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und Dr. Martin R. Textor




Aus: Martin R. Textor (Hg.): Hilfen für Familien. Eine Einführung für psychosoziale Berufe. Weinheim, Basel: Beltz 1998, S. 49-57 (Anfang 2015 überprüft und aktualisiert)

Ehe- und Familienbildung

Martin R. Textor


In einer Zeit des schnellen gesellschaftlichen und kulturellen Wandels, der Pluralisierung der Lebensformen und der Individualisierung bieten tradierte Leitbilder, Normen und Werte kaum noch Orientierung für die Gestaltung der Paarbeziehung und der Familienerziehung. Die Familienmitglieder müssen deshalb ihr Zusammenleben eigenverantwortlich und individuell gestalten. Auf diese Aufgabe sind sie jedoch in der Regel nicht vorbereitet: "Eine Familie zu gründen und das Leben in ihr zu gestalten, ist einer der wenigen Bereiche, für die eine vorausgehende Qualifikation weder notwendig ist noch meist als erforderlich erachtet wird" (Eichhoff et al. 1996, S. 8). Die fehlende Qualifizierung für diesen Lebensbereich steht in direktem Widerspruch zu dem Stellenwert, der den Familien von der Gesellschaft beigemessen wird, und ihrer Bedeutung für das Wohlbefinden von Menschen und für die Entwicklung von Kindern.

Wenn eine vorgeschriebene Qualifikation für Eheschließung und Familiengründung fehlt, so bedeutet dies aber nicht, dass interessierte Einzelpersonen, Paare und Familienmitglieder nicht freiwillig an entsprechenden Angeboten teilnehmen könnten. Inzwischen werden bundesweit Maßnahmen der Familienbildung durchgeführt. Sie beruhen zum einen auf § 16 SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) "Allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie", in dem erstmals die Familienbildung bundeseinheitlich als Teil des Leistungskatalogs der Jugendhilfe rechtlich verankert wurde. Die Absätze 1 und 2 Nr. 1 lauten: "(1) Müttern, Vätern, anderen Erziehungsberechtigten und jungen Menschen sollen Leistungen der allgemeinen Förderung der Erziehung in der Familie angeboten werden. Sie sollen dazu beitragen, dass Mütter, Väter und andere Erziehungsberechtigte ihre Erziehungsverantwortung besser wahrnehmen können. Sie sollen auch Wege aufzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können. (2) Leistungen zur Förderung der Erziehung in der Familie sind insbesondere 1. Angebote der Familienbildung, die auf Bedürfnisse und Interessen sowie auf Erfahrungen von Familien in unterschiedlichen Lebenslagen und Erziehungssituationen eingehen, die Familie zur Mitarbeit in Erziehungseinrichtungen und in Formen der Selbst- und Nachbarschaftshilfe besser befähigen sowie junge Menschen auf Ehe, Partnerschaft und das Zusammenleben mit Kindern vorbereiten..." Zum anderen werden Ehe- und Familienbildung in vielen Bundesländern in Erwachsenenbildungsgesetzen geregelt - hier wird die große Bedeutung von Volkshochschulen, Bildungswerken und anderen Erwachsenenbildungseinrichtungen als Anbieter entsprechender Veranstaltungen deutlich. Angebote der Ehe- und Familienbildung werden an keinerlei Voraussetzungen und Bedingungen geknüpft und richten sich prinzipiell an alle Familien, an Erwachsene und junge Menschen - und zwar unabhängig von der Familienform, der Schichtzugehörigkeit, dem Vorhandensein einer Problemlage usw.

