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und Dr. Martin R. Textor




Familienbildungsstätten

Martin R. Textor

 

Die wohl wichtigsten Träger der Familienbildung sind die rund 380 Familienbildungsstätten, deren Veranstaltungen jedes Jahr von rund drei Millionen Personen besucht werden. Diese Einrichtungen befinden sich überwiegend in größeren Städten; der ländliche Raum wird hingegen vernachlässigt. Ihre Angebote decken in der Regel alle zentralen Themenbereiche der Familienbildung ab und richten sich an alle Bürger.

Im Zentrum des Veranstaltungsprogramms von Familienbildungsstätten stehen zumeist Angebote für werdende und junge Eltern. Auch Angebote zur Säuglingspflege und -ernährung sowie Rückbildungsgymnastik werden gut angenommen. In den letzten Jahren haben Stillgruppen, Babytreffs, Miniclubs und Eltern-Kind-Gruppen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Hier kommen in der Regel rund 10 Mütter mit ihren Kleinkindern einmal pro Woche für circa zwei Stunden zusammen, um sich unter Anleitung über die Entwicklung ihrer Kinder und die eigene Lebenssituation auszutauschen, gemeinsam zu spielen, Kontakte zu pflegen und ihren (Einzel-) Kindern Begegnungsmöglichkeiten mit Gleichaltrigen zu bieten. Häufig werden zusätzlich themenspezifische Elternabende durchgeführt.

Für Eltern (älterer Kinder) gibt es an Familienbildungsstätten ein großes Angebot an Einzelveranstaltungen, Kursen und Gesprächsforen zu Erziehungsfragen. Hier - wie auch bei anderen Veranstaltungen - wird die Teilnahme von (beiden) Eltern oder von Alleinerziehenden manchmal dadurch gewährleistet, dass parallel eine Kinderbetreuung angeboten wird. Ferner werden zunehmend die beschränkten zeitlichen Möglichkeiten erwerbstätiger Mütter berücksichtigt (z.B. durch mehr Abend- und Wochenendveranstaltungen). Für Eltern mit Kindern im Kindergarten- und insbesondere (Grund-)Schulalter werden auch vereinzelt Familienseminare durchgeführt. Die einzelnen Einheiten werden von Eltern und Kindern gemeinsam oder getrennt absolviert. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen Familienerfahrungen. Jedoch ist insbesondere bei Jugendlichen die Bereitschaft, an solchen Familienseminaren teilzunehmen, sehr gering.

Im Vergleich zu Angeboten der Elternbildung werden solche der Ehevorbereitung bzw. -bildung in sehr viel geringerem Maße angenommen. Vor allem hier, aber auch generell im Bereich der Familienbildung zeigt sich, dass Männer nur schwer zu erreichen sind - zu sehr werden Beziehungspflege und Kindererziehung noch der Domäne der Frauen zugerechnet. Vereinzelt gibt es an Familienbildungsstätten jedoch schon Männer- bzw. Vätergruppen. Die Teilnehmer wollen ihre Familien- und Berufsrollen reflektieren, andere Seiten des Mann-Seins suchen, neue Zugänge zu sich selbst und zur Familie finden, über ihre Beziehung zu Frau und Kindern nachdenken. Genauso selten sind Vater-Kind-Gruppen oder Männergruppen, die sich mit handwerklichen Tätigkeiten, Basteln von Spielzeug, Kochen, Entspannungsübungen u.ä. befassen. Auch bei diesen Männergruppen ist das Gespräch über sich selbst bzw. die Männer- und Vaterrollen von großer Bedeutung. Offensichtlich ist, dass aufgrund der Vollerwerbstätigkeit der meisten Männer derartige Angebote nur am Abend oder am Wochenende erfolgen.

Frauenspezifische Themen in der Familienbildung werden hingegen gut angenommen. Bei diesen Veranstaltungen geht es z.B. um die Frauenrolle, um Selbsterfahrung oder Selbstsicherheitstraining. Auch die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird häufig thematisiert. Es geht hier vor allem um die Vergrößerung von Handlungsspielräumen, mehr Rollenflexibilität und mehr Selbstbestimmung. Hier - wie auch bei anderen Themen - müssen ebenfalls die Rahmenbedingungen analysiert werden, die Familien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. das Zusammenleben erschweren.

"Klassische" und noch immer gut besuchte Angebote von Familienbildungsstätten dienen der Vermittlung der zur Führung eines Haushalts notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten. Dazu gehören z.B. Back- und Kochkurse, Nähen, Häckeln, Sticken, Basteln, Werken und Krankenpflege, aber auch Veranstaltungen über gesunde Ernährung oder Umweltschutz. Gut angenommen werden ferner Kurse, die der Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Entspannung oder der Förderung psychischen Ausgeglichenseins dienen (Gymnastik, Sport, Tanz, Yoga, autogenes Training usw.).

