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und Dr. Martin R. Textor




Aus: Adoption von Arm nach Reich: Weg - Ausweg - Irrweg? Interdisziplinäre Fachtagung Adoptionen von Kindern aus "Entwicklungsländern" vom 25. November 1991. Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung 1993, S. 13-20

Integration und Entwicklung von ausländischen Adoptivkindern

Martin R. Textor


Auslandsadoptionen sind ein Phänomen unserer Zeit. Obwohl sich ihre Geschichte erst über ein halbes Jahrhundert erstreckt, sind bereits viele Kinder und Familien betroffen: "In den USA gibt es über 100.000 fremdrassige Adoptivkinder aus der Dritten Welt, in Schweden über 20.000, in der Bundesrepublik über 10.000" (H. Schreiner 1991: S. 265). Trotz der relativ kurzen Geschichte der Auslandsadoption hat sich die Einstellung zu ihr bereits mehrfach gewandelt: Die Vermittlung von Kindern skandinavischer Frauen und deutscher Besatzungssoldaten an Adoptiveltern im Dritten Reich und ihre spätere "Rückführung" lassen den Anfang dieser Geschichte in einem schlechten Licht erscheinen. Hingegen wurde die Adoption von verwaisten oder verletzten Kindern zu Zeiten des Korea- und des Vietnamkriegs als große humanitäre Tat gefeiert. Der ab Beginn der 80er Jahre auftretende Kinderhandel und die zunehmende Ausländerfeindlichkeit haben dazu beigetragen, dass Auslandsadoptionen heute wieder recht kritisch gesehen werden.

Empirische Untersuchungen über Auslandsadoptionen sind erst im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte durchgeführt worden. Dennoch ist der Wissensstand - gemessen an wissenschaftlichen Kriterien - sehr unbefriedigend. Beispielsweise beziehen sich alle deutschsprachigen Studien auf ausländische Kinder, die bei der Ankunft in Deutschland bereits im Durchschnitt fünf oder sechs Jahre alt waren. Ähnliches gilt auch für die wichtigsten skandinavischen Untersuchungen. Ferner waren häufig (leibliche) Kinder in den Familien. Es ist offensichtlich, dass sich diese Forschungsergebnisse nicht einfach auf die heutige Situation übertragen lassen, in der überwiegend ausländische Säuglinge und Kleinstkinder adoptiert werden und die Ehepaare in der Regel infertil sind (seltener Geschwister vorhanden). Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten sind oft auch die Untersuchungsmethoden sowie die Art und Weise zu kritisieren, wie Stichproben gebildet wurden. Diese Kritikpunkte können aber eher vernachlässigt werden, da sich die Forschungsergebnisse deutscher, amerikanischer, holländischer und skandinavischer Wissenschaftler sehr ähneln.

Familiale Integration

Die Integration eines ausländischen Adoptivkindes in seine neue Familie ist ein schwieriger, langwieriger und oft turbulenter Prozess - insbesondere wenn das Kind zum Zeitpunkt der Platzierung bereits älter ist, längere Zeit in Heimen war und unter Deprivation litt (E.-M. Weinwurm 1976). Dennoch gelingt die Eingliederung in den weitaus meisten Fällen. Rund fünf Jahre nach der Aufnahme von 463 vietnamesischen Kindern bezeichneten 79% der befragten amerikanischen Mütter ihre Reaktion auf das Kind als positiv, nur 1% als negativ (B. Sokoloff et al. 1984). Durchschnittlich achteinhalb Jahre nach der Platzierung von 115 thailändischen Adoptivkindern nannten rund 95% der holländischen Eltern die Eltern-Kind-Beziehung sehr befriedigend oder befriedigend (R. Hoksbergen et al. 1987). Und etwa zehn Jahre nach der Aufnahme von 145 zumeist koreanischen oder vietnamesischen Kindern beschrieben drei Viertel der deutschen Eltern ihre Beziehung zum Adoptivkind wie die zu einem leiblichen Kind (W. Kühl 1985). Die adoptierten Jugendlichen mit einem Durchschnittsalter von knapp 17 Jahren beurteilten zu 89% die Beziehung zur Adoptivmutter als "sehr gut" oder "ziemlich gut" und bewerteten zu 88% das Verhältnis zum Adoptivvater genauso. Etwa 83% lehnten eindeutig das Statement "Adoptivkinder sind Kinder zweiter Wahl" ab.

