Homepage von Ingeborg Becker-Textor
und Dr. Martin R. Textor




Aus: Psychologische Rundschau 1988, 39, S. 201-211

Eklektische und Integrative Psychotherapie. Fünf Bewegungen zur Überwindung der Vielzahl von Therapieansätzen

Martin R. Textor


Überblickt man die Entwicklung der Psychotherapie in den vergangenen zwei Jahrzehnten, so fällt als erstes die rapide Vermehrung von Therapieansätzen auf. Beispielsweise werden in Herinks (1980) Sammelband schon mehr als 250 bekannte Ansätze der Psychotherapie unterschieden. Vor allem in den 60er Jahren und Anfang der 70er - einer Zeit großen Experimentierens im gesellschaftlichen Bereich - wurde in Nordamerika und Westeuropa ein Therapieansatz nach dem anderen entwickelt, da Wissenschaft und Öffentlichkeit mehr Originalität und Kreativität als das geduldige Ausarbeiten und Begründen bereits bestehender Theorien belohnten (vgl. Garfield, 1982a; Herrmann, 1979; Petzold, 1980; Textor, 1983a; Ward, 1983).

Die Schöpfer neuer Therapieansätze gewannen Anhänger durch Publikationen, Vorträge oder Lehrtätigkeiten, so dass eine Vielzahl eigenständiger "Schulen" der Psychotherapie entstand. Diese wurden häufig sehr schnell bekannt, wobei ihre Popularität vielfach weniger auf der Effizienz ihrer Verfahren als vielmehr auf dem Charisma und der Tatkraft der führenden Repräsentanten oder auf dem Zeitgeist beruhte (Goldfried, 1983a). Die Anhänger einer Schule tendieren dazu, den jeweiligen Ansatz zu verabsolutieren und auf dogmatische Weise zu vertreten. Sie halten ihn für den besten und glauben, dass er für alle Arten von Problemen und alle Typen von Klienten geeignet sei. Zugleich lehnen sie vielfach andere Therapieansätze ab. Hierzu meinen Goldfried und Padawar (1982): "Inasmuch as the social systems that surround the field of psychotherapy are typically organized according to schools of thought, there is the unfortunate tendency to stereotype therapists who align themselves with another viewpoint" (p. 20). Die Anhänger einer Schule sind blind für die Konzepte und Hypothesen anderer Therapeuten, stehen deren Ideen misstrauisch gegenüber und reagieren auf viele ihrer Begriffe mit spöttischer oder übertriebener Ablehnung. Einer Erklärung für dieses Verhalten gibt Rhoads (1984): "The unfriendliness seems understandable only in terms of mutual lack of understanding of each other's goals, methods, vocabularies, and the narcissism inherent in what is perceived as a threat to one's own belief system" (p. 196). So sprechen Therapeuten verschiedene Sprachen, verstehen viele Termini anderer Therapierichtungen nicht und haben Probleme, sich miteinander zu verständigen (Kaminski, 1970).

Aufgrund des mit der Ausbildung verbundenen zeitlichen und finanziellen Aufwandes (die Ausbildung in der jeweiligen Therapierichtung erfolgt ja überwiegend berufsbegleitend nach dem Studium) eignet sich zunächst der Therapeut in der Regel nur einen Therapieansatz an, wobei persönliche Vorlieben, Persönlichkeitsfaktoren und Einstellungen, aber auch zufällige Gegebenheiten (z.B. Orientierung der akademischen Lehrer, Fortbildungsangebote am Ort, Wünsche der Arbeitgeber) eine große Rolle spielen. Er unterzieht also seine Patienten der erlernten Standardbehandlung, die somit das eigentliche "Indikationskriterium" wird - die spezifischen Probleme und Eigenschaften des jeweiligen Klienten sind von geringerer Bedeutung; aus der Vielzahl möglicher therapeutischen Verfahren und Techniken (die von anderen Schulen der Psychotherapie entwickelt wurden) werden nicht die jeweils bestgeeignetsten ausgewählt (vgl. Boy & Pine, 1983; Lazarus, 1983; Rauchfleisch, 1982; Textor, 1983b). Für den Klienten bedeutet das folgendes: "Welcher Art der Behandlung ein Patient zugeführt wird, hängt also unter Umständen wesentlich davon ab, welchen Therapeuten er aufsucht" (Rauchfleisch, 1982, p.29). An dieser Situation ändert sich nur wenig, wenn der Therapeut später seinen Ansatz um Konzepte und Techniken aus ein oder zwei weiteren Therapierichtungen erweitert.

So sind also allgemeine Charakteristika von Therapieansätzen ihre Einseitigkeit und übergroße Vereinfachung. Die Schulen der Psychotherapie betonen nur einzelne "Elemente" (Textor, 1983 b), d.h. umfassende Bereiche des menschlichen Organismus bzw. des interpersonalen Kontextes. Die ihnen zugeordneten Therapieansätze beleuchtet wiederum nur bestimmte "Aspekte" derselben - je nach Standpunkt und Perspektive des jeweiligen Vertreters. Beispielsweise legt die Tiefenpsychologie den Schwerpunkt auf das Unbewusste (wobei ich dieses als Element, Freuds Aufteilung in "Es", "Ich" und "Über-ich" oder Jungs "kollektives Unbewusste" aber als Aspekte bezeichnen würde), die Verhaltenstherapie auf Verhalten und Kognition sowie die Gestalttherapie auf das Affektive - während gleichzeitig andere Bereiche des Menschlichen stark vernachlässigt oder gar übersehen werden (Lazarus, 1983; Petzold, 1980; Textor 1983b; Ward, 1983).