Ziele und Ansatzpunkte der Ehe- und Familienbildung

Als allgemeines Ziel der Familienbildung kann die Unterstützung von Familien durch überwiegend bildende Angebote bezeichnet werden, die ein erfolgreiches Durchlaufen des Familienzyklus mit stressarmer Bewältigung der Übergänge ermöglichen sollen. "Die Familien sollen zur aktiven Gestaltung neuartiger Situationen motiviert sowie zur Nutzung von Chancen für die gemeinsame positive Weiterentwicklung und ein partnerschaftliches Miteinander angehalten werden. Außerdem will Familienbildung Orientierung in einer komplexen und sich rasch wandelnden Gesellschaft bieten sowie bei der Bewältigung von aus der Pluralisierung der Familienformen und aus der Individualisierung von Lebensläufen resultierenden Herausforderungen helfen. Da die Vielfalt heutiger Familienrealitäten und individueller Biografien nicht mehr fassbar ist, muss jede Familie bzw. jedes Familienmitglied ihren bzw. seinen eigenen Weg, eigene Lebensziele und Wertepräferenzen finden. Bei diesen schwierigen Aufgaben, für deren Lösung es keine 'Rezepte' gibt, können Reflexionshilfen, Begleitung und Beratung im Rahmen der Familienbildung genutzt werden" (Textor 1996, S. 49).

Wie im gesamten Bildungsbereich gilt auch in der Familienbildung das Prinzip des lebenslangen Lernens. "Familienbildung wendet sich an Eltern mit Kleinkindern und Heranwachsenden ebenso, wie sie Orientierungs- und Lebenshilfe in der Phase des Ablösungsprozesses der Kinder, in dem Alleinsein der Eltern und beim Verlust des Partners bereitstellt. Familienbildung ist eine lebenslange Aufgabe, die nicht bei einem bestimmten Alter des Kindes aufhört" (Schuster 1984, S. 3). Sie muss sich am Alltag, an den Erwartungen und Bedürfnissen, den Fragen und Problemen der Teilnehmer/innen ausrichten. Kommen individuelle oder familiale Schwierigkeiten und Belastungen zum Ausdruck, werden einerseits die Fachkräfte beraterisch tätig, während sich andererseits die Teilnehmer/innen wechselseitig beraten. Lebenshilfe und Beratung im Rahmen der Familienbildung haben aber eher einen allgemeinen prophylaktischen Charakter; bei größeren Problemen müssen die Betroffenen an Beratungsstellen und psychosoziale Dienste weitervermittelt werden.

Generell lassen sich verschiedene Arten von Familienbildung unterscheiden: (1) Ehevorbereitung: Jugendliche und Heranwachsende, junge Erwachsene mit (festem) Partner sowie Paare mit konkreter Heiratsabsicht sollen auf Partnerschaft und Ehe vorbereitet werden. Sie werden bei der Entwicklung tragfähiger Lebenskonzepte, von Kommunikations-, Problem- und Konfliktlösungskompetenzen unterstützt. (2) Ehebildung: Ehebildung umfasst die Begleitung von (Ehe-) Partnern durch die verschiedenen Phasen ihres Zusammenlebens. Es werden z.B. unterschiedliche Leitbilder von Ehe und Familie diskutiert, "männliche" und "weibliche" Rollen hinterfragt, über die Bedeutung der Sexualität gesprochen, wechselseitige Erwartungen abgeklärt und Kompetenzen für einen partnerschaftlichen Umgang miteinander vermittelt. (3) Elternbildung: Durch sie soll die Familie als Erziehungsinstanz gestärkt werden, indem Eltern geholfen wird, für ihre Kinder ein entwicklungsförderndes Sozialisationsfeld zu schaffen. Beispielsweise wird die in der eigenen Kindheit erfahrene Erziehung der Erwachsenen reflektiert, wird die kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erziehungskonzepten gefördert, werden pädagogische und entwicklungspsychologische Kenntnisse vermittelt, Erziehungsziele und -praktiken zwischen den Partnern abgestimmt und neue Wege zur Lösung von Konflikten mit Kindern vorgeschlagen. (4) Familienbildung i.e.S.: Familienbildung im engeren Sinne richtet sich auf die Familie als ein Ganzes, als ein System. Durch gemeinsame Angebote für Eltern und Kinder soll der Zusammenhalt zwischen den Familienmitgliedern gestärkt, neue Gesprächsinhalte eingeführt sowie Konflikte zwischen den Generationen angesprochen und gelöst werden.

