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und Dr. Martin R. Textor




Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf

Martin R. Textor

 

Sicherlich kennen Sie dieses afrikanische Sprichwort - schließlich ist es in den letzten Jahren in vielen Reden und Fachartikeln verwendet worden. Es impliziert, dass der elterliche Einfluss nicht ausreicht, um ein Kind zu einem erfolgreichen, zufriedenen und sozial kompetenten Menschen zu erziehen - alle Dorfbewohner müssten bei dieser Aufgabe mithelfen. In den Reden und Artikeln wird dann das Sprichwort auf unsere Zeit übertragen: Da das Dorf bzw. die Nachbarschaft nicht mehr erziehend wirken würden, wären Eltern nun auf die Unterstützung von Erzieher/innen, Lehrer/innen und anderen Fachleuten angewiesen.

Aber stimmt dieses Sprichwort? Ist das afrikanische Dorf in der Vergangenheit besonders erfolgreich bei der Erziehung und Bildung von Kindern gewesen? Mir sind auf jeden Fall keine besonderen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, technischen oder kulturellen Entwicklungen bekannt, die ihren Ausgang von afrikanischen Dörfern nahmen. Auch scheint das Zusammenleben afrikanischer Stämme nicht gerade friedlich gewesen zu sein. Ob in Afrika die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern und Dorfbewohnern besser und die Menschen zufriedener waren als in europäischen Dörfern, ist recht unwahrscheinlich. Oder glauben Sie etwa an den Mythos der "glücklichen Naturvölker"?

Heute scheinen weder afrikanische Dörfer noch Städte besonders viele erfolgreiche, friedliche und glückliche Menschen hervorzubringen. Pellissier (2012) berichtet, dass z.B. 71% der Liberianer Gewalttätigkeiten und 47% einen Mord beobachtet haben. In Nigeria sind mehr als 50% der Frauen von ihren Partnern verprügelt worden - 46% in Anwesenheit ihrer Kinder. Ein Drittel der Mädchen und Frauen in Swaziland sind vor ihrem 18. Lebensjahr sexuell missbraucht worden. Rund 92 Millionen Afrikanerinnen sind beschnitten worden - ihre großen Schmerzen scheinen Verwandte und Nachbarn nicht zu stören. Selbst wenn dies nur eine exemplarische Befragungsergebnisse sind, so lassen sie doch große zwischenmenschliche und soziale Problemfelder erahnen.

Übrigens war auch in Europa die Dorferziehung bis Ende des Mittelalters rückständig. Die Kinder lernten zumeist weder zu lesen noch zu schreiben, wurden häufig geschlagen und mussten schon mit 5, 6 Jahren Hütedienste und andere Arbeiten auf dem Bauernhof oder in Handwerksbetrieb übernehmen. Die sozialen Unterschiede zwischen reichen und armen Bauern, zwischen Knechten, Mägden und Leibeigenen waren groß und prägten das Zusammenleben.

Erst mit der zunehmenden Verstädterung begannen positive Entwicklungen in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Kultur. In den Städten entstanden die ersten Schulen, Universitäten, Theater, Konzerthallen usw.; von hier nahmen moderne Vorstellungen von Kindheit, Erziehung und Bildung ihren Ausgang. Egal in welches Land dieser Erde man heute kommt: Nicht die Dörfer, sondern die Städte sind die Zentren von Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur.

Es scheinen also weniger die Dorfbewohner zu sein, die für eine erfolgreiche Erziehung und Bildung von Kindern stehen. Eine größere Rolle spielen sicherlich Erzieher/innen und Lehrer/innen. Inzwischen wissen wir aber, dass letztlich die Eltern ausschlaggebend sind: Nach Dutzenden von wissenschaftlichen Untersuchungen bestimmen Familien die kindliche Entwicklung und den Schulerfolg zu zwei Dritteln, Kindertageseinrichtungen und Schulen nur zu einem Drittel. Selbst bei einem gut ausgebauten vorschulischen und schulischen System wie in Deutschland haben auch heute noch Kinder aus Akademikerfamilien viel, viel bessere Lebens- und Bildungschancen als Kinder aus sozial schwachen Familien oder aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Kleinfamilie macht's...

Das Sprichwort müsste also eigentlich heißen: Um ein Kind erfolgreich zu erziehen und zu bilden, braucht es eine gute Familienerziehung!

Literatur

Pellissier, H.: Rescuing the mind of Africa. The Futurist 2012, 46 (5), S. 26-31