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und Dr. Martin R. Textor




Aus: Soziale Arbeit 1992, 41, S. 116-121

Einstellungen von Adoptionsvermittlern: Eine empirische Studie

Martin R. Textor

 

Einstellungen sind überdauernde, mehr oder weniger komplexe Systeme von Anschauungen, Meinungen oder Überzeugungen, die sich auf bestimmte Aspekte der Welt beziehen. Sie sind relativ stabil und resistent gegenüber Veränderungsversuchen. Einstellungen führen zu einer gewissen Gerichtetheit und/oder Selektivität des Erkennens und Handelns, d.h., sie wirken sich auf Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Motivation aus, dienen der Orientierung, bringen Verhaltensdispositionen mit sich und reduzieren die Zahl der Response-Alternativen. Jedoch sind äußere Handlungen nicht monokausal aus inneren Attitüden erklärbar: Neue Informationen, Erwartungen, Normen, kognitive Urteils- und Entscheidungsvorgänge, Motivationen usw. sind ebenfalls zu beachten.

Es ist anzunehmen, daß sich auch die Einstellungen von Adoptionsvermittlern zu ihren Klienten und zu adoptionsspezifischen Fragen auf ihre berufliche Praxis auswirken - ohne diese zu determinieren. So wurden im Rahmen eines mehrjährigen, noch laufenden Forschungsprojekts mit der Bezeichnung "Inkognitoadoption und offene Formen der Adoption im Freistaat Bayern" relevante Einstellungen von 117 der rund 145 bayerischen Adoptionsvermittler mit Hilfe eines detaillierten Fragebogens erfaßt. Etwa 70% der befragten Fachkräfte waren weiblich. Etwas mehr als 3% waren unter 25 Jahre alt, 39% waren zwischen 26 und 35; 28% zwischen 36 und 45 sowie 29% über 46 Jahre alt. Knapp 9% der Adoptionsvermittler waren unter einem Jahr, fast 15% zwischen einem und drei Jahren, knapp 38% zwischen vier und zehn Jahren sowie 39% seit mehr als 10 Jahren im Adoptionsbereich tätig. Die Fachkräfte verwendeten im Durchschnitt aber 65% ihrer Jahresarbeitszeit auf nicht adoptionsbezogene Tätigkeiten (was bei der geringen Zahl von Adoptionen - bundesweit 7.114 im Jahr 1989, davon 3.140 Fremdadoptionen - nicht überrascht), wobei die Variationsbreite der Antworten allerdings zwischen 4 und 99% schwankte.

Adoption als Alternative zur Abtreibung

Die Frage, ob Adoption eine Alternative zum Schwangerschaftsabbruch sei und als solche besonders gefördert werden müsse, wird von Vertretern der Katholischen Kirche und von Politikern immer wieder diskutiert. Allerdings wurde schon bei einer im Jahr 1986 durchgeführten Untersuchung über 206 anerkannte Schwangerenberatungsstellen in katholischer Trägerschaft (Deutscher Caritasverband 1987) festgestellt, daß sich nur wenige Frauen im Schwangerschaftskonflikt auf das Thema "Adoption" einlassen und daß dieses nur in 4,6% der 34.839 erfaßten Fälle ausführlicher besprochen wurde. Es wurde der Eindruck festgehalten, daß der Schwangerschaftsabbruch in unserer Gesellschaft zunehmend akzeptiert, die Freigabe eines Kindes zur Adoption hingegen weiterhin geächtet wird.