Ferner lassen sich verschiedene Formen der Ehe- und Familienbildung unterscheiden: (1) institutionelle Familienbildung: Sie erfolgt überwiegend in Familienbildungsstätten und Einrichtungen der allgemeinen Erwachsenenbildung, in Kindertagesstätten, Jugendämtern und kirchlichen Einrichtungen. Die Angebote werden zumeist explizit der Ehe- und Familienbildung zugeordnet und finden vor allem in der Form von Vorträgen, Kursen/Seminaren und Gesprächskreisen statt. (2) informelle Familienbildung: Damit ist der Erfahrungsaustausch von Eltern ohne professionelle Anleitung gemeint, z.B. im Rahmen der Familienselbsthilfe. (3) mediale Familienbildung: Fernsehen, Rundfunk, Zeitschriften, Bücher, Websites, Elternbriefe, Videofilme usw. vermitteln viele Informationen, die explizit der Ehe- und Familienbildung dienen.

Außerdem kann zwischen verschiedenen Ansatzpunkten der Ehe- und Familienbildung differenziert werden (vgl. Eichhoff et al. 1996):

  1. Familienzyklus: Familien durchlaufen einzelne Phasen (z.B. erste Ehejahre, Familie mit Kleinkindern, Familie mit Schulkindern, Familie mit Jugendlichen im Prozess der Ablösung, "empty nest" usw.), die durch Veränderungen in der Rollenstruktur und die besonderen Anforderungen durch unterschiedlich alte Kinder geprägt werden. Sie werden durch Übergangsphasen voneinander getrennt (z.B. Geburt des ersten Kindes, Eintritt in den Kindergarten, Einschulung usw.), in denen große Umstellungen mit den entsprechenden Verhaltensunsicherheiten, Krisen und Konflikten anstehen. Die jeweiligen Angebote der Ehe- und Familienbildung dienen der Vorbereitung auf solche Transitionen, indem die dann anstehenden Aufgaben deutlich gemacht und die zu ihrer Bewältigung benötigten Kompetenzen vermittelt werden. Dies kann zu einer großen Entlastung führen, da sonst die auftretenden Probleme von den Erwachsenen sehr leicht als persönliche Defizite erlebt werden.
  2. Familienfunktionen: Diese Angebote der Ehe- und Familienbildung sollen den Teilnehmer/innen beim Erfüllen der Familienfunktionen wie Haushaltsführung (Hausarbeit, Ernährung, Wohnen, Arbeitsteilung, Geldverwendung), Reproduktion, Sozialisation und Erziehung, Beziehungsarbeit (Förderung der Kommunikation, Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse, Konfliktlösungsfähigkeiten usw.) und Freizeitgestaltung (Aktivitäten in der Familie bzw. mit Kindern, Umgang mit Medien usw.) helfen.
  3. besondere Lebenssituationen: Diese Angebote der Ehe- und Familienbildung sollen z.B. Alleinerziehenden, Stiefeltern oder Mitgliedern von Familien, in denen drei oder vier Generationen zusammenleben, helfen, die spezifischen Herausforderungen der jeweiligen Familienform zu bewältigen.
  4. besondere Familienbelastungen: Viele Angebote sollen Familien unterstützen beim Umgang mit nicht-normativen Krisen und Belastungen wie z.B. Arbeitslosigkeit, schwere Erkrankung, Versorgung einer pflegebedürftigen Person, Geburt eines behinderten Kindes, Migration, Armut oder Überschuldung.

Außerdem kann noch unterschieden werden, ob das jeweilige Angebot der Ehe- und Familienbildung überwiegend auf Einstellungen, Haltungen und Werte, auf Kognitionen und Bewusstseinsänderung oder auf das Verhalten der Teilnehmer/innen abzielt.

Anbieter von Familienbildung

Die wohl wichtigsten Träger der Familienbildung sind die Familienbildungsstätten, die sich überwiegend in größeren Städten befinden; der ländliche Raum ist hingegen unterversorgt. Ihre Angebote decken in der Regel alle zentralen Themenbereiche der Familienbildung ab und richten sich an alle Bürger. Diese werden zum weitaus größten Teil von Honorarkräften getragen. Im Zentrum des Veranstaltungsprogramms von Familienbildungsstätten stehen zumeist Angebote für werdende und junge Eltern: "Die Geburtsvorbereitung für werdende Eltern (in immer stärkerem Maße unter Einbeziehung der Väter) sowie die Säuglings- und Kleinkindbetreuung nehmen im Gesamtkatalog der Themen einen sehr breiten Raum ein. Es ist die Phase der Familienentstehung, in der Frauen und Männer ein völlig neues Feld des Erlebens und der Verantwortung betreten. Viele wollen diese Schritte nicht unvorbereitet tun" (Senat von Berlin 1995, S. 63). Auch Angebote zur Säuglingspflege und -ernährung sowie Rückbildungsgymnastik werden gut angenommen.