Etwas aus der Reihe fällt eine dänische Untersuchung über 384 Adoptierte im Alter von 18 bis 25 Jahren (M. Rorbech 1990). Hier wurde festgestellt, dass adoptierte Kinder früher das Elternhaus verlassen als dänische Kinder. So war bereits mehr als die Hälfte von daheim ausgezogen; ein Fünftel lebte mit einem dänischen Partner zusammen oder war mit ihm verheiratet. Im Vergleich zu den vorgenannten Studien überrascht das Forschungsergebnis, dass ein Fünftel bis ein Viertel der Adoptierten nur selten mit Eltern und Geschwistern zusammentraf.

Somit ist davon auszugehen, dass in den meisten Fällen die Integration eines fremdländischen Kindes in eine einheimische Familie erfolgreich verläuft - ein vergleichbares Ergebnis wurde auch bei Untersuchungen über Inlandsadoptionen ermittelt (M. Textor 1993). "Künstlich geschaffene" Familien haben durchaus Bestand: "Die Beziehung zwischen Kind und Eltern besteht unabhängig von der Blutsverwandtschaft, begründet sich auf tägliches intimes Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern. Die Familie gründet sich auf emotionale psychische Beziehungen und nicht auf biologische Bande" (H. Schreiner 1991: S. 267). Die Adoptiveltern haben die soziale Elternschaft übernommen; dies wird von den fremdländischen Kindern anerkannt.

Nur in einigen Fällen bildet sich keine intensive oder positive Eltern-Kind-Beziehung aus oder ist diese nicht von Dauer. Hier ist auf drei Forschungsergebnisse zu verweisen: Trotz guter Vorbereitung der Adoptionsbewerber berichtete "terre des hommes - Deutschland e.V." davon, dass bei 1,8% der Vermittlungen eine Eltern-Kind-Beziehung nicht entstand und das betroffene Kind in eine andere Adoptivfamilie gegeben werden musste (W. Kühl 1985). Auch aus den Niederlanden wurde von 1,5 bis 2% Umplatzierungen berichtet (A. Loenen, R. Hoksbergen 1986). Und eine Untersuchung über 15.871 fremdländische Adoptivkinder, die nach Holland vermittelt wurden, ergab, dass 5,7% in ein Heim kamen - vier- bis fünfmal so häufig wie holländische Kinder (R. Hoksbergen 1993). Je älter die Kinder zum Zeitpunkt der Ankunft in Holland waren, um so höher war der Prozentsatz der Heimeinweisungen: Beispielsweise befanden sich 12,3% von 317 Kindern in Heimen, die bei der Ankunft 79 bis 90 Monate alt waren.

Eine Studie über 37 Umplatzierungen bei "terre des hommes - Deutschland e.V." (A. Winter-Stettin 1984) gab Auskunft, unter welchen Umständen eine Platzierung eher scheiterten (ähnliches gilt auch für das Zustandekommen von Heimeinweisungen; siehe R. Hoksbergen 1993): Die betroffenen Kinder waren bei der Ankunft in Deutschland überdurchschnittlich alt, hatten eine sehr problematische Vergangenheit (beispielsweise mit mehreren bzw. längeren Heimaufenthalten), stellten sich nachträglich als behindert heraus oder wurden zwischen einem älteren und einem jüngeren Kind platziert. Oft entsprachen Charakteristika wie Alter, Geschlecht usw. nicht den Wünschen der Adoptionsbewerber.

Abschließend soll noch kurz auf Geschwisterbeziehungen in Adoptivfamilien eingegangen werden. Bei einer Studie über 50 deutsche Adoptivfamilien mit 100 adoptierten und 86 leiblichen Kindern wurde ermittelt, dass es mehr Geschwisterrivalität zwischen adoptierten als zwischen adoptierten und biologischen Kindern gab (M. Weyer 1985). Bei einer holländischen Untersuchung wurden nur in 5 von 104 Fällen Probleme zwischen Geschwistern genannt (R. Hoksbergen et al. 1987). Generell ist davon auszugehen, dass sich Geschwisterbeziehungen in Adoptivfamilien nicht nennenswert von denen in anderen Familien unterscheiden.