Für 72% der befragten Adoptionsvermittler war die Adoption keine Alternative zum Schwangerschaftsabbruch. Eine hochsignifikante Korrelation bestand zum Geschlecht der Fachkräfte; 82% der Frauen, aber nur 48% der Männer waren dieser Meinung. Ferner stimmten Adoptionsvermittler, die weniger adoptionsfremde Aufgaben zu erledigen hatten, signifikant häufiger der Aussage zu, daß die Adoption keine Alternative zum Schwangerschaftsabbruch sei. Dieses Befragungsergebnis wird aber dadurch relativiert, daß drei Viertel der Fachkräfte "in wenigen Einzelfällen" eine Alternative in der Adoption und knapp 70% eine zusätzliche Alternative in der offenen Adoption (mit Kontakten zwischen leiblichen Müttern/Eltern und Adoptiveltern) sahen. Allerdings stimmten nur 26% der, Befragten der Aussage zu, daß die Zahl der Abtreibungen sinken würde, wenn Frauen im Schwangerschaftskonflikt bewußt wäre, daß die Adoption eine Alternative zum Schwangerschaftsabbruch ist. Auch hier ließen sich wieder hochsignifikante geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen: 86% der weiblichen Fachkräfte, aber nur 44% der Männer lehnten dieses Statement ab.

Bei unserer Untersuchung wurde ferner danach gefragt, wie Adoptionsvermittler zu leiblichen Müttern von Adoptivkindern stehen. Nur ein sehr kleiner Teil der Fachkräfte reagierten mit "ja" oder "häufig" auf die Statements, daß diese Mütter bedauernswerte Wesen sind, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen (9%), daß sie in der Regel selbst die Schuld an ihrer Situation tragen (2%), daß sie sich zumeist durch einen Mangel an Elterngefühlen und Mutterliebe auszeichnen (1%) und daß sie meistens ihr Kind schnell vergessen (0%) - ablehnend antworteten zwischen 64 und 91% der Befragten. Wenig Zustimmung fand auch die Aussage, daß leibliche Mütter keine Schuld an der Schwangerschaft trifft, da diese zumeist auf Verhütungspannen beruht (14%; 46% wählten die Antwortvorgabe "teils, teils"). Hingegen bejahten viele Fachkräfte die Statements, daß diese Mütter zumeist von ihren Partnern und Eltern ausgenutzt und im Stich gelassen wurden (5% antworteten mit "ja", 44% mit "häufig"), daß sie in der Regel unter starken psychischen Problemen leider oder sehr labil sind (9% "ja", 41% "häufig"), daß sie Verantwortung und großen Mut zeigen, wenn sie sich für die Freigabe ihres Kindes entscheiden (68% "ja", 26% "häufig") und daß sie ihr Leben lang unter der Freigabe eines Kindes leiden (16% "ja", 47% "häufig"). Nach diesen Befragungsergebnissen ist nicht anzunehmen, daß ein großer Teil der Adoptionsvermittler leibliche Mütter stigmatisiert oder negativ typisiert, wie dies Napp-Peters (1978) bei ihrer Adoptionsstudie von 1969 feststellte. Wie bei den meisten Einstellungsbefragungen ist jedoch auch bei unserer der Einfluß des Faktors "soziale Erwünschtheit" auf die Antworttendenzen unbekannt.

Einstellungen zur Adoptivfamilie

Kirk (1981) und Hoffmann-Riem (1934) kamen bei ihren Untersuchungen von Adoptivfamilien zu dem Ergebnis, daß es für die Entwicklung von Adoptivkindern und das Familienleben besser ist, wenn sich die Familie als "Adoptivfamilie" definiert. Napp-Peters (1978) vermutete, daß Adoptionsvermittler eine derartige Haltung nicht fördern würden. Diese würden Adoptiveltern durch Praktiken wie die Gewährleistung des Inkognitos, das Zurückhalten von Informationen über die Herkunft der Adoptivkinder und den Abbruch des Kontaktes nach Vollzug der Adoption in der Auffassung bestärken, daß sie eine ganz normale Familie seien, bei der es keine Unterschiede zu biologisch gegründeten Familien gäbe. Napp-Peters stellte bei ihrer Studie über 64 Adoptionsvermittlungsstellen ferner fest, daß 52% der befragten Fachkräfte der Meinung waren, daß die Schwierigkeiten von Adoptiveltern völlig denen natürlicher Eltern entsprächen. Nur 20% bejahten eindeutig, daß es adoptionsspezifische Probleme gäbe.