Daneben gibt es Stillgruppen, Babytreffs, Miniclubs, Krabbelgruppen und Mutter-Kind-Gruppen. Bei Eltern-Kind-Gruppen werden unterschieden: (1) mütterzentrierte Gruppen, bei denen die Entwicklung und Förderung des Kindes, die Sensibilisierung für seine Bedürfnisse und das Erziehungsverhalten im Mittelpunkt stehen; (2) frauenzentrierte Gruppen, in denen vor allem der Gesprächsaustausch zwischen den Müttern gefördert wird und wo deren Identitätsentwicklung, die Anpassung an die neue Familiensituation nach Geburt des Kindes und ihre weitere Lebensplanung, insbesondere hinsichtlich der Berufsausübung, thematisiert werden; und (3) elternzentrierte Gruppen, in denen versucht wird, auch die Väter zu erreichen und in die Treffen einzubinden (Eichhoff et al. 1996). Vereinzelt gibt es ferner spezielle Vater-Kind-Gruppen oder Männergruppen, in denen die Teilnehmer ihre Familien- und Berufsrollen reflektieren, andere Seiten des Mann-Seins suchen und über ihre Beziehung zu Frau und Kindern nachdenken. Außerdem werden an Familienbildungsstätten Familienseminare durchgeführt, an denen Eltern mit (Schul-) Kindern bzw. Jugendlichen teilnehmen können. Schließlich gibt es noch ein großes Angebot an Einzelveranstaltungen, Kursen und Gesprächsforen zu Erziehungsfragen.

Im Vergleich zu Angeboten der Elternbildung werden solche der Ehevorbereitung bzw. -bildung in sehr viel geringerem Maße angenommen, da hier die Angst vor Selbstoffenbarung und dem Gespräch über konkrete Partnerschaftsprobleme besonders groß ist. Frauenspezifische Themen stoßen hingegen auf großes Interesse. Bei diesen Veranstaltungen geht es z.B. um die Frauenrolle, um Selbsterfahrung, den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gut besucht werden auch Veranstaltungen, bei denen die zur Führung eines Haushalts notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt werden (z.B. Handarbeits- und Kochkurse) oder die der Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Entspannung oder der Förderung psychischen Ausgeglichenseins dienen (Gymnastik, Yoga, autogenes Training usw.).

In den letzten Jahren ist bei Familienbildungsstätten eine zunehmende Zielgruppenorientierung festzustellen: Am häufigsten sind hier Angebote für Alleinerziehende, Getrenntlebende und Geschiedene, bei denen es z.B. um die Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen an der Auflösung der (Ehe-) Beziehung, mit den Scheidungsfolgen und den Auswirkungen auf die Kinder geht. Die Teilnehmer/innen erfahren Unterstützung beim Umgang mit Trennungsschmerz und Trauer, bei Erziehungsschwierigkeiten und anderen Problemen mit ihren Kindern. Weitere Themen in Alleinerziehendengruppen sind die Beziehung zum früheren Partner, Sorge- und Umgangsrechtsregelungen, die Überwindung von sozialer Isolation (auch durch Mitgliedschaft in Selbsthilfegruppen) und neue Partnerschaften.

Vereinzelt gibt es ferner Angebote für nichtsorgeberechtigte Elternteile und - etwas häufiger - für Stieffamilien. Im letztgenannten Fall werden vor allem die Spezifika von Zweitfamilien herausgearbeitet und die Teilnehmer/innen so zum Anerkennen der Besonderheit dieser Familienform geführt. Ansonsten werden im Gespräch mit anderen Betroffenen z.B. Probleme bei der Entstehung von Stieffamilien, die Beziehung der Kinder zum Stiefelternteil und zum außen stehenden (nichtsorgeberechtigten) Elternteil, das Verhältnis zwischen den neuen Partnern und dasjenige zum Ex-Partner sowie Fragen der Organisation des Zusammenlebens behandelt.