Körperliche, Sprach- und schulische Entwicklung

Während Säuglinge bei der Ankunft in ihrem neuen Heimatland zumeist gesund sind, können ältere Kinder unter Infektions- und Hautkrankheiten, Parasiten, Unterernährung, Entwicklungsrückständen, unerkannten Behinderungen usw. leiden, wobei tropische Krankheiten häufig nicht sofort erkannt werden. In den von Wissenschaftlern untersuchten Stichproben waren zwischen 12% (W. Feigelman, A. Silverman 1983) und 60% (T. Schulpen, N. Sorgedrager 1993) der Kinder hiervon betroffen. Laut einer Studie über 2.148 Auslandsadoptionen mussten 13,3% der Kinder im ersten Jahr nach ihrer Ankunft in den Niederlanden in ein Krankenhaus eingewiesen werden (F. Verhulst et al. 1992). Jedoch gesundeten fast alle Kinder bei entsprechender ärztlicher Versorgung innerhalb kurzer Zeit. Unterernährung blieb in der Regel ohne andauernde Wirkung auf die kindliche Entwicklung.

Dasselbe gilt für Wachstumsstörungen und Entwicklungsverzögerungen, die aufgrund von langen Heim- und Krankenhausaufenthalten, von Vernachlässigung und Deprivation bei vielen älteren Kindern festzustellen sind. Auch sie verschwinden zumeist innerhalb kurzer Zeit. So hinkten nach einer holländischen Studie durchschnittlich achteinhalb Jahre nach der Platzierung nur 14% von 116 thailändischen Adoptivkindern in der körperlichen und 10% in der motorischen Entwicklung hinter den Gleichaltrigen her; 9% bzw. 31% hatten sich in diesen Bereichen nach Auffassung der Adoptiveltern sogar schneller entwickelt (R. Hoksbergen et al. 1987).

Die sprachliche Entwicklung von Adoptivkindern, die im Säuglingsalter platziert wurden, verläuft in der Regel unauffällig. Dies gilt um so weniger, je älter ein Kind bei der Ankunft in seinem neuen Heimatland ist. So reagieren Kinder mit Entsetzen, wenn sie sich auf einmal nicht mehr verständigen können, und entwickeln dann häufig Verhaltensauffälligkeiten. Etwa drei Monate nach der Platzierung können sich ältere Kinder aber bereits verständlich machen, und nach einem Jahr sprechen sie die neue Sprache fast so gut wie einheimische Kinder. Die alte Heimatsprache wird in der Regel schnell vergessen.

Kinder, die bei der Aufnahme in die Adoptivfamilie bereits älter waren, erreichen jedoch oft nicht mehr eine perfekte Sprachbeherrschung. So wurden z.B. im Rahmen einer schwedischen Studie über 207 Adoptivkinder, die zu zwei Dritteln älter als zwei Jahre bei der Platzierung waren, in 43% der Fälle Verständigungsprobleme, Schwierigkeiten in der schriftlichen Ausdrucksweise u.ä. festgestellt (J. Gardell 1979). Dies hat natürlich Auswirkungen auf die schulische Laufbahn. Während laut der vorgenannten Untersuchung Kinder ohne Sprachdefizite in der Regel keine größeren Schwierigkeiten in der Schule hatten, galt dies nicht für Adoptivkinder mit Sprachproblemen.

Bei einer deutschen Untersuchung (W. Kühl 1985) wurde festgestellt, dass Adoptivkinder etwas häufiger als Gleichaltrige in der Schule sitzen blieben, aber an Sonderschulen und ähnlichen Einrichtungen eher unterrepräsentiert waren: Rund 4% von rund 130 Jugendlichen besuchten Sonderschulen, 18% Hauptschulen, 31% Realschulen, 29% Gymnasien und 18% sonstige Schulen wie Waldorf- und Gesamtschulen. Der Autor meinte, dass Adoptivkinder eher eine überdurchschnittliche Schulbildung erhielten, da nahezu alle in Mittelschichtfamilien aufwachsen und höchstwahrscheinlich von ihren Eltern besonders gefördert würden. In anderen Studien wurde auch von einer intellektuell geprägten Familienatmosphäre und hohen Leistungserwartungen der Adoptiveltern berichtet (H. Schreiner 1984, M. Weyer 1985). Zumindest thailändische Adoptivkinder besaßen nach Testergebnissen auch eine größere Leistungsmotivation als holländische Kinder (R. Hoksbergen et al. 1987).