Unsere Befragung erbrachte zu dieser Fragestellung Ergebnisse, die eher auf eine Anerkennung des Sonderstatus der Adoptivfamilie schließen lassen. So meinten 94% der befragten Fachkräfte, daß Adoptivfamilien sich ihrer besonderen Familienstruktur bewußt sein sollten. In diesem Kontext verliert das Befragungsergebnis an Bedeutung, daß 42% der Adoptionsvermittler das Statement "Adoptivfamilien sind Familien wie jede andere" bejahten. Es ist anzunehmen, daß hier eher an das Familienleben u.ä. gedacht wurde als an adoptionsspezifische Charakteristika.

Die Fachkräfte sind heute auch bereit, umfassende und detaillierte Informationen über die Vorgeschichte des Adoptivkindes weiterzugeben, so daß diese von Adoptiveltern nicht mehr so leicht ignoriert werden kann. Rund 97% der Befragten bejahten das Statement, daß Adoptiveltern ein Recht auf vollständige Aufklärung über das Kind haben und auch sehr negative Informationen verkraften können. Und ebenfalls 97% der Fachkräfte verneinten die Aussage, daß man bestimmte negative Informationen über die leiblichen Eltern, wie z.B. Prostitution der Mutter oder Alkoholismus des Vaters, den Adoptiveltern vorenthalten sollte, um sie nicht zu beunruhigen. Hier hat sich die Situation gegenüber 1969 sehr geändert: Damals vertraten noch 53% der von Napp-Peters (1978) befragten Vermittler die Auffassung, daß man Adoptiveltern nicht unnötig mit Angaben über die Herkunft des Kindes belasten sollte.

Da es in den "Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung" der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und überörtlichen Erziehungsbehörden (1988) heißt, daß Adoptivkinder bevorzugt zu Bewerbern vermittelt werden sollten, bei denen nur ein Partner außerhäuslich erwerbstätig ist, wurde auch zu dieser Fragestellung die Auffassung bayerischer Adoptionsvermittler erfaßt. Nur 26% waren der Meinung, daß ein Ehegatte bei der Adoption eines Kindes seine Erwerbstätigkeit in jedem Fall aufgeben sollte. Rund 62% bejahten, daß er dies bis zum Eintritt des Kindes in den Kindergarten tun sollte. Nur 7% bzw. 5% der Befragten wählten die Antwortvorgaben "ja, falls keine Teilzeitarbeit möglich ist" und "nein, falls die Betreuung des Kindes gesichert ist".

Zur Vermittlungstätigkeit

In den "Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung" der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und überörtlichen Erziehungsbehörden (1988) finden sich Einschränkungen für die Vermittlung an Alleinstehende und Behinderte. So sollte ein Adoptivkind nur bei einer alleinstehenden Person plaziert werden, wenn bereits ein Bekanntschafts- oder Verwandtschaftsverhältnis besteht oder wenn für das Kind "aufgrund persönlicher Vorerfahrungen die Vermittlung in eine Vollfamilie nicht förderlich ist" (S. 17). An Behinderte darf nur ein Kind vermittelt werden, falls dies nicht "zu einer besonderen Belastung für das Kind" (S. 18) führt. Ferner sollen bei der Vermittlung die Religionszugehörigkeit des Kindes bzw. entsprechende Wünsche der leiblichen Eltern berücksichtigt werden. Im Jahr 1969 lehnten noch alle von Napp-Peters (1978) befragten Fachkräfte eine Vermittlung an Alleinstehende ab, nur ein Drittel war bereit, eventuell eine Ausnahme zu machen. Auch eine Vermittlung an konfessionslose Paare wurde nur von einem Teil der Befragten für Ausnahmefälle in Betracht gezogen. Auch sprach sich ein Drittel der Fachkräfte gegen eine Vermittlung in konfessionelle Mischehen aus.