Manche Familienbildungsstätten bieten Veranstaltungen speziell für Familien mit Migrationshintergrund an. Viele Kurse - oft mit paralleler Kinderbetreuung - dienen dem Erlernen der deutschen Sprache, da dies die entscheidende Voraussetzung für die Integration in unsere Gesellschaft ist. Auch werden Kenntnisse über die deutsche Kultur, das Bildungswesen, das politische System, Rechtsansprüche usw. vermittelt. Oft kommt es zum Austausch über die persönliche und familiäre Situation. Bei all diesen Angeboten müssen kulturelle Eigenarten respektiert werden (z.B. nur weibliche Kursleiter und Teilnehmer bei einem Kurs für Türkinnen). Daneben werden auch Veranstaltungen im Rahmen der kulturellen Bildungsarbeit durchgeführt, die dem Aufbrechen der Isolation von Familien mit Migrationshintergrund sowie dem Abbau von Berührungsängsten und Vorurteilen dienen. Obwohl der Anteil bi-kultureller Partnerschaften und Familien stetig zunimmt, gibt es nur selten Angebote für diese Zielgruppe mit ihren besonderen Schwierigkeiten.

Vereinzelt bieten Familienbildungsstätten Seminare für chronisch Kranke (auch Suchtkranke) und/oder deren Familien sowie für Familien mit behinderten Mitgliedern an. Diese dienen der Information und Aufklärung über die jeweilige Erkrankung bzw. Behinderung, der Unterstützung beim Verarbeiten des Krankheitserlebens und anderer Probleme (z.B. existenzielle Ängste, Aufgabe der Erwerbstätigkeit, Isolation, Depressivität, Angst vor Verlust des Partners), der Besprechung der Situation pflegender Angehöriger, der Klärung von Erziehungs- und Behandlungsfragen, der emotionalen Stärkung und der Suche nach Entlastungsmöglichkeiten.

Nur wenigen Familienbildungsstätten gelingt es, Arbeitslose sowie arme und benachteiligte Familien zu erreichen. Die Veranstaltungen dienen dem Austausch über den Verlust der Berufsrolle und die damit verbundenen Gefühle (Minderwertigkeit, Langeweile, Angst usw.), über die persönliche und familiale Situation, die Erfahrungen mit Arbeits- und Sozialamt, die rechtlichen Ansprüche, Möglichkeiten der beruflichen Weiterqualifizierung und die Gestaltung der Freizeit.

Neben Familienbildungsstätten bieten auch Volkshochschulen oder Erwachsenenbildungsstätten in kirchlicher Trägerschaft Veranstaltungen zur Familienbildung an. Die Bildungswerke der Kirchen vermitteln in erster Linie Referenten, die dann vor Ort - in der jeweiligen Pfarrei, im Gemeindezentrum usw. - ihre Veranstaltung durchführen. Sie suchen den Kontakt zu Institutionen in ihrem Einzugsbereich, die als Anbieter von Kursen der Familienbildung bzw. als Mitveranstalter infrage kommen. Neben Pfarreien können dies z.B. Familienkreise, Frauenbund, Erziehungsberatungsstellen oder Kindertageseinrichtungen sein.

Ein wichtiger Anbieter von Familienbildung sind auch die Kirchen mit ihren Pfarrgemeinden. In der Katholischen Kirche wird beispielsweise großer Wert auf die Ehe- und Familienpastoral gelegt, die Hilfen zur Gestaltung des Ehe- und Familienlebens geben und in Krisen beratend und unterstützend eingreifen will. Insbesondere von den Diözesen wird der Kursus "Ehevorbereitung - ein Partnerschaftliches Lernprogramm" (EPL) angeboten (Hahlweg et al. 1993). In der Regel führt ein Trainerpaar mit jeweils vier Paaren einen Kurs durch, der entweder sechs Abende oder ein Wochenende in Anspruch nimmt. Während der ersten drei Einheiten werden häufige Kommunikationsfehler verdeutlicht und beziehungsfördernde Gesprächsmuster (Verwendung der Ich-Form, konkrete Äußerung angemessener Wünsche, Gegenwartsorientierung usw.) sowie Problemlösestrategien vermittelt. "In den darauf folgenden Einheiten werden dann die erlernten Fertigkeiten an speziellen Themenkreisen angewandt und eingeübt. Im Einzelnen sprechen hier die Paare darüber, was ihnen für ihre Ehe/Partnerschaft wichtig ist, welche Erwartungen sie an diese haben (4. Einheit), wie sie sich ihre erotische und sexuelle Begegnung vorstellen (5. Einheit) und was für sie christlich gelebte Ehe bedeutet (6. Einheit)" (Thurmaier et al. 1992, S. 120). Andere Formen der Ehevorbereitung reichen von einem ausführlichen Gespräch mit dem Priester über Brautleutetage und mehrtägige Seminare bis hin zu Wochenendveranstaltungen.