Eine Folge dieser Einseitigkeit von Therapieansätzen ist, dass der Wahrnehmungsrahmen von Therapeuten begrenzt wird. Da sich die Anhänger einer Schule auf bestimmte Elemente und Aspekte konzentrieren, übersehen sie in der Regel eine Vielzahl von Variablen in der Lebenssituation ihrer Klienten und in der Behandlungssituation, sind sie blind für wichtige Eindrücke, nehmen sie Ursachen für Störungen im Verhalten und Erleben ihrer Patienten nicht wahr (vgl. Boy & Pine, 1983; Kazdin, 1984; Lazarus, 1983; Schacht, 1984; Textor, 1983a, b). Ja, sie mögen sogar Wahrnehmungen "wegrationalisieren", die im Widerspruch zu den Konzepten und Hypothesen ihres Therapieansatzes stehen (Goldfried & Padawar, 1982). Hinzu kommt, dass natürlich auch Ansatzpunkte für Interventionen übersehen werden, da diese vom jeweiligen Therapieansatz nicht berücksichtigt werden bzw. dieser keine geeigneten Methoden zur Verfügung stellt. Generell ist das Repertoire an Verfahren und Techniken der Anhänger einer Schule der Psychotherapie beschränkt, da sie nicht auf diejenigen anderer Therapierichtungen zurückgreifen können.

Offensichtlich ist, dass aus dieser Einseitigkeit von Therapieansätzen auch eine Begrenztheit der praktischen Arbeit resultiert. Die Beschränkung auf bestimmte Elemente wie Unbewusstes, Verhalten oder Kognition kann eine Behandlung zum Scheitern verurteilen, wenn z.B. die Ursachen für die Probleme des Klienten in theoretisch kaum berücksichtigten Bereichen liegen, sie also aufgrund der beschriebenen Begrenzung des Wahrnehmungsfeldes bei der Diagnose nicht erkannt werden. Auch mag eine Therapierrichtung nicht geeignete Strategien und Techniken für die Behandlung bestimmter Probleme oder Kliententypen anbieten. In diesem Zusammenhang ist folgende Aussage von Frank (1984) von Interesse: "It may well be that the success of a therapist with particular patients depends on how consonant the therapeutic program is with the patient’s style of problem solving. For example, interview therapies might be most successful with patients who are introspective and self-analytical; behavioral therapies and cognitive therapies would be especially attractive to patients who actively try to solve problems, either by actions or rational thinking; and humanistic therapies might appeal most to the philosophically-minded" (p.23; vgl. Prochaska & DiClemente, 1982; Salzman, 1984). Anders ausgedrückt, dürften dementsprechend z.B. humanistische Therapeuten wenig Erfolg mit selbstanalytischen oder besonders aktiven Klienten haben. Da diese Einseitigkeit und Beschränktheit auf alle Therapieansätze zutrifft, ist es auch nicht verwunderlich, dass sie ähnliche Erfolgsquoten erzielen. So schreibt Frank (1984): "Comparison of one form of therapy with another, however, has failed to demonstrate convincingly that any one is superior to any of the others for most psychiatric illnesses" (p.18; vgl. Garfield & Bergin, 1978; Hyan, 1981; Kazdin, 1984).

In den vergangenen Jahren haben viele Therapeuten erkannt, dass Therapieansätze nur einen Teil der klinischen Realität widerspiegeln und von mangelnder Wissenschaftlichkeit sind. Diese Erkenntnis hat eine neue Phase in der Entwicklung der Psychotherapie eingeleitet. So meint Kazdin (1984): "Advances in psychotherapy have been slow, a fact often attributed to the inherent complexity of treatment and the multiplicity of clinical problems to which treatments are directed. Recent progress has stemmed in part from the acknowledgment that answers are not likely to come from singular, narrowly conceived theoretical views" (p.161; vgl. Goldfried & Padawar, 1982). Eine Folge ist, dass bereits bestehende Therapieansätze erweitert, also um neue Aspekte oder gar einzelne Elemente ergänzt werden. So haben beispielsweise in der Verhaltenstherapie kognitive Faktoren an Bedeutung gewonnen, während in der Tiefenpsychologie mehr und mehr Einflüsse der interpersonalen Umwelt berücksichtigt werden (Goldfried, 1982; Kendall, 1982). Ich möchte mich aber hier auf fünf andere Entwicklungen im Bereich der Psychotherapie konzentrieren, nämlich (1) die Suche nach Gemeinsamkeiten, (2) die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, (3) den Eklektizismus, (4) die Synthese von zwei Therapierichtungen sowie (5) die Integrative Psychotherapie.

Die Suche nach Gemeinsamkeiten

Aus der Feststellung, dass trotz der großen Unterschiede zwischen den einzelnen Therapieansätzen mit jedem in etwa die gleichen Behandlungserfolge erzielt werden (Garfield & Bergin, 1978; Hyan, 1981), ergibt sich die Frage, welche therapeutischen Prozesse und Vorgehensweisen nun wirklich positive Veränderungen in Klienten bewirken: "Sichern die verschiedenen psychotherapeutischen Ansätze die erhofften Veränderungen mit unterschiedlichen Mitteln, oder verwendeten sie lediglich unterschiedliche theoretische Begriffe bei der Beschreibung von Phänomenen, die zwar ähnlich sind, aber wohl in ihrer Bedeutung nicht klar erfasst worden sind?" (Garfield, 1982a, p. 4). Eine Gruppe von Psychotherapeuten, die beispielsweise von Frank, Garfield, Goldfried, Sloane und Strupp vertreten wird, antwortet auf diese Frage mit der These, dass allen Schulen der Psychotherapie bestimmte Wirkfaktoren gemeinsam sind. Diese Merkmale, die einen Großteil oder gar die meisten Veränderungen in Klienten bewirken, werden als "Gemeinsamkeiten", "nicht spezifische Behandlungsfaktoren" oder "therapeutischer Untergrund" bezeichnet. Sie sollten aus der vergleichenden Analyse von Therapieansätzen ermittelt werden, wobei als Ergebnis ein umfassendes Modell therapeutischer Veränderungen angezielt wird (Garfield, 1982a; Prochaska & DiClemente, 1982).

Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten kann man sich aber nicht darauf verlassen, was Therapeuten berichteten oder in ihren Veröffentlichungen beschreiben, da vielfach Widersprüche zwischen theoretischen Äußerungen und der jeweiligen Praxis festzustellen sind: "Although adherents of particular schools of psychotherapy tend to emphasize their particular approach and its distinctly unique aspects, their descriptions of their therapy may not (and frequently do not) correspond to their actual behaviors and interactions in the therapeutic situation. As Glover (1955) and others have shown (Lieberman, Yalom & Miles, 1973) therapists of one school or orientation actually function and view therapeutic phenomena in different ways. Therapists from different schools may also show similar qualities and behaviors in their work with patients" (Garfield, 1982c, p.616 - die letzte Aussage wird belegt durch: Barrett, Hampe & Miller, 1978; Lennard & Bernstein, 1960). So wiesen z.B. Murray (1956) und Truax (1966) nach, dass Carl Rogers die Technik der verbalen Verstärkung benutzte (also eine bekannte verhaltenstherapeutische Methode), sie aber nicht beschrieb. Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten ist es deshalb unerlässlich, Psychotherapeuten in der Praxis zu beobachten, wobei wissenschaftliche Verfahren eingesetzt werden sollten: "It is in the observation of what clinicians actually do that we are likely to arrive at common and unique factors in therapeutic change" (Goldfried & Padawar, 1982, p. 5; vgl. Goldfried, 1983a).

Für die Existenz von bedeutsamen Gemeinsamkeiten spricht auch, dass Klienten (von Therapeuten aus verschiedenen Schulen der Psychotherapie) den Behandlungserfolg zumeist auf ähnliche Faktoren wie die Persönlichkeit des Therapeuten, größere Selbsterkenntnis oder ein besseres Verständnis der eigenen Probleme zurückführen - also nicht auch Faktoren, die von der jeweiligen Therapierichtung als besonders wirksam herausgestellt werden (Sloane, Staples, Cristol, Yorkston & Whipple, 1975). Weitere Gemeinsamkeiten sind z.B. die positiven Erwartungen der Klienten und der Glaube des Therapeuten an die Wirksamkeit der von ihm eingesetzten Verfahren und Techniken. Nahezu alle Therapeuten nennen Klienten eine Erklärung für ihre Probleme, vermitteln eine neue Sicht derselben, bieten ihnen Möglichkeiten zum Realitätstesten, machen von Suggestion, Ermutigung und Ratschlägen Gebrauch, drängen zur Verhaltensänderung und fördern sie auf ähnliche Weise (Garfield, 1982a; Goldfried, 1983a; van Quekelberghe, 1979). Von besonderer Bedeutung ist die therapeutische Beziehung, die von erfolgreichen Psychotherapeuten - unabhängig von ihrer Orientierung - ähnlich gestaltet wird (Sloane et al., 1975). Die zu einer positiven Ausgestaltung dieser Beziehung notwendigen Fähigkeiten lassen sich dementsprechend auch ohne Vermittlung einer bestimmten Therapierichtungen lehren. So wurden atheoretische Schulungsprogramme schon in den 70er Jahren von Carkhuff, Egan u.a. entwickelt (Ward, 1983).

Deutlich wird, dass die bisher herausgearbeiteten Gemeinsamkeiten von recht grober und allgemeiner Art sind - letztlich sind sie wenig aussagekräftig. Nur wenn Vertreter dieser Bewegung der Aufforderung von Goldfried und Padawar (s.o.) folgen und mit sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden psychotherapeutische Behandlungen (als nicht teilnehmende Beobachter, z.B. hinter einem Einwegspiegel sitzend; anhand von Videoaufnahmen) von Vertretern unterschiedlicher Therapieansätze analysieren, werden sie vermutlich Gemeinsamkeiten finden, die über Allgemeinheiten hinausgehen.

Auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache

Jede Therapietheorie hat eine eigene Sprache mit ganz bestimmten Ausdrücken entwickelt, die eine Verständigung mit Therapeuten aus anderen Schulen der Psychotherapie erschwert. Hinzu kommt, dass Begriffe anderer Therapierichtungen vielfach mit negativen Konnotationen versehen werden und auf sie emotional mit Ablehnung oder gar Spott reagiert wird (Goldfried & Padawar, 1982; Kaminski, 1970; Schacht, 1984). Diese Sprachbarrieren haben einige Wissenschaftler veranlasst, nach einer einheitlichen und für alle Therapeuten akzeptablen Sprache zu suchen.

So wird beispielsweise vorgeschlagen, die Alltagssprache zur gemeinsamen Sprache aller Psychotherapeuten zu machen (Driscoll, 1987). Da aber in der Alltagssprache Begriffe unterschiedliche Bedeutungen haben und in ihr klare, eindeutige und einen Sachverhalt genau treffende Aussagen nur schwer möglich sind, käme man ohne Definitionen (die andere Wortbedeutungen ausschließen), neue Begriffe (z.B. für ausgeschlossene Bedeutungen) u.Ä. nicht aus. Das Endprodukt wäre somit wieder eine "künstliche" Sprache. Eine andere Vorgehensweise wäre der Versuch, die Sprache einer Therapietheorie in die einer anderen zu übersetzen. So veröffentlichten Dollard und Miller bereits im Jahre 1950 ein Buch, in dem sie alle bedeutenden psychoanalytischen Konzepte in lerntheoretische transformierten. Eine derartige Vorgehensweise dürfte aber letztlich daran scheitern, dass sich wohl kaum eine größere Gruppe von Therapeuten aus verschiedenen Schulen auf die Sprache einer Therapietheorie als Grundlage für die weitere Diskussion und wissenschaftliche Auseinandersetzung einigen wird.