Die weitaus meisten Familienbildungsstätten machen auch Angebote für ganz bestimmte Zielgruppen. So leisten sie einen Beitrag zur Unterstützung von Familien, die sich besonderen, das Zusammenleben und den einzelnen tief berührenden Problemen und Herausforderungen gegenüber sehen. Am häufigsten sind hier Angebote für Alleinerziehende. Bei diesen Veranstaltungen geht es z.B. um die Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen an der Auflösung der (Ehe-)Beziehung, mit der Erfahrung des eigenen Scheiterns, mit den Scheidungsfolgen und den Auswirkungen auf die Kinder. Die Alleinerziehenden erfahren in der Trennungssituation Unterstützung beim Umgang mit psychischen Problemen und praktischen Schwierigkeiten. Treten in dieser Phase oder nach der Scheidung Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsstörungen bei ihren Kindern auf, werden diese in der Gruppe besprochen. Gemeinsam wird dann nach geeigneten Erziehungsmaßnahmen gesucht. Weitere Themen in Alleinerziehendengruppen sind die Beziehung zum früheren Partner, Sorge- und Umgangsrechtsregelungen und neue Partnerschaften. Wurden die Kinder nichtehelich geboren oder ist der Ehegatte verstorben, stehen natürlich zum Teil andere Themen im Vordergrund. Vereinzelt gibt es ferner Angebote für nichtsorgeberechtigte Elternteile oder Zweitfamilien.

Manche Familienbildungsstätten bieten Veranstaltungen speziell für Ausländerfamilien an. Oft dienen sie dem Erlernen der deutschen Sprache, da dies die entscheidende Voraussetzung für das Leben in unserer Gesellschaft ist. Zweckmäßigerweise wird der Sprachunterricht auf alltägliche Situationen wie Einkauf, Arztbesuch oder Gespräch mit dem Lehrer der eigenen Kinder bezogen. Auch werden Kenntnisse über die deutsche Kultur, das Bildungswesen, das politische System usw. vermittelt. Insbesondere wenn längere Pausen bzw. Kaffeerunden eingeplant werden, kommt es zum Austausch über die persönliche und familiäre Situation. Werden Probleme angesprochen, können häufig Kursleiter/in und andere Teilnehmer/innen weiterhelfen (Rechtsfragen, Umgang mit Ausländerbehörde, Ausfüllen von Formularen, Hinweis auf Ausländerberatungsstellen usw.).

Vereinzelt bieten Familienbildungsstätten Seminare für chronisch Kranke (auch Suchtkranke) und/oder deren Familien an. Diese dienen der Information und Aufklärung über die jeweilige Erkrankung, der Unterstützung beim Verarbeiten des Krankheitserlebens und anderer Probleme (z.B. existentielle Ängste, Aufgabe der Erwerbstätigkeit, Isolation, Depressivität, Angst vor Verlust des Partners), der Besprechung der Situation pflegender Angehöriger, der Suche nach Entlastungsmöglichkeiten und der Klärung der Folgen dieser Situation für das gesamte Familiensystem. Der Kontakt zu anderen Betroffenen ermöglicht den Austausch von Erfahrungen und Ratschlägen, führt aus der Abkapselung und Einsamkeit heraus. Die Familie wird stabilisiert, die Alltagsbewältigung erleichtert. Angebotsformen für diese Zielgruppe sind Kurse für Erkrankte, Paarseminare, Angehörigenkurse und Familienwochenenden.

Trotz der hohen Arbeitslosenzahlen und der inzwischen weit verbreiteten Armut gelingt es nur wenigen Familienbildungsstätten, die hier angesprochenen Zielgruppen zu erreichen. Die von ihnen durchgeführten Veranstaltungen dienen dem Austausch über den Verlust der Berufsrolle und die damit verbundenen Gefühle (Minderwertigkeit, Langeweile, Angst usw.), die persönliche und familiale Situation sowie die Erfahrungen mit Arbeits- und Sozialamt. Fragen wie rechtliche Ansprüche, Abbau von Schulden und Gestaltung der freien Zeit werden diskutiert. Werden andere Familienmitglieder in (ergänzende) Abend- oder Wochenendveranstaltungen einbezogen, können ihr Erleben der Situation (z.B. materielle Einschränkung, negative Reaktionen von Klassenkameraden oder Nachbarn), ihr Verhältnis zum arbeitslosen Partner bzw. Vater und ihre Belastungen thematisiert werden.