Da nahezu alle Familien in Kontakt mit Kindertageseinrichtungen und Schulen kommen, erreichen familienbildende Maßnahmen, die von diesen Institutionen ausgehen, potenziell alle Eltern. Allerdings sind nur Kindertageseinrichtungen mehr als ansatzweise auf dem Gebiet der Familienbildung aktiv. Sie entsprechen den Erwartungen der Eltern bzw. den Bedürfnissen von Familien durch ganz verschiedene Formen der Elternarbeit, z.B. durch Elternabende, Einzelgespräche über die Entwicklung und Erziehung des jeweiligen Kindes, Elterngruppen (mit/ohne Kinderbetreuung), themenspezifische Gesprächskreise, Elterncafé/ Teestube oder Elternstammtische (Textor 1994). Neben Elternbildung zur Verbesserung der Familienerziehung erfolgt oft auch eine Beratung bei Erziehungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten. Die Vielfalt der Angebote stellt sicher, dass Eltern aus ganz unterschiedlichen Schichten erreicht werden. Elternabende in Kindertageseinrichtungen werden entweder von Erzieher/innen oder einem von außen kommenden Referenten (z.B. Erziehungsberaterin, Familienbildner oder Sozialpädagogin) gestaltet. Ähnliches gilt für Elterngruppen, deren Themen entweder von Treffen zu Treffen (spontan) festgelegt oder die mit einer bestimmten Thematik angekündigt werden (z.B. "Wie fördern Eltern am besten die Entwicklung ihrer Kinder?"). Das Interesse an solchen Veranstaltungen ist besonders groß, wenn Fragen der Erziehung und Entwicklung von (Klein-) Kindern auf eine nicht angsterzeugende Weise angesprochen werden. Auch sollte der Erfahrungsaustausch zwischen den Eltern im Mittelpunkt stehen.

Schulen nehmen sich hingegen kaum der Familienbildung an: "Geschichte und Gegenwart des familialen Lebens, seiner Bedingungen und Aufgaben finden im Unterrichtsgeschehen bisher keinen ihrer Bedeutung entsprechenden Platz. Auswahl und Darbietung der Unterrichtsinhalte sind noch weitgehend von einem Menschen- und Gesellschaftsbild geprägt, das auf Anforderungen bzw. Ereignisse im 'öffentlichen Raum' ausgerichtet ist. Eine entsprechend geringe Beachtung gilt der Befähigung zu einer Lebensplanung, die Beruf und ein aktives Familienleben sowie eine dazugehörige Vorbereitung auf die familiale Alltagsbewältigung einschließt" (Arbeitsgruppe 9 für das Internationale Jahr der Familie 1993, S. 37). Es wird kaum auf die Familienerziehung oder die Hausaufgabenbetreuung durch die Eltern eingewirkt, obwohl dadurch sicherlich kindliche Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen, Lernstörungen, Suchtmittelmissbrauch u.Ä. reduziert und die Schulleistungen gefördert werden könnten.