Einige Vertreter dieser Bewegung greifen auch auf Sprachen aus nicht klinischen Bereichen der Psychologie zurück. Beispielsweise versuchten Ryle (1978) und van Quekelberghe (1979), die Sprache der Kognitiven Psychologie zur Grundlage der Psychotherapie zu machen und das therapeutische Handeln auf deren Lern- und Handlungstheorien sowie deren Modellen der Interaktion und Problemlösung zu fundieren. So unternahm beispielsweise van Quekelberghe eine kognitiv-psychologische Analyse der Klientenzentrierten Psychotherapie, der Gestalttherapie, der Psychoanalyse und anderer Therapierichtungen, wobei er deren diagnostische Verfahren, Therapietechniken usw. im Sinne der Kognitiven Psychologie (Betonung des Problemlösungsprozesses) transformierte und restrukturierte (vgl. Kaminski, 1970). Auch hier ist letztlich die Auswahl der jeweiligen Sprache willkürlich. Und so ist nicht zu erwarten, dass sich eine größere Gruppe von Therapeuten auf eine bestimmte Sprache einigen wird. Zudem bleibt offen, ob mit Hilfe einer Sprache aus nicht klinischen Bereichen der Psychologie überhaupt alle klinischen Phänomene beschrieben werden können.

Eklektizismus

In den vergangenen Jahren hat in der Praxis die Bedeutung von Schulen der Psychotherapie immer mehr abgenommen. Hierzu meint Garfield (1982 a): "Obwohl also Vieles in den veröffentlichten Arbeiten und in der Psychotherapieausbildung auf eine sehr starke Schulorientierung hinweist, sind unter denjenigen, die in der Psychotherapie tätig sind, bedingungslose Anhänger dieser Schulen in der Minderzahl" (p. 3). Statt dessen hat unter den Praktikern die Zahl eklektisch orientierter Psychotherapeuten immer mehr zugenommen. Laut einer im Jahre 1961 veröffentlichten Befragung bezeichneten sich in den U.S.A. bereits 40% der Klinischen Psychologen als Eklektiker (Kelly, 1961); ca. 15 Jahre später waren es schon 55% der Psychotherapeuten (Garfield & Kurtz, 1977) bzw. 58% der Klinischen Psychologen (Kelly, Goldberg, Fiske & Kilkowski, 1978; vgl. Larson, 1980).

Eklektische Psychotherapeuten übernehmen Konzepte, Hypothesen und Techniken von verschiedenen Therapierichtungen. So meint Kazdin (1984): "Eclecticism tends to draw from several different approaches, recognizing their separate integrity" (p. 160). Dabei wählen Eklektische Therapeuten diejenigen Konzepte, Vorgehensweisen und Methoden aus,

  • die der Individualität des jeweiligen Klienten und seinen spezifischen Problemen am ehesten entsprechen (es wird also nach der ihm angemessenen Therapie gesucht, wird speziell für ihn ein Therapieplan aufgestellt),
  • die am erfolgversprechendsten, effektivsten und brauchbarsten sind sowie
  • mit denen der Therapeuten als Person mit ganz bestimmten Eigenschaften, Stärken und Schwächen am besten arbeiten kann und bereits großen Erfolg erzielt hat.

Eklektisch orientierte Therapeuten verbinden also Konzepte, Strategien und Techniken aus verschiedenen Therapieansätzen in unendlich vielen Variationen miteinander, wobei sie aber immer nur einige wenige Theorieelemente und Methoden auswählen. Der Hauptgrund für dieses Handeln liegt in dem bereits beschriebenen Charakter von Therapietheorien (vgl. Garfield, 1982a; Kazdin, 1984; Plaum, 1981; Textor, 1983a; Urban, 1981).

Eklektische Therapeuten mögen aber auch zwei oder drei ausgewählte Therapieansätze nebeneinander einsetzen. Kombinieren sie zwei komplementäre Ansätze miteinander, die bei unterschiedlichen Problemen erfolgreich sind, so verwenden sie immer denjenigen, der sich für das gerade in Angriff genommene Problem ihres Klienten am besten eignet. So wechseln sie fortwährend zwischen beiden Therapieansätzen, ohne sie miteinander zu verschmelzen. Wenn sie in einem von ihnen weniger gut ausgebildet sind, so ziehen sie bei schwierigen Problemen eventuell einen Kollegen hinzu (Konsultation, Kotherapie, parallele Therapie), der sich in dieser Richtung spezialisiert hat (Birk & Brinkley-Birk, 1974; Rhoads, 1984; Schacht, 1984). Einige Therapeuten setzen aber auch die beiden ausgewählten Therapieansätze bei nahezu allen Problemen ihrer Klienten ein und gehen davon aus, dass beide zusammen eine größere Wirkung als einer alleine haben werden (wobei diese auch synergistischer Art sein kann: Dann ist der Kombinationseffekt größer als die Summe der Wirkungen beim separaten Einsatz beider Therapieansätze). Ein zweiter Therapieansatz mag aber auch zu Beginn der Behandlung von Nutzen sein – so kann man z.B. mit Hilfe der Verhaltenstherapie rasch eine Abschwächung der Symptome und damit die Ausbildung von Vertrauen in den Therapeuten erzielen; anschließend ist eine langfristige psychodynamisch orientierte Behandlung leichter möglich. Der zweite Therapieansatz wird aber auch als zusätzliche Maßnahme oder als Hilfsmittel eingesetzt: Beispielsweise können die tiefenpsychologisch orientierte Interpretation von Widerständen bzw. Übertragungen und das Aufzeigen der lebensgeschichtlichen Ursachen von Problemen eine verhaltenstherapeutische Behandlung aus einer Sackgasse befreien, während der Einsatz verhaltensmodifizierender Techniken eine psychoanalytische Therapie durch die Extinktion bestimmter Reaktionen (Hemmungen, phobische Ängste usw.) oder die Einübung neuer Verhaltensweisen fördern kann (Rhoads, 1984). Immer aber bleiben beide Therapieansätze nebeneinander bestehen (vgl. Garfield & Kurtz, 1977).