Während neben den genannten auch schwedische (G. Andersson o.J.) und amerikanische (B. Sokoloff et al. 1984) Untersuchungen von eher überdurchschnittlichen Schulleistungen von Adoptivkindern berichteten, kam eine holländische Studie (F. Verhulst et al. 1990a, b), bei der 2.148 fremdländische Adoptivkinder mit 933 holländischen Kindern verglichen wurden, zu etwas anderen Ergebnissen: Sie ergab, dass erstere häufiger Probleme in der Schule hatten (38% gegenüber 23%), öfter eine Klasse wiederholt hatten (24% gegenüber 20%) oder häufiger eine Sonderschule besuchten (13% gegenüber 4%). Wie in der Vergleichsgruppe waren Jungen überrepräsentiert. Adoptivkinder, die zum Zeitpunkt der Platzierung älter waren, hatten häufiger die genannten Probleme. Entgegen dem üblichen Trend schnitten aber Adoptivkinder aus sozial "schwächeren" Adoptivfamilien in der Schule besser ab als solche aus besser gestellten Adoptivfamilien. Die Forscher vermuteten, dass erstere vielleicht einem geringeren Leistungsdruck seitens ihrer Eltern ausgesetzt waren und sich deshalb weniger als Versager fühlen würden (mehr Selbstvertrauen, bessere Motivation). Nach einer dänischen Untersuchung über 384 erwachsene Adoptierte (Rorbech 1990) verließen rund 20% der Befragten bereits nach der 9. oder 10. Klasse die Schule und erhielten keine weitere Ausbildung. Die eine Hälfte dieser Adoptierten war arbeitslos, die andere als ungelernte Arbeiter beschäftigt. Die übrigen Adoptierten unterschieden sich aber nicht nennenswert von gleichaltrigen Dänen hinsichtlich ihres Bildungswegs.

Soziale und Persönlichkeitsentwicklung

Bezüglich der sozialen Entwicklung von Adoptivkindern lässt sich sagen, dass laut einer deutschen Untersuchung beim weitaus größeren Teil die Integration in den Kindergarten ohne größere Probleme verlief (E.-M. Weinwurm 1976). Nach schwedischen (J. Gardell 1979), holländischen (R. Hoksbergen et al. 1987) und amerikanischen (B. Sokoloff et al. 1984) Studien hatten die meisten Kinder auch in der Schule keine größeren zwischenmenschlichen Schwierigkeiten und zeichneten sich sogar durch eine überdurchschnittlich hohe soziale Reife aus. Nur bei der Untersuchung von F. Verhulst und seinen Kolleginnen (1990a) beurteilten die Adoptiveltern das Sozialverhalten ihrer Kinder etwas schlechter als die Vergleichgruppe.

Alle vorgenannten Wissenschaftler berichteten aber übereinstimmend, dass ein großer Teil der Adoptivkinder von Klassenkameraden wegen ihres Aussehens geneckt, verspottet oder diskriminiert wurden. Bei einer dänischen Untersuchung (M. Rorbech 1990) fühlten sich jedoch nur 3% der 384 erwachsenen Adoptierten von Verwandten, 5% in der Schule und 8% von anderen Menschen schlechter behandelt als andere Dänen; 15% fühlten sich von Verwandten, 11% in der Schule und 7% von anderen Menschen sogar besser behandelt. Bei einer deutschen Studie sahen nur 15% der 145 adoptierten Jugendlichen in ihrem Aussehen eher Nachteile für die Partnersuche und in Schule/Beruf, hingegen 30% eher Vorteile (W. Kühl 1985).

Über die Persönlichkeitsentwicklung von Adoptivkindern gibt vor allem eine deutsche Untersuchung Auskunft (W. Kühl 1985): Beim Vergleich von 44 adoptierten ausländischen Jugendlichen mit 43 deutschen Adoptierten und 50 bei den leiblichen Eltern lebenden Jugendlichen anhand von mit den "Frankfurter-Selbstkonzept-Skalen" gewonnenen Testergebnissen ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen - mit Ausnahme der Skala zur Wertschätzung durch andere, auf der positivere Ergebnisse von den Adoptierten erzielt wurden.