Ein in den letzten Jahren immer wichtiger gewordener Anbieter von Familienbildung ist die Familienselbsthilfe, die z.B. Elterninitiativen, Mütter-, Familien- und Nachbarschaftszentren, Kontaktkreise für Alleinerziehende, Selbsthilfegruppen (z.B. nach Geburt eines behinderten Kindes) oder selbstständige Eltern-Kind-Gruppen umfasst. Hier diskutieren Eltern ohne professionelle Anleitung mit Personen in derselben Lebenssituation über ihre Probleme und Belastungen, tauschen Erfahrungen über das Familienleben und die Erziehung aus, erweitern ihre erzieherischen Kompetenzen durch den Umgang mit fremden Kindern, suchen gemeinsam nach Entlastungsmöglichkeiten. Angebote wie Kurse, Handarbeitsgruppen, Gesprächskreise, Bastelnachmittage, kreativ-künstlerische Projekte, Kinderbetreuung mit festen oder offenen Gruppen usw. werden in der Regel von einzelnen Eltern durchgeführt, die auf solche Weise eigene Kompetenzen einbringen und weiterentwickeln ("Laienprinzip"). Besonders häufig sind offene Angebote, die eine niedrige Zugangsschwelle haben (Höchstmaß an Freiwilligkeit), spontan mitgestaltet werden können und dem Lebensrhythmus von Frauen mit (Klein-) Kindern entsprechen, die sich nur schwer auf regelmäßige Termine festlegen können.

In Selbsthilfegruppen, die entweder selbstständig oder Teil des Angebots eines Verbandes sind (z.B. Bundesvereinigung Lebenshilfe, Anonyme Alkoholiker, Verband allein stehender Mütter und Väter, Bundesverband der Pflege- und Adoptiveltern), solidarisieren sich die Familienmitglieder schnell aus dem Gefühl gleicher Betroffenheit heraus, bieten einander Verständnis, emotionale Unterstützung und wechselseitige Beratung. Sie tauschen sich über ihre Probleme und Belastungen aus, aber auch über Problemlösungen und erfolgreiche Bewältigungsversuche. Ferner kommt es in Selbsthilfegruppen häufig zur gemeinsamen Freizeitgestaltung (Ausflüge, Spielnachmittage, Wochenendfreizeiten usw.).

Viele Kreis- und Stadtjugendämter machen eigene Angebote im Bereich der Familienbildung, die aber überwiegend nur der Ergänzung der Maßnahmen anderer Träger dienen. Dazu gehören beispielsweise Abendveranstaltungen, Gesprächskreise und Wochenendseminare für Alleinerziehende, Pflege- und Stieffamilien. Eher offene und informelle Formen der Familienbildung werden im Kontext der Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit praktiziert (z.B. Gruppenangebote, Nachbarschaftsheime, Müttertreffs, Café- und Teestuben). Die Angebote setzen bei der Familie als Ganzes an, berücksichtigen ihren Lebensalltag, sind auf eine breite Palette familialer Bedürfnisse zugeschnitten, fördern Selbsterfahrung und die Analyse der eigenen Situation sowie das Gespräch darüber mit anderen Familien. Ein weiterer Schwerpunkt der Familienbildungsarbeit vieler Jugendämter ist der Versand von Elternbriefen an alle Familien nach Geburt des ersten Kindes bis zu dessen sechstem Lebensjahr, teilweise aber noch länger.

Familienbildung wird ferner von Wohlfahrts-, Familien-, Eltern-, Frauen-, Behinderten- und anderen Verbänden angeboten, die sich um Familienmitglieder mit besonderen Krankheiten, Suchtproblemen, psychischen Störungen oder anderen Belastungen kümmern - aber auch von Gesundheitsämtern, der Säuglingsfürsorge, Beratungsstellen, Sozialdiensten für Ausländer und Vereinen, z.B. für Männer mit Gewaltproblemen. Eine besondere Bedeutung kommt der offenen und verbandlichen Jugendarbeit zu, wo sich Jugendliche frühzeitig mit ihren Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht auseinander setzen, Kommunikations- und Konfliktlösefertigkeiten sowie ein partnerschaftliches Verhalten einüben und ihre Vorstellungen über Sexualität, Paarbeziehungen, Familienrollen und Erziehung diskutieren können.