Eklektische Therapeuten haben also aufgrund ihrer umfassenden Ausrichtung Zugang zu mehr therapeutischen Techniken und Verfahren als Anhänger von Schulen der Psychotherapie und können flexibler reagieren. Sieht man von den Vertretern dieser Orientierung ab, die zwei bekannte Therapieansätze miteinander kombinieren, so haben Eklektiker jedoch im Gegensatz zu den Repräsentanten von Schulen keine in sich geschlossene "Theoriegebäude" entwickelt, mangelt es ihnen zumeist an einem expliziten Bezugssystem. Ihre Ansätze sind in der Regel provisorischer, unsystematischer und unspezifischer, wirken willkürlich und subjektiv gefärbt hinsichtlich der Auswahl von Konzepten, Hypothesen und Techniken. Auch ist ihre Vorgehensweise sehr viel schwerer zu fassen und zu evaluieren. Oft trifft der Vorwurf eines "orientierungslosen Synkretismus" zu (Plaum, 1981; vgl. Textor, 1983a).

Eine Ausnahme bildet hier jedoch der "technische Eklektizismus" von Lazarus (1967, 1983). Er orientiert sich weiterhin an einer einzigen Therapierichtung (Verhaltenstherapie) und übernimmt von anderen Therapieansätzen nur die für den jeweiligen Fall am besten geeigneten Interventionen - ohne die ihnen zugrunde liegenden Theorien anzuerkennen. So trifft die o.g. Kritik auf seine Vorgehensweise nur teilweise zu.

Synthese von zwei Therapierichtungen

Einige Psychotherapeuten, die sich vielfach selbst als Eklektiker bezeichnen, verbinden zwei Therapierichtungen zu einem neuen Therapieansatz. Im Gegensatz zu Eklektizismus, bei dem ja die Eigenständigkeit von Therapieansätzen erhalten bleibt, werden hier jedoch beide Therapierichtungen miteinander verschmolzen. So schreibt z.B. Wachtel (1984): "My aim is not simply the practical application of a combination of clinical procedures but rather to work toward a thorough conceptual integration" (p. 37). Der entstehende Therapieansatz ist umfassender, bietet ein globaleres Bild vom Menschen und von der Wirklichkeit, enthält mehr Erkenntnisse über Psycho- und Soziopathologie, liefert aufgrund der größeren Zahl von Beobachtungsmethoden mehr diagnostische Daten und stellt mehr Techniken zur Verfügung als die zugrunde liegenden Ansätze. So sollte er ein effektiveres und erfolgreicheres Arbeiten ermöglichen (vgl. Klerman, 1983; Mendelsohn & Silverman, 1984; Schacht, 1984).

Besonders häufig werden Psychoanalyse und Verhaltenstherapie miteinander kombiniert (Garfield & Kurtz, 1977; Goldfried, 1982), wobei erste Versuche bereits in den 60er Jahren unternommen wurden (Arkowitz, 1984). Beispielsweise meint Wachtel (1977): "It is my general premise that psychodynamic and behavioral approaches to psychotherapy, and to the understanding of personality, are far more compatible than is generally recognized, and that an integration of the concepts and observations accumulated by these two approaches can greatly enrich our clinical work and our understanding of human behavior" (p. 5).

Durch die Synthese von Psychoanalyse und Verhaltenstherapie erhalten Therapeuten einen umfassenden Bezugsrahmen, da sich erstere auf innere Aspekte menschlicher Aktivität (z.B. Denken, Fühlen, Phantasieren) und auf die Vergangenheit, letztere aber auf äußere Aspekte (Verhalten) und die Gegenwart konzentriert. So beziehen sich die tiefenpsychologischen Elemente des neuen Therapieansatzes auf Psychodynamik (unbewusste Prozesse) und innere Konflikte (z.B. widerstreitende Strebungen, Ängste, Kompromissbildung), auf Persönlichkeitseigenschaften und ungewöhnliche Motive. Auch führen sie zur Konzentration auf Inhalt und Bedeutung von Verhaltensweisen, auf deren Ursachen und Herkunft. Hingegen verweisen die verhaltenstherapeutischen Elemente auf die Beziehung zwischen Reaktionen, die Funktionen von Verhaltensweisen, normale Motive (Streben nach positiver Verstärkung) und auf den Prozess des Lernens. Sie betonen den Einfluss der interpersonalen Umwelt auf das Individuum (via Stimuli, Verstärker usw.), während die psychoanalytischen Elemente auf unbewusste Faktoren verweisen (z.B. Übertragung, Abwehrmechanismen, Introjekte, Abhängigkeiten), die sich auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirken und sie negativ beeinflussen können. Auch erklären sie, wie äußere Ereignisse vom Individuum innerlich verarbeitet werden, welche Bedeutung er bestimmten Mitmenschen zuschreibt (vgl. Birk & Brinkley-Birk, 1974; Brady, 1982; Goldfried, 1983b; Goldfried & Padawar, 1982; Marmor, 1982; Prochaska & DiClemente, 1982; Rhoads, 1981, 1984; Salzman, 1984; Wachtel, 1977, 1982, 1984).