Bei unserer Umfrage erklärten 38% der Befragten, daß sie grundsätzlich auch an Alleinstehende vermitteln würden. Rund 29% wären auch bereit, Kinder in nichteheliche Lebensgemeinschaften zu plazieren, wobei rein rechtlich das Kind nur an einen Partner vermittelt werden darf. Alle Fachkräfte würden grundsätzlich in konfessionelle Mischehen, 90% an konfessionelle Bewerber und 99% an wiederverheiratete Bewerber vermitteln. Rund 65% würden prinzipiell auch behinderte Bewerber und 78% solche mit behinderten Kindern in Betracht ziehen - wobei jüngere Adoptionsvermittler sich (hoch-) signifikant häufiger hierfür aussprachen. Bedenkt man, daß 1989 bundesweit 20.507 Bewerber registriert, aber nur 3.140 Fremdadoptionen durchgeführt wurden, wird deutlich, daß Fachkräfte zwischen vielen Paaren auswählen können und nicht auf die genannten Sondergruppen zurückgreifen müssen. Auch beachten sie häufig Wünsche der abgebenden Eltern. So läßt sich aus den erwähnten Befragungsergebnissen nicht schließen, daß in der Praxis Kinder an die jeweiligen Bewerbergruppen vermittelt werden.

Ferner wurde danach gefragt, wie bayerische Fachkräfte zur Vermittlung besonderer Gruppen von Kindern stehen. Zunächst wurden sie aber um Beurteilung des Statements "Prinzipiell ist jedes Kind vermittelbar" gebeten. Rund 21% bzw. 19% antworteten mit "ja" oder "häufig", etwa 39% bzw. 4% mit "nein" oder "selten"; die übrigen entschieden sich für "teils, teils". Je weniger adoptionsfremde Aufgaben die Fachkräfte zu erledigen hatten, um so signifikant häufiger stimmten sie diesem Statement zu. Faßt man die Antwortkategorien "ja" und "häufig" zusammen, waren etwa 6% der Befragten der Auffassung, daß Kinder mit mittleren oder schweren Behinderungen im Heim besser gefördert werden können als in Adoptivfamilien; 45% waren anderer Meinung (Rest: "teils, teils"). Und nur 4% bejahten das Statement, daß psychisch kranke und stark verhaltensgestörte Kinder im Heim eher "gesund" werden als in einer Adoptivfamilie; 60% verneinten es (Rest: "teils, teils"). Rund 29% waren zudem der Meinung, daß im Freistaat Bayern zu viele Kinder im Heim bleiben, die durchaus zur Adoption freigegeben werden könnten. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Napp-Peters (1978) bei ihrer Befragung feststellte, daß vor 20 Jahren 50% der von ihr erfaßten Adoptionsstellen keine körperlich behinderten, 95% keine geistig behinderten und 60% keine seelisch behinderten Kinder vermittelten. Hier wird ein großer Einstellungswandel deutlich.

Insgesamt 37% der Befragten reagierten mit "ja" oder "häufig" auf das Statement, daß sehr viel mehr mißhandelte, sexuell mißbrauchte oder vernachlässigte Kinder zur Adoption freigegeben werden könnten, wenn öfters die Ersetzung der Einwilligung ihrer Eltern beantragt werden würde (33% antworteten mit "selten" oder "nein"). Sie schienen der Meinung zu sein, daß von dieser Alternative, die den genannten Zielgruppen das Aufwachsen in eher entwicklungsfördernden Familienverhältnissen ermöglichen würde, noch zu wenig Gebrauch gemacht wird. Generell wird selten die Einwilligung von Eltern in die Adoption ersetzt; dies traf beispielsweise 1987 in Bayern nur auf 50 der 999 Adoptionsfälle zu.

Die bayerischen Adoptionsvermittler wurden auch befragt, ob Kinder in Dauerpflege von ihren Adoptiveltern adoptiert werden sollten - von dieser Möglichkeit wird einerseits mehr Rechts- und Bindungssicherheit für das Kind sowie andererseits eine Kostenersparnis (Wegfall des Pflegegeldes) erwartet. Nur 22% der Befragten sprachen sich in diesen Fällen für eine Adoption aus (Zusammenfassung der Antwortkategorien "ja" und "häufig"); 36% waren dagegen. Noch eindeutiger war die Ablehnung des Statements: "Wollen Pflegeeltern ein Kind nicht adoptieren, das sich in Dauerpflege befindet, sollte es an Adoptionsbewerber vermittelt werden". Hier reagierten 70% der Befragten ablehnend und nur 3% zustimmend, wobei jüngere Fachkräfte signifikant häufiger die Aussage zurückwiesen. Wenig Zustimmung (4%) fand auch das Statement: "Nach dem Scheitern eines Pflege- oder Adoptionsverhältnisses ist das Kind in einem Heim besser aufgehoben". Etwa 51% der Befragten lehnten es ab, 44% wählten die Antwortkategorie "teils, teils". Es ist somit anzunehmen, daß die meisten Adoptionsvermittler wohl in einem derartigen Fall das Kind in eine andere Adoptiv- oder Pflegefamilie plazieren würden.

