eltern. Das Zusammenleben mit anderen Familien bei Familienfreizeiten in Wanderheimen, Jugendherbergen, Zeltlagern oder Berghütten, das Grillen oder gemeinsame Singen am Lagerfeuer sind für Kinder nicht nur Abenteuer, sondern führen auch zu neuen zwischenmenschlichen Erfahrungen, einer Reduzierung des Anspruchsdenkens und größerer Hilfsbereitschaft.

Vom Wandern und Bergsteigen in einer Familiengruppe profitieren jedoch nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen. Die Familienmitglieder sind stunden- bzw. tagelang zusammen in Situationen, wo sie sich nicht zurückziehen und eigenen Interessen nachgehen können. Vielmehr unternehmen sie gemeinsam etwas, können sie sich in Ruhe miteinander unterhalten und anstehende Fragen klären. Die gemeinsamen Erlebnisse, die aus der körperlichen Aktivität resultierenden Befriedigungen und die intensive Kommunikation lassen die Familienmitglieder zusammenwachsen und stärken die Familienbande. Insbesondere Väter werden stärker in die Familie und Kindererziehung eingebunden - wozu Angebote wie Vater-Kind-Wanderungen besonders beitragen können. Ihre Wirkung als Rollenmodell wird größer.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass sich beim Wandern, Bergsteigen oder anderen Aktivitäten (Basteln, Musizieren, Theaterspielen, Kochen, Feiern) im Rahmen der Familiengruppenarbeit Familien kennen lernen und unter Umständen sogar freundschaftliche Beziehungen aufbauen. Ganz unterschiedliche Eltern und Kinder kommen in Kontakt miteinander, diskutieren gemeinsam die sie betreffenden Fragen, lernen voneinander im Gespräch und durch Vorbildwirkung. Familien mit etwas älteren Kindern dienen vielfach Familien mit jüngeren Kindern zur Orientierung. Oft ergibt sich die Möglichkeit, auch persönliche Probleme oder Erziehungsfragen zu besprechen. So werden Familien sozial integriert, kommt es manchmal sogar zur Nachbarschaftshilfe. Gemeinschaftsgefühl, Kommunikationsfähigkeit und Selbstwertgefühl werden gefördert.

Familienarbeit in der Form von Familiengruppen, Familienfreizeiten, Familienausflügen, Familiensport usw. ist für alle Verbände und Vereine von Bedeutung, für die Familien als Zielgruppe relevant sind oder die auf diese Weise Mitgliedern nach der Familiengründung bedürfnisgerechte Angebote machen wollen. Aber auch Kirchengemeinden, Kindertagesstätten, Schulen, Beratungsstellen und manche Einrichtungen der Wohlfahrtspflege können im Bereich der Familienarbeit tätig werden - und tun dies bereits vereinzelt.

Im Rückblick lässt sich also zusammenfassend festhalten, dass die Familiengruppenarbeit den Anforderungen entspricht, die sich aus dem Familienwandel und den Charakteristika heutiger Kindheit ergeben. Zugleich wird durch Familiengruppenarbeit ein wichtiger Beitrag zur Schaffung eines kinder- und familienfreundlichen Klimas in unserer Gesellschaft geleistet.