Entsprechend der verhaltenstherapeutischen Elemente des neuen Therapieansatzes sind spezifische und operationalisierbare Therapieziele mit den Klienten zu vereinbaren. Ferner werden weitere Ziele durch die psychoanalytisch geleitete Erfassung verdrängter und Angst erregender Wünsche gewonnen. Die verhaltenstherapeutischen Elemente umfassen eine Vielzahl von Techniken, mit denen bestimmte Reaktionen von außen her ausgelöscht, geändert oder gelehrt werden können, welche die Realisation gewünschter Verhaltensänderungen ermöglichen, und deren Anwendung systematisch und detailliert geregelt wird. Die psychoanalytischen Elemente führen hingegen zur Betonung der selbst initiierten Verhaltensänderung, die aufgrund von Einsicht und Katharsis, von Introspektion, Sich-Erinnern, Selbsterkenntnis und innerer Kontrolle erfolgt. Sie bieten Techniken (z.B. Interpretation, Traum- und Übertragungsanalyse), die das Verstehen von unbewussten Prozessen und Inhalten, von verborgenen Bestrebungen und Motiven fördern und den Klienten zur Einsicht in den lebensgeschichtlichen Ursprung und in die Ursachen seines Verhaltens führen (a.a.O.). Zusammenfassend kann mit Prochaska und DiClemente (1982) gesagt werden: "An integrative approach sees a combination of the two approaches as providing a more balanced view that moves along the continuous dimensions of inner to outer control, subjective to objective functioning, and self- to environmentally-induced changes" (p. 281). So ergänzen sich beide Ansätze in der Synthese.

Selbstverständlich werden nicht nur Psychoanalyse (Freudscher Prägung; andere tiefenpsychologische Ansätze werden seltener verwendet) und Verhaltenstherapie miteinander verschmolzen (Arkowitz, 1984), sondern auch andere Therapierichtungen (Goldfried, 1982, 1983b; Petzold, 1980; Ricks, Wandersman & Poppen, 1982). Deutlich wird, dass diese Vorgehensweise zu systematischen Theorien führen kann, die sehr viel umfassender als die zugrunde gelegten Therapierichtungen sind und somit viel eher der komplexen Realität der Klienten- und Behandlungssituation entsprechen.

Integrative Psychotherapie

Integrative Psychotherapeuten versuchen, nahezu alle bekannten Therapierichtungen zu einer umfassenden und Vollständigkeit anstrebenden Theorie zu vereinen. Sie bemühen sich, nahezu eine behandlungsrelevanten Erkenntnisse, Konzepte, Hypothesen, diagnostischen Verfahren, Methoden und Techniken vieler verschiedener Therapieansätze zu einer im Inneren strukturierten und konsistenten Einheit zu verknüpfen. Das vorhandene Wissen im Bereich der Psychotherapie soll also zu einem harmonische Ganzen vereint, die Vielfalt der Therapierichtungen in eine umfassende Form überführt werden. Dazu sollen komplementäre Elemente aus verschiedenen Therapieansätzen miteinander verbunden und gegensätzliche oder scheinbar inkompatible von einer "höheren" Position aus der Synthese zugeführt werden. Die Integration soll dabei sowohl auf der theoretischen Ebene als auch auf den Ebenen der klinische Strategien (Mechanismen und Prinzipien der therapeutischen Veränderung) und der Techniken erfolgen. Die angestrebte Theorie dürfte somit bei weitem umfassender als die Kombination von zwei Therapierichtungen sowie objektiver, systematischer, wissenschaftlicher und allgemeiner als die "persönlichen Theorien" Eklektischer Psychotherapeuten sein. Aufgrund von Übersummativität und Synergie sollten sie im Vergleich zu ihnen eine neue Qualität besitzen (vgl. Goldfried, 1983a; Kaminski, 1970; Kazdin, 1984; Kendall, 1982; Petzold, 1980; Prochaska & DiClemente, 1982; Schacht, 1984; Textor, 1983a).

Integrative Psychotherapeuten gehen zumeist von einem ganzheitlichen und umfassenden Menschenbild aus. Sie konzeptualisieren das Individuum als einen denkenden, fühlenden und handelnden Organismus mit vielfältigen Bedürfnissen, berücksichtigen alle Aspekte der Persönlichkeit und des Verhaltens: "Integrative Therapy utilizes and includes all reasonable and major theories of personality development. Its theoretical foundation is based on viewing the whole person as a physical, psychological, and spiritual being" (Urban, 1981, p. 418). Wenn die menschliche Psyche eine bestimmte Struktur hat und psychisches Geschehen nach denselben Gesetzmäßigkeiten abläuft, müssen psychische Strukturen und Prozesse in einer Theorie fassbar sein. Integrative Therapeuten sehen aber auch, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. So beziehen sie interpersonale Beziehungen und größere Systeme wie Familie, Netzwerk, Arbeitsbereich und Gesellschaft sowie die von ihnen ausgehenden Einflüsse und Prägungen in ihre Konzeptualisierungen ein. Integrative Therapeuten gehen von einer Vielzahl menschlicher Probleme aus, deren vielfältige Ursachen in all den oben genannten Bereichen liegen können. Aufgrund ihres multidimensionalen Bildes vom Menschen und seinen Problemen halten sie es für notwendig, die größtmögliche Anzahl verschiedener therapeutischer Verfahren, Methoden, Techniken und Verhaltensstile zur Verfügung zu haben, um auf alle (gestörten) Vorstellungen, Kognitionen, Empfindungen, Gefühle, biologischen Funktionen, Verhaltensweisen und interpersonalen Beziehungen ihrer Klienten und auf deren sozialen Kontext einwirken zu können. Dann ließe sich für jeden Patienten eine Vorgehensweise auswählen, die seiner einzigartigen Persönlichkeit, seine Lebensgeschichte und seinen Bedürfnissen am ehesten entspricht und die sich für die vorliegenden Probleme am besten eignet (vgl. Boy & Pine, 1983; Brady, 1982; Garfield, 1982a, b: Greenbaum, 1979; Hunt, 1976; Kaminski, 1970; Lazarus, 1983; Marmor, 1982; Ricks, Wandersman & Poppen, 1982; Salzman, 1984; Textor, 1983b; Urban, 1981).