Schlusswort

In diesem Artikel wurden die vielen Formen und Anbieter von Ehe- und Familienbildung vorgestellt. Es wurde deutlich, wie komplex und vielfältig dieses Teilsystem der Jugendhilfe und Erwachsenenbildung ist. Allerdings nützen in erster Linie Mütter aus der Mittelschicht die Angebote - Zielgruppen wie Väter, Alleinerziehende, Stieffamilien, Pflege- und Adoptivfamilien, unterprivilegierte Familien, Familien mit Migrationshintergrund, Menschen in bevölkerungsarmen Regionen, nichteheliche Lebensgemeinschaften oder Familien mit besonderen Belastungen (Arbeitslosigkeit, Behinderung, Krankheit, Drogensucht, Alkoholismus usw.) werden eher selten erreicht.

Auch bietet dieser Bereich nur wenigen Sozialpädagog/innen oder Psycholog/innen eine Vollzeitbeschäftigung. Die meisten Veranstaltungen werden von Honorarkräften durchgeführt, die überwiegend keine pädagogische Ausbildung haben und nur selten die Möglichkeit erhalten, an Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen oder gar eine Supervision zu erfahren. Hinzu kommt, dass dieser Bereich schon traditionell unter finanziellen Problemen leidet, die heute noch durch stagnierende oder zurückgehende Zuschüsse verschärft werden.

Es ist somit dringend erforderlich, dass dem hohen Stellenwert, der der Ehe- und Familienbildung von Staat und Gesellschaft beigemessen wird, (1) durch eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Angebote, (2) durch eine bessere Qualifikation der Mitarbeiter/innen und mehr Vollzeitstellen sowie (3) durch eine sichere und ausreichende finanzielle Grundlage entsprochen wird.

Literatur

Arbeitsgruppe 9 für das Internationale Jahr der Familie 1994: Familie und Bildung. Zu Analyse und Ausbau von Familienbildung und Familienselbsthilfe in der BRD. Langfassung. Bonn: Geschäftsstelle der Deutschen Nationalkommission für das Internationale Jahr der Familie, September 1993

Eichhoff, G./Janssen, E./Kunz, L. et al.: Familienbildung als Angebot der Jugendhilfe. Aufgaben und Perspektiven nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (Sozialgesetzbuch VIII). Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bd. 120. Stuttgart: Kohlhammer 1996

Eisenbraun, L./Schulz-Müllensiefen, E.: Familienbildung. In: Textor, M.R. (Hrsg.): Praxis der Kinder- und Jugendhilfe. Handbuch für die sozialpädagogische Anwendung des KJHG. Weinheim: Beltz 1992, S. 85-87

Empfehlungen des Deutschen Vereins zur Familienbildung und zu der Umsetzung des gesetzlichen Auftrages in der Jugendhilfe. Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge 1995, 75, S. 221-225

Hahlweg, K./Thurmaier, F./Engl, J./Eckert, V./Markman, H.: Prävention von Beziehungsstörungen. System Familie 1993, 6, S. 89-100

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Informationen für Familien. Bonn: Selbstverlag 1997

Schuster, A.: Familienbildung und Sozialarbeit. In: Parlamentarische Staatssekretärin für Familie und soziale Verbände im Sozialministerium des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.): Familienbildung und Sozialarbeit. Vier Projektberichte aus Schleswig-Holstein. Kiel: Selbstverlag 1984, S. 3-4

Senat von Berlin (Hrsg.): Bericht über die Situation der Familien in Berlin. Drucksache 12/5997. Berlin: Abgeordnetenhaus von Berlin 1995

Strätling, B.: Eltern- und Familienbildung. In: Textor, M.R. (Hrsg.): Hilfen für Familien. Ein Handbuch für psychosoziale Berufe. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1990, S. 215-237

Strätling, B.: Die Stieffamilie/Zweitfamilie als Thema der Familienbildungsarbeit. In: Horstmann, J. (Hrsg.): Stieffamilie/ Zweitfamilie. Reflexionen über einen an gesellschaftlicher Bedeutung zunehmenden Familientypus. Grafschaft: Vektor-Verlag 1994, S. 175-189

Textor, M.R. (Hrsg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten. Reflexion und Praxis. Freiburg: Herder 1994

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Thurmaier, F./Engl, J./Eckert, V./Hahlweg, K.: Prävention von Ehe- und Partnerschaftsstörungen EPL (Ehevorbereitung - Ein Partnerschaftliches Lernprogramm). Verhaltenstherapie 1992, 2, S. 116-124