In der Vergangenheit spielte das "matching" eine große Rolle: Das ausgewählte Kind sollte seinen zukünftigen Adoptiveltern in möglichst vielerlei Hinsicht ähneln. Laut der Umfrage von Napp-Peters (1978) berücksichtigten Fachkräfte vor mehr als 20 Jahren folgende Charakteristika bei der Vermittlung: Intelligenz (88%), sozio-kultureller Hintergrund (78%), Konfession (73%), physische Ähnlichkeiten (67%; 78%, falls von Bewerbern ausdrücklich gewünscht) und Temperament (61%). Durch ein derartiges Verhalten könnte es Adoptiveltern erleichtert werden, den Sonderstatus ihrer Familienform zu ignorieren und adoptionsspezifische Probleme (ihres Kindes) zu übersehen (vgl. Kirk 1981; Hoffmann-Riem 1984).

Auch bei unserer Untersuchung wurde danach gefragt, welche Ähnlichkeiten zwischen Kind und Adoptionsbewerbern berücksichtigt werden. Bis zu neun Fachkräfte verweigerten eine Antwort auf die jeweiligen Fragen; zwischen zwei von sieben Personen ergänzten die vorgegebenen Kategorien "ja" und "nein" um "teils, teils". So beziehen sich nachstehende Prozentangaben nur noch auf 94-107 der 117 Befragten. Knapp 3% der Adoptionsvermittler berücksichtigten Ähnlichkeiten in der Augenfarbe, 6% in der Haarfarbe, 11% in der Konstitution, 12% in der zu erwartenden Körpergröße, 19% im Temperament und 29% in der Intelligenz (weitere sieben Fachkräfte antworteten hier mit "teils, teils"). Das "matching" spielt also weiterhin eine gewisse Rolle, wobei äußerliche Merkmale wenig beachtet werden.

Offene Adoption - eine Alternative?

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts setzte sich in der sozialpädagogischen Praxis die Inkognitoadoption durch. Wichtige Beweggründe waren u.a. der Wunsch der (damals sehr wenigen) Adoptionsbewerber, die Orientierung am "biologischen" Familiengründungsmuster, die Diskriminierung "gestrauchelter" Frauen, das Bestreben, Adoptivkinder vor dem Stigma ihrer nichtehelichen Geburt zu bewahren, sowie die (angenommene) Notwendigkeit, die Adoptivfamilie vor unerwünschten Einwirkungen durch die leiblichen Eltern oder Dritte zu schützen.

Heute wird die bisherige Praxis immer häufiger in Frage gestellt. Es werden "halboffene" und "offene" Adoptionsformen diskutiert, bei denen mehr oder weniger Kontakt zwischen leiblichen Eltern und Adoptivfamilie besteht (z.B. Austausch von Informationen über die Adoptionsvermittler, einmaliges Zusammentreffen unter Wahrung des Inkognitos, direkter brieflicher Kontakt, persönlicher Kontakt). Hierdurch soll vor allem die Situation leiblicher Mütter nach Freigabe ihres Kindes zur Adoption verbessert und Adoptivkindern die Verarbeitung der doppelten Elternschaft erleichtert werden.