Fittkau (1981) verwendet als Grundlage für seine integrative Therapietheorie ein derartig umfassendes "Modell vom ganzheitlichen Menschen". Er unterscheidet sechs Dimensionen, nämlich Intellekt, Gefühl, Verhalten, Körper, Geist und Materie, und ordnet ihnen etwa 20 Therapierichtungen entsprechend ihrer "schwerpunktmäßigen Zentrierung" zu. Jedoch berücksichtigt Fittkau auch die soziale Umwelt des Menschen, indem er kommunikations-, familien- und systemtherapeutische Ansätze sowie Verfahren der Gruppendynamik und Gemeinwesenarbeit in sein umfassendes Modell integriert. Auf ähnliche Weise geht Petzold (1980) vor. Er sieht den Menschen als einen Körper-Seele-Geist-Organismus, der in einer physikalischen und sozialen Umwelt lebt. Dementsprechend ordnet er dem Körper die Somatotherapien (Atem- und Bewegungstherapie, Bioenergetik usw.), der Seele die Psychotherapien (Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, Klientenzentrierte Psychotherapie, Gestalttherapie usw.), dem Geist dir Nootherapien (Seelsorge, Meditation) und der interpersonalen Umwelt die Soziotherapien (Gruppentherapie, Kommunikations- und Milieutherapie, Soziodrama usw.) zu. Dabei berücksichtigt er immer deren Interaktion und Zusammenwirken, sieht sie in einer unlösbaren Verbindung miteinander verknüpft (vgl. Textor, 1983b). Andere integrative Modelle werden z.B. von Kassan (1977) und Greenbaum (1979) vorgelegt.

Betrachtet man die Publikationen Integrativer Psychotherapeuten, so muss man jedoch feststellen, dass bisher in erster Linie Modelle für die Integration von Therapieansätzen entwickelt wurden - umfassende Theorien, bei denen alle wichtigen Konzepte, Hypothesen, Erkenntnisse und Techniken einer Vielzahl von (bekannten) Therapierichtungen dargestellt und in ein Ganzes integriert wurden, liegen erst ansatzweise vor. So habe ich z.B. versucht, eine derartige Theorie für den Bereich der Familientherapie zu entwickeln, wobei ich mich auf amerikanische Therapieansätze beschränken musste (Textor, 1985). Davon ausgehend, dass der Mensch ein facettenreiches Wesen ist und dass die Lebens- und die Behandlungssituation vor großer Komplexität sind, habe ich die Unterschiede zwischen den vielen Therapieansätzen dadurch zu erklären versucht, dass diese einerseits aufgrund unterschiedlicher Perspektiven verschiedene Teile ("Elemente") desselben Gegenstandes betrachten und andererseits nur bestimmte "Aspekte" dieser Teile beleuchtet (s.o.). Da es aber nur eine Wirklichkeit gibt, ist es notwendig und möglich, eine Theorie der Persönlichkeit, des gesunden Menschen, der Psychopathologie und der Psychotherapie i.e.S. zu entwickeln, in der nahezu alle die von verschiedenen Therapeuten beschriebenen Aspekte miteinander verknüpft und die so gewonnenen umfassenderen Theorieelemente miteinander verbunden werden. Weil die Bestandteile von Therapieansätzen komplementär sind und widersprüchliche Aussagen in der Regel einer Synthese zugeführt werden können, kann auf die beschriebene Weise eine umfassende Integrative Theorie entstehen, die besser die Realität der menschlichen Natur, der interpersonalen, kulturellen und sozioökonomischen Umwelt und der Therapiesituation widerspiegelt, einen besseren Zugang zur Psycho- und Soziopathologie bietet sowie mehr diagnostische Verfahren, Strategien und Therapietechniken enthält. Ich glaube, dass ich mit der von mir entwickelten Theorie der Familie, der "gesunden" Familie, der Familienpathologie und der Familientherapie i.e.S. einen wichtigen Schritt in Richtung auf eine wirklich umfassende Integrativen Psychotherapietheorie getan habe, da ich nahezu alle Konzepte, Hypothesen und Techniken bekannter amerikanischer Familientherapeuten integriert und systematisiert habe, ohne sie dabei m.E. zu verfälschen (Textor, 1985; vgl. Fuerst, 1983; Schacht, 1984; Textor, 1983 b).

