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und Dr. Martin R. Textor




Erziehungs- und Bildungspartnerschaft von Lehrer/innen und Eltern

Martin R. Textor

 

In vielen Studien wurde festgestellt, dass Kinder - familienbedingt - mit einem unterschiedlichen Ausgangszustand eingeschult werden. Obwohl dann - zumindest in den ersten vier Jahren - alle Kinder dieselbe Schule durchlaufen, gelingt es den Lehrer/innen nicht, solche Unterschiede auszugleichen. Der Salzburger Professor Krumm (1995) kommentierte diese Forschungsergebnisse wie folgt: "Die Differenzen in den kognitiven oder affektiven Lernvoraussetzungen zu Beginn der ersten Klasse werden im Verlauf der Schulzeit nicht kleiner, sondern größer. Das heißt natürlich nicht, dass in der Schule nicht viel gelernt wird. Es heißt lediglich, dass Kinder, die vor und während der Schulzeit von den Eltern viel Förderung erhalten, die Lernchancen in der Schule besser nutzen können..." (S. 8). Die Schulleistungen von Kindern lassen sich eher durch Bedingungen in der Familie als durch solche in der Schule erklären (bis zu zwei Dritteln der Varianz).

Auch die derzeit immer noch intensiv diskutierte PISA-Studie ergab, dass Schulerfolg teilweise von Familienfaktoren abhängt. Dies gilt vor allem für Deutschland: In keinem anderen Industrieland ist die soziale Herkunft so entscheidend für den Schulerfolg. Kinder aus Akademikerfamilien haben eine viermal größere Abiturchance als Kinder aus Facharbeiterfamilien. Selbst Unterschichtkinder mit besten Leistungen bleiben in der Hauptschule und wechseln nicht in weiterführende Schulen. Die Eltern bestimmen somit die Schullaufbahn ihrer Kinder durch ihre Leistungserwartungen, das Ausmaß ihrer Förderung der kindlichen Entwicklung und ihre Kontrolle, insbesondere der Hausaufgaben.

Alle diese Untersuchungen verdeutlichen die große Bedeutung der Familie für das Kind. Offensichtlich ist, dass in der Familie extrem viel gelernt wird, vor allem Kompetenzen und Einstellungen, die für das ganze weitere Leben wichtig sind. Dazu gehören Sprachfertigkeiten, Grob- und Feinmotorik, Lernmotivation, Neugier, Leistungsbereitschaft, Interessen, Werte, Selbstkontrolle, Selbstbewusstsein, soziale Fertigkeiten usw. Inwieweit solche Kompetenzen in der Familie ausgebildet werden, bestimmt den späteren Schul- und Lebenserfolg eines Kindes.

Dies bedeutet für die Schule: Die Leistungen der Eltern dürfen keinesfalls unterschätzt werden: Sie haben den Kleinkindern erfolgreich z.B. das Gehen und Laufen, das Sprechen und den Umgang mit anderen gelehrt. Sie verbringen ein Vielfaches an Zeit mit ihrem Kind, als Lehrer/innen dem einzelnen Kind in ihren großen Klassen widmen können. Außerdem sind sie wichtigere "Liebesobjekte" als Lehrer/innen, wobei die damit verbundenen Gefühle Modellernen bzw. Nachahmung fördern. Schließlich sind Eltern "Spezialisten" für ihr Kind: Sie kennen es länger und aus unterschiedlicheren Situationen als Lehrer/innen - und Kinder können sich dort ganz anders als in der Schule verhalten.

Die letzten Aussagen verdeutlichen, wie wichtig der Austausch zwischen Schule und Familie über das Kind, seine Lebenssituationen und seine Erziehung ist. Lehrer/innen und Eltern haben Wissenslücken - die einen über die Familiensituation sowie das Verhalten und Erleben des Kindes außerhalb der Einrichtung, die anderen über den Erziehungsalltag und die Entwicklung des Kindes in der Schule. Nur in einem Dialog, bei dem die Partner gleichberechtigt sind und einander als Person akzeptieren, können beide Seiten erfahren, wie sich das Kind in der jeweils anderen Lebenswelt verhält.