Bei unserer Untersuchung beurteilten 18% der Befragten eine Adoption mit fortlaufendem persönlichem Kontakt zwischen leiblichen Eltern und Adoptivfamilie als "positiv" oder "sehr positiv" und 28% als "negativ" oder "sehr negativ"; 53% entschieden sich für "teils, teils". Jedoch wurden die Folgen einer derartigen "offenen" Adoption häufiger als "positiv" oder "sehr positiv" bezeichnet, und zwar vor allem für die leiblichen Eltern (von 51% der Befragten), das Adoptivkind (37%) und den Adoptionsvermittler (37%), weniger jedoch für die Adoptiveltern (24%). Im letztgenannten Fall wurde mit 19% der höchste Wert für eine (sehr) negative Bewertung erzielt. Auch werden offene Adoptionen für folgende Gruppen von Kindern als (häufig) geeignet bezeichnet: Pflegekinder (von 81% der Befragten), ältere Kinder (67%), Säuglinge (48%), Kinder Alleinerziehender (48%) und behinderte Kinder (46%).

Der Widerspruch zwischen der zuerst genannten, mit 18% recht schwachen positiven Bewertung der offenen Adoption und den nachfolgenden Befragungsergebnissen läßt sich vielleicht dadurch erklären, daß viele Adoptionsvermittler meinen, daß offene Adoptionen leibliche Mütter (häufig) vor der Freigabe ihres Kindes zurückschrecken lassen könnten, wenn diese großen Wert auf Anonymität legen (so 54% der Befragten), daß für offene Adoptionen sehr viel mehr Zeit für Vorbereitung und Nachbetreuung der Klienten anzusetzen ist (95%) und daß offene Adoptionen den Fachkräften zusätzliche Fähigkeiten und Kenntnisse (z.B. in Familienberatung und Familiendynamik) abverlangen (87%). Auch wurden auf einer vorgegebenen Liste so viele Bedingungen für offene Adoptionen als (sehr) sinnvoll bezeichnet, daß diese danach kaum zu realisieren wären. Beispielsweise sollen leibliche Eltern und Adoptiveltern ein hohes Maß an persönlicher Reife erreicht haben (so 96% der Befragten), darf kein negativer Einfluß der leiblichen Eltern auf die Beziehung zwischen Adoptiveltern und Kind zu erwarten sein (94%) und muß genügend Zeit für eine intensive Vorbereitung und Begleitung der Adoption zur Verfügung stehen (92%). Auch sei eine offene Adoption (sehr) sinnvoll, wenn das Kind Bindungen an seine leiblichen Eltern entwickelt hat (so 90% der Fachkräfte), leibliche Eltern nur unter der Bedingung einer offenen Adoption ihr Kind freigeben würden (89%), positive Beziehungen zu leiblichen Großeltern und anderen Verwandten bestehen (84%), die Schichtunterschiede zwischen leiblichen Verwandten und Adoptiveltern nicht zu groß sind, also z.B. ähnliche Erziehungsvorstellungen und Geschlechtsrollenleitbilder vertreten werden (83%), beide leiblichen Elternteile interessiert sind (82%), die Adoptiveltern wenig Angst vor Einmischung und der Konkurrenz durch die leiblichen Eltern haben (77%) usw. Bei derartigen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, daß offene Adoptionen in Bayern wenig praktiziert werden: Auf eine zeitlich nicht eingegrenzte Frage hin berichteten nur 26 Fachkräfte, daß sie (insgesamt 63) offene Adoptionen durchgeführt hätten - wobei die häufigste Antwort (Modalwert) "1 Fall" war.

Haltung zu suchenden Adoptierten

In den meisten Staaten der USA haben erwachsene Adoptierte keine (kaum) Möglichkeiten, ihre leiblichen Eltern ausfindig zu machen oder auch nur Informationen über sie aus amtlichen Quellen zu erlangen. Hingegen können Adoptierte in der Bundesrepublik Deutschland nach Vollendung des 16. Lebensjahrs beispielsweise eine Abstammungsurkunde beantragen, die Angaben über ihre leiblichen Eltern enthält. Bei unserer Untersuchung wurde indirekt danach gefragt, ob Adoptionsvermittler mit dieser Situation einverstanden sind: Nur 11% waren der Meinung, daß die Anonymität der leiblichen Eltern besser geschützt werden sollte - 62% waren dagegen (27% antworteten mit "teils, teils"). Es waren sogar 37% der Befragten dafür, daß auch die leiblichen Eltern das Recht haben sollten, mit einem volljährigen Adoptierten von sich aus Kontakt aufzunehmen (33% waren dagegen, 31% stimmten mit "teils, teils").