Besondere Aufmerksamkeit seitens der Wissenschaft wurde noch der Identitätsentwicklung gewidmet. Hier wurde einerseits untersucht, welche Rolle die Herkunft im psychischen Leben ausländischer Adoptierter spielt, und andererseits, inwieweit sie sich noch ihrem Herkunftsland zugehörig fühlen. Beispielsweise wurde bei einer deutschen Studie festgestellt, dass 15% der befragten 145 Jugendlichen öfter, 40% manchmal und 45% selten oder nie an die Zeit vor der Aufnahme in die Adoptivfamilie zurückdenken (W. Kühl 1985). Jeder zweite wollte seine leiblichen Eltern kennen lernen, wobei in dieser Gruppe Adoptierte überrepräsentiert waren, die psychisch weniger stabil und mit der Beziehung zu ihren Adoptiveltern weniger zufrieden waren. Rund 20% fühlten sich gar nicht als Koreaner, Vietnamesen oder Südamerikaner und 3% überhaupt nicht als Deutsche; 66% erlebten sich sehr und 28% etwas als Deutsche, 16% sehr und 32% etwas als Angehörige des Herkunftslandes.

Auch andere deutsche (M. Weyer 1985), skandinavische (J. Gardell 1979, G. Andersson 1986, M. Rorbech 1990) und amerikanische (W. Feigelman, A. Silverman 1983) Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass sich viele Adoptierte mit ihrer Herkunft beschäftigen und dass sich in ihrer Identität auf das Herkunftsland bezogene Anteile mit auf ihr neues Heimatland bezogenen Anteilen in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen verbinden. Zum Beispiel gab bei einer dänischen Studie (M. Rorbech 1990) die Hälfte der 384 adoptierten Erwachsenen an, dass sie manchmal über ihre leiblichen Eltern nachdenken. In dieser Gruppe waren Personen häufiger vertreten, die bei der Adoption älter waren, einen niedrigeren Bildungsstand erreicht hatten und häufiger verspottet wurden. Mehr als 90% der Befragten fühlten sich in erster Linie als Dänen, 24% aber auch teilweise als Immigranten. Zwei Drittel empfanden keine größere emotionale Bindung an ihr Herkunftsland; 7% wären jedoch lieber dort geblieben.

Verhaltensauffälligkeiten und Adoptionserfolg

Die meisten befragten Adoptiveltern bezeichneten die Adoption ihres ausländischen Kindes als einen Erfolg. Beispielsweise waren bei einer deutschen Untersuchung 44% von 163 Eltern mit der Adoption sehr zufrieden, 37% zufrieden, 14% teils zufrieden, teils unzufrieden und nur 6% unzufrieden oder gar sehr unzufrieden (W. Kühl 1985). Nach fünf schwedischen Studien über 545 Auslandsadoptionen lag in diesen Land die Erfolgsquote bei 80% (G. Andersson 1986). Ähnliche Ergebnisse wurden bei amerikanischen (B. Sokoloff et al. 1984) und australischen (I. Harvey 1983) Untersuchungen festgestellt.

Jedoch sind viele Adoptiveltern nicht mit der Entwicklung ihrer Kinder ganz zufrieden. So nannten sie bei einer deutschen Studie über 163 Jugendliche folgende Kritikpunkte (W. Kühl 1985): Schulschwierigkeiten bei 35%, Konzentrationsstörungen bei 34%, geringer Ehrgeiz in schulischen und anderen Angelegenheiten bei 33%, geringe Ausdauer bei 25%, Mangel an Selbstbewusstsein bei 21%, starker Egoismus bei 20%, Wunsch, oft im Mittelpunkt stehen zu wollen, bei 20%, Unehrlichkeit bei 20%, Passivität bei 18%, Aufsässigkeit bei 17%, Wutausbrüche bei 14%, Geschwisterrivalität bei 12%, starke Erregbarkeit bei 12% und Bindungslosigkeit gegenüber der Familie bei 10% der Kinder.

Nach mehreren amerikanischen (laut W. Feigelman, A. Silverman 1983) und niederländischen (laut R. Bach 1986) Untersuchungen ist bei zwei Dritteln bis drei Vierteln aller Auslandsadoptionen von einer guten und bei etwas mehr als 10% von einer schlechten Anpassung der Adoptivkinder auszugehen. Nach einer amerikanischen Studie über 161 koreanische und 46 kolumbianische Kinder (W. Feigelman, A. Silverman 1983) wurden sogar weniger emotionale Anpassungsprobleme festgestellt als bei Inlandsadoptionen: 37% bzw. 26% gegenüber 40% bei einheimischen Adoptivkindern. Nur 10% der koreanischen Kinder und kein einziges der kolumbianischen Kinder mussten einem psychosozialen Dienst vorgestellt werden - gegenüber 25% bei der Vergleichgruppe.