Eine Integrative Theorie der Psychotherapie, die alle Therapieansätze umfasst, kann nur von einer Gruppe von Wissenschaftlern entwickelt werden. Dabei kann auf die Arbeit von Therapeuten zurückgegriffen werden, die eine Synthese von zwei oder drei Therapierichtungen vorgenommen und dadurch eine wichtige Vorarbeit geleistet haben (s.o.). Eine Integrative Theorie wird jedoch nie endgültig sein, sondern muss bei neuen Erkenntnissen und Beobachtungen immer wieder verändert und erweitert werden. So ist Integration letztlich ein unendlichen Prozess. Hinzu kommt, dass Therapieansätze ja nur auf einem schwachen empirischen Fundament beruhen (Garfield, 1982a; Hilton, 1983). So ist es notwendig, relevante Erkenntnisse aus den Bereichen der Allgemeinen, Entwicklung-, Persönlichkeits- und Sozialpsychologie, der Soziologie, Pädagogik und Medizin in die integrative Theorie einzugliedern. Selbstverständlich sind auch unterstützende empirische Untersuchungen zu planen und durchzuführen (vgl. Boy & Pine, 1983; Schacht, 1984; Textor, 1983b; Wachtel, 1984).

Als wissenschaftliche Theorie dürfte eine Integrative Theorie der Psychotherapie auf der einen Seite wohl alle für die Erfassung, Konzeptualisierung und Behandlung menschlicher Probleme geeigneten Begriffe, diagnostischen Verfahren, therapeutischen Strategien und Therapietechniken umfassen. Auf der anderen Seite bedingt jedoch ihre Komplexität eine geringe praktische Verwertbarkeit, da sich in der Behandlungssituation grobe, einfache und reduktionistische Therapieansätze technologischer Art besser bewähren (Bunge, 1967; Herrmann, 1979; Textor, 1985). So wird eine Integrative Theorie vor allem in der Wissenschaft und in der Ausbildung von Bedeutung sein.

Vergleicht man die fünf in diesem Artikel vorgestellten Bewegungen, so lässt sich zunächst feststellen, dass sie von drei unterschiedlichen Kritikpunkten an der Vielzahl von therapeutischen Ansätzen ausgehen, nämlich von (1) den ähnlichen Erfolgsquoten höchst unterschiedlicher Therapieansätze, (2) der Mehrsprachigkeit der Psychotherapie und den daraus resultierenden Verständigungsproblemen sowie (3) der Einseitigkeit und Begrenztheit einzelner Therapieansätze. Auch unterscheiden sich die fünf Bewegungen hinsichtlich ihrer Ziele: So werden (1) ein umfassendes Modell therapeutischer Veränderungen, (2) eine einheitliche und für alle Psychotherapeuten akzeptable Sprache, (3) eine der Individualität und den speziellen Problemen des jeweiligen Klienten angepasste Behandlung, (4) ein globalerer Behandlungsansatz mit mehr Konzepten, diagnostischen Verfahren und Therapietechniken sowie (5) eine die bewährten Konzepte, Hypothesen und Methoden möglichst aller Therapieansätze umfassende Theorie angestrebt. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Vorgehensweisen der Vertreter dieser fünf Bewegungen. Sie reichen von (1) einer vergleichenden Analyse von Therapieansätzen in Verbindung mit einer empirischen Untersuchung von Behandlungen in vivo über (2) die Übersetzung der verschiedenen Sprachen von Psychotherapeuten in eine bestimmte, (3) die fallspezifische Auswahl von relevanten Konzepten und Techniken aus verschiedenen Therapieansätzen bzw. deren Kombination und (4) der Verschmelzung von zwei Therapierichtungen zu einem neuen Ansatz bis hin zur (5) Integration von möglichst vielen bekannten Therapieansätzen in eine umfassende, in ihrem Inneren strukturierte und ganzheitliche Theorie.

(letzter Absatz fehlt)

Literatur

siehe: Psychologische Rundschau 1988, 39, S. 209-211

Weitere Veröffentlichungen des Autoren Martin R. Textor zu dieser Thematik:

Integration und Eklektizismus. In: Integrative Psychotherapie. Münchner Beiträge zur Integrationsforschung, Bd. 1. München: Schobert 1983, S. 1-11

Integrative Psychotherapie. In: Integrative Psychotherapie. Münchner Beiträge zur Integrationsforschung, Bd. 1. München: Schobert 1983, S. 29-41

Integrative Familientherapie. Eine systematische Darstellung der Konzepte, Hypothesen und Techniken amerikanischer Therapeuten. Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo: Springer 1985

Family Therapy with Drug Addicts: An Integrated Approach. American Journal of Orthopsychiatry 1987, 57, S. 495-507

Psychotherapie. Charakteristika und neue Entwicklungen. Integrative Therapie 1988, 14, S. 269-280

Psychotherapie zwischen Wissenschaft und Alltagstheorie. Praxis der Psychotherapie und Psychosomatik 1988, 33, S. 51-54

Integrative Family Therapy. International Journal of Family Psychiatry 1988, 9, S. 93-105

Familienberatung und -therapie. In: Martin R. Textor (Hg.): Hilfen für Familien. Ein Handbuch für psychosoziale Berufe. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag 1990 (2. Aufl. 1992), S. 419-437

Gemeinsamkeiten von Psychotherapieansätzen. Integrative Therapie 1990, 16, S. 246-259 (auch erschienen in: Zeitschrift für Transaktions-Analyse in Theorie und Praxis 1992, 9, S. 121-136)

Psioterapia ecléctica e integrativa: Cinco movimientos para superar la multiplicidad de enfoques psicoterapéuticos. Revista de Neuro-Psiquiatria 1992, 55, S. 167-182

Gemeinsamkeiten und Unterschiede. In: Georg Hörmann, Martin R. Textor (Hg.): Praxis der Psychotherapie: Fünf Therapierichtungen in Fallbeispielen. Opladen: Westdeutscher Verlag 1992 (Nachdruck durch Verlag Dietmar Klotz in Eschborn 1997), S. 255-270

Familientherapie: Zur Vereinbarkeit von Therapieansätzen. Psycho 1995, 21, S. 405-408