Nach unserer Studie ist zu vermuten, daß Fachkräfte ein recht unterschiedliches Verhalten Adoptierten gegenüber zeigen, die Informationen über ihre leiblichen Eltern wünschen oder diese plötzlich kennenlernen wollen. Rund 51% der Befragten meinten, daß Adoptionsvermittler (ab 16 Jahren) auf deren Wunsch hin alle ihnen zugänglichen Informationen geben sollten, 14% waren dagegen, 35% entschieden sich für "teils, teils". Fast 60% waren der Auffassung, daß Adoptionsvermittler alles in ihrer Kraft stehende tun sollten, um auf Antrag eines Adoptierten (ab 16 Jahren) dessen leibliche Eltern ausfindig zu machen; 5% antworteten mit "nein" und 35% mit "teils, teils". Hingegen meinten 29% der Fachkräfte, es sollte dem Ermessen der Adoptionsvermittlungsstelle vorbehalten sein, Kontakt mit den leiblichen Eltern herzustellen, wenn ein Adoptierter (ab 16 Jahren) dies wünscht; 43% waren dagegen.

Da britische und amerikanische, allerdings nichtrepräsentative Untersuchungen (Triseliotis 1973; Sobol und Cardiff 1983; Aumend und Barrett 1984) zu dem Ergebnis kamen, daß suchende Adoptierte im Vergleich zu nicht suchenden eher eine unbefriedigende Beziehung zu ihren Adoptiveltern haben und häufiger unter psychischen Problemen leiden, wurden bei unserer Studie auch Fragen nach den Meinungen bayerischer Adoptionsvermittler gestellt. Fast 91% der Befragten lehnten das Statement ab, daß die Suche eines Adoptierten nach seinen leiblichen Eltern ein Zeichen dafür ist, daß er mit den Adoptiveltern große Probleme (gehabt) hat; der Rest antwortete mit "teils, teils". Und 63% verneinten die Aussage, daß die Suche ein Zeichen von großen intrapsychischen Konflikten sei (4% bejahten sie, 33% wählten die Antwortalternative "teils, teils"). Fast 94% der Befragten betrachteten die Suche von Adoptierten nach ihren leiblichen Eltern als völlig normal. Anzumerken ist jedoch, daß 51% der Fachkräfte weniger als einmal und 44% zwischen ein- und sechsmal pro Jahr Kontakt zu älteren Adoptierten hatten - den erfaßten Einstellungen liegen also nur wenige Erfahrungen zugrunde.

Haltung zu Auslandsadoptionen

Auslandsadoptionen werden in den letzten Jahren immer mehr kritisiert, weil in manchen Fällen illegale Wege beschritten (Kinderhandel, Bestechung, Urkundenfälschung) und Adoptionsvermittlungsstellen nicht eingeschaltet wurden, weil in ihnen eine neue Form der Ausbeutung der Dritten Welt gesehen oder mit negativen Folgen für die Identitätsentwicklung und Integration der betroffenen Kinder gerechnet wird. Bei unserer Untersuchung konnten hierzu eindeutige Einstellungen nicht ermittelt werden. So reagierten 66% der Befragten mit "teils, teils" auf das Statement: "Die Zahl von Auslandsadoptionen sollte verringert werden, da es ausländischen Kindern schwer fällt, sich in die deutsche Gesellschaft einzugliedern"; 14% bejahten und 21% verneinten es. Ebenfalls mit "teils, teils" antworteten 52% der Fachkräfte auf die Aussage, daß die Zahl von Auslandsadoptionen verringert werden sollte, da die Kinder in der eigenen Kultur bessere Entwicklungsmöglichkeiten haben; 25% stimmten mit "ja" und 23% mit "nein". Hingegen sprachen sich 67% der Befragten dagegen aus, daß die Zahl vergrößert werden sollte, da es in der Dritten Welt Millionen verhungernder und vernachlässigter Kinder gibt.