Andere Untersuchungen kamen zu einem weniger positiven Ergebnis: Bei einer holländischen Studie über 116 thailändische Adoptivkinder wurden bei 27% Verhaltensauffälligkeiten festgestellt (R. Hoksbergen et al. 1987). Auch zeigte sich, dass holländische Adoptiveltern vier- bis fünfmal häufiger Beratungsstellen aufsuchten als Eltern mit leiblichen Kindern - vor allem wegen unbefriedigender sozialer Beziehungen und psychischer Probleme (A. Loenen, R. Hoksbergen 1986).

Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Untersuchung von F. Verhulst und seinen Kollegen (1990a, b, c, 1992). Die Forscher verglichen 2.148 Adoptierte, die zwischen 1972 und 1975 im Ausland geboren worden waren, mit 933 gleichaltrigen holländischen Kindern. Sie befragten deren Eltern, wobei sie die "Child Behavior Checklist" (CBCL) einsetzten: "The mean total problem score for adopted boys was 25.51 (SD = 22.39) compared with 21.14 (SD = 17.28) for nonadopted boys, whereas for adopted girls the mean total problem score was 19.14 (SD = 18.20) compared with 18.69 (SD = 15.82) for nonadopted girls" (F. Verhulst et al. 1990a: S. 97). Die Adoptivkinder schnitten also im Urteil ihrer Eltern schlechter ab, wobei jedoch die höhere Standardabweichung (SD) darauf verweist, dass dieses Ergebnis durch das Vorhandensein von einigen Adoptierten (insbesondere Jungen) mit besonders hohen Werten bedingt wurde: "The exclusion of the highest scoring children from the samples revealed that the majority of adopted children obtained problem scores in the same range as those for the nonadopted children" (a.a.O.).

Interessant sind noch folgende Ergebnisse der vorgenannten Untersuchung: (1) Die vorherrschenden Probleme bei Adoptivkindern waren Hyperaktivität, antisoziales Verhalten, Delinquenz, Depressivität und Stimmungsschwankungen. Verhaltensauffällige Adoptivkinder tendierten mehr zum Externalisieren und weniger zum Internalisieren als verhaltensauffällige leibliche Kinder. (2) Es gab mehr verhaltensauffällige Adoptivkinder in der Altersgruppe der 12- bis 15jährigen als in der Gruppe der 10- bis 11jährigen. Dies kann durch die mit Pubertät und Adoleszenz verbundenen Entwicklungsherausforderungen und Probleme mitbedingt sein. (3) Je älter Adoptivkinder zum Zeitpunkt der Platzierung waren, um so häufiger waren sie verhaltensauffällig. (4) Damit im Zusammenhang stand das Forschungsergebnis, dass Kinder eher verhaltensauffällig waren, wenn sie vor Ankunft in den Niederlanden negative Erfahrungen gemacht hatten - laut ihren Adoptiveltern waren 45% vernachlässigt, 13% misshandelt und 54% von wechselnden Pflegepersonen versorgt worden. Beispielsweise wurden Verhaltensauffälligkeiten von 24% der vernachlässigten, 31% der misshandelten und der Hälfte der Kinder entwickelt, die fünfmal oder öfters umplatziert worden waren. Aber auch hier galt, dass sich die Mehrheit der Adoptivkinder mit problematischen Vorerfahrungen und negativen Lebensumständen vor der Ankunft in den Niederlanden nicht von der Kontrollgruppe unterschieden.

Schlusswort

Abschließend ist festzuhalten, dass die Entwicklung von ausländischen Adoptivkindern ähnlich wie die einheimischer oder leiblicher Kinder verläuft, wenn sie in den ersten Lebensmonaten zu den Adoptiveltern kamen. Bei Kindern, die zu diesem Zeitpunkt bereits älter waren und eine leidvolle Vorgeschichte hatten, muss jedoch überdurchschnittlich oft mit Problemen bei der Integration und in der weiteren Entwicklung gerechnet werden. Insbesondere für diese Kinder und ihre Eltern sollten spezielle Beratungs- und Betreuungsangebote seitens sozialer Dienste entwickelt werden.

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