Ein solches dialogisches Verhältnis zwischen Lehrer/innen und Eltern könnte man als Erziehungspartnerschaft bezeichnen (vgl. Textor 2000). Durch diesen Begriff wird betont, dass zum einen Lehrer/innen und Eltern auf die kindliche Entwicklung einwirken und zum anderen die gemeinsame Verantwortung für die Erziehung der Kinder im Mittelpunkt der Beziehung zwischen beiden Seiten steht. Der Begriff "Partnerschaft" impliziert außerdem, dass Familie und Schule gleichberechtigt sind, ein "Bündnis" geschlossen haben, ähnliche Ziele verfolgen und zusammenarbeiten.

Erziehungspartnerschaft realisiert sich in einem dynamischen Kommunikationsprozess, in der wechselseitigen Öffnung von Familie und Schule. Dies setzt gegenseitiges Vertrauen und Respekt voraus - Haltungen, die sich auch auf das Kind positiv auswirken: Sieht es, dass die Lehrer/innen seine Familie wertschätzen, wird es eher Selbstachtung entwickeln. Merkt es, dass seine Eltern die Lehrer/innen respektieren, fördert dies den pädagogischen Bezug und die Lernmotivation.

Öffnung auf Seiten der Familie bedeutet, dass die Eltern über das Verhalten des Kindes in der Familie, besondere Erlebnisse, ihre Erziehungsziele und -methoden sprechen. Auf Seiten der Schule geht es bei der Öffnung darum, den Schulalltag für Familien durchschaubar zu machen. Die Eltern möchten beispielsweise wissen, welche Erziehungsziele, -vorstellungen und -praktiken die Lehrer/innen haben, was sie unterrichten und wie sie sich in schwierigen Situationen verhalten - z.B. gegenüber einem trotzenden oder aggressiven Kind. Auch wollen sie von dem entwicklungspsychologischen und pädagogischen Fachwissen und den Erfahrungen der Lehrer/innen profitieren. Vor allem aber wünschen sie Informationen darüber, wie sich ihr Kind in der Klasse verhält, wie es sich entwickelt, welchen Lernfortschritt es macht und ob es Schwierigkeiten hat.

Unter dem Eindruck der PISA-Studie habe ich vor kurzem den Begriff der Erziehungspartnerschaft erweitert: Meines Erachtens sollte es ebenfalls eine Bildungspartnerschaft zwischen Familie und Schule geben. Damit meine ich, dass Eltern und Lehrer/innen auch bei der Bildung von Kindern kooperieren sollten. Das impliziert meines Erachtens die Mitarbeit von Eltern in der Schule. So trifft man z.B. in vielen amerikanischen Schulen auf Eltern (und andere Erwachsene), die kleine Gruppen von Kindern am Computer anleiten, mit ihnen in einer Fremdsprache sprechen oder bestimmte Aktivitäten überwachen. Die Kinder profitieren in ihrer Entwicklung, weil sie neben den Lehrer/innen andere Erwachsene als Spiel- und Gesprächspartner, als Vorbild und Rollenmodell haben. Sie erfahren mehr Stimulation, Anleitung und Förderung. Durch die intensivere Interaktion mit Erwachsenen wird ihre sprachliche und kognitive Entwicklung beschleunigt. Ferner erwerben sie soziale Kompetenzen durch den Umgang mit zuvor oft unbekannten Erwachsenen.

Diese Möglichkeiten könnten auch an deutschen Schulen geschaffen werden. Insbesondere aber die Projektarbeit bietet viele Möglichkeiten einer intensiven Einbindung von Eltern in bildende Aktivitäten (vgl. Textor 2002). Eltern sollten in die Projektplanung einbezogen werden, wobei sie eigene Ideen einbringen und Aufträge übernehmen können - beispielsweise Bücher, Materialien bzw. Werkzeuge zu besorgen oder Besuchstermine bei Handwerksbetrieben, Firmen bzw. kulturellen Einrichtungen zu vereinbaren. Sie können im Verlauf eines Projekts tätig werden, also z.B. Kleingruppen bei bestimmten Aktivitäten anleiten, sich als Interviewpartner zur Verfügung stellen oder bestimmte Kompetenzen einbringen. Auch können sie beispielsweise bei Projekten wie "Berufe" oder "Wohnen" an ihrem Arbeitsplatz bzw. in ihrer Wohnung besucht werden. Eltern können aufgefordert werden, Projektthemen zu Hause aufzugreifen und zu vertiefen. Schließlich können sie in die Evaluation eines Projekts einbezogen werden.