Eindeutiger ist hingegen die Ablehnung von Privatadoptionen, die z.B. in den USA sehr häufig sind. So lehnten 83% der Fachkräfte das Statement ab, daß Privatadoptionen und die Vermittlung von Adoptionen durch private Organisationen wie in anderen Ländern erlaubt und gesetzlich geregelt werden sollten; jeder zehnte Befragte stimmte der Aussage zu. Jedoch wurde nicht deutlich, wie Privatadoptionen und Kinderhandel am besten bekämpft werden könnten - 38% stimmten für hohe Strafen und 29% dagegen; 19% für mehr Vermittlungen durch anerkannte Adoptionsvermittlungsstellen und 57% dagegen; 25% für eine Erhöhung der Zahl der Inlandsadoptionen und 47% dagegen.

Schlußbemerkung

Unsere Untersuchung zeigt, daß sich die erfaßten Einstellungen in der Regel über die gesamte Bandbreite der vorgegebenen Möglichkeiten verteilen, wobei die Unterschiede zumeist nicht auf Kriterien wie Geschlecht, Alter, Dauer der Tätigkeit im Adoptionswesen oder zeitlicher Umfang adoptionsspezifischer Aufgaben zurückgeführt werden konnten. Es ist zu fragen, ob die gezeigte Übereinstimmung professionellen Standards genügt oder nicht. Auf jeden Fall dürfte es sinnvoll sein, wenn 1. eindeutige, detaillierte und wissenschaftlich fundierte Kriterien für die Adoptionsvermittlung entwickelt würden, die als Orientierungsmaßstab dienen könnten, wenn 2. Adoptionsvermittler im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen und regionalen Arbeitskreisen mehr Gelegenheit zum Diskutieren und Hinterfragen ihrer Einstellungen geboten würde sowie wenn 3. Attitüden auch bei der Supervision stärker bewußt gemacht und besprochen würden.

Literatur

Aumend, S.A.; Barrett, M.C., 1984: Self-concept and attitudes toward adoption. A comparison of searching and nonsearching adult adoptees. Child Welfare 63, S. 251-259.

Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und überörtlichen Erziehungsbehörden, 1988: Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung. Köln: Selbstverlag, 2. Auflage.

Deutscher Caritasverband (Hrsg.), 1987: Erhebung werdende Mütter in Not- und Konfliktsituationen in katholischen Beratungsstellen. Zeitraum 1986. Freiburg: Selbstverlag.

Hoffmann-Riem, C., 1984: Das adoptierte Kind. Familienleben mit doppelter Elternschaft. München: Fink.

Irle, M., 1975: Lehrbuch der Sozialpsychologie. Göttingen, Toronto, Zürich: Verlag für Psychologie Dr. C. J. Hogrefe.

Kirk, H.D., 1981: Adoptive kinship. A modern institution in need of reform. Toronto: Butterworths.

Napp-Peters, A., 1978: Adoption. Das alleinstehende Kind und seine Familien. Geschichte, Rechtsprobleme und Vermittlungspraxis. Neuwied, Darmstadt: Luchterhand.

Sobol, M.P.; Cardiff, J., 1983: A sociopsychological investigation of adult adoptees' search für birth parents. Family Relations 32, S. 477-483.

Textor, M.R., 1988: Offene Adoption von Säuglingen. Unsere Jugend 40, S. 530-536.

Textor, M.R., 1989: Vergessene Mütter, die nicht vergessen können. Leibliche Eltern von Adoptivkindern. Neue Praxis 19, S. 323-336.

Textor, M.R., 1990: Die unbekannten Eltern. Adoptierte auf der Suche nach ihren Wurzeln. Zentralblatt für Jugendrecht 77, S. 10-14.

Textor, M.R., 1991: Auslandsadoptionen. Forschungsstand und Folgerungen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 40, S. 42-49.

Triseliotis, J., 1973: In search of origins: The experiences of adopted people. London, Boston: Routledge & Kegan Paul