Ferner sollte es durch die Zusammenarbeit von Lehrer/innen und Eltern zu einer Verbesserung der Erziehung und Bildung in der Familie kommen. In diesem Zusammenhang soll an folgendes Ergebnis der "PISA"-Studie erinnert werden: Die Schüler/innen wurden gefragt, inwieweit die Eltern ihre (schulische) Entwicklung fördern. Nur etwas mehr als 40% der deutschen Schüler/innen gaben an, dass ihre Eltern regelmäßig mit ihnen über ihre schulischen Leistungen reden - der OECD-Durchschnitt lag bei 51,2%, der Wert für italienische Eltern sogar bei gut 60%. Ferner berichteten von den deutschen 15-Jährigen nur 41%, dass ihre Eltern regelmäßig mit ihnen persönliche Gespräche führen, und gerade einmal 16%, dass sie mit ihnen mehrmals pro Woche über Bücher, Filme oder Fernsehen reden. In anderen Ländern zeigten die Eltern bei weitem mehr Interesse.

Hier wird Folgendes deutlich: Eltern müssen mehr Verantwortung für die Erziehung, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung von älteren Kindern und Jugendlichen übernehmen. Dazu wird es nur kommen, wenn auch Lehrer/innen mehr auf die Familienerziehung einwirken, also elternbildend tätig werden. Dies kann z.B. in Einzelgesprächen geschehen, aber auch durch thematische Elternabende und Gesprächskreise. Ferner können Lehrer/innen den Eltern mitteilen, wie diese zu Hause die vorgesehenen Unterrichts- bzw. Projektthemen aufgreifen, ergänzen und vertiefen können. So können Eltern z.B. zum Thema passende Kinderbücher aus der Stadtbibliothek ausleihen und mit den Kindern anschauen, mit ihnen über neue Begriffe sprechen oder mit ihnen bestimmte, von den Lehrer/innen vorgeschlagene Aktivitäten wie ein Experiment, eine Bastelarbeit oder ein Interview durchführen. Auf diese Weise werden die Lernerfahrungen des Kindes verstärkt und ausgeweitet, wird die Bildung in der Familie intensiviert.

Ich plädiere also für eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen Schule und Familie: Wenn Eltern ihr Wissen, ihre Kompetenzen, ihre Hobbys usw. in die Schule einbringen können, erweitert sich das Bildungsangebot. Wenn Eltern mit Kindern diskutieren, insbesondere in Kleingruppen oder Einzelgesprächen, werden kognitive, Sprach- und soziale Entwicklung gefördert. Wenn Lehrer/innen auf die Familienerziehung einwirken, verbessern sich die Sozialisationsbedingungen ihrer Schüler/innen. Wenn sie Eltern anhalten, Unterrichtsinhalte zu Hause aufzugreifen und zu vertiefen, wird sich dies positiv auf die kognitive Entwicklung der Kinder auswirken. Erziehung und Bildung werden so zur gemeinsamen Aufgabe von Familie und Schule.

Literatur

Krumm, V.: Über die Vernachlässigung der Eltern durch Lehrer und Erziehungswissenschaft. Plädoyer für eine veränderte Rolle der Lehrer bei der Erziehung der Kinder. Manuskript. Salzburg: Universität Salzburg 1995 (später erschienen in: Zeitschrift für Pädagogik 1996, Sonderheft 34, S. 119-140)

Textor, M: Kooperation mit den Eltern. Erziehungspartnerschaft von Familie und Kindertagesstätte. München: Don Bosco 2000

Textor, M.R.: Projektarbeit im Kindergarten. Planung, Durchführung, Nachbereitung. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 7. Aufl. 2002